Nichts bleibt wie es war

B.

Als ich ihn vor Jahren auf der Arbeit kennenlernte, verliebte ich mich in ihn. Nicht weil er schön war, nicht weil er außerordentlich gebildet oder selbstbewusst war. Ich verliebte mich in ihn, weil er er war. Weil er besonders war. Er war der mit Abstand liebevollste, freundlichste und zärtlichste Mensch den ich jemals kennengelernt hatte. Nur deswegen ließ ich mich überhaupt so schnell auf eine Beziehung mit ihm ein. Ich war überwältigt von seiner Art. Von Anfang an herrschte zwischen uns ein tiefes Vertrauen, ein Band der Freundschaft gepaart mit inniger Zuneigung. Wir stritten niemals wirklich, konnten uns aufeinander verlassen. Jeder Tag mit ihm war schön, neu, aufregend und zugleich sicher. Ja, Sicherheit, ich vertraute ihm. Das erste Mal in meinem Leben war ich nicht mißtrauisch, habe nicht gezweifelt. Meine Freunde liebten ihn, er liebte sie. Innerhalb kürzester Zeit war er ein fester Bestandteil meines Lebens. Niemals war ich mir sicherer den Richtigen gefunden zu haben.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich auch nach all den Jahren, nachdem wir auseinander gerissen wurden, noch an ihn gedacht habe, er mir gefehlt hat und ich Angst hatte, Angst vor dem Moment, an dem wir uns wieder begegnen würden.

Als wir uns nun vor knapp einem Monat wiedersahen, waren all diese Gefühle wieder da, die Trauer, die Zuneigung, das Vertrauen, der Wunsch, dass es niemals geendet hätte, jedenfalls nicht so. All das hat mich schwach werden lassen. Eigentlich, nein nicht eigentlich, sondern tatsächlich habe ich starke Gefühle für jemand anderes. Jemanden der völlig anders ist als B.. Yaya ist selbstbewusst, gebildet, sanft und hart zur gleichen Zeit. Er ist verschlossen, B. dagegen ein offenes Buch.

Und trotz meiner Gefühle für Yaya, konnte B. mich so sehr berühren, mich schwach werden und gegen meine Prinzipien verstossen lassen.

Yaya ist der geheimnisvolle, jeder Moment mit ihm war berauschend, extrem, auf die eine oder andere Art.

B. ist der ruhige, sichere, mit ihm ist es wie das Ankommen, ruhig, bedacht, ohne Extreme.

Dieser Unterschied, die Erinnerungen, die auf Eis gelegten Gefühle, alles auf einmal brachte mich dazu, ihn wieder zu treffen. Noch einmal dieses Sicherheit fühlen… nur noch einmal. Den Moment genießen, sich erinnern, fallen lassen und aufgefangen werden.

Aber ich habe nicht bedacht, nicht in Erwägung gezogen, dass die Zeit uns verändert. 4,5 Jahre sind eine ganze Zeit. Auch ich habe mich verändert, ich kann schwer sagen in welchem Maße, aber jetzt, nach einem Monat sehe ich B.´s Veränderung.

Selbstlos war er einmal, immer bedacht auf das Glück der Anderen, niemals sagte er verletzende Worte – ich habe immer bezweifelt, dass er das überhaupt könne, verletzend sein. Nun ist er anders, kühler, nicht unbedingt mir gegenüber, aber ich sehe seine Einstellung und höre seine Erkärungen “ Das Leben hat mich so gemacht Ninjaan! Willst du mir das vorwerfen? Ich war immer lieb und nett, was habe ich bekommen?“

Du bist noch so jung B., jünger als ich. Du bist verbittert, hart in deinen Urteilen, selbstsüchtig in deinen Taten. Du willst nicht verletzen, aber du tust es, gut, du bist selbst verletzt, aber das ist eine schwache Ausrede. Denn am Ende des Tages, am Ende unseres Lebens, sind nur wir selbst verantwortlich, für das was wir tun. das Schicksal drängt uns in die eine oder andere Richtung, aber noch, noch können wir uns auflehnen, uns dagegen stemmen, nur der Tod ist für die Ewigkeit. Wenn wir uns treiben lassen, niemals kämpfen, dann können wir das nicht den Menschen um uns herum vorwerfen.

Ich bin schockiert, von vielen deiner Worte, deiner Taten. Ich kann es nicht fassen. Bist du das? Warum hast du nur zugelassen, dass das Leben so etwas aus dir macht? Ich will meine Augen davor verschließen, ich will dich so nicht sehen, ich will nicht sehen, dass du dich so verändert hast. Aber du drängst mir dein neues Ich geradezu auf, zeigst es mir in allen Facetten und nur manchmal, ganz manchmal bist du der, den ich vor all den Jahren kennengelernt habe.

Ich sollte ihn gar nicht treffen, ich tue damit unrecht, jemanden, einer Frau, die mir nichts getan hat. Aber auch ich bin selbstsüchtiger geworden, ein kleines bisschen Glück hatte ich mir gewünscht, ein kleines bisschen Freude in dieser, meiner, unbeständigen Zeit. „Es ist so schön dich mal wieder wirklich Lachen zu sehen!“ hatte mein Kollege vor kurzer Zeit zu mir gesagt, nachdem B. sich von uns verabschiedet hatte. Der Kollege weiss, dass wir einmal zusammen waren, er schweigt zu all dem, obwohl er sicher mehr weiss, als mir lieb ist.

Ich wollte nur einen Moment des Glücks genießen, mit jemandem der mich einst so glücklich gemacht hat. Aber wieder einmal muss ich schmerzlich erkennen, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann. Nichts bleibt wie es war, niemand bleibt wie er war. Und etwas unrechtes, kann sowieso niemals glücklich machen.

Letzte Nacht rief B. mich an, ich hatte wenige Stunden vorher gesagt, dass ich so nicht weitermachen könne, wegen mir nicht, wegen dem Unrecht, dass wir damit tun nicht. Er rief mich an und war seltsam. Nach wenigen Minuten gestand er mir, dass er getrunken habe. In seinem ganzen Leben hatte er noch niemals Alkohol angerührt, nun war er betrunken und rief mich an. Ich hasse Alkohol, rühre ihn nie an, ich bin da familiär vorbelastet. Ich ertrage es selten, einige Menschen sind erträglich wenn sie getrunken haben, aber nur sehr wenige.

Yaya, er ist erträglich, er ist dann wie ein kleiner Junge, lieb, verletzlich. Ausgerechnet B. ist es nicht, er ist selbstgefällig und hart. Ich ertrage kaum  mit ihm zu sprechen. Aber irgendwie fühle ich mich verpflichtet, warum hat er denn gerade an diesem Tag getrunken? Ich quäle mich durch das Gespräch und spüre wie meine Erinnerungen, diese wundervollen Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit, zu verschwimmen drohen. Wo bist du B.? Wo hast du dich verloren?

Ich muss  mir eingestehen, wir haben uns schon lange verloren. Dieser klägliche Versuch von uns, wiederzubeleben, was lange schon nicht mehr ist, weil wir beide verletzt und einsam sind, ist gescheitert. Führen wir es nun weiter, verlieren wir unsere Erinnerung. Ich will sie nicht verlieren.  Vielleicht wäre es heldenhafter, tugendhafter von mir gewesen, es niemals einzugehen, weil ich das Moralische hochhalte, aber es wäre gelogen. Ich beende es, weil es nicht ist, wie es war, weil es zerstört was war. Und sehe ein, dass etwas Verwerfliches, niemals rein sein kann.

Lebwohl B.

 

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Retrospektive Oktober 2011

„I have never seen that dress you’re wearing
Or the highlights in your hair that catch your eyes I have been blind

Lady in red is dancing with me cheek to cheek
There’s nobody here, it’s just you and me, It’s where I wanna be
But I hardly know this beauty by my side
I’ll never forget, the way you look tonight“ (Lady in red, Chris deBurgh)

Du kommst zurück. Zurück zu mir. Du hast nie gesagt, dass du zurück kommen willst und ich habe niemals gesagt, dass du zurück kommen sollst. Nach unserer letzten Begegnung am Bahnhof sind wenige Wochen vergangen, ich hatte die Hoffnung aufgegeben, dass du und ich jemals wieder so sein könnten wie zuvor. Unser Kontakt brach trotz unseres katastrophalen letzten Treffens nicht ab. Du warst etwas reservierter als sonst, ich ebenfalls, doch wir konnten nicht ganz voneinander lassen.

Die Musik hat uns wieder zusammengebracht. Mein Projekt. Alles lief schief, nichts funktionierte wie es sollte, aber ich hätte dich niemals gebeten zu kommen, dafür war ich zu stolz. Also bist du über deinen Schatten gesprungen und hast mir angeboten alles zu installieren und anzuschließen – du könntest allerdings erst abends. Kein Problem, ich auch…

Und so stehe ich nun, wie so viele Male zuvor, um 21 Uhr am Bahnhof und warte auf dich. Ich versuche nicht nervös zu sein, ich bin über dich hinweg sage ich mir. Das war Einbildung, meine Gefühle niemals echt. Du und ich, wir passen gar nicht zusammen. Wie ein Mantra habe ich mir das alles, im Auto auf dich wartend, aufgesagt.

Deinen Weg vom Gleis bis zum Auto habe ich dich extra nicht angesehen, so getan als würde ich etwas im Auto suchen, nicht erinnern, nichts machen, dass Gefühle hervor ruft! Als du neben mir sitzt reichst du mir die Hand, Kumpels, dass sind wir jetzt. Auf der Fahrt siehst du mich an, wir reden wenig, es ist irgendwie noch komisch und vielleicht wartest du darauf, dass ich auf den Rücksitz greife und dir eine Cola reiche, wie so viele Male zuvor. Aber diesmal habe ich keine Cola für dich.

Als wir im Jugendzentrum ankamen, war niemand mehr dort. Du hast darauf bestanden, dass ich dir alles zeige und  warst so begeistert. Alles war toll. „That´s an awesome place ninjaan! It´s sooo oldschool! I´d love to chill here! U did a great job!” Deine Worte erfüllten mich mit Stolz…in den wenigen Wochen hatten wir viel gearbeitet, viel geändert, dass es dir gefällt, macht alles noch schöner für mich. Bevor wir ins Tonstudio gehen, setze ich einen Kaffee auf und du hast mich zum Kicker gerufen. Du wolltest ein kleines Match. Ich habe gnadenlos verloren, ich bin eine Niete im Kickern. Aber es hat die Stimmung gelockert.

Im Tonstudio machst du dich gleich an die Arbeit. Ich habe gehofft, dass du es nicht schnell genug hinbekommst, ich wollte nicht, dass du wieder gehst. Du solltest bleiben Yaya. Ich bin doch über dich hinweg, wir können wieder so sein wie vorher.

Irgendwann hast du auf dem großen Sessel Platz genommen und ich habe mich neben dich gekniet. Du hast die Software auf dem Laptop installiert und mir dabei etwas erklärt. Aber alles woran ich denken konnte, war dein Duft. Du hast gerochen wie immer, nach dir, nach Leidenschaft. Du hast bemerkt, dass ich dir nicht wirklich folge und mir lächelnd über´s Haar gestrichen.

Nach Stunden ist endlich alles angeschlossen und installiert. Du hast die Hand nach mir ausgestreckt und mich zu dir gezogen. „U want me to stay?“ Ich lächelte:“ Let´s go home.”

Zuhause angekommen bist du schnell unter die Dusche gesprungen, du seist direkt von der Arbeit gekommen – ich hoffte nur, mein Duschgel würde deinen Duft nicht zu sehr übertönen.

Ich machte Pizza für uns und holte eine Flasche Cola aus dem Kühlschrank – Ja, ich hatte welche gekauft, als wenn ich es wirklich vergessen hätte, Yaya! Du hast dich aufs Bett geworfen und wir haben gemeinsam gegessen und uns dabei einen völlig bescheuerten Film angesehen. Es fühlte sich so gut an, so als wäre niemals etwas gewesen zwischen uns, als wären nicht Wochen seit unserem letzten Treffen vergangen, als hätte es den Tag am Bahnhof niemals gegeben.

Irgendwann drehst du dich auf den Rücken und siehst mich an, ich versuche es zu ignorieren und bekomme doch eine Gänsehaut. Sanft berührst du mein Gesicht und ziehst mich näher an dich heran. Eine kleine Ewigkeit schauen wir uns nur an, dann küssen wir uns, langsam, vorsichtig, als wäre es unser erster Kuss… Du riechst so gut, trotz des Duschgels rieche ich dich. „U smell so good!“ Verlegen schaust du zur Seite:“ Don´t say that…“ – „But it´s the truth.“ Du siehst mich an, du wirkst unsicher, fragend schüttele ich den Kopf. „Someone once told me, I smell too much…“ Ich bin erschrocken, wie konnte jemand so etwas sagen? Du riechst wundervoll, du bist der erste Mensch den ich überhaupt so intensive wahrnehme! Ich streichel vorsichtig über dein Gesicht, küsse dich. „I love it!“

Am nächsten Nachmittag, auf dem Weg zum Bahnhof, erscheint alles zwischen uns wieder wie vorher zu sein. Du sitzt entspannt neben mir und siehst aus dem Fenster. Dann beginnst du das Lied von Chris de Burgh zu singen. Wie immer bekomme ich eine Gänsehaut bei deiner Stimme. Du schaust zu mir rüber und lächelst. „I´ll record it for u one day.“

The Farewell

How badly I want to pick up your scent once more

the scent of your tender skin

heady like the smell of lillies

next to mine

How impatiently I want you to stay

forsaken I am

if you leave me all alone

in this wasteland

And farewell is

such an old acquaintance

Mountains won´t carry

your voice beyond seperation

books won´t perpetuate

promises beyond anguish

My soul

in every region

any country

will  look for the comforting glance

of your wistul eyes

How accurst I am

in this world

without you

my beloved

Antiproportionalität

Ich wollt´s lassen. Wirklich! Ganz ehrlich, ich habe mir vorgenommen es zulassen, nichts mehr zu tun. Ich bin wütend und verletzt und er hat nichts getan, ausser mich weiter zu verletzen, mit seinen unachtsamen Worten, die vielleicht nicht mal unachtsam waren.

Von was redet Ninjaan da eigentlich gerade?

Chaos Ninjaan sollte nämlich eigentlich zwei Dinge lassen!

Ding 1: Yaya!

Ding 2: B.

Ich versuche B. zu lassen, aber dann kann ich Yaya nicht lassen und umgekehrt verhält es sich genauso.  Ich glaube in der Mathematik nennt man so etwas eine umgekehrte Proportionalität oder Antiproportionalität. (Ich war schon immer eine Niete in Mathe, aber ich saß letztens daneben als unser Nachhilfelehrer das erklärt hat und nun schwirrte es mir hierzu gerade im Kopf herum…)

Das bedeutet also bei mir: b ~ 1/y oder aber y ~ 1/b

Zurzeit bin ich in der zweiten Phase. Ich lasse B. und der Kontakt mit Yaya wird wieder mehr. Hätte er sich nicht gemeldet, dann hätte ich mich vielleicht beherrschen können. Da das aber nicht der Fall war, schrieb ich Yaya Montag abend eine Sms. Ich hatte seit Sonntag keine Stimme mehr, hatte etwas Fieber und fühlte mich krank, ich war also nicht nur mental sondern auch physisch angeschlagen (als kleine Entschuldigung…).

Alles was ich schrieb war: „Shalgham“ – Das ist eine Art Rübe aus dem persischen Raum. Wenn einen die Stimme verlässt gibt es, meiner Meinung nach, nichts besseres als das! Einfach gekocht und mit etwas Salz serviert und zack, nach kurzer Zeit ist die Stimme wieder da!

2 Minuten später schrieb er mich bei Skype an (ich war „invisible“), ob ich krank sei und meine Stimme verloren hätte. Wir schrieben ein wenig, redeten über Filme und Musik, nichts besonderes – aber es tat gut, es tat mir sehr gut. Wir verloren kein Wort über unseren Streit, taten so, als wäre niemals etwas gewesen.

Am nächsten Tag schrieb er mich abends an, ob es mir besser gehe und wieder kamen wir auf Musik zu sprechen. Ich erwähnte beiläufig, dass nächsten Monat endlich das neue Album von NAS erscheinen würde, auf das ich schon so lange wartete.

Ninjaan: Nas has a new album in July –  I am dying to have it! forget Kanye or 50 cent
Yaya: nas has released a number from his new album. a single! do u wanna hear?
oh!  i put already in ur drop! how nice i am!
Ninjaan: u did? when?
Yaya: yes! 3 days ago!

Dropbox? Das hatte ich total vergessen! Mein Laptop ist ja seit geraumer Zeit hinüber und ich kann nur den PC meiner Mutter nutzen, hier habe ich mich nie dort eingeloggt. Das holte ich dann natürlich sofort nach! Er hatte mir nicht nur den Song von NAS hochgeladen, sondern noch einige andere Alben – und vor sieben Tagen ein Lied, mit dem Titel „Ich vermisse dich“ (übersetzt).

Ich bedankte mich für die vielen Songs, er hatte sogar ein Album der Lieblingsband meiner Mutter hochgeladen… Seine Reaktion? Ich könne ruhig öfter mal meine Dropbox checken… Werde ich ab jetzt tun.

Umso mehr ich B. lasse, desto mehr hänge ich wieder an Yaya. Yaya wird übrigens wahrscheinlich in wenigen Wochen zurück kommen…sein Praktikum endet Ende Juli…ich bin dann erstmal im Urlaub…und danach? Jetzt gerade, wünsche ich mir nichts mehr, als das er zurück kommt. Ich hatte gehofft, ich hätte es geschafft. Aber wenn ich ehrlich bin, ganz ehrlich und mir selbst nichts vormache – dann wünsche ich es mir wirklich, dann fehlt er mir immer noch. Dann wünschte ich, alles der letzten Wochen wäre niemals geschehen – doch man kann Geschehenes nicht ungeschehen machen und Worte verletzen mehr als Taten…Aber manchmal nicht stark genug…

 

Klassenkonferenz Teil III

„Der Hasan ist doch erst 2003 eingeschult worden!?“ verdutzt sieht die Sekretärin der Grundschule mich an. „2003?“„Ja, 2003! Der ist mit meiner Tochter eingeschult worden. Und sitzen geblieben ist er auch nicht, sondern hat für die Schuleingangsphase 3 Jahre gebraucht.“ Ich schüttel ungläubig den Kopf und sehe zu Hasan hinüber. Er hat den Blick gesenkt und starrt auf seine Schuhe. Ich glaube er hört nicht zu, glaubt sowieso nicht, dass wir das noch irgendwie hinkriegen können.

Ich grinse, nehme dankend die Bestätigung der Grundschule an und verlasse mit Hasan das Sekretariat. „Hast du verstanden was sie da gerade gesagt hat?“ Hasan sieht mich an:„Ja, ich bin 2003 eingeschult worden…?“ – „Jahaaaaa! welches Jahr haben wir heute??“  Jetzt schaut Hasan ganz irritiert:“ 2012?“ Ich gebe ihm einen leichten Schlag auf den Hinterkopf (soll ja bekanntlich das Denkvermögen erhöhen…) und dann macht es endlich Klick bei ihm! „Aaaah! Ninjaaaaaaan! Ich bin erst seit 9 Jahren in der Schule!!!“ Ich muss schmunzeln. Herzlich Willkommen Hasan, du Schnelldenker!

Noch ist er spektisch, auf der Fahrt zur Schule fragt er immer wieder, ob so eine Bestätigung ausreicht, ob sie ihm jetzt wirklich nichts mehr können. Nein, können sie nicht. Er hat keine 10 Schuljahre voll, alles ist gut. Jedenfalls für dieses Jahr.

Im Sekretariat der Gesamtschule kann man uns keine Auskunft darüber geben wo Abteilungsleiter oder Schulsozialarbeiterin stecken, es ist Projektwoche. Wir geben die Bestätigung ab, für Rückfragen notiere ich noch meine Handynummer.

Draussen auf dem Schulhof treffen wir zwei andere Jungs, beide schon 18, beide ohne Ausbildung. Sie hängen da einfach „ab“. Einer von ihnen sollte jetzt allerdings eigentlich in der Schule sitzen, 2. Bildungsweg, eigentlich eine gute Chance für ihn. Er ist klug, hat eine schnelle Auffassungsgabe, ich traue ihm locker das Abitur zu. Leider hat er sich dazu entschieden lieber „Boyz in tha Hood“ zu spielen, als etwas für seine Zukunft zu tun. Man kann nicht jeden retten…

„Ninjaan!“ ruft eben dieser „ich geh von der Schule ab! Ich soll Nachprüfung machen, aber hab kein turn!“ „Schön, Nunu! Dann kannste in einem Jahr als „Avatar“ für das Pennergame Model stehen!“ Entgeistert sieht er mich an:“ Boaaaaaaah! NINJAAN!“ Ich zucke nur die Achseln, ich habe ihm Monate lang Unterstützung angeboten – auch mein Helfersyndrom hat mal ein Ende. Vor allem bei Jungs die eigentlich klug genug sind!

In diesem Moment kommt der Abteilungsleiter auf uns zu. Eigentlich müsste er die Jungs vom Gelände verweisen, sie haben hier nichts zu suchen, aber er ignoriert sie nur. Selbst als Nunu, der das Ignorieren als Angst wertet, sich neben ihm aufbaut. Weil´s der Abteilungsleiter nicht tut, verweise ich sie also des Geländes, murrend ziehen sie ab. Auf Publikum habe ich nämlich gerade keinen „turn“.

Ich berichte dem Abteilungsleiter von unserer Bestätigung und sehe wie er darum bemüht ist, seine Gesichtszüge nicht entgleisen zu lassen. Er lächelt gequält und reicht Hasan die Hand:“ Oh, schön Hasan. Dann ist ja jetzt alles gut. Da hatten wir wohl falsche Informationen vorliegen.“ Hasan lächelt zurück, aber auch eher gequält, nicht weil er sich nicht freut, aber weil er genauso wie ich sieht, dass der Abteilungsleiter alles andere als erfreut ist.

„Damit sollte dann alles geklärt sein, nicht wahr Herr D.?“ – „Ja, ja natürlich Frau H.! Alles geklärt! Hasan bleibt dann natürlich auf der Schule!“

Es mag gemein klingen, aber es war mir ein innerer „Vorbeimarsch“, auch wenn der gute Herr D. mich jetzt wahrscheinlich an jedem einzelnen Tag verfluchen wird.

Hasan begleitet mich, wir wollen noch zusammen lernen. Diskret streckt er mir die Hand zum „Abklatschen“ hin, ich zwinker ihm zu – alles gut gegangen!

 

 

Retrospektive September 2011 – Teil II

19 Uhr, ich war pünktlich am Bahnhof, das erste Wiedersehen nach 6 Wochen, mein Herz schlug mir bis zum Hals. Dieses Wiedersehen war keine Verabredung, du bist gekommen um mir etwas zu bringen, gekommen, um mich zu retten. Ich brauchte deine Hilfe, um mein geplantes HipHop Projekt starten zu können. Wir waren schon viel zu spät dran, die Zeit drängte und weder ich noch meine Kollegen hatten wirklich Ahnung davon. Du schon, das ist deine Leidenschaft, dein Leben. Vor einer Woche schon, hattest du mir den Schlüssel zu deiner Wohnung hinterlegt, damit wir die Gesangskabine, die du uns gespendet hattest, abholen konnten.

Da musstest du arbeiten, konntest nicht dabei sein, ich war erleichtert. Doch nun stand ich am Bahnhof und wartete auf deinen Zug, auf dich, darauf, dass du uns noch andere Sachen vorbei bringst, die wir dringend brauchten und du nicht mehr, jedenfalls zurzeit nicht.

Ich hatte meinen Führerschein abgeben müssen, du hattest das Treffen kurzfristig verschoben und so konnte mich niemand von dort abholen, niemand mich begleiten – ich stand allein dort.

Dein Zug fuhr ein, es war warm, ziemlich warm für einen September Abend. Ich sah dich nicht sofort, zu viele Menschen stiegen aus dem Zug. Erst als die Menschenmenge sich lichtete erkannte ich dich. Diesmal ohne Mütze, aber mit Rucksack wie immer, in der einen Hand eine Tüte in der anderen das Handy. Du hast telefoniert, gelacht  und wie immer senkst du deinen Blick dabei – nie schaust du geradeaus.

Ich sehe dich an und atme langsam ein und aus, locker bleiben! Das hier alles macht mir gar nichts! Du hast ein graues T-Shirt getragen, erst als du näher kommst erkenne ich die Aufschrift darauf „I´m ur personal Shopper“ – ich muss schmunzeln, seit wann trägst du so bescheuerte Shirts?

Endlich erblickst du auch mich, lächelst, beendest dein Telefonat und kommst auf mich zu. Je näher du kamst, desto nervöser wurde ich. Als du vor mir standst und deinen Arm ausgestreckt hast um mich zu umarmen, habe ich automatisch die Luft angehalten – nicht riechen, nicht einatmen jetzt!

Ein kurzer Smalltalk folgt, ich mache einen Witz über dein Shirt, bloß locker wirken – ICH BIN NICHT VERLIEBT (oder besser: Ich will es einfach nicht sein!). Du lächelst nur, so entwaffnend wie immer, mir wird heiß und kalt zur gleichen Zeit.  Und dann sage ich etwas total dummes: „Do u know when ur next train is coming?“ Du zuckst kurz zusammen, schüttelst den Kopf: “Ill go and check it, one moment!”  

Was habe ich da gesagt? Warum habe ich das gesagt? Weil du gehen sollst – weg von mir Yaya, weit weg! Ich halte das sonst nicht aus!

8 Minuten, dann fährt dein nächster Zug, du überreichst mir die Sachen und fragst mich, ob du mir Geld für ein Taxi geben sollst, weil ich ohne Auto bin. Nein, musst du nicht. Ich bringe dich zum Gleis, unten an der Treppe bleibe ich kurz stehen und sehe dir nach, dann drehe ich mich um.

„Ninjaan? Are u okay?“ Du bist auf der Treppe stehen geblieben und hast dich nochmal zu mir umgedreht. Ich nicke nur, schlucke die Tränen runter und gehe zum Bus. Ich kann die Tränen auf der Busfahrt nicht unterdrücken, ich habe mich ganz nach vorne gesetzt, wo es niemand sehen kann. Als ich sie mir aus dem Gesicht wische, bemerke ich plötzlich, dass meine Hand nach dir riecht, ich habe dich nur kurz berührt – ich schluchze hörbar auf.

Eine alte Frau die eben in den Bus eingestiegen ist, legt mir die Hand auf die Schulter: „Das wird schon wieder, Liebes.“

(Vorgezogene) Retrospektive September 2011

Ich überspringe in meiner Erzählung  nun einen Teil, den vielleicht wichtigsten Teil. Die Beschreibung des Moments, als sich meine Kälte in etwas verwandelte, das Andere vielleicht leichthin „Liebe“ nennen würden, ich aber lieber nur „das Gefühl“. Ich bin nicht in der Lage darüber zu schreiben, nicht jetzt, nicht heute und nicht morgen, aber irgendwann. Weil ich den „Tag des Vergessens“ eingeläutet habe. Weil ich beginnen will, dieses „Gefühl“ los zu werden – das geht nur, wenn ich mich nicht an den Anfang erinnere, sondern nur, wenn ich mich an all das erinnere, was uns dorthin geführt hat, wo wir jetzt stehen – am Ende des Weges, unseres Weges.

Erinnerst du dich, Yaya? Als ich Abstand wollte? Als ich mich von dir zurückzog? Als ich dir sagte, wir könnten uns die nächsten Wochen nicht sehen? Du warst verwundert, dachtest ich könnte denken, du hättest ein rein „körperliches“ Interesse an mir. Wie sehr schienst du darum bemüht mir das Gegenteil zu beweisen! Du hast es mir damit so unendlich schwer gemacht, so unendlich schwer mir selbst zu glauben. Ich habe gekämpft, mit aller Kraft, gegen dieses Gefühl, gegen die Erinnerung an deinen Duft, ich war bereit alles zu tun, nur damit es nicht überhand nimmt, um nicht zu zerstören was wir hatten – weil doch alles gut war, zu gut vielleicht?

Deine Worte waren sanft, deine Bemühungen zaghaft, ich stemmte mich dagegen, als würde meine letzte Bastion zu fallen drohen. ich war verletzend, abweisend und konnte doch nicht von dir lassen, wie verwirrend war mein Verhalten für dich? Hast du es geahnt? Hättest du getan, was du getan hast, wenn du es geahnt hättest – oder hast du es gerade deswegen getan?

Ich wollte dich von mir stoßen, mal vorsichtig, mal mit aller Gewalt, ich wollte Distanz. Ich glaubte, es wäre so leichter für mich, ich rechnete mit vielem, mit fast allem, mit deiner Wut, deiner Ignoranz, deiner Abweisung, nichts geschah. Ich war kurz davor aufzugeben, einzusehen, dass ich nicht aufhalten kann, was unlängst begonnen hatte. Du warst im Ausland, ein Kurzurlaub, 10 Tage sagtest du. 10 Tage für dich, eine Ewigkeit für mich. Du meldest dich nur kurz nach der Ankunft, ein einziges Mal zwischendurch, weil du glaubst ich hätte jemand Anderen kennengelernt, ein Missverständnis, ich sehe in deiner Reaktion so etwas wie Eifersucht und beginne zu hoffen – auf mehr, auf alles was gar nicht sein sollte.

Das Mißverständniss belastet auch nach deiner Rückkehr unseren Kontakt, ich bin blind, immer noch hänge ich dem Glauben an, es wäre Eifersucht, du hast es nie dementiert. Dann jedoch, geschieht etwas mit dem ich nicht gerechnet habe, ich werde einer Sache gewahr, die ich niemals vorher beachtet habe. Unser Kontakt war so eng, so intensiv, warum hätte ich jemals auf etwas anderes achten sollen, als auf das, was du mir sagst, mir erzählst? Ich hatte nie einen Grund! Wie so oft im Leben, wird auch mir die hässliche Wahrheit auf einem Silbertablett serviert. Das Silbertablett ist ein „social network“ und die hässliche Wahrheit? Das ist SIE . 

Sie, die gar nicht hässlich ist, die mir nie vorher aufgefallen ist, weil ich dir einfach nicht „nachspioniert“ habe. Sie ist plötzlich da, kommentiert ein Foto von dir von deiner Reise, stolz, sie hat es geschossen. Ich kann es nicht fassen, bin wie gelähmt und reagiere nicht auf deine Nachrichten, drei Tage lang. Ich muss nachdenken, meine Gefühle sortieren, den Schmerz loswerden, irgendwie! Dann der nächste Schock, sie teilt ein Video auf deiner Seite, ein altes, glückliches Ehepaar, mit dem Kommentar dazu, dass sie hoffe, ihr könntet auch einmal so sein, er würde morgens genauso „gähnen“ wie du und sie wisse, dass sie ihr Temperament zügeln müsse.

Immer und immer wieder lese ich ihre Worte, dann packt mich der Wahn, der „Stalkerwahn“, ich durchforste deine Bilder, deine Pinnwand, überall ist SIE! Warum ist sie mir nie aufgefallen? Wie konnte ich das übersehen? Sie schreibt dir Liebesschwüre, Komplimente wo man nur hinsieht – du lässt sie immer unkommentiert.

Daraufhin reden wir viel, das haben wir immer getan, wir diskutieren, werfen mit Worten und Moral um uns, als gäbe es sie im Duzend billiger – aber wir klären niemals wirklich, was geklärt werden muss. Unsere Sprache ist blumig, wir umschreiben, beschreiben, verurteilen, verletzen und vergeben, aber niemals sprechen wir etwas direkt an. Das war schon immer unser Fehler. Diesmal kämpfst du, darum dass es nicht endet, dass unser Kontakt nicht abbricht, obwohl wir keine weiteren Treffen planen – ging es dir wirklich um Freundschaft, um mich? Ich werde es nie erfahren.

Sie war lange vor mir da, sie ist irgendwann gegangen und doch bleibt sie präsent und wahrscheinlich wird sie das noch lange sein – sie ist eine Kämpferin – ich bin es nicht. Ich kündige unsere Verbindung im „Social Network“ auf – weil ich nichts mehr sehen will, nicht stalken will, nicht leiden will. Wenn ich ehrlich bin, weil ich vergessen will, weil ich an dir hänge, weil ich dich brauchte, Yaya. Ich verdränge, ignoriere und am Schlimmsten, ich weigere mich zusehen, dass dieser Bruch, den Anfang vom Ende bedeutete, alles was danach geschah, war niemals so frei und unbeschwert.

Ich erinnere mich an deine Worte, nach meinem dramatischen Vorwurf “ the only bound between u and me is sex – after that, nothing will remain!“ , du sagtest: “ That´s not true! Ninjaan, if u think if we have no sex nothign remains, ok we wont have anymore  and u see that if i accept someone as a friend i can behave like that…i like you! you are a very kind girl , really different from others, honestly! i respect u and u shouldnt see my behaviour as a bad thing! if u know how i am normally, u will know!  but i have contact with u more than my own friends some times! i dont write with any body else, is that hard for me t write? its not a good discussion really, i never like to be in this situation…“

Was ist uns nun geblieben, Yaya? Nach 4 Monaten ohne Treffen, nach nahezu 5 Monaten ohne Sex, weil die letzten Treffen so schwermütig, so traurig waren? Was uns bleibt, ist immer weniger – ich bin nicht sie, ich bin keine Kämpferin. Wenn ich gehe, schaue ich nie zurück – ich bin kurz davor zu gehen.

Retrospektive August 2011

Ich sagte dir, dass wir uns nicht sehen können, den ganzen Monat nicht. Als Vorwand benenne ich das Fasten im August – ich brauche Zeit, Zeit um dieses Gefühl abzustellen. Du warst verwirrt, deine Reaktion darauf war fast schon süß:

„Dear , is it forbidden to meet in ramazan even if we promise to avoid SIN?”

Ich gehe nicht darauf ein, bei deinen Worten hat sich das komische Gefühl bemerkbar gemacht, ein Ziehen in meinem Brustkorb. Du wolltest mich sehen – so ganz ohne alles? Du hast Respekt davor das ich faste, du hättest nichts versucht, da bin ich sicher. Aber es geht gar nicht darum, wir sind ja im Grunde „abgesichert“ – ich will dich einfach nicht sehen, nein das ist gelogen, ich will, aber ich darf nicht.

Da ich nicht regiert habe, bleibst auch du still, du fragst nicht mehr nach einem Treffen, aber du bist präsenter als jemals zuvor. Jeden Tag schreiben wir Sms oder skypen. Du hast immer etwas zu erzählen, als würdest du meinen Distanzierungsversuch doch wahrnehmen, als würdest du ahnen, dass dieser Monat nur eine Ausrede ist, kommst du mir immer näher und näher, auch ohne in meiner Nähe zu sein.

Du hängst dich rein, bist bemüht, aufmerksam und manchmal sogar ein kleiner Schmeichler. In dieser Zeit entstand auch mein Name „Ninjaan“ , nur einer von vielen Kosenamen, die du mir in dieser Zeit gabst. Ich bin beeindruckt, will mich zurückziehen, aber das Gefühl lässt mich nicht, es lässt mich kaum atmen, die Sehnsucht nach dir ist so groß, aber ich frage dich nicht, ich bleibe stur.

Manchmal ist mir deine liebevolle Art, deine Aufmerksamkeit fast zu viel, dann werde ich launisch und abweisend, aber du lässt dich nicht aus der Ruhe bringen. Bei einer kleinen Auseinandersetzung in Skype gehe ich unvermittelt offline, ich bin so emotional bei dir, im positiven ebenso wie im negativen Sinne. Deine Antwort darauf:

„Did u sleep? I was kissing u…“

Mein Herz zieht sich zusammen, ich musste lächeln und  bin mit dem Handy in der Hand eingeschlafen, weil ich nicht aufhören konnte deine Worte zu lesen.

Wenige Tage später sitze ich mit SK nachts bei Burger King, das erste Mal erzähle ich ihm von dir, von uns, von dem was wir haben. Ich bemühte mich betont cool zu wirken „nur Spass“ ist es und dann noch besonders „perfekter Spass“ und wir mögen uns – Ende der Geschichte. Schon damals hat SK mich müde belächelt – perfekt ist es nur, wenn da mehr ist, lautet seine These. Während ich mich dagegen wehre, ihm erzähle, dass weder ich noch du eine Beziehung wollen, bekomme ich plötzlich eine Sms von dir.

„Arent u there? U slept? I have just arrived from work…”

SK riss mir das Handy aus der Hand, grinste breit und sagte nur:” Ja KLAR! Ihr habt nur Spass – warum schreibt er dir dann mitten in der Nacht wo du bist? Will er sich treffen? Wenn nicht, dann ist das hier nicht nur „Spass“! “ Ich nahm ihm das Handy weg und schüttelte beleidigt den Kopf, der hat doch keine Ahnung!

Einen Tag später schreibst du mir bei Skype, ob du mir etwas sagen dürftest, auch wenn es jetzt, in diesem Monat etwas unangebracht wäre.

Ninjaan: hö? About what did you think?

Yaya:  haha

Ninjaan:  yalla tell me

Yaya:  i dont know if talking about sex is also haram in ramazan 😀

Ninjaan: I will survive. You  thought about sex? And what exactly?

Yaya:  that u are too good…

Ninjaan:  thanks… I dont know if thats what should be said…but sounds like a compliment somehow..

Yaya: of course it is

SK´s Worte kommen zurück in meinen Kopf „etwas Perfektes ist niemals nur Spass“….VERDAMMT! Das muss aufhören – warum hörte es denn nicht einfach auf, Yaya?

Klassenkonferenz Teil II

Die Schulsozialarbeiterin rief mich gestern an, mein Hasan hätte am Freitag (also heute) noch ein Gespräch mit ihr und dem Abteilungsleiter, ich solle bitte dabei sein. Super, denke ich mir, gerade Urlaub bis Mittwoch eingereicht und schon der nächste, nicht aufschiebbare Termin, aber gut, dass ist es mir wert.

Um Punkt 10 Uhr erreiche ich die Schule, Hasan wartet schon auf mich, er wirkt geknickt, nervös. Verständlich, wäre ich nicht da, müsste er dieses Gespräch nun alleine führen. Immer wieder denke ich darüber nach, wie ich selbst mit 15 Jahren war. Hätte ich nicht Eltern gehabt, die zwar streng waren, aber immer hinter mir standen wenn es hart auf hart kam, wo wäre ich dann heute?

Gemeinsam betreten wir das Büro der Sozialarbeiterin und nehmen auf einem großen Sofa mit Stofftieren Platz. Eine komische Situation, Hasan fällt ein Plüschhund auf den Schoß, mich glotzt ein Stoffkoala mit großen Augen an. Ich liebe Koalas, aber jetzt gerade kommt mir das alles irrwitzig vor, ich muss Schmunzeln, auch Hasan muss kurz Lächeln. Vielleich sind sie dafür da? Zur Entspannung?

Das Urteil der Klassenkonferenz liegt uns bereits schriftlich vor, ein Verweis in seiner Schülerakte und 1 Woche Suspendierung (mir wird sich der Sinn dieser „Strafe“ glaube ich nie erschließen…Ausschluß vom Unterricht….für Problemschüler sicher was gaaanz, gaaanz schlimmes). Jetzt geht es um die Schulverlängerung.

Der Abteilungsleiter geht auf Hasan´s Noten ein, die sind katastrophal geworden im letzten Schuljahr, wäre er nicht auf einer Gesamtschule, würde er sitzenbleiben, aber hier bleibt man bis zur 9. Klasse nicht sitzen. Er beginnt „Alternativen“ aufzuzählen, die, meines Erachtens, keine Alternativen sind. Hasan hat noch Schulpflicht, aber eben 10 Jahre voll (Ende August wird er 16) und somit muss die Schule ihn nicht behalten.

Bei den Alternativen zuckt Hasan zusammen, ich ebenfalls. Das sind keine Alternativen, da ist Endstation. Es gibt keine Erhebung über die Erfolgsquote, erfahrungsgemäß schaffen es auf diesen „vorgeschlagenen Schulen“ aber höchstens 10%. Alle Anderen fallen durch´s Raster, bleiben ohne Abschluß und landen bestenfalls eines Tages in einer Zeitarbeitsfirma. Das ist Hasan genauso bewusst wie mir, den Lehrern vielleicht auch, aber sie wollen es nicht so deutlich vor ihm sagen. Das übernehme ich dann und ernte einen vorwurfsvollen Blick von beiden Seiten.

Hasan fleht um eine letzte Chance, dass man ihm noch eine Chance gibt, eine Einzige, weil er erst in der 8. Klasse ist, und das, laut Abteilungsleiter, eine „extrem Situation ist, die nur selten Anwendung findet“. Ein Schuljahr indem er sich beweisen kann, er will einen Abschluss, will es schaffen. Seine Familie macht unheimlichen Druck, er selbst erwartet mehr von sich, will packen, wie, weiß er allerdings selbst nicht. – Ich hätte es mit 15 auch nicht gewusst, warum vergessen das immer soviele?

Der Abteilungsleiter bleibt stur, fragt mich, ob ich Hasan bei seinen Bemühungen eine neue Schule zu finden unterstützen werde. Ja, werde ich. Zuerst aber werde ich Widerspruch einlegen. Ich bitte Hasan draußen zu warten und Sozialarbeiterin und Abteilungsleiter um einige Minuten. Das was ich nun sage, ist nicht für seine Ohren gemacht.

Ich spreche ruhig, obwohl ich innerlich brenne, ich bin wütend, möchte sie anmaulen, warum sie ihn aufgeben, warum sie ihn fallen lassen und ob sie nicht denken, es gehe um das Wohl des Kindes! Ich drücke mich diplomatisch aus, prangere unser Schulsystem an. Der Abteilungsleiter spricht von eigenem Versagen, ich denke er will mich schnell loswerden, den Gefallen tue ich ihm nicht. Ich weise die Schuldfrage ab, es geht nicht um Schuld, es geht um das, was wir nun tun müssen, um Hasan zu helfen. Darum, dass wir nicht sofort aufgeben dürfen, wir als Pädagogen.

Ja, Schulen sind überbelegt, wir können nicht jeden retten, aber wir sollten es versuchen. Der Abteilungsleiter schweigt, die Schulsozialarbeiterin stimmt mir zu, ich bin mir nicht sicher auf wessen Seite sie steht. Ich hoffe auf Hasan´s.

Ich informiere beide darüber, dass ich ein Gespräch mit dem Schulleiter will, den ich persönlich kenne. Jener Schulleiter der mir vor vielen Jahren eine Chance gab, als meine alte Schule mich „schmeissen“ wollte. Jener Schulleiter, der mir, nachdem ich „einfach so“ (hinter jedem einfach so steckt natürlich eine Geschichte) die Schule abbrach einen neuen Schulplatz organisierte. Der mich immer ermutigte und an mich glaubte. Als ich ihn Jahre später, während meines Studiums einmal anrief und ihn um einen Praktikumsplatz bat, sagte er:“ Ach Ninjaan! Ich wusste du packst das! Du kannst jederzeit zu uns kommen!“

Er glaubte an mich, meine Eltern glaubten an mich. Und ich habe es geschafft, nach viel hin und her. Viele haben nicht an mich geglaubt, ich sollte sogar von der Schule geworfen werden, weil „mein Verhalten“ nicht mehr „tragbar“ war – warum es so war und warum es später auf der anderen Schule niemals so schlimm wurde, diese Frage haben sich meine alten Lehrer wahrscheinlich niemals gestellt.

Nicht jeder nutzt die Chancen die einem geboten werden, nicht jeder nimmt die helfende Hand, die ihm gereicht wird. Ich weiss noch nicht, für was Hasan sich genau entscheiden wird. Aber solange ich Hoffnung habe, will ich an ihn glauben und ihn unterstützen und ich hoffe sehr, dass der Schulleiter hier mit mir übereinstimmt. Weil ich weiss, dass es sich lohnt, weil ich weiss, dass ich heute nicht wäre, wo ich jetzt bin, wenn mir niemand eine Chance gegeben hätte.