Nazis – eine größere Bedrohung als jedes Gedicht dieser Welt!

Bevor ich noch ein wenig mehr über Hamburg erzähle muss ich, angesichts der Tatsache, dass ich gerade furchtbar wütend und fast den Tränen nahe bin, noch hierüber berichten:

Vor etwa einer Stunde erreicht mich die Email eines Bekannten, der sich gegen Nazis engagiert. Er berichtete kurz von der gestrigen Demo, bzw. Gegendemo und verwies dann auf die Facebook Seite eines bekannten NPD Politikers, der Fotos hochgeladen habe. Da ich wusste, dass viele meiner Jugendlichen auch an dieser Gegendemo teilgenommen hatten, schaute ich vorsichtshalber nach! Was ich sah, besser noch las, ließ die Wut in mir hochkochen! Meine Jungs! Stolz auf einer Gegendemo, von wegen sie engagieren sich niemals (!), und dann sowas! Bilder von ihnen, mit widerlichen Kommentaren und Überschriften!

Einer der Jungs hält stolz seinen deutschen Personalausweis hoch – ist es nicht das was alle immer von ihnen erwarten? – die Bildüberschrift lautet so:

“ Wenn man ausländische „Kulturbereicherer“ sieht, die demonstrativ ihren „BRD-Paß“ präsentieren, kommen schon enorme Hassgefühle auf. … wie ernst es um den Überlebenskampf unseres Volkes bestellt ist – und daß Widerstand heute notwendiger denn je ist!!!“

Ein anderer Junge ist allein auf einem Bild zu sehen, seine Familie und er sind vor vielen Jahren aus Afrika geflüchtet, Bildüberschrift hierzu:

“ Wir sind Deutschland – er ist BRD“

Ein Kommentar:

“ willst du eine Banane dann komm her ich hab noch ne schwarze die zu dir passt ^^“

Ich könnte KOTZEN! Ich bin wütend! Rassismus allgemein bringt mich zur Weißglut, aber das hier sind auch noch meine Jungs! Ich war gestern so stolz auf sie, weil sie an dieser Gegendemo teilgenommen haben, weil sie sich engagieren, weil unsere Gerede von Partizipation und „du kannst etwas ändern – du musst nur irgendwo anfangen“ nicht immer ungehört bleibt. Und dann das – diese Bilder, diese Hetze, dieser Hass. Und ich habe auch Angst, auch in meiner Stadt gibt es gewaltbereite Nazis, das Abbilden ihrer Fotos, ihre Teilnahme an einer solchen Gegendemo könnte am Ende sogar gefährlich für sie sein…

Ich bin wütend, traurig, ich schäme mich angesichts dieser Kommentare – aber das bin nicht ich, das ist nicht mein Volk, weil ich es nicht zulassen will mich über eine Nationalität in eine Kategorie pressen zu lassen, die die einen einschließt (ungefragt) und andere ausschließt. Aber es ist dennoch mein Heimatland, dass offensichtlich lieber über Günther Grass heult, als die wahren Rassisten, die wahren (immer noch) Gefolgsleute von Hitler davon abzuhalten ihr Gift zu verspritzen. Ihnen einen Raum bietet, wo keiner für sie sein sollte – nicht nach dieser Geschichte, nicht nach dem Holocaust!

Ich werde es ihnen sagen müssen, weil sie diese Bilder melden sollten. Ich werde neben ihnen sitzen und ihnen die Bilder zeigen. Ich werde kaum ihrem Blick standhalten können, weil sie, angesichts diesen Hasses, der ihnen abspricht „Deutsch sein zu können“, der ihnen abspricht „Mensch zu sein“ und wertvoll, vielleicht auch wieder in Schubladen denken werden, in ein „wir“ und „Ihr“ verfallen….

Wie soll ich ihnen das nur erklären? Wie soll ich ihnen sagen, dass es falsch ist, wenn unser Staat das schützt, es erlaubt?

Ich bin erfüllt von einer Trauer die ich kaum zu beschreiben vermag, von Wut und Scham. Ich erinnere mich an die Worte meines Vaters, als ich gerade 6 Jahre alt war und er mir das erste Mal über das 3. Reich berichtete, mich auf seinen Schoß nahm und mit mir einen Bericht im Fernsehen über den Holocaust ansah. Ich war verstört, ich war erst 6! Ich habe meinen Vater mit großen Augen angesehen und gesagt:

Haben wir das gemacht Papa? 

Nein, mein Schatz. Aber die Menschen in diesem Land. Vergiss nie was Hass anrichten kann und halte dich fern davon. Wir sind alle gleich, lass dir niemals etwas anderes sagen! 

Papa, aber wir waren das wirklich nicht oder?

Nein, Liebes, wir waren es nicht. Deine Oma, meine Mutter war Jüdin – und wenn dieser Hass nicht geendet hätte, wären wir beide niemals hier zusammen!   

Ich wäre nicht hier, viele wären nicht hier, nichts wäre so wie es ist. Wie kann es sein, dass SIE, die Anhänger dieser durch und durch bösartigen Ideologie, immer noch hier sind, immer noch Hass predigen? Vielleicht weil wir uns zu sehr auf  die Panik einlassen, die die Medien verbreiten. Atomare Bedrohung durch den Iran, Überfremdung, Kriminalität durch „Ausländer“ (die zum größten Teil gar keine Ausländer sind!), der böse Islam. Wir trauern nur kurz, wenn Todesfälle aufgedeckt werden wie letztes Jahr – aber wir sollten nicht nur kurz trauern, wir sollten uns endlich von dieser Ideologie befreien, sie unter Strafe stellen – warum dulden wir so etwas? Wir dulden kein israelkritisches Gedicht, aber Nazis auf unseren Straßen?

Wo leben wir eigentlich?

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2 Kommentare

  1. Mascha · Mai 4, 2012

    Ich kann Deine Gefühle nachvollziehen. Du solltest wirklich die Jungs zur Rede stellen. Ich verstehe das auch nicht. Wegen Grass eine riesige Diskussion, aber Nazis können durch unsere Straßen maschieren. Ich verstehe Deutschland manchmal wirklich nicht!! Und was sollen anderen Länder von uns denken, wenn sie das sehen?! Und besonders den Juden gegenüber ist das nur geschmacklos!! Als ich in Israel war, hatte ich die Sorge, daß ich angefeindet werde, wenn ich sage, daß ich aus Deutschland bin. Aber das wurde ich kein bißchen. Sie waren alle sehr herzlich. Das war so schön. Ich möchte dies auch in meinem Heimatland spüren!!!

    • ninjaan · Mai 6, 2012

      Das lustige ist, dass meine Kollegen irgendwie das Gefühl hatten ich würde überreagieren…sie meinten: Naja, jeder kommt mal in das Visier der Nazis. Ich bin allerdings der Meinung, dass es etwas anderes ist, ob du als Antifa in ihr Visier gerätst oder weil du zu denen gehörst, die „vertrieben“ werden sollen….
      Ja in Israel und Palästina habe ich es auch ganz anders erlebt, wenn ich solche Dinge lese oder wie Heiligabend 2011 auf einer Gegendemo stehe, weil die Nazis mal wieder marschieren dürfen (so kurz nach dem Bekannt werden der Morde durch die NSU!), zweifel ich ganz, ganz stark…

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