Khader – oder das kleine Wunder Jerusalems

Es war ein lauer Sommerabend, irgendwann im August, in Jerusalem, der Stadt der Extreme. Trotz Shabbat  war die Jaffa Street überfüllt, junge Menschen, Israelis, Palästinenser und eine Menge Touristen begannen ihre Streifzüge durch die Cafe´s und Kneipen.

Ich war mit Freunden unterwegs, wie immer landeten wir in unserer „Stammkneipe“, einem kleinen, eher alternativen Laden, in einer Seitengasse der Jaffa Street. Wie immer bleibt man nicht lange allein. Die Menschen sind offen und suchen Kontakt zu anderen, bald waren wir umgeben von einer Clique, junger, christlicher Palästinenser. Zwei von ihnen redeten ununterbrochen, waren in Flirtlaune. Nur einer von ihnen saß schweigend, etwas verschüchtert, neben uns. Er war vielleicht Anfang, höchstens Mitte 20. Hin und wieder lächelte ich ihm zu, er lächelte nur verschüchtert zurück, er erinnerte mich an meine Jugendlichen.

Als es meinen Freundinnen zuviel wurde, es sowieso schon viel zu spät war, machten wir uns, ohne die Gruppe auf den Weg zurück in die Altstadt, unser temporäres Zuhause. Am Jaffa Gate, am Eingang zur Altstadt legten meine Freundin und ich eine kurze Pause ein, ich war leicht „Geh-beeinträchtigt“ (verstauchter Fuß) und längere Strecken waren für mich nur mit kleinen Pausen zu bewältigen.

Wir saßen dort, tranken etwas von dem leckeren Minzwasser, das es an jeder Straßenecke zu kaufen gab und planten unseren nächsten Tag. Als plötzlich zwei der Palästinenser auftauchten, die wir zuvor in der Kneipe getroffen hatten. Einer redete irgendetwas wirres auf arabisch, der Andere, der Schüchterne, ging zitternd hinter ihm her und hielt sich eine Hand vor das Gesicht. Als sie uns erblickten stürmte der eine auf uns los. Redete, in wirklich schlechtem Englisch, auf meine Freundin ein. Alles was wir verstanden waren die Worte „Jewish guys – LOOK – hitting him – we lost George – FUCK – because of u!“

Ich stand auf und ging zu dem jüngeren, immer noch zitternden, von Beiden, reichte ihm mein Wasser und deutete ihm, sich doch zu setzen. Dankend setzte er sich neben mich und trank einen Schluck. Leise begann er zu erzählen, anders als sein Freund fluchte er nicht. Sie hätten die Bar verlassen, ebenso wie wir, ihr Freund George, der uns noch etwas auf Englisch hinterher gerufen hatte (nix böses) sei dann plötzlich, kaum waren wir um die Ecke verschwunden, von einer Gruppe betrunkener, jüdischer Jugendlicher angemacht worden. Es kam zu einem Streit, Beleidigungen. Die palästinensischen Jungs trugen Kreuze um den Hals, es folgten Beleidigungen der Religion.

“ They cursed Mother Mary…how could they? They can hate me, because I am palestinian, because I am arab, they can offend me, but not Mother Mary…not Jesus…its too much…I cant stand it…“

Mit seinen großen braunen, mit Tränen gefüllten Augen, sah er mich an, versuchte zu erklären, warum er auf sie losgegangen war. Es war zu einer Schlägerei gekommen, etwa 11 junge Israelis gegen die 3 Jungs. Sie hatten den dritten beim Weglaufen (jemand rief die Polizei) verloren…sie wissen nicht wo er ist.

Während der andere weiter aufgebracht und wütend auf meine Freundin einredete, sprach ich mit dem ruhigen, dessen Gesicht leicht angeschwollen war – sein Name war Khader. Ich sprach mit ihm, wie mit meinen Jugendlichen, legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter – ich hätte ihn am liebsten in den Arm genommen…

Sie begleiteten uns nach Hause, ins jüdische Viertel, vor unserer Tür sah Khader mich an und dankte mir, für´s Zuhören, für´s Verstehen, das Beruhigen und das Wasser, leise und beschämt und er bat mich, sich revanchieren zu dürfen, mit einem Drink morgen – weil ich mich so lieb um ihn gekümmert habe. Wer kann da schon nein sagen?

Bevor ich mich am nächsten Abend mit Khader treffen sollte, lasen meine Freundin und ich  die Haaretz – sie berichtete über den Zusammenstoß in der Jaffa Street – der Dritte von ihnen musste ins Krankenhaus gebracht werden – es war eskaliert.

Bedrückt saßen wir vor dem Rechner, bedrückt von dem was Jerusalem eben auch ist…Gewalt, alltägliche, nicht nur wegen Alkohol, wie überall, sondern weil der Hass die Menschen trennt, weil er so tief sitzt. Die quälende Frage, ob das alles passiert wäre, wenn wir wir noch etwas länger geblieben wären – nur ein bisschen…vielleicht hätte man als Tourist eingreifen können? ( http://www.haaretz.co.il/news/law/1.1803801 )

Am Abend trafen wir uns, mit einigen Freunden, Kahder ging es besser, er lächelte, sein Gesicht war immer noch leicht geschwollen. Er war höflich und zuvorkommend und wir redeten, sprachen die ganze Zeit. Über das, was geschehen war, über das Leben in Jerusalem, den Hass der Menschen, die Angst der einzelnen Gruppen. Manchmal hatte ich Tränen in den Augen, manchmal das pure Entsetzen, Khader sprach sich von der Seele, was er wohl eher selten tat. Er erzählte mir auch von seiner Liebe zu einem muslimischen Mädchen, die aber nicht sein durfte, weil weder ihre Eltern noch seine dies jemals erlauben würden – in Tel Aviv geht das vielleicht…aber nicht in Jerusalem, nicht hier, in der „heiligen“ Stadt.

Khader erzählte und ich hörte zu, ich sagte nichts über meine Religion, er glaubte ich sei Christ, das gab ihm Sicherheit und die wollte ich ihm nicht nehmen, nicht jetzt – für mich macht es keinen Unterschied – aber ich bin auch nicht in Jerusalem aufgewachsen.

Wir saßen dort in einer Kneipe und sprachen und vergaßen beinahe die Welt um uns herum, wäre nicht ein junger Mann gekommen und hätte uns gestört. Er sprach Khader auf arabisch an, machte einen Witz, ob wir flirten würden und stellte sich als „MO“ vor. Kahder erwiderte kurz angebunden etwas und Mo verlor, wohl dadurch, das Interesse an uns.

Einen Tisch neben uns saß schon die ganze Zeit ein Pärchen, ein junger Israeli mit seiner asiatischen Freundin – sie wurden Mo´s nächstes Ziel.
Anders als bei Khader und mir aber, ließ er bei den beiden nicht locker, er sprach nun Hebräisch und begann nach wenigen Sekunden die beiden zu beleidigen und auf den jungen, ziemlich schmalen und kleinen Israeli, loszugehen.

Khader sprang auf und ging dazwischen, er switchte zwischen hebräisch und arabisch hin und her, hielt Mo fest, entschuldigte sich immer wieder bei der jungen Asiatin und dem Israeli. 20 Minuten war er damit beschäftigt die Situation zu entschärfen, dem Israeli, der körperlich keine Chance gegen Mo gehabt hätte, zu helfen, sogar Mo zu helfen indem er die Türsteher bat, nicht die Polizei zu rufen.

Mo ging, es kam keine Polizei, der Israeli ging zu Khader und umarmte ihn mit den Worten:

„Man, u saved me! This Muslim was about to hit me! Thank u!“

Khader, der gestern von 11 Israelis verprügelt wurde, dessen Freund deswegen im Krankenhaus liegt, hatte heute Abend einem Israeli geholfen und einem muslimischen Araber, der ohne Zweifel zwar den Kampf gegen den Israeli gewonnen – aber sicher keinen Spass mit der israelischen Polizei gehabt hätte.

Als er zurück zu mir an den Tisch kam, sah ich ihn lange an, nahm dann seine Hand und sagte:

„If only Khader, if only more people would be like u, brave as u, forgiving as u are – there would be peace in Jerusalem.“

Wenn es doch nur mehr Menschen wie ihn geben würde, wie schön und friedlich könnte diese Welt sein. Für mich ist Khader, eindeutig, ein kleines Wunder, ein wundervoller Mensch, so jung und doch so viel weiser in seinen Gedanken und Taten, als die meisten anderen Menschen!

 

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2 Kommentare

  1. Ich♥Dich · November 18, 2012

    Wow, das ist ja wirklich ein ganz besonderer Mensch. Ich freue mich, dass du ihn kennenlernen durftest. Von solchen Leute lernt man sicherlich auch etwas für sich selber.

  2. brokensoulslife · November 18, 2012

    Schön das es solche Menschen wie ihn gibt 🙂

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