Klassenkonferenz Teil II

Die Schulsozialarbeiterin rief mich gestern an, mein Hasan hätte am Freitag (also heute) noch ein Gespräch mit ihr und dem Abteilungsleiter, ich solle bitte dabei sein. Super, denke ich mir, gerade Urlaub bis Mittwoch eingereicht und schon der nächste, nicht aufschiebbare Termin, aber gut, dass ist es mir wert.

Um Punkt 10 Uhr erreiche ich die Schule, Hasan wartet schon auf mich, er wirkt geknickt, nervös. Verständlich, wäre ich nicht da, müsste er dieses Gespräch nun alleine führen. Immer wieder denke ich darüber nach, wie ich selbst mit 15 Jahren war. Hätte ich nicht Eltern gehabt, die zwar streng waren, aber immer hinter mir standen wenn es hart auf hart kam, wo wäre ich dann heute?

Gemeinsam betreten wir das Büro der Sozialarbeiterin und nehmen auf einem großen Sofa mit Stofftieren Platz. Eine komische Situation, Hasan fällt ein Plüschhund auf den Schoß, mich glotzt ein Stoffkoala mit großen Augen an. Ich liebe Koalas, aber jetzt gerade kommt mir das alles irrwitzig vor, ich muss Schmunzeln, auch Hasan muss kurz Lächeln. Vielleich sind sie dafür da? Zur Entspannung?

Das Urteil der Klassenkonferenz liegt uns bereits schriftlich vor, ein Verweis in seiner Schülerakte und 1 Woche Suspendierung (mir wird sich der Sinn dieser „Strafe“ glaube ich nie erschließen…Ausschluß vom Unterricht….für Problemschüler sicher was gaaanz, gaaanz schlimmes). Jetzt geht es um die Schulverlängerung.

Der Abteilungsleiter geht auf Hasan´s Noten ein, die sind katastrophal geworden im letzten Schuljahr, wäre er nicht auf einer Gesamtschule, würde er sitzenbleiben, aber hier bleibt man bis zur 9. Klasse nicht sitzen. Er beginnt „Alternativen“ aufzuzählen, die, meines Erachtens, keine Alternativen sind. Hasan hat noch Schulpflicht, aber eben 10 Jahre voll (Ende August wird er 16) und somit muss die Schule ihn nicht behalten.

Bei den Alternativen zuckt Hasan zusammen, ich ebenfalls. Das sind keine Alternativen, da ist Endstation. Es gibt keine Erhebung über die Erfolgsquote, erfahrungsgemäß schaffen es auf diesen „vorgeschlagenen Schulen“ aber höchstens 10%. Alle Anderen fallen durch´s Raster, bleiben ohne Abschluß und landen bestenfalls eines Tages in einer Zeitarbeitsfirma. Das ist Hasan genauso bewusst wie mir, den Lehrern vielleicht auch, aber sie wollen es nicht so deutlich vor ihm sagen. Das übernehme ich dann und ernte einen vorwurfsvollen Blick von beiden Seiten.

Hasan fleht um eine letzte Chance, dass man ihm noch eine Chance gibt, eine Einzige, weil er erst in der 8. Klasse ist, und das, laut Abteilungsleiter, eine „extrem Situation ist, die nur selten Anwendung findet“. Ein Schuljahr indem er sich beweisen kann, er will einen Abschluss, will es schaffen. Seine Familie macht unheimlichen Druck, er selbst erwartet mehr von sich, will packen, wie, weiß er allerdings selbst nicht. – Ich hätte es mit 15 auch nicht gewusst, warum vergessen das immer soviele?

Der Abteilungsleiter bleibt stur, fragt mich, ob ich Hasan bei seinen Bemühungen eine neue Schule zu finden unterstützen werde. Ja, werde ich. Zuerst aber werde ich Widerspruch einlegen. Ich bitte Hasan draußen zu warten und Sozialarbeiterin und Abteilungsleiter um einige Minuten. Das was ich nun sage, ist nicht für seine Ohren gemacht.

Ich spreche ruhig, obwohl ich innerlich brenne, ich bin wütend, möchte sie anmaulen, warum sie ihn aufgeben, warum sie ihn fallen lassen und ob sie nicht denken, es gehe um das Wohl des Kindes! Ich drücke mich diplomatisch aus, prangere unser Schulsystem an. Der Abteilungsleiter spricht von eigenem Versagen, ich denke er will mich schnell loswerden, den Gefallen tue ich ihm nicht. Ich weise die Schuldfrage ab, es geht nicht um Schuld, es geht um das, was wir nun tun müssen, um Hasan zu helfen. Darum, dass wir nicht sofort aufgeben dürfen, wir als Pädagogen.

Ja, Schulen sind überbelegt, wir können nicht jeden retten, aber wir sollten es versuchen. Der Abteilungsleiter schweigt, die Schulsozialarbeiterin stimmt mir zu, ich bin mir nicht sicher auf wessen Seite sie steht. Ich hoffe auf Hasan´s.

Ich informiere beide darüber, dass ich ein Gespräch mit dem Schulleiter will, den ich persönlich kenne. Jener Schulleiter der mir vor vielen Jahren eine Chance gab, als meine alte Schule mich „schmeissen“ wollte. Jener Schulleiter, der mir, nachdem ich „einfach so“ (hinter jedem einfach so steckt natürlich eine Geschichte) die Schule abbrach einen neuen Schulplatz organisierte. Der mich immer ermutigte und an mich glaubte. Als ich ihn Jahre später, während meines Studiums einmal anrief und ihn um einen Praktikumsplatz bat, sagte er:“ Ach Ninjaan! Ich wusste du packst das! Du kannst jederzeit zu uns kommen!“

Er glaubte an mich, meine Eltern glaubten an mich. Und ich habe es geschafft, nach viel hin und her. Viele haben nicht an mich geglaubt, ich sollte sogar von der Schule geworfen werden, weil „mein Verhalten“ nicht mehr „tragbar“ war – warum es so war und warum es später auf der anderen Schule niemals so schlimm wurde, diese Frage haben sich meine alten Lehrer wahrscheinlich niemals gestellt.

Nicht jeder nutzt die Chancen die einem geboten werden, nicht jeder nimmt die helfende Hand, die ihm gereicht wird. Ich weiss noch nicht, für was Hasan sich genau entscheiden wird. Aber solange ich Hoffnung habe, will ich an ihn glauben und ihn unterstützen und ich hoffe sehr, dass der Schulleiter hier mit mir übereinstimmt. Weil ich weiss, dass es sich lohnt, weil ich weiss, dass ich heute nicht wäre, wo ich jetzt bin, wenn mir niemand eine Chance gegeben hätte.

 

 

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5 Kommentare

  1. Ich♥Dich · Juni 25, 2012

    Was mich schon beim ersten Teil von Hasan gewundert hat, ist dass er so „vernünftig“ rüberkommt. Dass er selber weiß, dass alles ziemlich aus dem Ruder gelaufen ist und er nichts mehr möchte als eine gute Zukunft (mit entsprechender Schulbildung). Und so wie er mit dir umgeht, scheint er ja eigentlich auch ein Lieber zu sein.
    Warum hat das denn vorher bei ihm nicht klick gemacht? Oder wurde alles in der Schule dramatisiert?

    Ich finde es auf jeden Fall immer noch bewundernswert, wie du dich für ihn einsetzt!

    • ninjaan · Juni 25, 2012

      Wenn wir sprechen ist er sehr einsichtig, aber er ist natürlich schwierig, sehr schwierig. Er fühlt sich als „schwarzes Schaf“ der Familie, von niemandem akzeptiert. Sein „Mist“ bauen ist für ihn seine Art nach Aufmerksamkeit zu rufen. Ich stehe bei ihm noch total am Anfang und es liegt viel Arbeit vor ihm, vor allem an seinem Verhalten.
      Bei mir ist er aber allerdings sehr lieb, ich kann zu ihm durchdringen, jedenfalls im Moment. 🙂

      • Ich♥Dich · Juni 26, 2012

        Ich hoffe wirklich für ihn, dass es so bleibt und er dich nicht irgendwann von seinen Gedanken und Hoffnungen ausschließt.
        Es wäre wirklich eine tolle Leistung für euch beide, wenn er sein Leben (wieder) auf die Reihe kriegt.

  2. lebenstattponyhof · Juni 24, 2012

    Ich wünsche Hassan, dass seine Lehrer für seine Zukunft entscheiden, nicht gegen sie.
    Wenn ich sowas lese, wird mir gleich anders, aber leider ist Hassans Geschichte keine Ausnahme.

    • ninjaan · Juni 25, 2012

      Genau das wünsche ich mir auch! Es wird sich wohl diese Woche entscheiden, ich werde nicht locker lassen, mal sehen ob wir es schaffen!

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