NRW: „Ninjaan ist evangelisch, ob se will oder nicht!“

Ach Berlin, Berlin mir wurden deine Vorzüge leider erst viel, viel später bewusst! Zum Beispiel jede Mal wenn ich mit Kat durch Hamburg „irre“ im strömenden Regen und weit und breit kein öffentliches Verkehrsmittel zu finden ist oder aber an Tagen wie heute, wenn ich zum Xten Mal mit dem Finanzamt kämpfen muss, dass einfach nicht anerkennen will, dass ich KEINE Kirchensteuer bezahle!

Ende 2009 lebte ich in Berlin Wedding und bereitete mich auf meine Reise in den Iran im Frühjahr 2010 vor. Dazu gehörte, noch vor der Visa Beschaffung, ein neuer Reisepass. Nicht, weil mein alter abgelaufen wäre, sondern weil sich meine beiden liebsten Reiseländer (Iran und Israel) nicht riechen können und ich weder mit einem iranischen Stempel im Pass nach Israel einreisen darf, noch ist das umgekehrt möglich.

Bürokratisch wie Deutschland ist, musste ich die Notwendigkeit eines zweiten Passes natürlich ausführlich und schriftlich (!) begründen. Mit der schriftlichen Erklärung (politische Situation) und den Erklärungen des Auswärtigen Amtes bewaffnet machte ich mich auf zum Bürgerbüro Wedding. Alles lief glatt, bis zu dem Moment als ich mein “ islamische Republik konformes“ Passfoto zückte. Da stutzte der Beamte plötzlich und meinte: “ Dit jeht aba nisch einfach so! Dat dürfen se nua wenn se auch moslemisch sind!“ 

Wer schon mal die Schlange vorm Weddinger Bürgerbüro  (teilweise die halbe Müllerstraße runter!) gesehen hat, weiss warum ich jetzt nicht gesagt habe: „Ich bringe ihnen die Erklärung der iranischen Botschaft dazu!“, sondern die Hosen runter ließ und sagte: “ Das bin ich!“.*  Wieder etwas verdutzt gab der gute Mann etwas in seinen Computer ein und sagte dann: „ Frau H., hia steht aber dasde evangelisch bist!“ Ich nickte und sagte freundlich:“ Ja, das war ich mal.“  Jetzt hellte sein Gesicht sich auf und er rief:“ Ach! Dit is ja schau (das hat er wahrscheinlich nicht gesagt, aber ich fand den Spruch immer so toll!)!! Ja, dann versteh ick dit. Keen Problem, dat haben wa gleich, wa? “ Wundervoll, dachte ich, das geht ja einfach, in 4 Wochen kann ich also meinen Pass abholen.

Als ich Berlin verließ und meine erste Vollzeitstelle in Niedersachsen antrat, bekam ich nach zwei Monaten plötzlich ein etwas höheres Gehalt, was mir nur auffiel, weil plötzlich nach der 1 keine 5 mehr kam sondern eine 6. Ich freute mich  zwar, sah irgendwie netter aus, fragte aber doch vorsichtshalber noch einmal nach, warum genau das so ist. Mein damaliger Chef sagte nur:“  Ach, unser Steuerberater hat erst jetzt deine Lohnsteuerkarte aus Berlin erhalten und da steht drin, dass du nicht Kirchensteuerpflichtig bist!“ Ich erinnerte mich wieder an das Berliner Urgestein aus dem Bürgerbüro Wedding und musste lächeln! Super dachte ich mir! Da spare ich mir den Gang zum Amtsgericht, die bösen Blicke weil ich abtrünnig geworden bin und ganze 40 Euro!

Als ich im Frühherbst 2011 meinen Job erneut wechselte, diesmal NRW, fingen die Probleme an. Nach 3 Monaten, in denen ich natürlich keine Kirchensteuer gezahlt habe (2011 hatte noch Niedersachsen die Infos für meine Lohnsteuerabzugsmerkmale weitergegeben) bekam ich plötzlich Post vom Finanzamt. Die elektronischen Lohnteuerabzugsmerkmale für 2012: Kirchenzugehörigkeit: evangelisch. BITTE WAS? Ich rief beim Finanzamt an und wurde dort vorstellig, ich erzählte meine Geschichte aus Berlin und legte meine Lohnsteuerkarte aus 2010 vor, die belegte, dass ich nie Kirchensteuer gezahlt habe! Der nette Beamte versicherte mir, alles kein Problem! Ich  zahlte weiterhin keine Kirchensteuer. (Mittlerweile über 21 Monate)

Vor 1 Woche flatterte mir nun eine erneute „elektronische Auskunft“ des Finanzamtes ins Haus: Lohnsteuerabzugsmerkmal evangelisch! SCHON WIEDER? Es ist gerade mal ein halbes Jahr her, dass ich im Finanzamt saß, meine Geschichte erzählte und die Bestätigung bekam, alles wäre nun geklärt. Anscheinend is nix geklärt! Ich habe heute beim Finanzamt angerufen, mich erkundigt was das soll. Die Antwort:

Ich weiss nicht Frau H., hm hier ist kein Vermerk, das sie hier waren. Aber die Stadt entscheidet ja über ihre Kirchenzugehörigkeit ( Achja? Ich dachte das dürfte ich selbst!)…“ 

Nach langem hin und her die Einigung, ich muss erneut meine Lohnsteuerkarte aus 2010 vorlegen plus eine Bescheinigung, dass ich meine Religion gewechselt habe. Super, nach Umzug Nr. 1001 darf ich also wieder auf die Suche gehen! Man könnte jetzt meinen: Meine Güte warum bezahlt sie nicht die 40 Euro und gut ist? – Ganz einfach! Zu erst einmal bezahl ich das aus Prinzip nicht, warum soll ich quasi eine Strafe zahlen, weil ich meine Religion gewechselt habe? Niemand sollte das bezahlen müssen! Ich bin bereit einen höheren Solidaritätszuschlag zu zahlen, aber keine 40 € Strafe für den Austritt aus der Kirche. Schon gar nicht, nur weil NRW sich so anstellt, während das weder in Berlin noch in Niedersachsen je ein Problem war! Und zweitens: Was wenn ich jetzt nachträglich austrete und die plötzlich der Meinung sind, ich hätte 21 Monate zu Unrecht keine Kirchensteuer gezahlt? Sorry, ich traue denen alles zu…

Ninjaan würde sehr gerne selbst über ihre Religionszugehörigkeit bestimmen – ist das wohl möglich liebes NRW?

(Wer mich etwas kennt, weiss, dass ich ungerne mit so etwas hausieren gehe, meine Religion und mein Glaube sind zwei, für mich, ganz private Dinge. Darüber muss ich weder ständig darüber reden, noch es unentwegt irgendwo angeben. Da ich aber über kurz oder lang, aufgrund der Kirchensteuer, vielleicht so oder so ausgetreten wäre, packte ich die Situation beim Schopf und legte bei dem netten Herrn vom Weddinger Bürgerbüro Beichte ab.)

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