Klassenkonferenz: Von Sozialarbeitern & Lehrern

Montag, nach einer 24 Std. Schicht fahre ich gehetzt und angeschlagen zu meinem „eigentlichen“ Job. Vorher schaue ich für 15 Minuten zuhause rein, Jogginhose aus, Sommerkleid an, Haarreif ins Wuschelhaar, etwas Mascara und weiter gehts.

Schon um 12:15 wartet Hasan zappelig vor der Einrichtung auf mich. “ Vallah Ninjaan! Das geht total schief heute! Mein Vater weiß glaub ich immer noch nichts und meine Mutter geht nicht ans Handy! Aber mein Bruder kommt mit, reicht das?“ Nein, reicht nicht. Sein Bruder ist nämlich noch nicht volljährig! Nachdem wir alles noch einmal durchgegangen sind, machen wir uns auf den Weg zur Schule. Es ist furchtbar schwül, mich überkommt die Müdigkeit. Hasan sieht mich traurig an:“ Du musst das nicht machen Ninjaan! Ich habe voll schlechtes Gewissen jetzt! Wegen mir nur bist du hier!“ – „Alles gut Hasan mein Herz, ich habe heute eh noch andere Termine und ich lass dich da nicht alleine hin!“ Er lächelt selig.

Vor der Schule wartet schon sein Bruder, er ist nervös. Er hatte nie eine Klassenkonferenz. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber alle schwärmen von ihm, er ist der „Mustersohn“ – jedesmal, bei solchen Worten, sehe ich wie Hasan, kaum merklich, zusammen zuckt. Weder Vater noch Mutter sind da. Der Onkel (übrigens B.) ruft mich an, es wäre keine gute Idee wenn die Eltern kommen, der Vater schreit im Hintergrund. Einer MUSS aber kommen, also schnappt B. sich die Mutter und verspricht in wenigen Minuten da zu sein. Die Lehrerin Frau P. kommt auf uns zu, mich ignoriert sie.

„Hasan! Komm mit jetzt!“

„Ich warte noch auf meine Mutter, Frau P.“

„MUTTER? Dein Vater hat hier zu erscheinen, nicht deine Mutter!“

„Wieso?“ fragt der große Bruder irritiert, „sie ist doch genauso erziehungsberechtigt wie mein Vater?“

„Das spielt keine Rolle, dein Vater hat hier zu erscheinen, nicht deine Mutter! Was soll das??“

“ Das soll nichts, aber mein Vater arbeitet und meine Mutter wird gleich da sein, mein Onkel holt sie gerade.“

„Deine Mutter braucht nicht zu erscheinen! Dein Vater soll kommen“ Ruf ihn an!“ Ihr Kopf rötet sich und das erste Mal fällt ihr Blick auf mich. Realisiert sie erst jetzt, dass ich dazu gehöre und definitiv KEINE Jugendliche bin? Als ich gerade etwas sagen wollte, weil mir dieses Getue langsam zu bunt wird (warum kann die Mutter nicht kommen?), dreht sie sich unvermittelt um und verschwindet im Schulgebäude.

Wenige Minuten später erscheint die Mutter, ich stelle mich vor, sie ist erleichtert, dass ich dabei bin. Es sieht aus als habe sie geweint, zuhause scheint er Bär los zu sein.  Vor dem Sekretariat wartet der „Abteilungsleiter“ (warum auch immer das heute so heisst…), er begrüßt die Jungs, die Mutter und wendet sich dann mir zu. Ich stelle mich vor, erkläre warum ich da bin (auf Bitten der Familie J.) und dass ich mit dem Jungen lange arbeite. Der Abteilungsleiter lächelt gekünstelt:“ Schön, finde ich gut, dass sie da sind. Aber das ist eine Anhörung, wir haben Regeln. Ich muss sie bitten draussen zu warten, bis ich sie herein bitte.“

In mir grummelts, was ist das denn bitte? Heute morgen hatte mir die Sozialarbeiterin (!) der Schule bestätigt, dass es kein Problem sei, wenn die Familie mich dabei haben will. Eine Auseinandersetzung vor der Klassenkonferenz ist allerdings kontraproduktiv, also halte ich den Rand und warte geduldig draussen. 30 Minuten, dann werde ich rein gebeten. Das Meiste ist schon gelaufen, Hasan hat Tränen in den Augen und sieht auf den Boden, die Mutter sitzt ratlos zwischen ihren Söhnen und der ältere Bruder spricht leise auf seine Mutter ein.

Frau P. versucht mich abermals zu ignorieren, doch ich reiche ihr betont freundlich die Hand und stelle mich vor. Die Gesichtszüge entgleisen ihr für eine Sekunde. (Tja, dumm gelaufen. Da haben sie eben vor mir eine ganz schöne Schau geboten – und ja Frau P. – ich melde das dem Schulleiter, den ich übrigens noch aus meiner eigenen Schulzeit kenne! ) Ich soll lediglich eine Einschätzung abgeben und erklären warum ich mich für Hasan einsetze. Lächerlich, dafür bin ich nicht gekommen, jedenfalls nicht nur! Warum ich mich einsetze? Weil ich glaube, dass 15jährige nicht von der Schule geworfen werden sollten, weil ich glaube das man nicht aufgeben sollte und wir unsere „Probleme mit der Jugend“ zu einem großen Teil selbst verzapfen, und sie – die immer noch Kinder sind – es auszubaden haben.

Das Ergebnis wird per Post mitttgeteilt werden. Sollte er nicht fliegen, kann es dennoch sein, dass er keine „Schulzeitverlängerung“ (was es nicht alles gibt!) bekommt und dennoch gehen muss…mit dann gerade 16 – ohne Abschluss!  Der Abteilungsleiter reicht mir zum Abschied die Hand, er würde sich melden, fände es sooo toll, dass ich dabei gewesen bin – ja klar! Weil wir Sozialarbeiter so gerne gesehen sind an Schulen, ich kann davon ein Lied singen! Man sieht uns nicht als Unterstützung, als Vermittler, sondern als Dorn im Auge – würden wir zusammen arbeiten, wie in Skandinavien, man könnte viel erreichen, aber das ist hier noch nicht angekommen.

Beim Verlassen des Gebäudes sichere ich der Mutter weitere Unterstützung zu. Sie redet leise auf Hasan ein…warum er nicht mehr so wäre wie sein Bruder. Hasan wendet sich ab, er will nicht mit ihnen nach Hause (verständlich…) und begleitet mich. Er kämpft gegen die Tränen (das ist uncool) und tritt wütend gegen einen eh schon kaputten Zaun.

„Ich lass dich nicht hängen Hasan – ich versuche das zu regeln, versprochen!“ Ich spüre auch wieder die Wut in mir, am liebsten hätte ich mit gegen den Zaun getreten. „Ich weiss! Aber alle anderen, Ninjaan! Guck! Die lassen dich nicht rein! Die wissen, dass sie das alles nur vor meiner Mutter und meinem Bruder sagen konnten! Gegen deine Sachen haben die keine Chance! Vallah! Die wussten du redest die kaputt!“

Ich rufe B. an, erzähle ihm alles. Bitte ihn, den Vater zu beruhigen. „Keine Chance Ninjaan – den kann man nicht beruhigen…“

Frustriert gebe ich noch drei anderen Kids Nachhilfe und fahre dann weiter zur nächsten Nachtschicht – Dienstag ist Ausruhtag, das brauche ich. Mittwoch setze ich mich dann mit Sozialarbeiterin und Schulleiter hin – da muss es ne Lösung geben und Frau P. brauch mal einen auf den Deckel!

Sozialarbeiter und Lehrer….es könnte so schön sein, so erfolgsversprechend – aber davon sind wir teilweise noch weit entfernt…

(Als Anmerkung: Es gibt viele herausragende Lehrer, vor denen ich den allergrößten Respekt habe! Aber leider, meines Empfindens nach, mehr von der anderen Sorte. Überarbeitet, demotiviert und nicht am Wohle des Kindes interessiert…)

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4 Kommentare

  1. Ich♥Dich · Juni 19, 2012

    Ich habe wirklich Respekt vor deiner Arbeit! Wie du dich reinkniest und das Wohl der Jungs ein wenig über deins stellst.
    Für sowas muss man seinen Job echt lieben.
    Toll, dass es so Leute gibt, wie dich!

  2. Träumerin · Juni 19, 2012

    Boah, diese Frau P. ist mir schon vom Lesen her total unsympathisch. Hoffentlich kriegt sie für ihr Verhalten wirklich ordentlich eine auf den Deckel.
    Ich drück die Daumen für einen guten Ausgang der Geschichte.

    • ninjaan · Juni 19, 2012

      Mir war sie auch gleich unsympathisch, ihr Verhalten mir gegenüber hat meine Befürchtungen nur bestätigt. Wer sich so verhält zeigt damit nur wie wenig ihr an dem Wohl des Kindes gelegen ist – es geht um sie, darauf das sie keine Lust mehr hat auf ihn – schrecklich sowas.
      Mal sehen was sich nun ergibt, ich bin gespannt – aber ich bleibe auf jeden fall dran!

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