Boybands, Suizid und Beziehungen

Wenn ich einmal darüber nachdenke, was für ein Typ Mensch ich eigentlich bin (wozu ich die letzte Nacht ausgiebig Zeit hatte, da ich vor Schmerzen gekrümmt im Bett lag, während mein Magen „krampfhaft“ versuchte das vom Bringdienst bestellte Lammfleisch zu verarbeiten) trifft es wohl kauzig am Besten. Nicht unbedingt, weil ich mich selbst für einen komischen Kauz halte, sondern weil mir andere Menschen, ziemlich einstimmig, immer wieder das Gefühl geben, ich „müsse“ einer sein – anders liessen sich meine Ansichten oder Verhaltensweisen nicht erklären! Also kam ich die letzte Nacht, meine Wärmflasche umklammernd, zu dem Ergebnis, ich müsste tatsächlich kauzig sein, wenn es soviele Menschen unabhängig voneinander immer wieder direkt oder indirekt ansprechen.

Die wenigstens, vielleicht sogar niemand von ihnen, benutzt dabei das Wort „kauzig“, das habe ich selbst ausgewählt, weil ich finde, das es 1. alle Aussagen über mich zutreffend umfasst und 2. wenigstens irgendwie noch sympathisch klingt. Bei einem Kauz denke ich irgendwie an einen kleinen, alten, buckligen Mann, dern bei all seiner Kauzigkeit immer noch liebenswert ist.

Wer schon mal an den Folgen der Nahrungsaufnahme von verdorbenen/schlechten Lebensmitteln gelitten hat, weiss, dass es sich teilweise anfühlt als würde man gleich „sterben“. Ich habe zwar meinen Film nicht in der „uncut Version“ vor meinem inneren Auge ablaufen sehen, aber mir sind viele Gespräche, Diskussionen und Situationen in Erinnerung gekommen, die mich eben letztendlich zu dem Schluß gebracht haben, dass ich kauzig bin.

Ich erinnerte mich zum Beispiel an meine frühe Pubertät, die von dem unseligen Auftreten der Boybands begleitet wurde. Wie ich es verabscheut habe, diesen Hype um mittelmäßige Bands die mittelmäßge Musik machten. Natürlich gab es hin und wieder Songs die ich ganz gut fand und die auch ich mir  noch auf Casette überspielte, aber das wars. Ich war überhaupt niemals ein Fan von irgendwem oder irgendwas Besonderem. Damals jedoch, machte mich das zu einem solchen Aussenseiter (Kauz), dass ich mich offiziell zu einer Boyband bekannte, nur um nicht ständig schief angsehen zu werden. Meine erste Wahl viel damals auf Boyzone, die waren aber nicht cool genug und so wechselte ich zu Nsync (von denen ich übrigens nicht mal eine Maxi Cd jemals besessen habe!). Ich suchte  mir sogar einen aus der Gruppe aus, den ich „offiziell“ besonder toll fand. Das war natürlich alles nur erstunken und erlogen, zuhause hörte ich weiter einfach Musik, wobei es mir immer schon egal war, von wem ein Song war, solange er mir nur gefiel – für die Künstler an sich habe ich mich nie sonderlich interessiert. Als Take That sich auflöste wusste ich: Jetzt beginnt eine neue Ära – der Boyband Hype wird ein Ende finden und während weltweit Teenies trauerten, feierte ich (heimlich natürlich)!

Ende der 90er Anfang 2000 war aufeinmal, ich weiss nicht ob es wirklich kam, aber so empfand ich es damals, das Thema Suizid, Borderline und Selbstverletzung ganz groß. Alle hatten sich schon einmal über einen längeren oder kürzeren Zeitraum selbstverletzt oder gar irgnedwelche Versuche gestartet Suizid zu begehen. Ich hörte immer nur ungläubig zu und meine Empathie hielt sich in Grenzen. Warum um alles in der Welt will man sich denn tot sein? Warum verletzt man sich selbst? Und was mir am aller unverständlichsten erschien Warum redet man öffentlich darüber und rühmt sich noch damit???

Diese Fragen klingen natürlich alle recht naiv und schon fast kaltherzig, aber ich möchte zu bedenken geben, dass ich damals erst 16/17 Jahre alt war, und auch nicht zu den Jugendlichen gehörte die auf der Sonnenseite lebten. Es schien, als hätte jeder in meinem Umkreis schon mindestens eine dieser Erfahrungen hinter sich, sie tauschten sich aus warum es nicht geklappt hatte und wie es wohl am Besten funktionieren könnte. Ich saß immer schweigend daneben ud hoffte keiner würde mich fragen. Natürlich geschah das doch eines Tages. Ich kann mich beim besten Willen nicht mehr an meinen genauen Wortlaut erinnern, ich weiss nur, dass ich es verneinte und sagte, dass ich leider auch nicht verstehen könne, warum man sterben will – der Tod ist so endgültig.

D arauhin herrschte betretenes Schweigen, dann kamen Vorwürfe und abschätzige Bemerkungen á la mir gehe es wohl zu gut, ich könne das nicht verstehen. – Nein konnte ich in der Tat nicht, ich kannte die Umstände meiner Freunde und fand dort nichts aussergewöhnliches, was einen Wunsch“tot zu sein“ rechtfertigen könnte. Vorallem aber weiss ich noch, dass ich damals abends im Bett Gott dafür gedankt habe, dass es mir „zu gut“ geht und ich nicht das Bedürfnis habe zu sterben oder mich selbst zu entstellen. Der Tod ist endgültig und die Narben von starken Verletzungen bleiben. Einmal warf man mir fehlenden Mut vor, ich hätte nur Angst vor dem Sterben oder dem Schmerz – Falsch! Heute weiss ich: Ich habe Angst vor der Unendlichkeit des Todes und den Narben, die mich ein lebenlang begleiten könnten!

Aber auch diese Zeit ging zum Glück vorüber (übrigens leben alle meiner Freunde und Bekannten noch, ausser einer, der sich umgebracht hat – aber er hat niemals vorher darüber gesprochen: Ruhe in Frieden C. …) und heute ist das eigentlich kein Thema mehr, in meinem Alter spielen weder Boybands noch Suizid eine große Rolle. Wir haben jetzt ein andere Thema: Beziehungen, Heiraten und Kinder kriegen!

Fast wünsche ich mit die Boyband Zeit zurück, weil es so einfach war vorzugeben Fan einer Boyband zu sein, auch wenn man es nicht ist! (Ich kann schlecht so tun als hätte ich einen Partner und Kinder…) Jeder und Jede hat eine eigene Meinung zu dem Thema, aber einig sind sie sich alle: Ja, wir wollen eine Beziehung, wir wollen heiraten, wir wollen Kinder. Und wie siehts bei mir aus? Ich habe es versucht, wirklich versucht, ich meine Beziehungen (nicht Kinder!) – aber ich kanns einfach nicht… Es  raubt mit den Atem, den Nerv, es erdrückt mich, ich verstelle mich und bin nicht mehr ich selbst – ich will es nicht. Das ist so endgültig, vielleicht nicht die Ehe, aber ein Kind ist es!

Und wieder stosse ich mit meinen Äusserungen, meinen Ansichten auf Unverständnis. Eine zeitlang, nach meiner letzten Beziehung, konnte ich Verständnis erheischen indem ich sagte: Ich brauche Zeit das zu verarbeiten! Aber als ich mich dann in die ….(wie auch immer man das nennen soll?) mit Yaya stürzte war ich völlig euphorisch, (genau das wollte ich!) und sie (meine Freunde) waren es überhaupt nicht: „Du wirst dich verlieben und eine Beziehung mit ihm wollen! Warte ab!“ Oder aber: “ Na super, du lässt dich auf jemanden ein, der offen zugibt „beziehungsunfähig“ zu sein und damit auch noch glücklich ist!“ Ich fand das super, am Anfang, und belächelte meine Freunde. Jetzt, muss ich ihnen zum Teil recht geben, ich habe Gefühle entwickelt – aber (Achtung: Jetzt spricht der Kauz) ich will überhaupt gar keine Beziehung, jedenfalls nicht jetzt!

Ja, ich habe Gefühle und ich will seine Nähe, aber zu nah, zu festgelegt – das würde mich erdrücken, verschrecken. Und wieder stehe ich alleine da mit meinen Ansichten. Wieder bin ich kauzig.

Ich verabscheue Boybands und Fangehabe, ich wollte noch niemals sterben und noch viel weniger tot sein und eine Beziehung will ich (zur Zeit) auch nicht, egal wie verliebt ich bin!

Manchmal frage ich mich, ob ich damit tatsächlich so alleine bin oder ob es noch mehr Kauze wie mich gibt?

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2 Kommentare

  1. amitaf86 · September 15, 2013

    MEGA BIG LIKE!

    • ninjaan · September 15, 2013

      Den Artikel hatte ich selbst ganz vergessen, ich Kauz 😉
      Ein wenig hat sich ja nun geändert bei mir, in den 1 1/2 Jahren – aber etwas kauzig bleibe ich wohl immer 😀

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