Warten

Warten. Warten ist furchtbar, ich verabscheue es. Es spielt gar keine Rolle auf was man mich warten lässt, auf eine Antwort, eine Rückkehr, ein Geschenk/Überraschung, eine Entscheidung, alles ist gleich schlimm. Ich bin die Ungeduld in Person. Was nicht heisst, dass ich mir nicht auch gerne Zeit lassen, aber das ist etwas anderes, dann warte nämlich nicht ich, sondern jemand anders. Das klingt egoistisch, ist es natürlich auch, aber ich denke in dieser Hinsicht „möge derjenige der frei von Schuld ist den ersten Stein werfen“.

Seit gestern Abend warte ich, obwohl ich nicht warten wollte, weil ich nichts erwartet habe. Aber wenn die Erwartung erst einmal in mir geweckt ist, dann ist es um mich geschehen, dann leide ich. Das geht soweit, dass ich vor lauter Warten aus Erwartung „imaginäre“ Fieberschübe bekomme. Natürlich fiebere ich nicht wirklich, aber was macht das für einen Unterschied, wenn die Empfindung dieselbe ist? Mein Gesicht glüht, ob das Fieberthermometer nun erhöhte Temperatur anzeigt oder nicht, ist da doch wohl zweitrangig!

Bei besonders hohem „(Wartens-)Leidensdruck kann es soweit gehen, dass ich alle Symptome einer angehenden Grippe verspüre (inkl. Fieber, Halsweh, Übelkeit und Gliederschmerzen). Und leider ist es mir in den letzten 25+ Jahren nicht gelungen eine geeignete Methode zu entwickeln, die das verhindert. Warten macht mich also im übertragenem Sinne krank und das schon nach sehr, sehr kurzer Zeit. Jeder der mich warten lässt, sollte sich also im Klaren darüber sein, dass er/sie mich regelmäßig krank macht!

Ich mache mir also immer schon regelmäßig die Mühe erstmal überhaupt gar nichts zu erwarten, dass ist die einzige Methode, die bisher leise Erfolge gezeigt hat oder sagen wir, die Inkubationszeit meiner „Warten macht mich Krank“ Grippe verlängert. Das erklärt meine zwanghaften Beteuerungen „nichts, aber auch überhaupt nichts zu erwarten“ dieses Mantra singe ich nicht nur mir selbst vor, sondern auch den Menschen, von denen ich etwas erwarten könnte.

So begann zum Beispiel meine Nachricht an Yaya ungefähr so: „Hey, I think u are sleeping right now, That’s good, because this message shouldn’t lead to a discussion, or let’s say it is not made to become one.“ 

Und sie endete in etwa so: “ I want u to know, really to know, that this message is not a force to any reaction, which is really not the intention. I just want to let u know,…“ 

Das heisst übersetzt soviel wie: Ich erwarte nichts und falls du doch etwas dazu sagst, mach es in einem Zuge und wirf mir nicht irgendwelche Brocken vor, die mich zum Warten verleiten könnten!

Aber anscheinend habe ich ihm nie genau erklärt warum ich das sage und er hält es einfach nur für eine meiner Macken. Denn als ich gestern Abend nach Hause gekommen bin und meinen PC gestartet habe, hatte ich eine Nachricht bei Skype! Ich musste mir erstmal einen Kaffee machen, bevor ich überhaupt bereit war sie zu lesen. Keine lange Nachricht, nur dass er es gelesen hat und jetzt auf mich warten wird, bis ich nach Hause komme, damit wir darüber reden können.

Alleine das „darüber reden“ löste schon eine kleine Panikattacke bei mir aus! Da ich als „invisible“ online war und er dies meistens auch ist, gönnte ich mir noch einen kleinen Moment „Vorbereitungszeit“ , bis ich mutig „hey“ schrieb. Gut, Nachricht übertragen, er ist da – dachte ich zumindest. Keine Antwort, also schrieb ich noch: Ich bin gerade erst zuhause angekommen (es war etwa 2 Std. nach dem er mir sagte er würde warten). Nichts! Mein Kopf begann zu glühen.

Ich rief Plitschi an: „Er sagt….und ich habe „hey“ gesagt und jetzt kommt nichts…ich glaube…omg ich glaube er SCHLÄFT“ Schweigen am anderen Ende, dann: Scheisse Ninjaan…bist du sicher? Vielleicht kocht er nur gerade was oder ist auf´m Klo oder…“ Ich kriege langsam Halsschmerzen, nach einer Stunde wird mir schlecht und ich lasse das gerade fertig gekochte Essen einfach in der Küche stehen. „Er schläft, wie kann er jetzt schlafen? Warum wartet er nicht einfach bis ich da bin, um mir so etwas zu schreiben??? Plitschi spinnt weiter irgendwelche Geschichten von Klos, Lebensmittelvergiftung und Diarrhoe zusammen. Sie kennt mich zu gut, sie weiss, warten treibt mich in den Wahnsinn und Schlafen ist zwar eine Erklärung, aber keine die mir das Warten erleichtern würde und somit meine „Krankheitssymptome“ lindern würde. Besser etwas erfinden, dass meine Sorge weckt, funktioniert aber leider nicht…

Jetzt sind über 14 Stunden vergangen, von denen ich die meiste Zeit im Bett gelegen habe und versucht habe zu schlafen, was nicht leicht ist, wenn man glaubt man fiebert, der Hals schmerze und einem könne jeden Moment das Essen, was man gar nicht gegessen, sondern nur gerochen hat, wieder hoch kommen. Ich hatte, besser gesagt, habe also viel Zeit, mir jedes Gesprächszenario zu überlegen und durch zuspielen, keins davon ist schön, keines schafft es meinen (Wartens-) Leidensdruck zu mindern.

Ich muss  also warten, hatte ich erwähnt, dass ich Warten wirklich verabscheue? Mir bleibt gar nichts anderes übrig. Ich bin so ungeduldig/ leide so sehr, dass ich sogar mit dem Gedanken spiele mein Training heute Abend nach der Arbeit ausfallen zulassen, weil die Gefahr besteht, dass ich erst so spät abends zuhause sein werde, dass er WIEDER vorher einschläft.

Aber das ist Blödsinn! Es besteht nämlich immer noch die winzige Chance, dass er doch nicht reden will, es sich also anders überlegt hat und ich dann zuhause sitzen würde und auf etwas warten würde, was gar nicht passieren wird! Und das wäre noch viel schlimmer und würde zudem aus meiner „Krankheit“ eine „Aggression“ zaubern (ich bin ein Ninja, das liegt uns in den Genen!). Und das will ich unter allen Umständen verhindern. Ich werde also heute Abend nach der Arbeit zum Training fahren, versuchen mich abzulenken, was mir gelingen dürfte, da ich immer noch Probleme mit meiner Kopf/Arm-Bein Koordination habe und dies meine gesamte Aufmerksamkeit einfordert, wenn ich nicht grün und blau geschlagen heute Abend zuhause ankommen will.

Also, jetzt ist die Wartens- bzw. Leidenszeit angesagt. Ich werde meinen von Grippesymptomen überfluteten Körper zur Arbeit schleifen und danach zum Training, mir selbst einredend, dass ich nicht warten muss, weil er heute, wenn ich nach Hause kommen, sowieso schon schlafen wird.

Ich warte nicht – Ich warte nicht- ich warte nicht…

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