Retrospektive Juni 2011

„Beim Vormittage

und bei der Nacht wenn sie am stillsten ist

Dein Herr hat dich nicht verlassen, noch ist er dir böse.

Wahrlich, jede (Stunde) die kommt, ist besser als die, die ihr vorausging.

Und fürwahr, dein Herr wird dir geben und du wirst wohlzufrieden sein.

Fand er dich nicht als Waise und gab dir Obdach?

Fand er dich nicht irrend (in deiner Sehnsucht nach ihm) und führte (dich) richtig?

Und er fand dich in Armut und machte (dich) reich.

Darum bedrücke nicht die Weise.

Und schilt nicht den Bettler.

Und erzähle von der Gnade deines Herrn!“ (Sure 93)

Du hattest deinen Zug verpasst, nun kommst du erst mitten in der Nacht. Ich kann kaum meine Augen aufhalten, aber absagen wollte ich auf keinen Fall, dafür will ich dich zu gerne sehen. Du schreibst gerade deine Masterarbeit, bist zu spät aus der Bibliothek rausgekommen, du bist angespannt, ich bin mir nicht sicher, ob du mich überhaupt sehen willst. „ I didnt´t sleep last night ninjaan!“ – „U wanna meet another day? It´s late now…!” – “Are u tired?” – “Nope.” – “I am not too tired to meet u, I don’t need to sleep…” Schlaflos bist du, das erwähnst du immer wieder, wenn du bei mir bist schläfst du eigentlich relative fest.

Übermüdet hole ich dich vom Bahnhof ab, völlig fertig setzt du dich zu mir ins Auto, deine Augenringe sind heute noch viel dunkler als sonst. Jeder andere würde wahrscheinlich wie ein Junkie auf Entzug aussehen, bei dir wirkt es nicht so. Du hast dich nicht rasiert, du weisst wie gerne ich deinen 5 Tage Bart mag, ich kneife dir in die Wange, du lächelst erschöpft.

Während der Fahrt grummelst du vor dich hin, mein Fahrstil passt dir nicht. Du redest davon, dass du ewig nicht Auto gefahren bist, wer es aber in deiner Heimatstadt gelernt hat (mehr als 10 Millionen Einwohner), der würde es wirklich beherrschen. Ich reagiere genervt, ich weiss wie man in deiner Heimatstadt fährt – wie ein Wahnsinniger! Ich bin eine gute Autofahrerin! „ U are not that good. U shouldn´t step on the gas that much!” Vielleicht aus Müdigkeit, vielleicht weil ich allgemein etwas empfindlich bei dir reagiere, was auch immer es ist, es brachte mich dazu, einfach anzuhalten. Eine kleine Vollbremsung mitten an einer Kreuzung (es war nachts und kein Auto weit und breit, keine Sorge…), Warnblinklicht an und: „ Do u want to drive ?“

Für einen Moment siehst du mich erschrocken an, dann kommt dein Pokerface zurück, du lächelst milde „ Dont be childish ninjaan – drive! I am quiet now.!

1:0 für dich Yaya. Du bleibst cool, ich reagiere über, reagiere kindisch, du hattest Recht. In meiner Wohnung kochte ich Tee und lasse mich dann neben dir auf dem großen Teppich nieder. „Sorry…sometimes I am too…“ – „Ist ok topoljaan, u are crazy. That´s why I´m here – I like that.” Wir lasen gemeinsam das letzte Kapitel deiner Mastarbeit, hier und da korrigiere ich etwas. Dein Deutsch ist gut, mehr als gut, es ist nahezu perfekt! „Why do u always speak English? Ur German is perfect!?“ – „Because u can!”

Du hast  gegrinst und die Datei geschlossen. Auf meinem Bildschirm erscheint eine arabische Kalligraphie. Du siehst mich an, was hast du in diesem Moment gedacht? „Sura ad duha“ sage ich leise. „I know!“ Dann beginnst du die ersten 4 Sätze zu lesen, besser gesagt zu rezitieren. Dein Arabisch ist ebenfalls beeindruckend gut, deine Stimme wie immer hinreissend. Du unterbrichst dich selbst, du hast eine Zigarette in der Hand, es erscheint dir unangemessen jetzt den Quran zu lesen.  Ich wundere mich, bestehst du doch sonst darauf, kein Muslim zu sein, keiner Religion anzugehören?

„Please conclude it!“ Du siehst mich an, legst die Zigarette zur Seite und fährst fort. Diese Worte bedeuten mir viel, sie von dir zuhören verleiht ihnen den perfekten Klang. Ich bin überzeugt, keiner kann dies schöner als du, nicht mal der aktuelle „Weltmeister im Quranrezitieren“! Als du es beendet hast, siehst du mich wieder lange an, diese Sure sei besonders, besonders schön. Ich lächelte und küsste dich auf die Wange. „U are special“ sagtest du. „U too!“ erwiderte ich.

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6 Kommentare

  1. Ich♥Dich · Mai 31, 2012

    Es kommt mir bei deinen Erzählungen immer so vor, als hätte immer etwas in der Luft gelegen. Als gäbe es immer kleine Streitigkeiten (aus Müdigkeit, aus Unverständnis über Meinungen…).

    Gab es bei euch mal diese ganz reinen Zeiten? Ohne Ärger? Einfach voller Glück?

    • ninjaan · Mai 31, 2012

      Am Ende häufte es sich, seit er weg ist natürlich noch mehr.
      Zu Beginn war das nicht so, ich glaube diese Situation war die erste, nach einigen Monaten, in denen einer von uns (in diesem Falle ich) überreagiert hat.
      Allgemein, hatten wir beide 2011 nicht das beste Jahr, wir hatten beide mit einigen privaten Dingen zu kämpfen – wir haben uns irgendwie in einer schlechten Zeit kennengelernt. Und doch..ja, am Anfang gab es diese Momente, leider möchte ich heute gerne sagen, weil es wahrscheinlich genau diese Momente waren, die alles heute so schwer machen.
      Aber schwierig sind wir beide, eher zu emotional – nicht kompatibel…leider. Und was wir beide am schwersten (anscheinend) ertragen können und konnten, war Momente des „einfach glücklichseins“ ….

      • Ich♥Dich · Mai 31, 2012

        Ja ja, die Anfänge sind die Zeiten, an die auch ich mich klammere.
        Obwohl ich nicht mal weiß, ob das nur eine Masche war, um mich an sich zu binden.
        Aber dieses Glück macht das Gehen zu schwer.

        Und ich finde es traurig, dass du weißt/glaubst, dass ihr einfach nicht kompatibel seid. Das ist immer die schlimmste Gewissheit.

      • ninjaan · Juni 1, 2012

        Heute morgen habe ich dieses Zitat gelesen, ich glaube das beschreibt es am Besten:

        „Menschen die sich erst finden müssen sollten einander nicht suchen“
        © Almut Adler

      • Ich♥Dich · Juni 1, 2012

        Oh ja, das passt sehr.

        Und gerade schreibe ich mit ihm und ärgere mich, dass ich irgendwie die Nähe suche…

      • Anonymous · Juni 1, 2012

        Ich kanns verstehen….

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