Rot – Tiefschwarz: Ganz, ganz miese Kombi!

Ich zweifel hin und wieder stark an meinem Urteilsvermögen, insbesondere in Angelegenheiten die mein Privatleben betreffen. Weniger zweifel ich allerdings wenn es sich um meinen Job, meine Entscheidungen und meine Ansichten dreht, da ist mein Selbstvertrauen, in mich und mein Urteilsvermögen, nahezu unschlagbar. Meine Konzepte gehen auf, das Jugendzentrum läuft wie seit Jahren nicht mehr  (ok am finanziellen Aspekt muss ich noch etwas feilen, aber ich bin dran!). Meine Auswahl, was die Teammitglieder betraf stellten sich im nachhinein als durchweg richtig dar. Wir sind ein Chaosteam, ok, aber wir leisten gute Arbeit, so dass uns niemand (aus dem Vorstand) ernsthaft etwas vorzuwerfen hätte. Es läuft, wie man so schön sagt, und weil es so gut läuft habe ich anscheinend kurzfristig meinen „guten Blick“ für super Mitarbeiter verloren, auf jedenfall muss meine Sicht leicht eingeschränkt gewesen sein, als ich den neuen Praktikanten auswählte. Drei Bewerber, zwei davon mit einer super Bewerbung, eine Bewerbung war unbrauchbar. Zwei Vorstellungsgespräche und eine Teamsitzung später stand der neue Praktikant fest, nennen wir ihn: Mr. Oxymoron, oder abgekürzt Mr. O.

Warum Oxymoron? Nun ja, denken wir mal an eines der bekanntesten Oxymoron(e ?) die man so kennt: Der schwarze Schimmel. Denn genau das ist er, man sieht ihn und denkt, wow das ist aber ein schicker Schimmel und erst beim 2. oder 3. Blick wird einem klar, dass er nicht wirklich weiss ist, sondern eher…tiefschwarz. Oder um es etwas zu politisieren: Oh ist der angenehm  rot…oder nein, er ist doch eher tiefschwarz!

Ich mache natürlich mit meinen neuen Mitarbeitern/Praktikanten keinen Gesinnungstest! (Wobei klar ist, dass ich natürlich niemanden einstellen würde, der sich im braunen Spektrum aufhält!) Im Chaosteam ist so einiges vertreten, aber eine gemeinsame Basis, auf die man sich einigen kann, gerade wenn es um die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen geht, die sollte schon vorhanden sein.

Mr. O´s Bewerbung klang gut, sein Ruf in unserer Kleinstadt ist es ebenfalls. Er ist junge, motiviert, politisch aktiv, und macht Musik – perfekt, so einen brauchen wir, gerade für unser neues Musikprojekt! Und so sicherte ich ihm den Praktikumsplatz zu und sinnierte schon darüber, ob ich ihm den, in wenigen Wochen freiwerdenden, Honorarjob für´s Musikprojekt anbieten soll.

Soweit so gut. Dann kamen die drei Porbearbeitstage, auch gerne Hospitation genannt und ich fiel buchstäblich aus allen Wolken! Der Schimmel war bestenfalls, wie vorher beschrieben, ein schwarzer Schimmel, nach aussen rot und innen tiefschwarz. Es ist natürlich nicht schlimm die „Schwarzen“ zu wählen oder sie gut zu finden, ich tu´s zwar nicht, aber das allein ist kein Ausschlusskriterium! Aber bitte, seid ihr schon mal einem Linken/Anarcho mit tief, tiefschwarzen Ansichten begegnet? Nein? Gut, dann gebe ich euch jetzt mal eine Kostprobe von dem was in einem rot/tiefschwarzem Kopf so vor sich geht!

Hier mal zwei Gesprächsauszüge, die mich, MICH, tatsächlich sprachlos gemacht haben! Und das will schon was heissen (jedenfalls solange man nicht der Mann ist mit dem ich gerade ein 1. Date habe!):

Mr. O und ich allein:

Mr. O: …Ich schließe aus deinen Aussagen, dass du aktuell in keiner Beziehung bist?

Ich: Ehm, ja?

Mr. O: Aber du gehst doch schon auf die 30 zu oder?

Ich: Ja, könnte man so sagen… (Gewaltphantasien, vergleichbar mit denen von Ally Mcbeal, nur etwas mehr „ninjalike“, on!) 

Mr O: Dir ist schon bewusst, dass spätestens mit 30 dein Körper beginnen wird nach einer Geburt zu schreien oder? Dagegen kannst du dich nicht wehren! 

Ich: … (Ninjamood ON!)

Mr. O: Gibt es denn niemanden der dir gefällt? Beziehung und Familie sind das Wichtigste!

Ich: Doch, aber das muss ja nicht immer zwangsläufig in einer Beziehung enden, es gibt auch andere Dinge die mir wichtig sind.  (Warum habe ich das eigentlich gesagt???) 

Mr. O: Aha! Du tötest also dein Kind für die Karriere?..

Ich: …Ich tue was?

Mr. O: Naja, das ist typisch für Akademiker, du verzichtest darauf Leben zu schenken, um „dich selbst zu verwirklichen“…

CUT! Ich war sprachlos! Absolut! Im nachhinein fallen mir viele gute Dinge ein die ich hätte sagen können. Zum Beispiel: Findest du es nicht etwas unangebracht über das Leben deiner neuen Chefin zu urteilen, du SPINNER???

Aber das war noch nicht alles! Nehmen wir das zweite Beispiel:

Mr. O, mein Kollege D. und ich:

Mr. O: Hier ist nicht wirklich ein Querschnitt der Gesellschaft vorzufinden! Das ist bedenklich. Aber typisch für Jugendzentren, ihr seid nur Auffangbecken.

D.: Das klingt jetzt aber sehr nach Pfeiffer (Kriminologe und mein spezieller Hass- Wissenschaftler!)

Ich: Ich sehe das nicht wirklich so. Wenn man überhaupt den Anspruch eines Querschnitts an eine Einrichtung wie uns stellt (kleiner, freier Träger mit begrenzten Kapazitäten), dann kommen wir dem schon ziemlich nahe.

Mr. O: Ja? Das sehe ich anders, hier fehlen die „Normalos“.

Ich: Die wer?

Mr. O: Ja, die Normalos, die Deutschen halt.

Ich: Aha, die anderen sind also nicht normal? Im übrigen haben hier etwa 85% der Jungs die dt. Nationalität und sind in 2. oder 3. Generation hier.

Mr O: Ja, aber das macht sie ja nicht zu Deutschen!

Ich: Was, wenn nicht die deutsche Nationalität macht sie denn zu Deutschen?

Mr O: …

Ich: Müssen sie autochthon sein?

Mr. O: Was heisst das? (HA! Du Möchtegern Schlaumeier! Nicht mal das Wort kennste!)

Ich: Vereinfacht gesagt: Reinrassig!

Mr. O: Um Gottes Willen! Das wollte ich doch nicht sagen! Ich bin doch kein Nazi!

Ich: Aha, aber im Grunde geht es doch, wenn die Nationalität nicht zählt, um nix anderes?

Mr O: Die haben ja nen Migrationshintergrund… (Oh, wie sehr freue ich mich darauf endlich meine Masterarbeit über dieses unsägliche Thema schreiben zu können!)

Ich: Aha, ok. Das änder aber nichts an ihrer Nationalität oder daran, dass wir hier alle Deutsch reden, nebenbei noch einige andere Sprachen gesprochen werden, alle Schulformen vertreten sind, arm und reich + 3 Religionen (mit Atheismus dann 4). Kein allzu schlechter Querschnitt wie ich finde.

Mr. O (an D. gewandt): Naja, das ist typisch, Frauen neigen dazu, alles durch die rosarote Brille zu sehen, sie sind sehr emotional.

D.: Das hätte ich jetzt an deiner Stelle nicht gesagt. Übrigens ist Ninjaan nicht gerade eine „Emotionsbombe“, ausser sie ist wütend…

Ich: Sprachlos…

Was um alles in der Welt ist das? Wo ist denn da bitteschön die Linke Gesinnung von Gleichheit und Gleichberechtigung? Das ist ja, beim besten Willen, mehr als konservativ! Ich bin geschockt und grübel tagelang über diese Gespräche nach (es gab übrigens noch ähnliche, bei denen seine festgefahrenen Ansichten gegen bestimmte Staaten oder Minderheiten, deutlich wurden…). Was mache ich mit so einem Typen in unserer Arbeit? Wir sollen Vorbilder sein, ausgleichen was die Gesellschaft oft verbockt, Normalität herstellen, wo oft keine ist. Wir sollen Ideale vermitteln, von Gleicheit (Mann-Frau, Religionen, Nationen etc), Toleranz fördern, einen geschützten Raum geben!

Er hat zwar bisher, wenig bis gar nicht das Gespräch mit den Jugendlichen gesucht, aber ich will auch unter keinen Umständen, dass er solche Themen bei ihnen anspricht! Das vertrete ich nicht, will ich nicht vertreten, bei aller Toleranz! Ja, ich fühle mich angegriffen, als Frau, als seine Chefin. Weil sein Bild von Frauen überholt und feindlich ist, als wären wir alle emotionale Wracks, deren einzige Daseinsberechtigung in dem Gebären von Kindern besteht! Und mir passt auch nicht sein Bild über unsere Jungs, sie als nicht normal zu bezeichnen, dass sie nicht dazugehören, damit kämpfen sie schon jeden Tag, das brauchen sie nicht auch noch bei uns!

Montag beginnt er sein Praktikum, ich werde mich mit ihm hinsetzen, auf die Gefahr hin, dass er meine Reaktion als „zu emotional “ oder „frustriert weil noch kein Leben geschenkt“ ansieht und ihm verklickern, dass es so nicht geht. Das Chaosteam steht hinter mir, manche mehr, manche weniger. Mal sehen was es bringen wird – ansonsten muss ich leider sein Praktikum beenden, so leid´s mir dann auch tut.

Und den nächsten Praktikanten, sollte ich vielleicht doch einem winzigen Gesinnungstest unterziehen, nie wieder nen rot/tiefschwarzem, der nicht mal halt macht, wenn er seine Chefin vor sich hat – aber das liegt vielleicht daran, dass ich nur ne Frau bin…

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5 Kommentare

  1. amitaf86 · September 15, 2013

    Bin gespannt, ob sich Mr. O bei euch verändert hat. (Werde ich dann beim Weiterlesen hoffentlich erfahren.) Seine Meinung ist krass, aber vielleicht ist die Einsicht danach um so größer?

    • ninjaan · September 15, 2013

      Oh, ich glaube dazu habe ich nichts mehr geschrieben. Aber wir hatten damals ein langes Gespräch, und ich habe ihm meine Gedanken und Befürchtungen erklärt – er war erst geschockt, verstand es dann aber und wir reflektierten die Situationen. Danach konnte ich mich nicht mehr über ihn beschweren 🙂

      • amitaf86 · September 15, 2013

        Na, immerhin. 🙂

  2. Mascha · April 27, 2012

    Was nimmt der sich denn raus?! Dein Privatleben geht ihn doch gar nichts an!!! Und Du kannst kein Kind umbringen, daß noch gar nicht geboren wurde!! Wie alt ist er?! Und „Normalos“? Darf man so einen auf Kinder loslassen?

    • ninjaan · April 27, 2012

      Ja, genau das habe ich auch gedacht! Er ist ungefähr mein Alter, also 25+ , er wirkt aber, nach nun einer Woche gemeinsamen Arbeitens viel jünger (was nicht unbedingt negativ gemeint ist, sondern einfach eine Feststellung). Ich habe Montag, wie geplant, ein Gespräch mit ihm geführt, alles aufgezählt was mir mißfallen hat und Sorge bereitet. Er hats angenommen, starrte mich schockiert an (ich kann doch nicht ernsthaft die 1. gewesen sein, die ihm sowas sagt??) und versprach sich selbst zu „reflektieren“ und auf seine Wortwahl zu achten. Den Rest der Woche hielt er sich erstaunlich zurück, da ich heute Urlaub habe, muss das für ihn ein himmlischer Tag sein…

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