Wenn in der Seelenverwandschaft eine Seele krank wird

Seit der Kindheit kennen wir uns. Unsere Eltern sind Nachbarn, waren sie immer und sind es auch heute noch. Ihre Geschwister sind mir näher als meine eigene Schwester. Wir haben alles zusammen erlebt. Den ersten Alkoholabsturz, den ersten Joint, den ersten Liebeskummer, das Erwachsen werden. Meine erste Beziehung, die eine Katastrophe war, mit Gewalt, Erpressung und Flucht, sie stand an meiner Seite. Als ihre erste Beziehung ähnlich verlief, war auch ich bei ihr. Egal in welcher Stadt wir lebten, wie weit wir voneinander entfernt waren, wie selten wir uns sahen, es gab nie einen Moment zwischen uns, in dem wir uns der Freundschaft, Liebe und absolute Loyalität der Anderen nicht sicher sein konnten.

Wenn ich mich manchmal umsehe, wird mir bewusst, wie selten eine solche Freundschaft ist, die alles übersteht, alle Altersstufen und Veränderungen trägt und überlebt. Bei ihr kann ich ruhig sein, traurig, schwach, bei ihr fürchte ich nichts und niemand könnte mein Vertrauen in sie erschüttern – das beruht auf Gegenseitigkeit.

Wenn ich sage wir haben alles überstanden, dann meine ich wirklich alles. Weil wir einander blind vertrauen und wissen, dass die Andere es niemals schlecht meint, geben wir viel auf unsere Urteile, nehmen die Hilfe des Anderen an, belügen uns nicht.

Aber jetzt scheint alles anders, nicht weil wir uns auseinander gelebt hätten, sondern weil sie krank ist. Psychisch krank. Schon vor Jahren besuchte sie über einen kurzen Zeitraum einen Therapeuten, der ihr eine intensive Therapie nahelegte, er vermutete ein „Borderline Syndrom“. Als sie schwanger wurde, versuchte ihre Ehe zu retten, brach sie die Therapie ab. Heute ist sie geschieden und hat eine wundervolle Tochter, das Leben wieder genießen, das sollte sie, aber sie kann es nicht. Und ich habe so lange die Anzeichen übersehen und stehe nun neben ihr, ratlos, ängstlich, wütend.

Ihr selbstzerstörerisches Verhalten ist mittlerweile nicht mehr zu übersehen, es ist nicht leise, es ist laut, es schreit. Sie weiß, dass sie Hilfe braucht, wird sie sich holen, sagt sie. Aber neben all der Einsicht, herrscht etwas Unberechenbares in ihr, das mal durch Alkohol verstärkt wird, mal keinen braucht um um sich zu schlagen. Während sie sich einem Mann vor die Füße schmeißt, der nicht nur schlecht ist, sondern ein wahrer Teufel, tritt sie mir, ihren Geschwistern auf die Füße, nein das ist übertrieben, sie schlägt uns nieder. Sie lügt, handelt egoistisch, verletzt und dann bricht sie zusammen, fleht bettelt und wir stehen daneben und können nichts tun, unsere Worte kommen nicht mehr bei ihr an.

Gestern ist es eskaliert, ihre kleine Schwester stand weinend am Auto, sie weinend vor mir, flehte mich an sie zu dem Mann zu fahren, der sie am Telefon vor wenigen Minuten als Nutte und Hure beschimpft hatte. „Ich kann das nicht tun, auch wenn du mich dafür hassen wirst, ich fahre dich nicht dorthin!“ Als sie versucht wegzulaufen, hilft mir ein netter Mann dabei sie zurückzuhalten. Er hält meine Reaktion wohl für übertrieben, doch dann beginnt sie zu sprechen und ihre Worte sind erschütternd, es ist so erniedrigend, der Mann sieht mich fassungslos an. Er versucht mit ihr zu reden, aber es hilft nicht, sie bettelt, fleht, weint, schreit, will fortlaufen. Er bittet mich ihre Worte zu wiederholen, damit sie hört was sie da eigentlich sagt. Ich kann nicht, ich kann so etwas nicht sagen, mir steigen die Tränen in die Augen. Niemals könnte ich mich selbst so erniedrigen – warum tut sie es! Es schmerzt, weil sie, mehr als alle anderen Menschen in meinem Leben ein Teil von mir ist. Ich kann es nicht. Er versteht, nimmt ihre Stimme auf, spielt es ihr ab, sie zeigt keine Regung und wiederholt immer nur ihren Wunsch, zu dem Mann gefahren zu werden. Ihre jüngere Schwester sitzt im Auto und weint, weint weil sie ihre große Schwester so sieht, weint für mich mit, weil ich mich zusammen reissen muss.

Am Ende, weil wir 2 Stunden in der Kälte stehen und sie nicht ins Auto bekommen, muss ich sie überlisten. Locke sie in das Auto und verriegel von innen die Türen. Ich habe gestern Nacht meine beste Freundin ins Auto gesperrt, weil ich Angst um sie hatte, weil ich nicht wusste, was sie tun würde, wenn sie davon läuft oder zu diesem Mann geht, der sie behandelt wie ein Stück Dreck, sie sogar so nennt. Als sie hinten im Auto randaliert, weil sie raus will, kann ich die Tränen nicht aufhalten. Als ihre Schwester beginnt auf sie einzureden, ihr alles zu sagen, wie sehr sie uns verletzt, uns beleidigt, unsere Gefühle ausblendet, gegen alle Ehrenkodexe der Freundschaft und unter Geschwistern verstößt, beginnt sie wieder zu weinen.

Wir bleiben bis 11 Uhr am nächsten Tag bei ihr, trauen uns nicht sie allein zu lassen. Irgendwann ist sie wieder die einsichtige Freundin und Schwester. Wir sind erschöpft, müde das alles zehrt an unseren Nerven. Später am Abend rede ich mit ihr. Ihre Einsicht ist fort, sie ist dann so kalt. Sie hat mit dem Mann geschrieben, beteuert mir aber, es wäre das letzte Mal gewesen. Nach einer Stunde am Telefon bemerke ich wie abwesend sie ist – ich checke es kurz ab und sehe, dass dieser Mann ebenfalls online ist. Sie verabschiedet sich, sie wäre müde. Sie lügt, belügt sich selbst und mich auch.

Das Schlimmste daran ist, dass ich sehe, dass der Mann mir letzte Nacht schrieb, während er sie beschimpfte hinterließ er mir eine Nachricht, ob ich schön feiern würde. Er macht mich schon seit geraumer Zeit an, sie weiß das. Weil ich nicht darauf eingehe ist er wütend, beleidigt mich, auch das weiß sie. Ich halte still, bin still, weil ich nicht mehr weiß was ich noch sagen soll.

Ich würde mein Leben geben dafür, ihr zu helfen, ihr zu helfen, dass es aufhört. Aber ich komme nicht mehr an sie heran. Wenn ich etwas sage, dass ihrer Stimmung widerspricht hört sie es nicht. Wenn ich ihr sage, ich wäre verletzt weint sie, vergisst es aber innerhalb weniger Sekunden. Ich würde alles tun – aber wieviel kann ich überhaupt noch geben – ich komme an meine Grenzen und schweige, weil ich nicht mehr sprechen kann, nicht mehr mit ihr. Doch mit wem sonst?

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7 Kommentare

  1. Pingback: Das Ende und der Anfang | whocaresaboutninjas?
  2. brokensoulslife · Dezember 3, 2012

    Schön zu sehen das es noch wahre Freundschaft gibt.
    Das du zur Zeit nichts für sie tun kannst tut mir leid. Leider ist es bei manchen Menschen so das sie erst sehr sehr tief im Abgrund versinken müssen. Alleine sein müssen und selbst merken müssen das sie Hilfe brauchen.
    Ich weiß nicht wie es bei ihr ist, aber einiges deutet darauf hin. Vielleicht muss sie erst tief fallen damit sie merkt das sie Hilfe braucht und sie auch annehmen kann.
    Ich wünsche dir / euch sehr sehr viel Kraft!

  3. janavar · Dezember 3, 2012

    Du hast schon mit Sprechen angefangen, indem du über eure Situation gebloggt hast. Das finde ich alles sehr mutig von dir. Aber es klingt, als ob deine Freundin wirklich psychologische Hilfe braucht, bevor du dich mit kaputt machst. Viel Glück und Kraft wünsche ich dir/euch!

  4. lottamachtkrach · Dezember 3, 2012

    Das klingt so schlimm! Ich brwundere, dass du dennoch so zu ihr stehst und nicht an eurer Freundschaft zweifelst. Sie scheint wirklich dringend professionelle Hilfe zu brauchen. Wie geht es ihrer Tochter damit? Wäre das vielleicht ein Weg über den du an sie rankommen könntest?

    Ich wünsche dir ganz viel Kraft!

    • ninjaan · Dezember 3, 2012

      Ich zweifel nicht daran, ich hoffe nur, dass ich ihr wirklich zur Seite stehen kann, weil es auch für mich so schwer, so unerträglich wird..
      Ihrer Tochter geht es gut, sie sorgt sich um sie, ist immer sehr liebevoll zu ihr. Deshalb bin ich da ganz vorsichtig…
      Ich danke dir!

  5. Träumerin · Dezember 3, 2012

    Oh je 😦 Ist das denn erst so schlimm geworden, seit sie diesen Kerl kennt?

    • ninjaan · Dezember 3, 2012

      Nein, es fing schon vorher an, das war nicht der erste Abend der so zusagen „eskalierte“ . Aber er verstärkt das ganze noch zusätzlich…

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