Nachtschicht

Es ist 22:15 Uhr, Montag abend. Alle Kinder der Jugendwohngruppe sind im Bett, endlich. Gut, dass sie bei mir immer so umgänglich sind. B. ruft an, er ist besorgt: „Schläfst du? Schlafen die Kinder? Brauchst du etwas? Du sahst so unglaublich kaputt heute aus! Man kan doch nicht 8 Tage ohne Pause arbeiten! Du bist verrückt!“ Ich bin tatsächlich kaputt, der Heuschnupfen ist eine zusätzliche Belastung. Ich bin kaputt und hungrig. B. macht sich auf den Weg, 25km hin und zurück, nur um mir etwas zu essen und zu trinken zu bringen. Ich bin gerührt.

Als er ankommt falle ich ihm erschöpft in die Arme, er hält mich fest, bringt mich zum lachen. Wir stehen vor dem Haus, ich kann nicht einfach einen Mann hier reinlassen…und dann noch um die Uhrzeit!

Wir albern leise herum, kein Kind soll wach werden. Lachen…das tut gut, es streichelt die Seele. Wir küssen uns, lange, sanft. Ich wünschte er würde nie gehen. Er sieht mich an, mit diesem Blick, den ich nicht mag.

„Du bist zu gut, zu lieb. Immer tust du alles für alle! Du musst mehr an dich denken!“

„Das ist mein Job…“

„Und was ist dann dein Privatleben?“

„Jetzt gerade bist du es…“

Er seufzt leise. „Was tue ich hier? Ich bin für niemanden gut! Ich habe da ein Kind und eins da und für keinen bin ich ein wirklicher Vater! Ich kann nicht gehen Ninjaan, jetzt nicht. Ich werde dann auch für meinen 2. Sohn kein richtiger Vater sein können… Und jetzt, jetzt bin ich auch noch für dich schlecht. Und du, du bist der letzte Mensch der das verdient! Du bist das Beste in meinem Leben und was tue ich? Ich ziehe dich mit hinunter.“

Die Tränen schießen mir in die Augen, ich weiss das alles. Aber will es nicht hören. Ich bin müde, erschlagen, habe Heuschnupfen und dann noch meine Tage – ich will das nicht hören. Ich würde gerne weinen, aber ich will ihn auch nicht unter Druck setzen.

Ich will nichts zerstören“, sage ich Tränen erstickt „das will ich nicht! Vielleicht, wenn ihr euch noch eine Chance geben würdet, neu anfangen würdet.“ – „Nein! Das bringt nichts. Das ist keine Liebe, aber sie ist die Mutter meines Kindes. Ich kann nicht einfach so loslassen – auch dich wollte ich nie loslassen und tue es jetzt wieder nicht. Das ist meine größte Schwäche. Vergib mir…“

Ich schlucke die Tränen hinunter und begleite ihn zum Auto. Im Hausflur kommen mir die Tränen, jetzt will ich weinen. Nachtschichten sind wie gemacht dafür. Aber dann klingelt mein Handy, B. will noch reden. Er ahnt, dass ich weinen muss. Er redet und redet, versucht mich zum Lachen zu bringen. Ich lächel gequält. Dann schlafe ich erschöpft ein, das Handy in der Hand. Vier Stunden kann ich schlafen, dann klingelt der Wecker – die Kinder stehen selten von alleine auf.

 

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6 Kommentare

  1. Ich♥Dich · Juni 19, 2012

    Ach Mensch, du hast aber auch ein glückliches Händchen, was?
    Ich würde mich für euch beide so freuen, wenn es ein Happy End gibt.

    Meine Meinung zu „Wir bleiben wegen der Kinder zusammen“ ist die gleiche, wie die der Träumerin.
    Wir wissen ja aber, dass es bei B. auch die kulturellen Gründe gibt.
    Ihr habt es echt nicht leicht. Das tut mir so leid!

    • ninjaan · Juni 20, 2012

      Ich sag ja…mein Drehbuchautor ist ein Witzbold aka Sadist 😉

      • Ich♥Dich · Juni 20, 2012

        Unsere müssen Hand in Hand gearbeitet haben 😀

      • ninjaan · Juni 20, 2012

        Ahhh! Ja! Und unser Treffen hier auf dem Blog ist auch geplant – wir haben fast zeitgleich damit begonnen…na wenigstens haben sie sich eine gute Sache einfallen lassen 😉

  2. Träumerin · Juni 19, 2012

    Hm….ist er ein richtiger Vater, bloss weil er bei der Kindesmutter bleibt, die er nicht liebt? Kinder spüren so etwas. Meine Eltern haben sich auch nicht (mehr) geliebt. Für mich war es schrecklich, das mitansehen zu müssen. Mir wäre eine Trennung tausendmal lieber gewesen, anstatt beide Elternteile unglücklich zu sehen. Kannst Du ihm diesen Ansatz mal zum Überlegen nahebringen, ohne dass er denkt, dass Du ihn damit in Deine Richtung manipulieren willst? Ich denke hier wirklich nur an das Kind. Viele Eltern denken, sie müssten wegen der Kinder zusammenbleiben und wissen gar nicht, was sie ihm damit antun…. wie gesagt, Kinder spüren so genau, wenn etwas nicht stimmt.

    Oder spielt er seiner Frau überzeugend die Rolle des liebenden Ehemannes vor? Wie sind ihre Gefühl für ihn? Erzählt er darüber etwas?

    • ninjaan · Juni 19, 2012

      Er hat noch einen Sohn, aus seiner ersten Beziehung, den sieht er kaum noch, obwohl er sich (jedenfalls damals) sehr darum bemüht. Ich denke er befürchtet, dass es nun genauso schlimm oder noch schlimmer kommen würde, da seine jetzige Frau sicher zurück in ihre Heimatstadt gehen würden.
      Ich bin sehr unsicher bei diesem Thema, ich will ihn nicht wirklich beeinflussen und natürlich denke ich, nein bin mir sicher, dass ich an all dem auch nichts ändern könnte.
      Ich stimme dir aber zu, auch meine Eltern haben sich Ewigkeiten gequält, „wegen mir“. Besser wäre es für mich gewesen, wenn sie sich viel früher getrennt hätten, nicht erst nach 24 Jahren (!)…

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