Jerusalem, oh Jerusalem

Seit Sonntag Morgen bin ich nun in Jerusalem. Haifa ist/war eine unglaubliche Stadt, aber nichts geht über Jerusalem. Ich bin zum dritten mal hier, alles ist mir vertraut, die kleinen Gassen der Altstadt, die Läden, sogar manch Baum scheint mir vertraut. Nirgendwo anders riecht die Luft so schön so klar, wie hier. Meine Freundin plitschi und ich leben bei ihrer Bekannten, eine ältere Dame, die viel zu erzählen hat. Ihre Wohnung liegt im „jewish quarter“ der Altstadt. Vom Bad und ihren Balkon aus hat man einen phänomenalen Blick auf die klagemauer und die Kuppel der al aqsa Moschee. Fast erscheint es unwirklich was ich gerade erlebe, auch wenn es noch so vertraut ist.
Letzte Nacht sassen wir alle gemeinsam auf dem Dach des Hauses, der Ausblick hier ist unbeschreiblich – in diesen Moment waren plitschi und ich uns einig: es kann keinen schöneren Platz als diesen geben!

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Blick vom Balkon auf die klagemauer.

Retrospektive Dezember 2011: Das letzte Treffen Teil III

„No I can’t forget this evening or your face as you were leaving
But I guess that’s just the way the story goes
You always smile, but in your eyes
Your sorrow shows” Without you – Mariah Carey

Du musst schon eine ganze Weile in der Tür gestanden haben, aber ich habe nicht zu dir rüber gesehen. Ich bin zu schwach um meinen Kopf zuheben, zu schwach dir in die Augen zu sehen. Was ist passiert? Was haben wir da gesagt? Ich fühle mich leer, unendlich leer und ich möchte nur weinen, zuhause, alleine in meinem Bett. Aber du bist hier und darum unterdrücke ich die Tränen.

Wie eine Ewigkeit kommt mir unser Schweigen vor, ich starre auf die weisse Wand, direkt neben mir und hoffe, dieser Moment, dieser Abend möge vergehen. Und während ich hoffe und starre und mich keinen Millimeter bewege, höre ich plötzlich deine Schritte auf mich zukommen. Vorsichtig sehe ich zu dir auf, unschlüssig, den Blick gesenkt, stehst du da. Der Kloß in meinem Hals weicht dem Gefühl der Wut, auf dich, auf mich, diese Situation, meine Worte, deine Worte, meine Gefühle, meine Unfähigkeit und deine Unfähigkeit mit solchen Situationen umzugehen.

Plötzlich gehst du auf die Knie, direkt vor mir lässt du dich nieder, du lehnst deinen Kopf vorsichtig an mein Knie und beginnst zu singen, erst leise, so dass ich es kaum verstehe, dann deutlicher. Without you singst du, mein Blick ruht auf deinem Haar, ich würde es gerne berühren, dir über den Kopf streicheln, aber ich bin nicht in der Lage dazu und weil ich nicht auf dieses Lied reagiere singst du nun eines auf Arabisch: Tamally ma3ak. (Für immer mit dir). Ein Zittern durchfährt meinen Körper, du nimmst deinen Kopf von meinem Knie, siehst mich an und singst weiter.

„Was soll das jetzt?“ Überrascht ob meiner eigenen harten Worte sehe ich dir nun direkt in die Augen. „Do u know this song Ninjaan? Tamally ma3ak?“ – Yes I know it.” Du nickst und weichst meinem Blick aus. Ein letzter Versuch, du beginnst eine Sure aus dem Quran zu rezitieren, meine Sure, Sure 93. Hierbei siehst du mir wieder direkt in die Augen, ich bekomme eine Gänsehaut und erinnere mich an den Abend im Sommer, als du sie das erste Mal für mich rezitiert hast – was ist nur geschehen in den letzten 6 Monaten? Und warum muss es so enden?

Mit aller Kraft erhebe ich mich aus dem Sessel und reiche dir die Hand: „ Let´s start to record now, before it is too late.“ Nach einem kurzen Zögern nimmst du meine Hand und wir beginnen aufzunehmen, so wie immer. Du in der Gesangskabine, ich vor dem Rechner – ich muss dich nicht ansehen und du kannst mich nicht sehen. Und darum siehst du auch nicht die Tränen in meinen Augen, als ich deiner Stimme durch die Kopfhörer lausche.

Wie soll ich diese letzte Nacht nur mit dir überstehen?

Retrospektive Dezember 2011: Das letzte Treffen Teil II

„ Vaghty minevisam azam kam nemishe dard

…..

Vaghty minevisam raavi dardam

Vaghty minevisam fattehe donia ” 

(Wenn ich schreibe, vermag dies nicht meinen Schmerz zu lindern – … – Wenn ich schreibe, dann erzähle ich dir davon – Wenn ich schreibe, bin ich der König dieser Welt) Yaya´s Song

Dein Zug hatte Verspätung und ich somit mehr Zeit mich auf unser Zusammentreffen einzustellen. Noch einmal durchatmen, noch einmal die Mauer höher ziehen. Da kommst du schon…3 -2-1 Lächeln!

Ich öffne dir von innen die Türe, mit einem Satz lässt du dich neben mich fallen und umarmst mich überschwänglich. „Sorry, ninjaan! Vallah Sorry! Can u forgive me Topoli?“  Ein Kuss auf die Wange, der, hätte ich nicht meinen Kopf zur Seite gedreht, ein Kuss auf den Mund geworden wäre. Alles ist gut versichere ich dir und setze das Auto rückwärts aus der Parklücke. Du hebst skeptisch eine Augenbraue. Nichts ist ok, sagst du. Ich widerspreche dir, setze ein falsches Lächeln auf. Du siehst aus dem Fenster:“ Is it so hard, just to say it?” – “I don´t know what u are talking about! Everything is fine, we are going to record tonight. What´s your problem now?” Du schüttelst den Kopf und schweigst, die gesamte Autofahrt, ich rede, und rede, ununterbrochen, je mehr ich rede, desto mehr ich dir vorspiele wie egal es mir ist, dass du meinen Tag vergessen hast, umso verstimmter wirst du.

„U want to keep this show for the rest of the evening?” 

Ich sehe dich verständnislos an und schließe das Studio auf, fahre den Pc hoch und rede weiter über die freien Tage, den Song meiner Jugendlichen, die Software irgendwann dann drehe ich mich doch zu dir um, weil ich deinen stechenden Blick spüre. Du sitzt auf dem Sessel gegenüber von mir und siehst mich an. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken, dein Blick ist so durchdringend, dass ich ihm kaum standhalten kann und automatisch meine imaginäre Wand noch ein wenig höher ziehe.

Ich lächel und frage dich, ob du den ganzen Abend so grummelig rumsitzen willst? Dein Blick verfinstert sich, du schüttelst den Kopf. „Are u happy like this? Does it feel good to keep everything inside? Can´t u just, one time in ur life, stop being a runaway?” Ich spüre die Wut in mir hochkochen, meine Mauer bekommt Risse. Demonstrativ ziehe ich mir einen Stuhl heran und setze mich dir gegenüber. Immer noch betont cool frage ich dich, was du genau von mir möchtest und worüber du reden möchtest und noch viel mehr will ich wissen, warum wir nicht einfach aufnehmen können, wie wir es geplant hatten?

Du wendest deinen Blick von mir ab, schüttelst den Kopf, ich erkenne darin eine Verächtlichkeit, die meine Mauer endgültig einstürzen lässt. Der Gefahr nicht gewahr, fragst du mich noch einmal, warum ich es nicht einfach aussprechen kann und warum ich glaube, er wäre so ignorant nun etwas aufzunehmen? Es explodiert in mir, wütend erhebe ich mich von dem Stuhl und sehe nun, mit einer ähnlichen Verachtung auf dich, im Sessel sitzend, herab.

 „U think u hurt me? U really think u are someone who is able to break my heart? Let me tell u something Yaya: U ARE NOT! I don´t care if u care or not. It was just impolite and wether do I need ur excuses nor ur explanations! I simply don´t care! I give a shit!”

Mit einem Ruck erhebst du dich aus dem Sessel und stehst für den Bruchteil einer Sekunde ganz nah vor mir, dann senkst du den Blick, nimmst dir eine Zigarette und gehst vor die Tür. Ich folge dir, versuche, selbst überrascht von meinem Gefühlsausbruch, der so nicht geplant war, so nun wirklich nicht, einzulenken. Ich bitte dich reinzukommen, mit mir den Song aufzunehmen, nicht zu streiten, weil es sowieso egal wäre, weil alles egal ist und wir uns nichts schulden. Wenige cm stehst du vor mir und siehst mich an, ich kann in deinen Augen nicht lesen was du denkst und so weiche ich deinem Blick aus.  Du schüttelst den Kopf, verziehst dein Gesicht zu einem Grinsen und setzt noch einmal an, diesmal schwingt eine ungeahnte Härte in deinen Worten mit, wie ich sie selten erlebt habe.  Ich würde das immer machen, weglaufen, vor mir selbst, meinen Gefühlen und ich würde denken, es würde niemanden interessieren, aber das Problem seien nicht die Anderen, sondern ich selbst, meine Art, mein Schweigen. Genervt wende ich mich von dir ab, noch während du all diese Worte zu mir sagst.

„I did it on purpose!“

Ein Blitz durchfährt meinen Körper und ich bleibe, mit dem Rücken zu dir in der Tür stehen. „I know Yaya, I knew it before…“  

Schweren Schrittes kehre ich zurück ins Studio und lasse mich auf den Sessel  fallen, weil ich Angst habe, die Beine könnten mir versagen, weil ich Angst habe, ich könnte einfach zusammenbrechen…

Retrospektive Dezember 2011: Das letzte Treffen Teil I

Der Tag beginnt um 00:01 Uhr, dieser eine Tag, mein Tag, der Tag meiner Geburt. Einige Stunden vor dem Beginn dieses Tages haben wir uns bei Skype geschrieben, unser Treffen für den Tag, nach meinem Tag geplant. Der Song ist fast fertig, ich liebe ihn, diesen Song. Deine Stimme ist so weich, so sanft, ich liebe deine Stimme und auch wenn ich nur die Hälfte von dem verstehe was du sagst, ist mir klar, dass du viel mehr in diesen Song gelegt hast, als in den Vorherigen.

An diesem Tag, wenige Stunden vor meinem Tag, sprechen wir über vieles, wir lachen, tauschen uns uns, planen, erinnern uns kurz an unser letztes Treffen zurück – alles ist gut, wir sind gut – zusammen sind wir besser als wir es uns je gedacht haben.

Ich feier nicht rein in meinen Tag, ich halte nicht viel davon, warum sollte ich feiern, dass ich älter werde? Wir alle werden das, es ist keine große Leistung alt zu werden.

Doch wie jedes Jahr gibt es an diesem Tag eine Familienfeier, Plitschi und Jackson sind auch gekommen, sie gehören irgendwie mit zur Familie, mit zu diesem Tag, den ich eigentlich nicht feiern will, der aber irgendwie doch mein Tag ist. Und eben weil es irgendwie doch mein Tag ist, sehe ich von Stunde zu Stunde ungeduldiger auf mein Handy, ich erhalte viele Sms, Anrufe, Glückwünsche, zu etwas für das ich nichts geleistet habe, nette Gesten, die mir eigentlich nichts bedeuten. Nur du, du bleibst stumm.

Um 23:59 Uhr meines Tages sitze ich mit Plitschi, Jackson und meiner Mutter am Küchentisch, die Gäste sind alle gefahren, mein Tag ist ja auch immerhin fast vorbei und der neue Tag rückt unaufhaltsam näher – ein Tag ohne besondere Bedeutung, der aber doch einer unserer Tage werden sollte – und noch immer hast du dich nicht gemeldet. Ein letztes Mal stehe ich auf und öffne Skype – wenn keine Sms und kein Anruf, dann aber doch vielleicht dort eine Nachricht?

Um 00:01 Uhr ist mein Tag vorüber, ein Kloß hat sich in meinem Hals festgesetzt, weil du nichts gesagt hast, nichts zu meinem Tag, der mir eigentlich egal ist, aber eben nur eigentlich. Am Tisch warten sie auf mich, Plitschi, Jackson und Mama, sie sehen mich an, teils mitleidig, teils zornig. Ich solle dir absagen für diesen neuen Tag, der eigentlich unser Tag werden sollte, weil du meinen Tag vergessen hast. Trotzig, wie ein kleines Kind, dass statt eines Fahrrades nur ein Puzzle bekommen hat, nehme ich mein Handy in die Hand und schicke dir eine Nachricht:

„Happy Birthday!“

Da war es 00:10 Uhr, nicht einmal 5 Minuten später bekomme ich eine Antwort, und ich weiss nicht ob ich lachen oder weinen soll oder einfach mein Handy aus dem Fenster werfen soll, weil du doch so schnell antworten kannst:

„Yes I know I am sorry I worked last night and had a bad day today. Im at work again. I guess u forgive me do u want ur gift today?”

Deine Worte bringen mich fast zum überkochen, ja, ich sollte dir absagen, weil ich wütend und verletzt bin, weil du meinen Tag vergessen und weil du so selbstverständlich und arrogant davon ausgehst, dass ich dir dies verzeihe. Aber ich bringe es nicht über´s Herz, weil ich weiss, dass du den gesamten Januar arbeiten wirst und Ende Januar, da wirst du gehen, weit weg, weg von mir. Und ich kann dich nicht aufhalten, dir nicht mal sagen, dass ich wünschte du würdest nicht gehen. Und darum frage ich nur, ob unsere Verabredung noch steht. Deine Antwort lässt keine Reue erkennen, aber die hätte es in diesem Moment sowieso nicht besser gemacht. Du schickst mir noch ein lahmes „Boos“ (Küsschen), dann gehe ich schlafen und schalte mein Handy aus.

Den gesamten nächsten Tag habe ich damit verbracht meine Wut und meine Verletzung zu verarbeiten, aus Selbstschutz entscheide ich mich dafür, dich nicht damit zu konfrontieren. Ich bin schon verletzlich genug, ich werde es dir nicht auch noch auf einem Tablett servieren, wie sehr du mich damit getroffen hast. Und noch klingen mir deine Worte des letzten Treffens im Ohr „ U are such a runaway Ninjaan! Why do u always hide ur feelings?“

Am Abend bin ich gewappnet, ich habe eine hohe Mauer um mich gezogen, darin habe ich meine Wut, meine Verletzlichkeit und meine Enttäuschung versteckt, du wirst keine Chance haben sie einzureissen, da bin ich mir sicher!

Um Punkt 20:53 Uhr am Tag, nach meinem Tag, dem Tag der unserer sein sollte, unser Letzter, stehe ich am Bahnhof und warte auf dich…wie schon so oft zuvor….

Von der Hitze betrunken…

wandele ich nun seit 2 1\2 Tagen durch Israel, das gelobte Land. Bis heute Mittag befand ich mich noch in Tel Aviv, nun sitze ich in einem kleinen gemuetlichen Hostel in Haifa. Meine Entscheidung nur 1 1\2 Naechte in Tel Aviv zu verbringen und nicht gleich 3 oder 4 bereue ich nicht. Im Gegenteil, ich war froh der unmenschlichen Hitze, dem wilden Getuemmel und den unzaehligen Hippies auf dem „Rooftop“ meines Hostels endlich zu entkommen. Nicht, dass ich speziell etwas gegen Hippies haette, nicht mal dann, wenn es wie in diesem Falle „Pseudo Hippies“ waren (Investment Baenker, angehende Juristen etc.), ich merke aber doch, dass ich nicht mehr so sehr der Hostel -Typ bin. Ob das am Alter liegt? Nun ja, mit 25+ fuehle ich mich nun eigentlich nicht zuu alt und bin auch sicherlich nicht die Aelteste hier, aber es hat seinen Reiz verloren und, wahrscheinlich ist auch dies ein schwerwiegender Punkt, ich bin das erste Mal in Hostels auf der israelischen Seite, dazu muss man einfach sagen, dass viele hier aus ganz anderen Gruenden gekommen sind, als die Leute die in der Westbank oder Ostjerusalem leben. Das macht insofern einen Unterschied, als dass man hier ganz andere Gespraechsthemen hat – als ich gestern Abend in Tel Aviv nach meiner Reiseroute befragt wurde und die Westbank erwaehnte herrschte betretenes Schweigen – ganz so weltoffen sind die Hippies naemlich dann doch nicht.

Nun bin ich also in Haifa, hier ist alles ein wenig entspannter, lockerer, durchmischter. Die Stadt ist wunderschoen, das Klima doch etwas angenehmer und das Essen hervorragend. Was ich noch schoen finde ist die gute Durchmischung israelischer und arabischer Bewohner Haifas, alles scheint wunderbar nebeneinander zu harmonieren, ergaenzt sich. Man hoert an jeder Strassenecke ein munteres Gemurmel in hebraeisch oder arabisch, der Gebetsruf schwingt andaechtig von den Minaretten und orthodxe Juden sind auf dem Weg zur Synagoge, scheinen sich im Rythmus des Muezzin fortzubewegen – wunderschoene Momente, die man kaum mit einer Kamera einfangen koennte.

Zum Trost aber noch ein Bild von dem vorzueglichen arabisch\israelischem Essen, dass ich heute zu mir genommen habe:

Hummus mit Hackfleisch, Tabouleh, frischem Brot und eingeletem Gemuese mhhmmmm

 

There´s a bird…

Nur noch wenige Tage, dann ist es soweit. Ich bin raus, weg von hier, nach einer gefühlten Ewigkeit.

Zurück in das Land, in das ich ebenso verliebt bin wie in Yaya, wenn nicht sogar noch mehr! Mein Herz fühlt sich gut, glücklich, erleichtert – einfach nur frei!

Israel/Palestine here I come!

 

 

 

 

 

Artist: Lars Pank

Promotion – Das Vorgespräch

Gebannt lausche ich ihren Worten, beobachte ihre leicht verhärteten Gesichtszüge und versuche daraus  so etwas wie Sympathie zu lesen. Denn im Grunde, dass bestätigte sie mir wenige Minuten später selbst, geht es am Ende einzig und allein darum, ob man „gemocht wird“. Ob Sympathie ein angemessenes Auswahlkriterium für Doktoranden ist, sei mal so dahin gestellt, menschlich ist es bestimmt.  Auf den ersten Blick in mich verliebt ist diese selbstbewusste und Stärke ausstrahlende Mittfünfzigerin da vor mir sicher nicht, soviel steht fest. Kritisch hinterfragt sie jedes meiner Worte, stellt mich auf die Probe, packt mich an meiner empfindlichsten Stelle (der finanziellen Absicherung) und ich frage mich, ob dies nur ein Test ist, um herauszufinden wie ernst es mir mit der Promotion ist? Für langes Grübeln lässt sie mir keine Zeit, die erste halbe Stunde klatscht sie mein Selbstbewusstsein mehrfach gegen die Wand, verunsichert mich wo sie kann, immer mit einem angedeutetem Lächeln um die Mundwinkel. Ich sitze ihr angespannt gegenüber, die Hände gefaltet, bloß nicht mit den Händen irgendwas anderes machen, sonst wirke ich zu nervös, ich will selbstsicher wirken und meinen unbedingten Willen zur Promotion beweisen. Ich hege berechtigte Zweifel daran, dass mir dies gelungen ist.

Die Luft sei dünn „da oben“, da wolle sie mir nichts vormachen, sie schwärmt von kleinen Genies, die bereits promovieren, Stipendien haben oder einfach nicht nebenbei arbeiten müssen – dieser Luxus ist ihr Erfolg. Eine Vollzeitstelle würden weder sie noch ihre Kollegen dulden, das geht nicht, eine Promotion solle in 3 Jahren abgeschlossen sein, mit einem Schmunzeln denke ich an zu Guttenberg – 7 Jahre für Copy/Paste.

Mein Mut schwindet, sie verbessert mich bei der Bezeichnung einer von mir angestrebten Forschungsmethode – „Das war´s“, ruft mein Gehirn. „Ach, sei still, noch ist nichts verloren!“ meldet sich der Mut noch einmal zu Wort.

Mein Thema begeistert sie eher weniger, äußert Bedenken, ich habe nur ein Diplom (was hatte sie eigentlich für einen akademischen Grad, als sie vor bestimmt 20 Jahren mit der Promotion begann?) sie erklärt mit lieber ausführlich den Weg zur Promotion, wie steinig er ist, wie lange es dauert. Ich habe nur ein Ass im Ärmel, nur ein Einziges und das ziehe ich schließlich: Empirische Sozialforschung bei C.W. Müller mit der Note 1,2. In ihren Augen lese ich das erste Mal so etwas wie Anerkennung, sie erkundigt sich nach meinem damaligen Thema. Zeigt plötzlich Begeisterung. Das Thema sei sehr gut, wenig erforscht und im Dezember gibt es für solche Themen Stipendien. Ich würde gerne misstrauisch meine Augenbraue heben (leider kann ich das nicht), hatte sie mir doch 10 Minuten zuvor im Grunde nichts zugetraut, spricht sie nun über ein Stipendium, für das ich, mein Thema, qualifiziert wäre.

Nach 1 Stunde ist das Gespräch beendet, ich habe Adressen, Telefonnummern und einen Arbeitsauftrag. Sie will mich weitervermitteln, an einen Professor, der sogar eine Vollzeitbeschäftigung dulden könnte und mich für das Stipendium vormerken. Ich bin erleichtert, aber auch verunsichert. Es hätte schlechter laufen können, aber auch wesentlich besser. Ihre Bedenken, machen mir Sorge. Nicht jeder kann Promovieren sagt sie, eine gute Promotion ist Luxus…Luxus kann ich mir nicht leisten, beim besten Willen nicht. Aber der Traum zu promovieren begleitet mich nun seit Jahren, ich will es!

Man müsste mir nur eine Chance geben.