Zu gut um wahr zu sein? – Wie könnte es auch anders sein!

Freitag, ich habe kaum geschlafen und ich spüre die Nervosität mit jeder Faser meines Körpers. Abends um halb acht wird er da sein, wie verabredet. Zwischendurch telefonieren wir, es ist als würde er meine Angst und Unsicherheit spüren, die Angst, er könnte einfach absagen. Ich quäle mich den halben Tag – „fertig machen“ auf einem Bein? Das sollte eine olympische Disziplin werden! Immer wieder muss ich Pausen einlegen, bin zu erschöpft.

Kurz bevor sein Zug eintrifft ergreift mich noch einmal die Panik, sehe ich zu „overdressed“ für einen gemeinsamen Kochabend? Sehen meine türkisen Krücken nicht etwas lächerlich mit meinem schwarzen Kleid und dem Spitzen Bolero aus? Aber dann ist es schon zu spät, es klingelt an der Tür.

Bevor er selbst durch die Tür kommt streckt er mir einen Strauß Blumen entgegen. Einen Kopf größer als ich ist erIMAG0556 und, nach meinem Geschmack, wesentlich attraktiver als erwartet. Für den ersten Moment schüchtert mich das ein. Das einzig Gute daran, er ist ebenfalls verunsichert.

Als wir beginnen zu kochen entspannen wir uns, beginnen rumzualbern, lachen gemeinsam und schnipseln fleißig Gemüse. Ich beobachte ihn heimlich, wie er da am Herd steht und redlich darum bemüht ist ein „besonders gutes“ Essen für uns beide zu zaubern, wenn ich über dem Salat gebeugt am Tisch sitze, spüre ich seinen Blick, den er selbst dann nicht abwendet, wenn ich ihn ansehe. Ich fühle mich so gut wie lange schon nicht mehr, ich sagte einmal, dass ich erste Dates hasse – dieses hier, so bin ich mir sicher, wird keines dieser verhassten ersten Dates sein.

Kurz bevor das Essen fertig ist, frage ich ihn noch einmal nach seinem Alter, irgendwie sieht er jünger aus, denke ich. Er holt seinen Reisepass hervor, hält kurz inne, und gibt ihn mir dann. Er ist älter als ich. Ob ich mir all seine Reisestempel ansehen könne, frage ich ihn und lese in seinem Blick eine gewisse Verunsicherung. Er willigt dennoch ein. Ich blättere umher in seinem Pass, versuche die einzelnen Stempel zu entziffern und lande plötzlich bei seinem deutschen Visum. Und mein Kartenhaus bricht in sich zusammen.

Gültig bis 01.03.2013.

Ich schlucke, sehe zu ihm herüber, auch er sieht mich an. Ich muss erstmal meine Gedanken sortieren und so lege ich den Pass mit einem gequälten Lächeln beiseite und erkundige mich nach dem Essen.

Wir haben den Reis etwas „verkocht“, aber das ist okay, es schmeckt toll und es ist alles so schön – zu schön.

Ein Blick auf die Uhr verrät, dass sein letzter Zug schon innerhalb der nächsten Stunde fahren wird. Ich will ihn nicht gehen lassen, ohne es anzusprechen, also nehme ich den Pass erneut in die Hand. Bevor ich etwas sagen kann, setzt er an. Das er nicht wusste wie er es mir sagen sollte und es auch nicht am Telefon tun wollte. Das sein Praktikum hier am 1.März enden wird, er aber hier in DE seinen Assistenzarzt machen will, hier und nirgendwo anders. Und das er es nicht geplant hat, nicht geplant hat jemanden zu treffen, jemanden zu mögen. Und das er glaubt, dass es eine Möglichkeit geben kann, wenn wir beide es wollen.

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll, aber ich weiß, dass ich nicht möchte, dass er geht. Also bitte ich ihn zu bleiben, einen Zug früh morgens zu nehmen, weil er noch eine Konferenz um 9 Uhr hat. Wir sitzen einfach so da, halten uns im Arm und reden. Ich bin überwältigt von meinen Gefühlen, ich kenne mich so nicht. Aber die Zweifel nagen an mir. Will er nur Spass jetzt? Wird es mir das Herz brechen? Werde ich mich überhaupt weiter emotional darauf einlassen können, wenn so unsicher ist, was du Zukunft bringen kann?

Er wischt immer wieder meine Zweifel weg, hält mich nur im Arm, sein Kopf an meinen gelehnt. Es fühlt sich so gut an, zu gut.

Irgendwann legen wir uns aufs Bett, halten uns im Arm und küssen uns das erste Mal. Ich zittere und er drückt mich fester an sich. Ich fühle mich wie in einem Bollywood Film – aber das Leben hat selten ein Happy End. In voller Montur schlafen wir irgendwann ein und werden erst von meiner Mutter geweckt (per Telefon natürlich), die uns daran erinnert, dass wir ein Taxi vorbestellt haben. Er geht und ich liege mit meinen Zweifeln allein im Bett – hellwach.

Noch während er im Zug ist ruft er mich an, wir reden und unser Gespräch dreht sich zum größten Teil um meine Zweifel – wir drehen uns im Kreis. Wenn wir etwas versuchen wollen, dann wird das so nicht gehen. Aber kann ich überhaupt soviel vertrauen? Kann ich mich so einlassen? Ist es das Risiko wert? Ich weiss es nicht…ich weiss es wirklich nicht. Aber es ist typisch für mein Leben – es war so offensichtlich „zu gut um wahr zu sein“!

 

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9 Kommentare

  1. lebenstattponyhof · Februar 6, 2013

    Vielleicht ist es nicht zu schön, vielleicht ist es richtig so, vielleicht bleibt er hier und VIELLEICHT werdet ihr bis Ende eures Lebens glücklich.
    Um dein Vielleicht in ein „ja, mit Sicherheit“ zu verwandeln, solltest du versuchen.
    Wer nicht versucht, hat schon verloren…

    • ninjaan · Februar 13, 2013

      Danke, das hast du so schön gesagt 🙂
      Ich hoffe!!!

  2. nerdbarbie · Februar 3, 2013

    Ich kann mich den anderen Beiden nur anschließen. Stell dir mal vor du sitzt als alte Oma mit deinen gichtgeplagten Bridgefreundinnen zusammen und ihr erzählt von früher. Dabei fällt dir diese Geschichte ein. Du lächelst, schweigst und fragst dich, was aus euch geworden wäre. Mit achtzig.
    Ich würde es auch versuchen. Sicher kann er dir das Herz brechen, das kann der Nächste aber auch. Und es gibt sicher einen Weg. Den gibt es immer. Wenn beide Seiten das wollen. Und um das auszuloten, müsst ihr es langsam angehen. Und in kleinen Schritten denken. Dann klappt es auch.

    • ninjaan · Februar 4, 2013

      Ohje…mit diesem Bild hast du mich! 😀
      Ja, ich denke genau so werden wir es versuchen…langsam angehen lassen und sehen wohin es uns bringt!

      • nerdbarbie · Februar 4, 2013

        Finde ich gut. Und ich denke hier drücken viele die Daumen, dass es nur funktionieren kann 😉

  3. icantcome · Februar 2, 2013

    Wow … habe beim Lesen den Atem angehalten!

    Ich stimme Träumerin zu! Ihr müsst es versuchen, es gibt bestimmt einen Weg. Ich habe mich ja immer Hals über Kopf in solche Geschichten hineingestürzt und es nie bereut, auch wenn’s am Ende blöd ausging. Falls du aber Angst hast, dass du dich von einer großen Enttäuschung nicht so leicht erholen würdest, lass es langsam angehen (leichter gesagt, als getan, ich weiß) …

    • ninjaan · Februar 3, 2013

      Ich bin ja eigentlich eher die Langsame….Ich verliebe mich selten und wenn dann unendlich stark… Und jetzt ist es irgendwie gerade schon fast beängstigend…ich empfinde schon etwas nach so kurzer Zeit, ich bin so offen, fast schon verletzlich. Aber vielleicht sollte ich es gerade deswegen drauf ankommen lassen….?

  4. Träumerin · Februar 2, 2013

    Ich würde es wagen. Sonst würde ich mich immer fragen, was vielleicht daraus hätte werden können.

    • ninjaan · Februar 3, 2013

      Ja, ich denke das du Recht hast. In langen Gesprächen hat sich nun rauskristalliiert, dass wir es versuchen wollen. Man bereut meist die Dinge, die man niemals getan hat, nicht wahr? 🙂

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