Der 2. Weihnachtstag – Retrospektive 25. Dezember 2011

„I blocked the studio for u on the 25th!“ – „U had to block it? It´s christmas!“ – „Nothing is holy in this country.“ – „Said the girl who doesnt celebrate it.“

„Mama?“ – „Ja?“- „Ist der Kohl angebrannt???“ – „Hm, naja…nicht wirklich…“ – „Nicht wirklich? Es riecht aber so. Wo is´n der Topf?“ (Mit einer Kopfbewegung zum Mülleimer) „Da!“ – „Aaaaaaah Mamaaaaa, das sollte doch…!“ – „Meine Güte! Du sagst der Mann hat immer kaum was essbares zur Verfügung, da wird er doch wohl mal etwas angekohlten Kohl (kichert) essen können! Und die Ente und die Klöße sind ja wohl lecker!“ – „Uff…ja geht schon klar…!“

Der erste Weihnachtstag. Unser vorletztes Treffen. Nun ist es ein Jahr her.

Es lag kein Schnee, jedenfalls nicht das ich mich erinnern könnte. Aber kalt war es, sehr kalt. Wir waren verabredet, wollten uns sehen, gemeinsam Aufnehmen und als kleines Highlight für dich heute das „Weihnachtsessen“. Du magst kein Kalam (Kohl) die Chance war also groß, dass du unseren gar nicht probieren würde. Sehr gut, dann muss ich nicht erklären warum Mama und ich (naja, eigentlch NUR Mama) es nicht hinbekommen den zukochen ohne einen Topf dabei zu verbrennen.

Du kommst früh am Abend,, es ist gerade erst dunkel geworden. Same procedure as any time? Du hast darüber gelacht, ich hätte noch ein „Ms Sophie“ hinzufügen können.

Deine Wange leuchten rot vor Kälte, zur Krönung kneife ich dir in die Wange und du lächelst sanft. Ich verdränge den Gedanken daran, dass du bald fort sein wirst und frage dich ob du hungrig bist. Bescheiden wie immer warst du, sagtest du müsstest jetzt nicht unbedingt essen, es wäre alles gut. Als ich dir daraufhin sage, dass es aber schade um die Weihnachtsente wäre, beginnen deine Augen zu funkeln. Ich frage nicht weiter, sondern fahre direkt zu mir nach Hause.

Mama ist arbeiten, Feiertagsdienst und so bringe ich dich nicht zu mir in die kleine Wohnung, sondern in die meiner Mutter, die in der ich aufgewachsen bin. Zögerlich stehst du im Türrahmen und siehst dich um, dein Blick fällt auf ein schreckliches Foto von mir aus der 4. Klasse. Hornbrille, ausgekämmte Locken und ein gelber Feivel der Mauswanderer Pullover (Ist Feivel nicht eigentlich eine Ratte?). Es ist mir unangenehm, es gibt wahrlich schönere Bilder von mir, doch trotz all meiner Einwände, hängt da Bild immer noch dort. Doch du lächelst nur und fragst mich leise „May I ?“ und deutest auf diese (unsägliche) Fotowand mitten im Flur. Du darfst alles, das solltest du mittlerweile wissen! Weisst du sicher auch, aber du würdest es niemals zugeben.

Neugierig siehst du dir die Bilder an, fragst nach den Namen der Anderen, die auch dort verewigt sind, dass unangenehme Gefühl verschwindet. Du schaffst das immer, nicht mit Worten und Beteuerungen, sondern mit deiner sanften Art.

Ich zeige dir die ganze Wohnung, auch deine Unsicherheit legt sich. In der Küche bitte ich dich Platz zu nehmen, aber wie immer stehst du gleich hinter mir und willst wissen, was du tun kannst. Hinsetzen und essen wäre gut? Ich wärme das Essen  auf, du sagstest, Kohl wäre nicht so dein Ding, würdest es aber gerne probieren. Du bist zu höflich, um da später dran rumzumeckern, also fülle ich dir den Teller auf, ganz voll. Für mich bliebe fast nur Kohl übrig. Ich bin nicht so hungrig, sage ich. Dein Blick durchbohrt mich. „Eat, or I wont eat either!“ – Also nehme ich mir Kohl und Klöße.

Wie ein kleines Kind vorm Weihnachtsbaum sitzt du vor deinem Teller, deine Augen strahlen und zufrieden probiers408395_260131874048902_863584950_nt du alles, so vorsichtig allerdings, als wäre es ein Gourmetmenu. Als du den Kohl probierst stößt du einen, für mich, undefinierbaren Laut aus. Erschrocken lege ich die Gabel zur Seite. „What?“ – „OH MY GOD! That´s unbelievable tasty! How did ur mom cook it?“ Mir müssen in diesem Augenblick die Gesichtszüge entgleist sein, soll das ein Witz sein oder meinst du tatsächlich den Kohl? Du meinst ihn. Ich bin verwirrt und frage mich, ob ich dir das Geheimrezept verraten soll? Anbrennen lassen, bis der Topf unbrauchbar ist. Entscheide mich aber doch dagegen und zweifel noch ein wenig an der Ernsthaftigkeit deiner Aussage.

Du isst alles auf, dein Teller ist danach so sauber, so sauber kenne ich es sonst nur von meiner Mutter und als wäre das nicht genug, siehst du mich an und fragst  mich ernsthaft, ob du noch mehr Kohl haben könntest! Es war also kein Witz, du magst den Kohl, gut, er schmeckt auch nicht mehr wirklich wie Kohl…

Wir verbringen die halbe Nacht im Studio, sind erst um 4 Uhr morgens wieder zuhause, beide hungrig. Den Kohl hast du aufgegessen, also gibt es nur Brot und Ei. Wir sitzen nebeneinander, essen und schauen uns gemeinsam Fotos vonn meiner Reise in deine Heimat an. Ich war an Plätzen an denen du nie warst, du sagst das wehmütig und das erste Mal traue ich mich dich zu fragen: „Yaya? Are u allowed to go back?“ Du weichst meinem Blick aus, stehst auf, gehst Richtung Bad und hälst dann kurz inne:“ It´s not …Ninjaan, I will never go back, ok? I dont want to.“ Dann schließt du die Tür hinter dir.

Ich habe dir das nicht geglaubt, Yaya. Dafür leuchten deine Augen zu sehr, wenn du Bilder aus deiner Heimatstadt siehst. Ich werde es dir nie glauben.

Als du aus dem Bad kommst, ist unser Gespräch vergessen, dass kannst du gut, Sachen fortwaschen, dich davor verstecken. Du stehst vor dem Spiegel und betrachtest dich, ich sehe verstohlen zu dir hinüber. „Ninjaan? My hair is grey! Since when is my hair grey???“ – “ What? It was always like this?“ – „Dont say always!“ – „Not always, always. But since I know u, ur chest is grey…remember? I called it my bicolor carpet…?“ – „U did?“ – „Yap!“ – „That´s mean…!“ – „No, just true. And btw., it looks kind of…!“ – „Old.“ – „Sth. like this.“

Im Bett entscheiden wir uns gegen einen Film, für Gespräche, mehr als sonst, intensiver als sonst. Du fragst mich nach meiner letzten Beziehung. Du verachtest diesen Mann, seit ich dir das erste Mal davon erzählt habe. Du kennst Menschen wie ihn, wo du und er herkommen, sagst du, seid ihr Feinde. Ich weiß das, aber ich will nicht darüber nachdenken, weil ich weiß, wie sehr es dich abschreckt, immer getan hat. Ob ich jemals wieder mit jemandem wie ihm sein könnte, fragst du und ich weiss, dass du wohl gerne hinzufügen würdest „nach jemandem wie mir“. Ich zögere nicht und verneine es, nicht, weil du es hören willst, sondern weil ich davon überzeugt bin. Es gab eine Zeit, in der ich nicht wusste was ich will, aber heute weiss ich es. Durch dich.

Zufrieden schaltest du das Licht aus, schiebst dein Bein zwischen meine und legst dir die Decke über den Kopf, das tust du so gut wie immer. „Isn´t it hard to breathe?“ – „No.“ – „Why do u do it?“ – „To keep the world outside…to sleep better.“ Ich schweige und denke über deine Worte nach, als du dir kurz die Decke vom Kopf ziehst und mich ansiehst. „In this bed, I can sleep. Better than anywhere else.“ – „Maybe, because of my original persian blanket?“ – „Ya, I think so….its a magic blanket.“

„Ninjaan? Hast du den Kohl ins Klo gekippt? Ich habe dir 1000mal gesagt…!“ – „Wieso ins Klo?“ – „Weil die Schüssel leer ist und nichts im Mülleimer! Wie oft habe ich dir gesagt…!“ – „Der Kohl ist in Yaya´s Bauch.“ – „Der ganze Kohl?“ – „Jap. Ich soll dir sagen, es ist der beste Kohl, den er jemals gegessen hat.“ – „Soll das ein Witz sein?“ – „Nein, ich glaube das war sein Ernst. Er hat alles aufgegessen…“ – „Ist ihm nicht schlecht geworden?“ – „Also heute morgen ging es ihm noch gut.“

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“People think a…

“People think a soul mate is your perfect fit, and that’s what everyone wants. But a true soul mate is a mirror, the person who shows you everything that is holding you back, the person who brings you to your own attention so you can change your life.

A true soul mate is probably the most important person you’ll ever meet, because they tear down your walls and smack you awake. But to live with a soul mate forever? Nah. Too painful. Soul mates, they come into your life just to reveal another layer of yourself to you, and then leave.

A soul mates purpose is to shake you up, tear apart your ego a little bit, show you your obstacles and addictions, break your heart open so new light can get in, make you so desperate and out of control that you have to transform your life, then introduce you to your spiritual master…”
Elizabeth Gilbert

Und am Ende schweigen wir

…“I dont hate u, I never did. And it´s not the question if I hate, but why do u shit on me that hard? Warum diese Gleichgültigkeit?! – „What? Ninjaan, I never shitted on you! Never…“ – „U did, so hard. How? I have just this one question, I will answer any of urs, just tell me HOW?“ – “ I never did Ninjaan. If u, ur friendship weren´t important to me, why should I call u? I would never do it, if it weren´t important! I am sorry, I never wanted u to feel like this, but what did I do?“ – „U forgot me. Simply, as if it was that easy. How could it be so easy?“

Seine Stimme zittert noch immer. Er beginnt Sätze und vollendet sie nicht, ich wünschte ich könnte behaupten, dass ich mich an alles was er sagte erinnern oder wenigstens an alles was ich sagte. Aber das kann ich nicht. Er redete über seine Art, darüber, dass er niemals Menschen nicht antwortet, um sie zu verletzen. Aber er sei so, warum ich das nicht verstehe? Warum Menschen von ihm immer erwarteten er müsse anders sein. Sein Cousin, sagte er, würde seit 2 Jahren wohl auf ihn warten, ob ich glaube sein Cousin wäre ihm egal. Er könne einfach nicht, sein Leben und überhaupt alles, es wäre nicht seine Art Menschen damit zu belasten. Ich schwieg, noch immer verwirrt von seinem Stimmungswandel. Dann bricht seine Stimme erneut.

„Why u? Why did u tell me things like this? Why u? I cant understand it…I dont want to. I wished it wasnt u.“

Ich spüre wie mir Tränen in die Augen schießen, sich ein Kloß in meinem Hals breit macht, den ich nicht einfach hinunterschlucken kann, so wie ich es gerne würde. Erneut, diesmal jedoch ruhiger, fast verzweifelt und nicht mehr wütend, fragt er mich nach dem Warum. Warum ich ihm all diese Dinge sagte, warum ich das tat. Ich hätte ihm die Wahrheit sagen können. Aber da ist dieser Kloß in meinem Hals, der mir die Worte erstickt, jedenfalls die, die ich sagen sollte. Und so schließe ich einen Kompromiss mit mir und setze an, etwas wahres zu sagen, ohne dabei alles auszusprechen.

„I did it because…I want u to…I want u to …“ – „U want me to…what? Say it, come on…“ – “ I…I …please Yaya, u know what I want to say..“ – „No! I dont know nothing anymore! Say it!“ – „I…want u to see it!! To see!“ – „To see what?“ – „That I´m…!“ – „U are..?“ – „Hurt.“ – „U want me to see u are hurt while writing me things like this? Is it so hard to just tell me?“ – „It is. And u were gone.“

Es entfacht eine Diskussion darüber, wer von uns beiden ging.

„U, Ninjaan, u went away! I thought u wanted it! I thought u are happy and u go on with ur life!“ – „Of course I did!“ – „So? I wrote u sms! U! Aha! U unfriended me in facebook! Why? Because u thought I dont want this asshole anymore in my life or list!“ – „No! Its not like that!“ – „It doesnt matter! And I just saw it because I searched for a link, okay?“ – „Okay…“ – Just because of this!“- „Okay…“ – „Because I wanted to show a friend this one song, I searched for ur page, checked ur wall and realized u are not my friend anymore!“ – “ Yes, but it was…sth totally different…“ – „It doesnt matter…“

Diesen Link, der befand sich in unseren Nachrichten, nicht auf meiner Pinnwand.

Wir reden noch ein wenig hin und her, darüber wer ging, gehen wollte, wer begann und wer nicht. Kindisch. Wir schweigen, ich lausche seinem Atem und mir wird bewusst wie sehr ich seine Stimme vermisst habe, es vermisst habe mit ihm zu reden. Und während ich beginne in Erinnerungen zu schwelgen, scheint er zu begreifen, plötzlich.

„Ninjaan. U have to tell me. U have to. Please. Tell me, there is something else but…“

Wie erstarrt starre ich auf das Display. Der Kloß in meinem Hals wird zu seinem großen Stein. Ich weiss was er meint, wir beide wissen es. Warum soll ich es jetzt sagen? Meine Gedanken fahren Achterbahn. Soll ich es sagen? Soll ich schweigen? Am anderen Ende des Telefons spricht er weiter auf mich ein. Wiederholt immer und immer wieder diese Sätze. Fast flehend.

Ich kann nicht aufhören dich zu lieben und es tut so verdammt weh.

Das hätte ich sagen sollen, dieser Satz brannte sich in meinem Kopf ein. Doch ich tat es nicht. Denn plötzlich wird unser Gespräch unterbrochen. Er war mitten in einem Satz, ich in Gedanken. Da war es vorbei. 2 Stunden um? Hat o2 gerade gnadenlos zugeschlagen? Nein, erst eine Stunde. Was war geschehen? Ich wähle seine Nummer, sein Handy ist aus. Ist sein Akku alle gegangen? Ich schreibe eine Nachricht. Sie wird nicht übertragen. Ich bin völlig verwirrt. Was hat er zuletzt gesagt?

Nach 15 Minuten der Übertragungsbericht. Ich starre wie gebannt auf mein Handy. Eine Minute erscheint wie eine Ewigkeit. Ich wähle seine Nummer. Er hebt nicht ab. Ich warte, eine Stunde. Es kommt nichts. Ich schreibe erneut eine Sms, frage was geschehen ist und ob wir das Gespräch nicht beenden können… Keine Antwort. Bis heute nicht, eine Woche danach.

Denn auf meine Frage, was geschehen ist, kann ich mir selbst antworten. Er hat es begriffen. Mein Schweigen war die Antwort. Und das ist zuviel, das ist zu nah. Zu nah geht nicht. Ich bin ein runaway, aber er, er ist es noch viel mehr als ich.

Und wieder kann ich es nicht sagen.

Wer hasst wen?

„They say u loose the spark in time, but that´s not true – Because I still get butterflies…“

(Nick Howard „Falling for you“)

Mein Handy klingelte und auf dem Display erscheint sein voller Name inkl. Foto, nicht weil ich seine Nummer noch gespeichert hätte, sondern weil er noch immer in meinen Skype Kontakten ist und SMARTphones alles wissen. Ich ließ es klingeln, kämpfte mit mir und hebe erst in letzter Sekunde (kurz bevor meine Mailbox anspringt) ab.

Wir sagten beide kein Wort. Er atmete hörbar, ich hielt die Luft an.

„Ninjaan?“ – „Jap, if u are calling because u want to yell at me…!“- „No, I want to talk. I will not shout at u!“ – „Ok.“ – „Are u fine Ninjaan (Synonym für:Gehts dir noch ganz gut?)?“ – „Not really, as u can guess. I understand, u are angry now, I am angry too. And I am not sure, if all this…!“ – „Good to know, u are able to talk. Because ur writings make me sick! What did I do?“ – „I dont think we should…“ – „I dont care about what u think right now! I want answers! And I really wish, I could look into ur eyes and talk to u face to face about all this. But U are far and I think u would never do it“  – Ich antwortete nicht.

Es folgt ein 30minütige Gespräch in denen er sicherlich 80% Redeanteil hat. Er ist wütend, verletzt. Er wird nicht laut, er schlägt  nicht unter die Gürtellinie, wie er es mir bereits in seiner letzten SMS versprach. Manches verletzt mich, manches macht mich wütend, aber auch ich bin ruhig. Geduldig fast, weil ich immer wieder ansetze, versuche seine Fragen zu erklären, doch er lässt mich nicht ausreden. Unterbricht mich, redet sich leicht in Rage, um dann wieder zu  schweigen und die Frage erneut zu stellen. Manchmal muss ich lächeln, weil ich schon vorher weiß, was er als nächstes sagen wird, weil unsere gegenseitige „Wut“ Bekundung „U dont know me! – U dont know me either!“, nicht wirklich wahr ist. Einmal spreche ich einen ganzen Satz  synchron mit, er stutzt und ich möchte meinen, dass auch er kurz schmunzeln musste.

30 Minuten lang, bin ich nahezu ruhig, sage wenig, setze nur immer und immer wieder an und versuche das ein oder andere Mal das Gespräch abzuwürgen, weil ich nicht weiß wohin das führen soll. Er weiss es offensichtlich auch nicht, aber er will nicht aufhören, nicht jetzt. Nur einmal, als ich lache, droht er mir damit aufzulegen. Auf meine Frage, ob es ihm lieber wäre,würde ich über all das weinen was gerade geschieht, geht er nicht ein, legt aber eben auch nicht auf.

Er ist so wütend. Wirft mir vor, ich könne nie anders sein als so. Fragt mich, wie ich ihm so etwas an den Kopf hatte werfen können, nach all der Zeit. Fragt mich, was er denn getan habe. Gebetsmühlenartig wiederholt er dieses Sätze. Er nennt mein Verhalten kindisch und überzogen. Gleich zu Beginn schon, nennt er mich wieder „runaway“, weil ich nichts austrage,sondern nur erscheine, jemandem etwas vor die Füße knalle,um dann wieder im Nichts zu verschwinden – wie immer. Runaway like halt.

Dann stellt er mir eine entscheidende Frage, eine Frage auf die ich keine Antwort habe, etwas für das ich keine Erklärung oder Ausrede parat habe.

„What Ninjaan,what would u do, if I wouldnt react on ur words? Its not the first time! What would u do, if it wouldnt be me, calling u or writing u afterwards? WHAT would u do?“

Ich schweige. Was soll ich sagen? Sollte ich sagen, dass mein Verstand immer hofft, er würde nichts mehr sagen, nie wieder. Oder das mein Herz sich wünscht, dass er mich dann anruft, so wie jetzt gerade. Und das ich nicht weiß, was davon überwiegt?

Während ich noch darüber nachdenke, setzt er erneut an. Doch jetzt ist es anders. Plötzlich bricht seine Stimme, klingt nicht mehr klar und bestimmt. Im Gegenteil, sie zittert.

„Why do u hate me, Ninjaan? Why do u hate me so much?“

….

Von der „Eigentlichkeit“ der Dinge und anderen Dummheiten

Eigentlich, will ich nicht mehr davon erzählen. Und eigentlich komme ich mir so dumm, naiv dabei vor, schäme mich fast, überhaupt noch etwas dazu zu sagen. Und noch eigentlicher würde ich es gerne verdrängen, für mich behalten oder besser noch: einfach vergessen. Aber nur eigentlich.

Denn „Uneigentlich“ ist das gar nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist, dass ich es gar nicht vergessen möchte und es am liebsten in die Welt hinausschreien möchte. Dass ich ein Lied komponieren und darüber singen würde und wenn ich könnte würde ich gleich ein lebensgroßes Gemälde dazu malen oder zumindest ein Buch darüber schreiben, ein Denkmal setzen, ihm, nein ehrlicher gesagt meiner Liebe zu ihm.

Und weil das so ist und weil ich nicht vergesse, überzeugt davon bin, dass ich es gar nicht kann, jedenfalls nicht jetzt, und ich nur ein Opfer dessen bin, was mir wiederfährt, höre ich nicht auf. Und so oft ich auf diesem Blog schon gesagt habe, das wars, es ist vorbei (im wahren Leben sicher noch um einiges öfter so geschehen), so oft habe ich es revidiert. Mal kleinlaut, mal hoffnungsvoll, mal resignierend. Wann ist denn überhaupt etwas vorbei? Beziehungen sind vorbei, wenn einer (oder beide) sie beenden. Aber wann ist Liebe vorbei? Ich benutze das Wort gerade ziemlich inflationär, aber nur, weil ich es vorher nie tat. Wie lange habe ich mich gescheut, es nie benannt, mir nicht mal eingestanden. Aber ich kapituliere. Ich liebe jemanden, der mich nicht liebt und leider entscheidet nicht mein Verstand darüber, wen ich liebe, sondern mein Herz und das hört gerade nicht auf meinen Verstand. Und deswegen ist auch alles, was ich tue alles andere als rational oder vernünftig. Und ich will es auch nicht mehr schön reden, deshalb meine Kapitulation. Es ist, wie es ist und ich kann es erstmal nicht ändern – es geht schon vorbei, irgendwann. Nur, dass es jetzt vorbei ist, das war und ist eine Lüge…

Die fehlende Rationalität, der schwache Verstand, verleitete mich (erneut) zu einer Tat, die ich mir, wie mein Verstand leise flüstert, gut und gerne hätte sparen können. Tat ich aber nicht. Im Gegenteil, vor einer Woche „explodierte“ ich wieder einmal und verfasste eine Nachricht an ihn, in der ich meiner Wut freien Lauf ließ. Das kann ich ja bekanntlich am Besten.

Natürlich, was ich sagte war nicht ganz falsch, aber zu was für einem Zeitpunkt ich damit um die Ecke kam, war unpassend. Wozu sagte ich es überhaupt? Ich weiss es, jetzt, im Nachhinein, dann ist man immer schlauer. Ich schrieb ihm, wusste,dass er online war. Schrieb es und ging offline.

Ich möchte ungerne sagen was genau ich schrieb. Aber es war nicht nett, zum Teil auch unfair und vor allem sagte ich etwas, von dem ich wusste, dass es ihn treffen würde. Ich telefonierte nebenbei mit einer Freundin. Ich sah die Email Benachrichtigung, dass er mir geantwortet hatte, ignorierte es aber. Ich ignorierte auch seinen Anruf, der überraschend kam, wann hatte er schon mal angerufen? Ebenfalls seine erste Sms, in der er mich aufforderte ihm zu sagen, was passiert sei. Er tobte, das war deutlich. Und ich, die innerlich selbst tobte, empfand einen Moment der Schadenfreude. Widerlich, das ist mir bewusst. Dann erhielt ich eine weitere Sms, wieder forderte er mich auf, dass ich ihn anrufen solle. 20 Minuten starrte ich auf den Display meines Handys und wählte dann seine Nummer.

Er hob nicht ab.

1:0 für ihn, wäre dies hier ein Spiel. Ist es gewissermaßen auch, aber mehr ein Trauerspiel, bei dem für gewöhnlich keine Punkte verteilt werden.

Erst machte sich Erleichterung breit, was hätte ich auch sagen sollen? Was will er überhaupt sagen? Was gibt es überhaupt zu bereden? Aber dieser Zustand hielt nur wenige Stunden an, dann kam die Wut zurück. Ich schickte eine Sms ab, in der ich mich spöttisch über das äußerte was letzte Nacht vorgefallen war.

Dann klingelte mein Handy…

 

 

Wenn du denkst es geht nicht mehr…

kommt sicher jemand von irgendwoher und tritt noch einmal so richtig rein!

Unbekannte Nummer (nicht in meinem Handy gespeichert, noch nie gewählt):

„naaa?“

Ninjaan:

„naa?“

Unbekannte Nummer:

„was machst du?“

Ninjaan:

„Wer bist du?“

Unbekannte Nummer:

„Wer bist du?“

Ninjaan:

„Ehm…du hast mir doch geschrieben und nicht umgekehrt…?“

Unbekannte Nummer:

„Du hast mir auch vor ein paar Tagen geschrieben „

Ninjaan:

„Und was habe ich dir geschrieben? Ich kenne deine Nummer gar nicht?“

(Schon da dämmerte es mir…)

Unbekannte Nummer:

„Du hast gefragt, ob ich schon wach bin :D“

Ninjaan:

„Yaya? Was ist das für eine Nummer?“

Unbekannte Nummer:

„lol. lyca… und wer ist da?“

Ninjaan:

„Lyca?“

Unbekannte Nummer aka Yaya

„Ja, meine andere Nummer. Sag doch wer du bist? Ich habe ein neues Handy und meine Nummern sind alle weg…“

Ninjaan:

„Ich bins Ninjaan. Sorry Yaya, ich hatte nen Unfall an dem Morgen in Hxxxx und konnte nicht mehr laufen und war allein und ich wusste nicht was ich machen sollte und dann hab ich dir geschrieben und dachte wenn du wach bist könnte ich dich um Hilfe bitten….ich war danach im Krankenhaus und hab vergessen dir zu sagen, dass nur ich es war.“

Unbekannte Nummer aka Yaya:

“ Ah baby! Wie geht es dir jetzt? Wo bist du?“

Ninjaan:

„Geht so, mein Knie ist kaputt kann nicht in den Urlaub fahren. Bin in XY, zuhause, musste nicht lange im KH bleiben. Wie gehts dir?“

Unbekannte Nummer aka Yaya:

„Gut…war bei der Arbeit als du mir geschrieben hast. Ich bin momentan in H. Kein Internet sonst hätte man schreiben können. Kiss

Ende der Konversation. Was sollte ich auch sagen? Mit einem Schlag wird es mir bewusst – da ist nichts, aber auch gar nichts mehr. Wir schreiben wie zwei Fremde. Baby? Sowas sagt er wohl zu Frauen die er nicht kennt, zu mir sagte er es nie. Ich weine. Römmel, die am Telefon ist versucht mich zu beruhigen. Aber ich habe endlich verstanden, endlich, nach all der Zeit. Da ist nichts mehr, keine Verbindung, kein Mitgefühl, kein Interesse. Ich werde die Nummer niemals speichern und er meine sicherlich auch nicht.

Vielleicht ist das, das einzig gute was mir dieses Jahr noch passieren konnte, dass ich es begreife, so schmerzvoll es auch ist. Das hier war das Ende. Und egal was mir jemals wieder geschehen würde, er wäre ab heute der letzte Mensch, der mir in den Sinn kommen würde.

 

 

 

Ninja mood und seine Folgen

Mittwoch Abend, mitten in der Woche, ich sollte zuhause im Bett liegen, das Jahr ist wie verhext, alles geht daneben, mittlerweile sogar im Job. Tadel vom JA (tzzz) und geklautes Portemonai (auch unter den liebsten Jungs ist doch einer, der…). Ich liege aber nicht im Bett, sondern bin mit zwei ehemaligen Arbeitskolleginnen, wir trinken ein bisschen und hören Musik. Auf die Dauer wird das langweilig, in benebelten Köpfen entsteht die Idee ein Taxi zu rufen, ab in die nächste Großstadt, feiern gehen. Gut, es ist Mittwoch, aber was solls, das schaffen wir schon und wie vernünftig ist man schon nach ein paar Gläsern? Auf gehts, 80 Euro durch 3 geteilt, zu teuer, aber who cares?

Der Abend ist schön, wir tanzen, lachen haben Spass, alles ist gut, bis irgendwann, kurz vor Schluß die Katastrophe ihren Lauf nimmt. Eine meiner Arbeitskolleginnen, Nela, flirtet mit einem Mann, der aber wohl zuvor schon mit einer Anderen beschäftigt war. Diese tickt aus und geht auf Nela los, wir gehen dazwischen und werden prompt vor die Tür befördert, die Angreiferin hat einen Bruder der Türsteher ist – keine Chance für uns. 25 Minuten muss ich mich mit den Türstehern streiten bis mir der umkämpfte Mann von Nela meine Jacke holen darf.

Draussen auf der Straße wird weiter gepöbelt, Nela ist überfordert, ich bin durchgefroren und drehe durch. Ich wiederhole lieber nicht was ich sagte, aber schön war es nicht. Ein junger Mann der plötzlich auftauch hält mich zurück, will mich beruhigen, redet auf mich ein, ich bin schon fast blind vor Wut – ninja mood auf nahezu höchster Stufe. Aber ich beruhige mich, der ninja mood zeigt Wirkung und das Mädchen (Frau mag ich sie nicht nennen), wird ruhig und geht.

Ich will nachhause, glaube nicht, dass die Sache schon erledigt ist, ich kenne das zu gut. Aber auf mich hört keiner und so latschten wir zum nächsten Club, direkt auf die Tanzfläche. Der junge Mann ist noch an meiner Seite, ich habe keine Lust mich zu unterhalten, erst recht nicht, als ich bemerke, dass auch das Mädchen in diesem Club ist und Nela schon mit den Blicken anvisiert hat.

5 Minuten dauert es, vielleicht weniger, dann greift sie Nela ein zweites Mal an, diesmal gleich mit der Faust. Unsere andere Freundin hält Nela zurück, ich das Mädchen. Sie schlägt wild um sich – meine ninja mood Leuchte ist auf rot gestellt. Weil sie nicht aufhört und ich mich nicht mehr beherrschen kann, packe ich sie am Schopf und werfe sie gekonnt (nein, ich mache eigentlich Kampfsport, aber wir Sozialarbeiter haben so einiges drauf, wenns sein muss…) auf den Boden. Als ich mich aufrichte, sie loslasse sehe ich nur noch zwei Türsteher auf mich zukommen – eine Sekunde später werde ich mit voller Wucht weggestossen und liege auf dem Boden. Ich will aufstehen, aber ich kann es nicht mehr, mein Knie knickt weg.

Der junge Mann eilt zu mir, hilft mir auf. „Ich kann nicht mehr gehen!“ sage ich mit zitternder Stimme. „Ich bringe dich raus, bevor sie die Polizei rufen!“ beruhigt er mich. Meine Freundinnen sind weg, keine von ihnen geht ans Telefon, wir stehen draussen, naja ich stehe weniger und hänge eher an seinem Arm – der Schmerz treibt mir die Tränen in die Augen. Er wolle mich zum Bahnhof bringen, ich könne nicht hier bleiben, wir nehmen ein Taxi. Ich denke noch, wie anständig das von ihm ist, wo er mich doch gar nicht kennt. Am Bahnhof angekommen, versucht er mich zu küssen, fragt ob ich mit ihm in ein Hotel gehen will. Geschockt sehe ich ihn an, ich würde ihn gerne wegschlagen, aber dann könnte ich nicht mehr stehen, also weine ich. Ich weine bitterlich. Ich habe Angst, kann mich nicht wehren, wer weiß wie der Typ drauf ist?

Von meinen Tränen schockiert, stützt er mich bis zum Eingang vom Hauptbahnhof und dreht sich dann wortlos um und geht. Anständig sieht anders aus. Ich lehne an einer Wand, stehe auf einem Bein, der Schmerz wird immer stärker, die Tränen laufen mir über´s Gesicht.

Ich ziehe mein Handy aus der Tasche, wen soll ich anrufen? Das hier ist Yaya´s Stadt, soll ich ihn anrufen, in diesem Zustand? Aber wen sonst? Es ist halb acht Uhr morgens, ob er schläft? Ich traue mich nicht, beginne noch mehr zu weinen und wähle Plitschis Nummer, sie geht sofort ran. Vor Schluchzen versteht sie kaum ein Wort, sie hört mich nur immer „Sag mir, kann ich Yaya anrufen? Kann ich ihn anrufen? Kommt er um mir zu helfen?“ sagen. Nach und nach erkläre ich ihr die Situation, sie hat kein Auto, kann mich nicht holen. Ich solle ihn nicht anrufen, erstmal nur eine Sms…man weiss nie und würde er nein sagen? Dann würde ich, Ninjaan, doch total zusammenbrechen. Recht hat sie. Ich weine weiter, die Menschen am Bahnhof würdigen mich keines Blickes, nicht mal die Bahnhofsmission macht halt, um mir Hilfe anzubieten (Wofür genau sind sie nochmal da?)

Ich schreibe Yaya eine Sms „Bist du wach?“, mehr sage ich nicht, hoffe er antwortet schnell. Tut er aber nicht. Mein Akku ist fast alle. Plitschi ruft mich wieder an, sagt mir von welchem Gleis mein Zug fährt und wann, hat meine Mutter informiert, die  mich vom Bahnhof abholen wird. Ich brauche 20 Minuten bis zum Gleis, weil ich kaum laufen kann, zweimal beinahe vor Schmerzen zusammenbreche, niemand bietet mir Hilfe an, meine Tränen versiegen, ich muss hier weg, es ist kalt.

Ich erwische den Zug gerade noch, schlafe vor Erschöpfung ein und der Schaffner verschont mich, aus Mitleid, kurz vor meiner Haltestelle, 40 Euro Strafe für´s Schwarzfahren zubezahlen. Wenigstens ein netter Mensch. Mittlerweile habe ich Nachricht von meinen Freundinnen, sie seien noch in Hannover, hätte mich verloren, Nela sei ohnmächtig geworden, vor lauter Alkohol. Es hagelt Entschuldigungen, weil ich allein gelassen wurde, solange bis mein Handy ausgeht.

Ich verbringe den ganzen Tag in der Notaufnahme des KH, was mit meinem Knie ist wissen sie nicht, kein Bruch sagt das Röntgenbild. Ich bekomme eine Schiene und eine AU und eine Überweisung zum Orthopäden.

Abends erreicht mich eine Sms von Yaya, er sei wach und wer ich wäre. Ich antworte nicht, was sollte ich auch sagen?

4 Tage später bin ich beim Orthopäden, er punktiert mein Knie und zieht 8 Spritzen Blut heraus, er ist erschrocken. Er befürchtet etwas sei mit meinen Bändern nicht in Ordnung. Krankschreibung für 2 Wochen, Überweisung zum Radiologen und das Verbot am 17.12. zu fliegen – keine Chance. Wäre mein Neffe nicht mit mir in der Arztpraxis gewesen, hätte ich sicher wieder geweint – manchmal ist es einfach zuviel…

Und das alles, weil ich im Ninja mood einer Freundin geholfen habe…

Wenn in der Seelenverwandschaft eine Seele krank wird

Seit der Kindheit kennen wir uns. Unsere Eltern sind Nachbarn, waren sie immer und sind es auch heute noch. Ihre Geschwister sind mir näher als meine eigene Schwester. Wir haben alles zusammen erlebt. Den ersten Alkoholabsturz, den ersten Joint, den ersten Liebeskummer, das Erwachsen werden. Meine erste Beziehung, die eine Katastrophe war, mit Gewalt, Erpressung und Flucht, sie stand an meiner Seite. Als ihre erste Beziehung ähnlich verlief, war auch ich bei ihr. Egal in welcher Stadt wir lebten, wie weit wir voneinander entfernt waren, wie selten wir uns sahen, es gab nie einen Moment zwischen uns, in dem wir uns der Freundschaft, Liebe und absolute Loyalität der Anderen nicht sicher sein konnten.

Wenn ich mich manchmal umsehe, wird mir bewusst, wie selten eine solche Freundschaft ist, die alles übersteht, alle Altersstufen und Veränderungen trägt und überlebt. Bei ihr kann ich ruhig sein, traurig, schwach, bei ihr fürchte ich nichts und niemand könnte mein Vertrauen in sie erschüttern – das beruht auf Gegenseitigkeit.

Wenn ich sage wir haben alles überstanden, dann meine ich wirklich alles. Weil wir einander blind vertrauen und wissen, dass die Andere es niemals schlecht meint, geben wir viel auf unsere Urteile, nehmen die Hilfe des Anderen an, belügen uns nicht.

Aber jetzt scheint alles anders, nicht weil wir uns auseinander gelebt hätten, sondern weil sie krank ist. Psychisch krank. Schon vor Jahren besuchte sie über einen kurzen Zeitraum einen Therapeuten, der ihr eine intensive Therapie nahelegte, er vermutete ein „Borderline Syndrom“. Als sie schwanger wurde, versuchte ihre Ehe zu retten, brach sie die Therapie ab. Heute ist sie geschieden und hat eine wundervolle Tochter, das Leben wieder genießen, das sollte sie, aber sie kann es nicht. Und ich habe so lange die Anzeichen übersehen und stehe nun neben ihr, ratlos, ängstlich, wütend.

Ihr selbstzerstörerisches Verhalten ist mittlerweile nicht mehr zu übersehen, es ist nicht leise, es ist laut, es schreit. Sie weiß, dass sie Hilfe braucht, wird sie sich holen, sagt sie. Aber neben all der Einsicht, herrscht etwas Unberechenbares in ihr, das mal durch Alkohol verstärkt wird, mal keinen braucht um um sich zu schlagen. Während sie sich einem Mann vor die Füße schmeißt, der nicht nur schlecht ist, sondern ein wahrer Teufel, tritt sie mir, ihren Geschwistern auf die Füße, nein das ist übertrieben, sie schlägt uns nieder. Sie lügt, handelt egoistisch, verletzt und dann bricht sie zusammen, fleht bettelt und wir stehen daneben und können nichts tun, unsere Worte kommen nicht mehr bei ihr an.

Gestern ist es eskaliert, ihre kleine Schwester stand weinend am Auto, sie weinend vor mir, flehte mich an sie zu dem Mann zu fahren, der sie am Telefon vor wenigen Minuten als Nutte und Hure beschimpft hatte. „Ich kann das nicht tun, auch wenn du mich dafür hassen wirst, ich fahre dich nicht dorthin!“ Als sie versucht wegzulaufen, hilft mir ein netter Mann dabei sie zurückzuhalten. Er hält meine Reaktion wohl für übertrieben, doch dann beginnt sie zu sprechen und ihre Worte sind erschütternd, es ist so erniedrigend, der Mann sieht mich fassungslos an. Er versucht mit ihr zu reden, aber es hilft nicht, sie bettelt, fleht, weint, schreit, will fortlaufen. Er bittet mich ihre Worte zu wiederholen, damit sie hört was sie da eigentlich sagt. Ich kann nicht, ich kann so etwas nicht sagen, mir steigen die Tränen in die Augen. Niemals könnte ich mich selbst so erniedrigen – warum tut sie es! Es schmerzt, weil sie, mehr als alle anderen Menschen in meinem Leben ein Teil von mir ist. Ich kann es nicht. Er versteht, nimmt ihre Stimme auf, spielt es ihr ab, sie zeigt keine Regung und wiederholt immer nur ihren Wunsch, zu dem Mann gefahren zu werden. Ihre jüngere Schwester sitzt im Auto und weint, weint weil sie ihre große Schwester so sieht, weint für mich mit, weil ich mich zusammen reissen muss.

Am Ende, weil wir 2 Stunden in der Kälte stehen und sie nicht ins Auto bekommen, muss ich sie überlisten. Locke sie in das Auto und verriegel von innen die Türen. Ich habe gestern Nacht meine beste Freundin ins Auto gesperrt, weil ich Angst um sie hatte, weil ich nicht wusste, was sie tun würde, wenn sie davon läuft oder zu diesem Mann geht, der sie behandelt wie ein Stück Dreck, sie sogar so nennt. Als sie hinten im Auto randaliert, weil sie raus will, kann ich die Tränen nicht aufhalten. Als ihre Schwester beginnt auf sie einzureden, ihr alles zu sagen, wie sehr sie uns verletzt, uns beleidigt, unsere Gefühle ausblendet, gegen alle Ehrenkodexe der Freundschaft und unter Geschwistern verstößt, beginnt sie wieder zu weinen.

Wir bleiben bis 11 Uhr am nächsten Tag bei ihr, trauen uns nicht sie allein zu lassen. Irgendwann ist sie wieder die einsichtige Freundin und Schwester. Wir sind erschöpft, müde das alles zehrt an unseren Nerven. Später am Abend rede ich mit ihr. Ihre Einsicht ist fort, sie ist dann so kalt. Sie hat mit dem Mann geschrieben, beteuert mir aber, es wäre das letzte Mal gewesen. Nach einer Stunde am Telefon bemerke ich wie abwesend sie ist – ich checke es kurz ab und sehe, dass dieser Mann ebenfalls online ist. Sie verabschiedet sich, sie wäre müde. Sie lügt, belügt sich selbst und mich auch.

Das Schlimmste daran ist, dass ich sehe, dass der Mann mir letzte Nacht schrieb, während er sie beschimpfte hinterließ er mir eine Nachricht, ob ich schön feiern würde. Er macht mich schon seit geraumer Zeit an, sie weiß das. Weil ich nicht darauf eingehe ist er wütend, beleidigt mich, auch das weiß sie. Ich halte still, bin still, weil ich nicht mehr weiß was ich noch sagen soll.

Ich würde mein Leben geben dafür, ihr zu helfen, ihr zu helfen, dass es aufhört. Aber ich komme nicht mehr an sie heran. Wenn ich etwas sage, dass ihrer Stimmung widerspricht hört sie es nicht. Wenn ich ihr sage, ich wäre verletzt weint sie, vergisst es aber innerhalb weniger Sekunden. Ich würde alles tun – aber wieviel kann ich überhaupt noch geben – ich komme an meine Grenzen und schweige, weil ich nicht mehr sprechen kann, nicht mehr mit ihr. Doch mit wem sonst?