Manchmal…

Manchmal verfluche ich meinen Job, mich selbst weil ich ihn gewählt habe, die Gesellschaft weil sie meine Arbeit nicht anerkennt, die Stadt weil sie mich viel zu schlecht bezahlt und die Jugendlichen, weil ich wegen ihnen mit 25+ schon weisse Haare bekomme (kein Spass!)!

Manchmal wünschte ich mir ich wäre Ingenieurin geworden oder hätte Jura oder Journalismus studiert, irgendetwas mit etwas mehr Prestige und einem bessern Gehalt.

Manchmal gibt es einen erhellenden Moment, zum Beispiel wenn ein Jugendlicher eine gute Note in der Schule bekommen hat, weil du sogar an deinem freien Tag Nachhilfe gibst oder wenn die Mutter eben dieses Jugendlichen dir Blumen als Dank schickt. Diese Momente sind kurz und werden von ständigem Gezeter überschattet. Meckrige Buchhalter, faule Vorstandsleute, eine knausrige Stadt und pedantische Projekt-Financiers und natürlich auch von Jugendlichen, deren Verhalten einen oft an den Rande des Wahnsinns treibt.

Aber manchmal, manchmal gibt es Momente wie heute, die einen für alles entschädigen, die so viel mehr wert sind als das man es in Euronen aufwiegen könnte. Momente in denen man vor Freude, vor Stolz Tränen in den Augen hat. Momente in denen einem klar wird, warum man ein schlecht bezahlter Sozialarbeiter geworden ist und eben kein Ingenieur oder ähnliches.

Und weil diese Momente so besonders, aber gerade für meinen Berufsstand so „überlebenswichtig“, sind möchte ich davon erzählen.

Das heute war nicht nur ein „erhellender Moment“ es war einer dieser Glücksmomente, von denen man lange zehren kann. Schon um  9:30 Uhr befand ich mich beim Amtsgericht. Nicht weil ich geladen worden war, sondern weil mich einer „meiner Jungs“ gestern Abend (eher mit seinen Augen als mit Worten) darum gebeten hatte. Vor dem Gerichtsgebäude zögerte ich einen Moment, vielleicht wollte er mich doch nicht dabei haben? Vielleicht würde ich sowieso gar nicht den Gerichtssaal betreten dürfen, weil ich weder Erziehungsberechtigt noch in irgendeiner Art und Weise verwandt mit ihm bin und Jugendstrafverfahren grundsätzlich nicht öffentlich sind? Ich schob die Zweifel beiseite, ich kenne diesen Jungen seit über 5 Jahren, ich werde seine Blicke und sein stummes Nicken, als ich das Angebot machte zu kommen, schon richtig verstanden haben!

10 Minuten vor der Verhandlung trafen schliesslich auch besagter Junge und sein Kumpel ein. Der eine schenkte mir einen ungläubigen Blick, während der Andere mich in den Arm nahm ganz fest drückte und „Danke, dass du gekommen bist Ninjaan“ flüsterte. Puhh, richtig getippt!

Der Verhandlungsbeginn verzögerte sich, mit jeder Minute wurde „mein Junge“ nervöser, er spielte immer noch mit dem Gedanken die Aussage zu verweigern oder es schlicht und ergreifend zu bestreiten, sein Kumpel bestärkte ihn darin ungemein. Ich legte noch einmal den Arm um ihn und sagte, was ich ihm schon die letzten Monate, nach Anklageerhebung, geraten hatte: „Du musst die Wahrheit sagen. Sie haben deine Fingerabdrücke und du keinen Anwalt. Wenn du jetzt lügst oder die Aussage verweigerst, machst du es damit nur schlimmer! Das ist Jugendstrafrecht, gesteh was du getan hast! Mit Lügen wirst du nicht weit kommen, vertrau mir!“  Immer wieder schüttelte er verzweifelt den Kopf, er befürchtete, dass man ihm weitere Straftaten anlasten würde oder das seine „Strafe“ sehr hoch ausfallen würde. Ich gab mir alle Mühe ihm das Jugendstrafrecht halbwegs einfach zu erklären und verwies ihn immer wieder darauf, dass die Wahrheit der beste Weg sei.

Mittlerweile war noch ein 2. Kumpel eingetroffen, auch er ermutigte ihn dazu zu Lügen. Als es mir zu bunt wurde fauchte ich sie kurz an und plazierte sie auf eine andere Bank (So blöd sie sich auch verhalten, das bisschen Autorität konnte ich mir bis jetzt bewahren – es war Ruhe!).

Schliesslich wurde er aufgerufen, mit einem leicht mulmigen Gefühl stand ich mit auf und bat den Richter darum, bleiben zu können. Dem gefiel meine Idee gar nicht, sein Ton mir gegenüber war unter aller…., aber ich lächelte nur höflich und bestand darauf, da „mein Junge“ ohne jegliche Begleitung (ohne Eltern, Geschwister oder Verwandte und Anwalt) gekommen sei. Die Hartnäckigkeit zahlte sich aus und ich durfte bleiben.

Nach der Anklageschrift wurde ihm das Wort erteilt, mit der Frage ob er sich zu dem Falle äußern wollte. Ich hielt vor Spannung die Luft an – wofür würde er sich entscheiden? Als er dies bejahte stieg meine Anspannung noch einmal – sagt er jetzt die Wahrheit oder streitet er alles ab? Der Druck seiner „Clique“ ist groß!

“ Ich möchte sagen, dass die Anklage gegen mich stimmt. Ich habe dies……… getan.“ Er sprachs, schaute kurz auf den Tisch und blickte dann zu mir rüber. Mir lief ein Schauer über den Rücken – ich war so stolz auf ihn! Er hat alle Angaben bestätigt, nicht gelogen, alles zugegeben! Der Richter und der Staatsanwalt schienen völlig verwirrt zu sein, warfen erst sich einen irritierten Blick zu und schauten dann zu mir herüber – auf die „doofe“ Sozialarbeiterin, die unbedingt bleiben wollte und nun unendlich stolz auf ihren Schützling schaute und ihm aufmunternd zunickte.

Den Rest der Verhandlung über starrte er auf seinen Tisch und erhob nur den Blick, um zu mir herüber zusehen, als Absicherung, ob alles gut ist – jedesmal nickte ich ihm zu: Ja, alles ist gut!

Das Urteil fiel unfassbar milde aus, besser hätte es nicht sein können. Der Richter bestärkte noch einmal mein Reden und sagte ihm klipp und klar, dass er bei der Beweislast auch die Aussage hätte verweigern können, da er aber seine Tat eingestanden hatte und offensichtlich bereute, hätte er dieses Mal noch Glück gehabt. Er (mein Junge) lächelte mir in diesem Moment zu und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht.

Gemeinsam gingen wir aus dem Saal, ich legte ihm den Arm um die Schulter und flüsterte: „Ich bin so stolz auf dich…“ 

Seine Freunde erwarteten uns schon und fielen aus allen Wolken, als er ihnen von seinem Geständnis erzählte, er aber schüttelte nur den Kopf und nahm mich in den Arm „ Danke Ninjaan, danke für alles! Danke, dass du für mich da warst!“ Er drückte mich ganz fest und ich spürte wie mir die Tränen in die Augen schossen. Vor Stolz, weil er etwas Richtiges getan hatte und auch wenn es für viele komisch klingen mag, etwas sehr mutiges! Aber auch, weil ich ihn ansah  und mich an den kleinen, schmächtigen 12jährigen Jungen erinnere, der mit mir Maumau spielte und stolz sagte: „Ninjaan! Heute ist der 1. Tag an dem ich mitfaste! Also zur Probe…heute fasten wir zusammen!“  Ich verabschiedete mich schnell und ging, von meiner Rührung sollte nun wirklich niemand etwas sehen!

Ich bin stolz! So unfassbar stolz, auch das mag komisch klingen, hat er doch eine Straftat begangen!? Ja, das hat er. Aber ich kenne ihn, ich weiss welche Geschichte dahinter steckt und ich weiss auch wie schwer es für einen jungen Menschen ist, aus diesem Kreis auszubrechen, etwas zu tun, was keiner aus seinem Umfeld tolerieren will – aber genau das hat er heute getan! Das kann (ich bin nicht naiv, deswegen nur ein „kann“) der Schritt in eine richtige, eine gute Richtung sein – darauf hoffe ich, das wünsche ich mir, für ihn!

Ich habe Jugendliche bei denen ich die „kriminelle“ Energie nicht abstreiten kann (und auch nicht will), ich würde sie dennoch zu einer Gerichtsverhandlung begleiten, das ist eben mein Job, da sein wenn es kein anderer ist, aber bei jemandem wie ihm, da fühle ich es noch mehr. Da leide ich mehr und empfinde noch mehr Stolz und Glück, wenn ich sehe wie er einen Schritt herauswagt, einen Schritt aus dem heraus, in das er hineingeraten ist, weil einfach alles in seinem Leben schief gelaufen ist.

Diese Momente, in denen mich jemand wie er in den Arm nimmt, in denen mir jemand so sehr vertraut, dass sind diese unbezahlbaren Momente die meinen Job trotz aller Schwierigkeiten so wundervoll machen. Darum liebe ich es, weil ich manchmal (nicht halb so oft wie ich es mir wünschen würde…) doch etwas erreichen kann, weil es nicht umsonst ist, weil vielleicht nichts umsonst ist, auch wenn man es nicht immer so deutlich sieht wie heute.

 

PS: Als ich heute so mißtrauisch und abfällig von dem Richter und dem Staatsanwalt angesehen und behandelt wurde, kam mir übrigens noch etwas in den Kopf: FUCK U PFEIFFER, du hast keine Ahnung von unserem Job! (Wer nicht weiss was ich meine, kann sich das hier bei Interesse mal durchlesen: http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,593856,00.html )

 

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4 Kommentare

  1. freudefinder · Juni 10, 2012

    oh was für ein starker Bericht – ja, dass dieser Job von der Gesellschaft nicht als überlebensnotwendig angesehen wird ist nicht zu fassen – überhaupt alles, was wir in Kinder investieren damit sie noch eine Chance bekommen und nicht nur nachher die Aufbewahrung (dafür ist dann wieder Geld da scheints) macht mich auch ganz woddelig. Wie wundervoll, dass Du wenigstens da „entlohnt“ wurdest für Deinen enormen Einsatz – ich sag einfach mal stellvertretend hier für viele (ich bin mir sicher) wir sind Dir enorm dankbar. Ich bin sicher, Du hast Deine Stellen, wo Du Deine Batterie aufladen kannst, sonst würdest Du das vermutlich nicht durchhalten können. Dir einen gesegneten Sonntag
    herzlichst
    freudefinder

    • ninjaan · Juni 10, 2012

      Ich danke dir für deine Worte und deinen Zuspruch, liebe Freundefinder!

  2. Ich♥Dich · Mai 30, 2012

    Wie schön du das geschrieben hast!
    Ich hatte noch nie mit Sozialarbeitern zu tun (und kenne auch niemanden, der das hatte).
    Ich kann mir deswegen wohl schwer vorstellen, was du alles so mitmachst und da habe ich viel Respekt vor.
    Und doch kann ich deinen Stolz und dein Glück nachvollziehen.
    Ich gebs zu, beim Lesen hab ich geweint. 😉

    • ninjaan · Mai 31, 2012

      Danke 🙂
      Gestern war wirklich ein schöner Tag – anstrengend, aber schön 🙂
      Habe dir übrigens das Passwort per Email geschickt 🙂

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