Nichts bleibt wie es war

B.

Als ich ihn vor Jahren auf der Arbeit kennenlernte, verliebte ich mich in ihn. Nicht weil er schön war, nicht weil er außerordentlich gebildet oder selbstbewusst war. Ich verliebte mich in ihn, weil er er war. Weil er besonders war. Er war der mit Abstand liebevollste, freundlichste und zärtlichste Mensch den ich jemals kennengelernt hatte. Nur deswegen ließ ich mich überhaupt so schnell auf eine Beziehung mit ihm ein. Ich war überwältigt von seiner Art. Von Anfang an herrschte zwischen uns ein tiefes Vertrauen, ein Band der Freundschaft gepaart mit inniger Zuneigung. Wir stritten niemals wirklich, konnten uns aufeinander verlassen. Jeder Tag mit ihm war schön, neu, aufregend und zugleich sicher. Ja, Sicherheit, ich vertraute ihm. Das erste Mal in meinem Leben war ich nicht mißtrauisch, habe nicht gezweifelt. Meine Freunde liebten ihn, er liebte sie. Innerhalb kürzester Zeit war er ein fester Bestandteil meines Lebens. Niemals war ich mir sicherer den Richtigen gefunden zu haben.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich auch nach all den Jahren, nachdem wir auseinander gerissen wurden, noch an ihn gedacht habe, er mir gefehlt hat und ich Angst hatte, Angst vor dem Moment, an dem wir uns wieder begegnen würden.

Als wir uns nun vor knapp einem Monat wiedersahen, waren all diese Gefühle wieder da, die Trauer, die Zuneigung, das Vertrauen, der Wunsch, dass es niemals geendet hätte, jedenfalls nicht so. All das hat mich schwach werden lassen. Eigentlich, nein nicht eigentlich, sondern tatsächlich habe ich starke Gefühle für jemand anderes. Jemanden der völlig anders ist als B.. Yaya ist selbstbewusst, gebildet, sanft und hart zur gleichen Zeit. Er ist verschlossen, B. dagegen ein offenes Buch.

Und trotz meiner Gefühle für Yaya, konnte B. mich so sehr berühren, mich schwach werden und gegen meine Prinzipien verstossen lassen.

Yaya ist der geheimnisvolle, jeder Moment mit ihm war berauschend, extrem, auf die eine oder andere Art.

B. ist der ruhige, sichere, mit ihm ist es wie das Ankommen, ruhig, bedacht, ohne Extreme.

Dieser Unterschied, die Erinnerungen, die auf Eis gelegten Gefühle, alles auf einmal brachte mich dazu, ihn wieder zu treffen. Noch einmal dieses Sicherheit fühlen… nur noch einmal. Den Moment genießen, sich erinnern, fallen lassen und aufgefangen werden.

Aber ich habe nicht bedacht, nicht in Erwägung gezogen, dass die Zeit uns verändert. 4,5 Jahre sind eine ganze Zeit. Auch ich habe mich verändert, ich kann schwer sagen in welchem Maße, aber jetzt, nach einem Monat sehe ich B.´s Veränderung.

Selbstlos war er einmal, immer bedacht auf das Glück der Anderen, niemals sagte er verletzende Worte – ich habe immer bezweifelt, dass er das überhaupt könne, verletzend sein. Nun ist er anders, kühler, nicht unbedingt mir gegenüber, aber ich sehe seine Einstellung und höre seine Erkärungen “ Das Leben hat mich so gemacht Ninjaan! Willst du mir das vorwerfen? Ich war immer lieb und nett, was habe ich bekommen?“

Du bist noch so jung B., jünger als ich. Du bist verbittert, hart in deinen Urteilen, selbstsüchtig in deinen Taten. Du willst nicht verletzen, aber du tust es, gut, du bist selbst verletzt, aber das ist eine schwache Ausrede. Denn am Ende des Tages, am Ende unseres Lebens, sind nur wir selbst verantwortlich, für das was wir tun. das Schicksal drängt uns in die eine oder andere Richtung, aber noch, noch können wir uns auflehnen, uns dagegen stemmen, nur der Tod ist für die Ewigkeit. Wenn wir uns treiben lassen, niemals kämpfen, dann können wir das nicht den Menschen um uns herum vorwerfen.

Ich bin schockiert, von vielen deiner Worte, deiner Taten. Ich kann es nicht fassen. Bist du das? Warum hast du nur zugelassen, dass das Leben so etwas aus dir macht? Ich will meine Augen davor verschließen, ich will dich so nicht sehen, ich will nicht sehen, dass du dich so verändert hast. Aber du drängst mir dein neues Ich geradezu auf, zeigst es mir in allen Facetten und nur manchmal, ganz manchmal bist du der, den ich vor all den Jahren kennengelernt habe.

Ich sollte ihn gar nicht treffen, ich tue damit unrecht, jemanden, einer Frau, die mir nichts getan hat. Aber auch ich bin selbstsüchtiger geworden, ein kleines bisschen Glück hatte ich mir gewünscht, ein kleines bisschen Freude in dieser, meiner, unbeständigen Zeit. „Es ist so schön dich mal wieder wirklich Lachen zu sehen!“ hatte mein Kollege vor kurzer Zeit zu mir gesagt, nachdem B. sich von uns verabschiedet hatte. Der Kollege weiss, dass wir einmal zusammen waren, er schweigt zu all dem, obwohl er sicher mehr weiss, als mir lieb ist.

Ich wollte nur einen Moment des Glücks genießen, mit jemandem der mich einst so glücklich gemacht hat. Aber wieder einmal muss ich schmerzlich erkennen, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann. Nichts bleibt wie es war, niemand bleibt wie er war. Und etwas unrechtes, kann sowieso niemals glücklich machen.

Letzte Nacht rief B. mich an, ich hatte wenige Stunden vorher gesagt, dass ich so nicht weitermachen könne, wegen mir nicht, wegen dem Unrecht, dass wir damit tun nicht. Er rief mich an und war seltsam. Nach wenigen Minuten gestand er mir, dass er getrunken habe. In seinem ganzen Leben hatte er noch niemals Alkohol angerührt, nun war er betrunken und rief mich an. Ich hasse Alkohol, rühre ihn nie an, ich bin da familiär vorbelastet. Ich ertrage es selten, einige Menschen sind erträglich wenn sie getrunken haben, aber nur sehr wenige.

Yaya, er ist erträglich, er ist dann wie ein kleiner Junge, lieb, verletzlich. Ausgerechnet B. ist es nicht, er ist selbstgefällig und hart. Ich ertrage kaum  mit ihm zu sprechen. Aber irgendwie fühle ich mich verpflichtet, warum hat er denn gerade an diesem Tag getrunken? Ich quäle mich durch das Gespräch und spüre wie meine Erinnerungen, diese wundervollen Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit, zu verschwimmen drohen. Wo bist du B.? Wo hast du dich verloren?

Ich muss  mir eingestehen, wir haben uns schon lange verloren. Dieser klägliche Versuch von uns, wiederzubeleben, was lange schon nicht mehr ist, weil wir beide verletzt und einsam sind, ist gescheitert. Führen wir es nun weiter, verlieren wir unsere Erinnerung. Ich will sie nicht verlieren.  Vielleicht wäre es heldenhafter, tugendhafter von mir gewesen, es niemals einzugehen, weil ich das Moralische hochhalte, aber es wäre gelogen. Ich beende es, weil es nicht ist, wie es war, weil es zerstört was war. Und sehe ein, dass etwas Verwerfliches, niemals rein sein kann.

Lebwohl B.

 

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9 Kommentare

  1. Ich♥Dich · Juni 30, 2012

    Wie traurig der Inhalt ist und wie WUNDERSCHÖN du ihn verpackt hast. So poetisch und zart, dass mich allein die Schreibart tief berührt hat.
    Zwischenzeitlich dachte ich: So ein Buch lesen… nur mal wieder so ein schönes Buch lesen.
    Aber ein wenig ist dein Blog das ja: Ein Buch, dessen Wachsen ich begleite.

    Die Erkenntnis, tut mir leid. Aber immerhin hast du sie bekommen. Zum Glück verschließt du nicht weiterhin die Augen und lässt es so lange laufen, bis ihr euch beide verletzt und euch nicht mehr in die Augen gucken könnt.
    So wie du vor meiner Art zu lieben Respekt hast, habe ich Respekt vor deiner Art loszulassen.

    Ich will von dir lernen. Nur ein bisschen. Nur ab und zu mal so stark sein wie du!

    • ninjaan · Juli 1, 2012

      Oh, ich danke dir 🙂
      Es freut mich, dass meine Texte berühren 🙂
      Aber glaub mir liebe Ich♥Dich, ich bin nicht stark. Auch mein Loslassen ist Schwäche, denn ich habe immer schon einfach losgelassen. Ich habe viel zu große Angst vor Zurückweisungen. Und bevor ich mich in einen Kampf wage, wäge ich ab. Liegt die Chance zu Siegen nicht bei 99% lasse ich los, gehe gar nicht erst in diesen „Fight“. Ich ertrage Zurückweisungen nur schwer, lieber laufe ich davon und verschließe mich. Ich glaube, wir beide müssen ein gesundes Mittelmaß finden…

      Und bei B., ja da bin ich bereit loszulassen, ich habe es schon einmal getan, ein weiteres Mal verletzt werden, andere verletzen, die Erinnerung verlieren…dieser Preis ist mir zu hoch. Aber Yaya? Da gehe ich noch nicht…da lasse ich noch nicht los. Ich halte zwar mehr oder weniger still an ihm fest, aber ich tue es. Ich hoffe leise, liebe leise und nur meiner Wut und Enttäuschung mache ich hier und da laut Luft. Ich wünsche, ich wäre stark, und könnte auch da loslassen…mich endlich frei machen – frei für etwas Neues.

      Auf das wir beide unser Mittelmaß finden und Menschen, die unsere Liebe verdienen! (Ich hoffe wir können bald mal in „real“ darauf anstossen 🙂 )

      • Ich♥Dich · Juli 1, 2012

        Wir machen es uns beide wirklich nicht leicht.
        Aber auch ich habe losgelassen. Von einem Freund, letzte Woche. Er war tatsächlich mein bester Freund. Aber nachdem es in letzter Zeit immer schlimmer wurde, wir kaum noch Kontakt hatten und wenn, dann mit Streit, haben wir uns „getrennt“.
        Aber auch hier habe ich gekämpft. Lange und immer wieder. Ich habe versucht die Trümmer aufzusammeln, zusammenzukleben und vorsichtig in die Ecke zu stellen. Er ist damit nie sorgsam umgegangen. Und nachdem er mich (wegen Nummer1) nun mehrfach beleidigt hat, bin ich gegangen.
        Wenn mir jemand wirklich viel bedeutet, dann kann ich mir lange etwas gefallen lassen, aber irgendwann ist genug. Hier war es nun so.

        Nur in der Liebe, da haben meine Fässer immer einen Überlaufschutz. Wenn der Tropfen fällt, der es eigentlich zum Überlaufen bringen sollte, ist alles noch irgendwie ok.
        VIelleicht sollte ich auch da mal anfangen mich von Sachen zu trennen, die mir nicht gut tun. Und das schneller als ich es jetzt tue.

        Ich freue mich schon sehr auf unser Anstoßen: Auf unser gesundes Mittelmaß im Festhalten und Loslassen und auf die Liebe!

      • ninjaan · Juli 1, 2012

        Manchmal ist es noch viel schwerer einen Freund gehen zu lassen als einen Geliebten. Aber auch hier spielt die Zeit oft eine entscheidende Rolle – Menschen ändern sich…nichts bleibt wie es war. Und manchmal, manchmal passt es dann einfach nicht mehr und man muss getrennte Wege gehen, weil man kein Verständnis mehr für den Anderen aufbringen kann oder sogar will.
        Aber an der Liebe hält man vielleicht mehr fest, weil sie eben romantisch ist, weil sie neben all dem Schmerz einen auch zu Glücksgefühlen verhelfen kann…

  2. lebenstattponyhof · Juni 30, 2012

    Ninjaan,
    jedes Mal, wenn du schreibst, denke ich, du beschreibt meine gescheiterte Liebe. Der Unterschied: bei mir ist sie seit wenigen Monaten vorbei, bei dir sind es Jahre. Ich hänge auch bo dem, was war. Er war der erste, der mir so viel Liebe geben konnte, der, ohne dass ich ihm viel erzählen musste, mich sofort und immer verstand.
    Noch heute verstehen wir uns sehr gut, wir sehen uns nur an und wissen, wie sich der andere gerade fühlt. Und trotzdem ist es vorbei, weil es angeblich besser für uns ist. Ich hatte Hoffnung, dass wir normal miteinander umgehen können, dass andere das doch auch können, aber auch wie bei dir wird es langsam schwierig. Warum ist das so?

    • ninjaan · Juni 30, 2012

      Ich weiss es nicht…ich weiss es leider auch nicht. Warum enden Beziehungen, die sich angefühlten, als würden sie niemals ein Ende haben? Warum verliebt man sich in Menschen, die einen nicht begleiten können?
      Warum ändern wir uns so sehr und warum kann man nicht einfach danach befreundet bleiben?
      Ich habe leider auch keine Antworten auf diese Fragen. Ich glaube nur, ich kann keinen weiteren Kontakt zu ihm haben…so schwer es mir auch fällt…

      • lebenstattponyhof · Juli 1, 2012

        Ja, warum nur…Ich habe auch darauf keine Antwort, auch wenn ich sie so gerne hätte.
        Warum liebe ich ihn noch, wenn es so sehr weh tut, warum kann ich ihn nicht einfach gehen lassen, obwohl ich weiß, es würde erstmal weh tun, die Wunde aber schneller verheilen.
        Warum muß Liebe so weh tun, obwohl sie eigentlich doch so schön ist.
        Wenn du den Kontakt zu ihm abbrichst, bist du mir einen großen Schritt voraus.

  3. Träumerin · Juni 30, 2012

    Vielleicht hat ja doch alles im Leben seinen Sinn… vielleicht musstest Du ihn noch mal treffen, damit Du siehst, wie er sich verändert hat und damit du ihm endgültig Lebwohl sagen kannst 😦 Wobei ich es immer sehr traurig finde und erschreckend, wie sehr sich Menschen verändern können. Ich komme mit so etwas ganz schlecht klar.

    • ninjaan · Juni 30, 2012

      Das wird es sein, der Sinn dieser Begegnung, hatte ich mir auch gewünscht es würde ein anderer dahinter stecken, ein romantischer vielleicht.
      Doch jetzt muss ich loslassen und einsehen, dass es anders geworden ist, er ist anders und ich bin es wahrscheinlich ebenfalls.
      Ich bin noch völlig geschockt, wie hoch habe ich ihn gehalten, in meinen Worten und meiner Erinnerung. B. der Wundervolle, Gerechte und Unschuldige…das Bild hat Risse bekommen, bevor es zerspringt ziehe ich nun die Notbremse. Es tut mir weh, ihn so zu sehen, zu sehen, was er mit sich hat machen lassen…

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