Fernbeziehung für Anfänger

„Fernbeziehung sind doch optimal! Da hat jeder genug Freiraum!“

Für diese und ähnliche Aussagen, die ich noch vor nicht allzu langer Zeit traf, möchte ich mich nicht ungerne selbst ohrfeigen. Was war da bloß in mich gefahren, so neunmalklug über Dinge zu urteilen, die ich gar nicht kenne? (Nicht, dass ich nicht desöfteren mal neunmalklug bin…)

Es gibt natürlich auch noch all so jene, die, nicht weniger neunmalklug als ich, behaupten eine Fernbeziehung wäre das genaue Gegenteil – (gelinde gesagt) suboptimal. Manche gehen sogar so weit, es für völlig ausgeschlossen zu halten, jemals eine solche einzugehen. Nun, denen möchte ich, weil ich eben doch neunmalklug bin, nur gerne sagen: „In einem Universum in dem man sich erwählen kann, wen man liebt, mag das möglich sein – ansonsten halte ich solche Aussagen für noch viel …. als die Meine.“ (Natürlich!)

Und während ich so über das „Neunmalklugsein“ nachdenke, stoße ich auf folgendes Zitat:

„Wie oft hatte ich mich schon gefragt, warum sie nur so klug daherreden. Wenn sie so vieles wissen, warum handeln sie nicht danach?“ Heinz Körner

und muss, wenn auch unter Seufzen, Heinz Körner, vor allem aber mir selbst, eingestehen: „Weil die Meisten (unter anderem ich) eben immer gerne klug daher reden, vor allem dann, wenn wir absolut keine Ahnung haben.“ Womit die Frage, warum man nicht danach handelt eigentlich ebenfalls beantwortet wäre.

Ich bin nun, so schwer es mir auch fällt dies zuzugeben, genau wie Heinz Körner es beschreibt. Ich rede klug daher und nun, wo es mich betrifft, da halte ich es plötzlich mit Adenauer “ Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“ – und verfluche jeden einzelnen Kilometer der uns trennt. (Was ein relativ langes Unterfangen ist, bei über 3000km Luftlinie) Das alles kommt mir plötzlich überhaupt nicht mehr optimal vor, es ist eher eine Qual – keine erstickende, niederschmetternde, aber doch eine leise, sich bis tief ins Innerste bohrende.

Vielleicht ist das nicht immer so, vielleicht können Fernbeziehungen mit geringer Distanz (100-200km ?) recht optimal sein, für eine bestimmte Zeit, vielleicht sogar für längere Zeit. Aber über Landesgrenzen, Kontinente hinweg (und wenn ich so an die Zeitverschiebung denke, gehöre ich wohl noch zu den Glücklichen!) – nein, da ist „suboptimal“ eigentlich noch untertrieben!

Ich empfinde gar nicht die Distanz an sich als besonders quälend, oder die Tatsache ihn für einen bestimmten Zeitraum nicht physisch bei mir haben zu können, als eher die Gewißheit darüber, dass dies sich nicht einfach nach Lust und Laune von heute auf morgen ändern lässt.

Jedes Wiedersehen kostet uns mehrere hundert Euro für den Flug, bürokratische Kackscheisse (entschuldigt bitte meine Wortwahl, aber es kann wirklich ätzend und zermürbend sein!) plus Bezahlung eben dieser und vieles mehr. Einen Tag einfach miteinander verbringen oder ein Wochenende? Fehlanzeige.

Nicht, das es jetzt nicht ist, stört, sondern, dass es jetzt nicht sein könnte, wollen wir es auch noch so sehr.

Es ist wie ein ewiger Hunger, der nicht mit einer Mahlzeit gestillt, sondern einzig und allein mit dem Gedanken an eine solche gemildert werden kann. Das ist für mich, natürlich eine rein persönliche Empfindung, das Schlimmste daran. Und das sage ich, nachdem wir von den 4 Monaten unserer Beziehung sogar beinahe 2 miteinander verbringen konnten. Und ich bin mir ganz sicher, dass es mit der Zeit nicht leichter, sondern nur unerträglicher werden kann.

Gemessen an der Zeit, bin ich also eine absolute Anfängerin, was Fernbeziehungen anbelangt und ich hoffe auch inständig, dass dies so bleibt und dieser unsägliche Zustand bald (max. 6 Monate) vorbei ist. Dennoch interessierte es mich natürlich brennend, wie andere Menschen damit umgehen.

Ich stieß auf eine Menge Foren, Erfahrungsberichte und natürlich Ratgeber. Irgendeinen 10 Punkte Plan, wie die Fernbeziehung frisch bleibt (ne, ich verlinke das jetzt nicht, weil ich nicht so überzeugt von diesen „Tipps“ war) der vorschlug „viel miteinander zu reden“ (Was für ein aussergewöhnlicher Tip…) oder doch mal gemeinsam einen Film zu schauen (Wenn es die Internetverbindung, Telefonrechnung, Zeitverschiebund denn zulässt, vielleicht ganz nett – bei mir scheitert es an Ersterem.) oder beide sollten sich einen Film getrennt ansehen und im Nachhinein darüber reden (Wieder so ein toller Tip – wer macht sowas denn nicht?) usw.

Das mag für einige vielleicht ganz anregend sein, mich sprachs nicht so an und vieles erscheint mir so normal, dass ich dafür weder Ratgeber, noch 10 Punkte Pläne unbedingt benötige.

Für mich, also so als Anfängerin, sind nur zwei Dinge sehr wichtig:

1.) Beide müssen sich gleichermaßen bemühen, gleichermaßen Zeit investieren. Mein Handy ist jetzt, viel mehr als früher, mein stetiger Begleiter. Nur so können wir kommunzieren, am Leben des anderen teilhaben ohne „physisch anwesend“ zu sein. Für manche scheint das übertrieben. Mir und ihm gibt es ein Gefühl von Vertrautheit und Sicherheit, der Andere ist immer da.

2.) Zukunftspläne! Mit einer Ungewissheit wie und wann es weiter gehen soll, könnte ich nur schwer umgehen. Ich bin der Meinung, planen ist ganz wichtig. Was will ich? Was will er? Was wollen wir füreinander und miteinander?

Natürlich ist auch das eine individuelle Sache, für mich allerdings ist es, nach den Gefühlen die wir füreinander haben, das A und O warum es bei uns funktioniert. Wir wollen dasselbe, planen dasselbe und wir beiden geben uns alle Mühe dieser Welt – ich würde sagen, wir halten erstaunlich gut, bis jetzt, die Waage und keiner hat einen Grund sich zu beschweren.

Das macht die Qual des Vermissens erträglich, es mindert nicht die Sehnsucht, aber eben auch nicht im Geringsten unsere Gefühle. Und das ist doch wahrscheinlich, was einem alle diese Ratgeber und 10 Punkte Pläne erklären wollen – ich glaube eben nur, dass man die nicht braucht, nicht zwangsläufig jedenfalls.

Also, ich so, als neunmalkluge Fernbeziehungsanfängerin würde ja sagen: Brauch man alles nicht, wenn´s stimmt, dann stimmts und dann kann man auch eine solche Zeit überstehen, so schwer es auch sein mag!

421266_521924167869670_1307357035_n

 

Best Blog Award

Soo, nachdem mich die lieben Blogschreiberinnen  Kotzknaul und Queenofnerds nominiert haben, komme ich auch endlich dazu teilzunehmen!

best blog

 

Die Regeln:

-Poste Deine Nominierung mit dem „Best Blog“ Award Bild und dank demjenigen, der dich nominiert hat.

-Beantworte 11 Fragen.

-Tagge 10 weitere Blogs, die unter 200 Leser haben.

-Sage den Bloggern Bescheid.

Als erstes nun die Fragen:

1. Wann und warum hast Du Deinen Blog gegründet?

Hm, das kann man eigentlich sehr schön unter „About“ lesen. Ich war im Frühjahr 2012 von meinen eigenen Gefühlen zu einem Mann absolut überwältigt und wollte einfach für mich festhalten, was da so geschieht. Andereseits haben mich diese Gefühle auch so sehr inspiriert und ich begann auch über andere Dinge zu schreiben. Und nun kann ich nicht mehr aufhören, auch wenn es zwischendurch mal etwas ruhiger um mich wird.

2. Hast Du ein Vorbild für Deinen Blog?

Ich hatte nicht besonders viel Ahnung von Blogs als ich hier anfing und dementsprechend auch keine wirklichen Vorbilder. Der erste Blog den ich allerdings je gelesen hatte war „Anleitung zum Entlieben“ von Lapard – das war ein nicht unwesentlicher Anstoß mit einem eigenen zu beginnen. Heute mag ich viele Blogs sehr, sehr gerne und verfolge sie wie ein Buch. Von der Strukturierung finde ich aber Janavar´s Blog super! Und ich bewundere ihre Disziplin die einzelnen, wöchentlich wiederkehrenden Posts (Kochbuchmittwoche, Immer wieder Sonntags), zu verfassen und besonders mag ich ihre Art zu schreiben!

3. Verfolgst Du viele Blogs?

Ja, ich glaube so 100 sind es bestimmt. Die meisten davon verfolge ich regelmäßig und freue mich immer wieder über neue Artikel! Also einmal ein großes Danke an alle!

4. Seit wann interessierst Du Dich intensiver für das Thema Make-up und Beauty?

Na, also um ehrlich zu sein…überhaupt nicht wirklich. Meine Haare die interessieren mich! Aber Make up? Ich bin leider (;) ) mit einem recht konservativem Vater aufgewachsen, der nicht wollte, dass ich mich vor meiner Volljährigkeit schminke. Ergebnis? Ich kann´s nicht. Was ich ihm heute ganz gerne mal vorwerfe. ^^

5. Welche Produktmarke hat Dich am meisten überzeugt und warum?

Tun wir jetzt einfach mal so, als würde es bei mir um Haarprodukte gehen oder anderes (ausser Makeup)…dann bevorzuge ich für die Haare definitiv die Produkte von „DevaCurl“ und „Rainforrest“!

6. Hast Du eine Lieblings Lippenstift- / Nagellackfarbe?

Lippenstift? Neee…irgendwie so gar nicht meins…dann gucke ich immer in den Spiegel und denke „Huch! Wer ist denn die erwachsene Frau da im Spiegel?“ Nagellack? Da mag ich Rottöne und auch mal leicht ins orange gehende…

7. Welchen Kussmundabdruck hinterlässt Du auf Papier?

Auf was für einem Papier? Klopapier? Geht´s hier um die Form? Ich verstehe die Frage nicht so ganz…

8. Deine Wohnung steht in Flammen und Du hast Zeit 3 Beautyprodukte aus den Flammen zu retten. Welche sind das?

Das Haus, direkt neben meinem stand mal in Flammen, und diese reichten schon bis zu meinem Fenster, mitten in der Nacht. Alles was ich nahm war: Handy, Portemonai und Autschlüssel. Ich wage zu bezweifeln, dass jemand in dieser Situation an irgendwas anderes denken kann.

9. Worauf kannst Du beim Shoppen eher verzichten? Schuhe, Kleidung, Make-up, Schokolade?

Make up!

10. Lippenstift oder Lipgloss?

Hm, ich glaube eher Lipgloss, weil er nicht so sehr auffält und ich nicht diesen „Huch-Effekt“ vorm Spiegel habe…

11. Ich verlasse das Haus nie ohne…?

Schuhe? Klamotten? Schlüssel? 😉

Und hier nun meine Nominierungen:

Gerade erst entdeckt, aber ich finde den Blog wirklich gut:

Sebastian Schmidt: http://derbesseremann.wordpress.com/

Alltime Favorite:

Ich♥Dich : http://ichherzdich.wordpress.com/

Mein „Vorbild“  😉 :

Janavar: http://janavar.net/

Wunderschön und bezaubernd:

Annenieannenoufilm: http://annenieannenoufilm.wordpress.com/

Einer der ersten Blogs dem ich gefolgt bin und es auch heute noch lieben gerne tue:

Morgenrot: http://lyrikundgedanken.wordpress.com/

Klasse, spannend und immer wieder tolle Songs:

Nerdbarbie: http://nerdbarbie.wordpress.com/

Lieblingslehrerin:

Lottamachtkrach: http://lottamachtkrach.wordpress.com/

Ich könnte jetzt sicher noch viele andere nennen, diese hier, gehören aber einfach zu meinen Lieblingen und viele andere sind, meines Wissens nach, schon mehrfach nominiert worden.

 

Hohe Luft Wettbewerb – Was ist Gerechtigkeit?

Die Zeitschrift „Hohe Luft – für alle die Lust am Denken haben“ , hat Anfang des Monats einen Schreibwettbewerb gestartet. Leider bin ich erst gestern darauf gestoßen, da das Projekt aber bis zum 31.07.2013 gilt, ist es noch nicht zu spät!

Das Thema lautet:

„Was ist Gerechtigkeit?

Jedem das Seine oder jedem das Gleiche?“

 

„Gibt es objektive Gerechtigkeit oder ist Gerechtigkeit Ansichtssache? Die Frage nach der Gerechtigkeit beschäftigt die Philosophen seit der Antike und hat an Aktualität nichts eingebüßt. Ungerechtigkeiten begegnen uns ständig: Im Alltag ebenso wie auf globaler Ebene.
Aber was kann man tun, um Ungerechtigkeiten zu verhindern und Gerechtigkeit herzustellen? Schreiben Sie uns, was Gerechtigkeit für Sie bedeutet und welche konkreten Maßnahmen ergriffen werden müssten, um sie sicherzustellen.“

Quelle: Hohe Luft

Ich mag die Idee solcher Schreibwettbewerbe sehr! Leider war ich bis jetzt grundsätzlich zu spät, also ich habe sie immer viel zu spät entdeckt. Diesmal werde ich vielleicht mitmachen können und weil es hier so viele wundervolle „Schreiber“ auf wordpress gibt, dachte ich, ich gebe das einfach mal hier bekannt, vielleicht möchte ja der oder die ein oder andere auch mitmachen?

Alles weitere zu dem Wettbewerb findet ihr hier und hier!

Ich bin jetzt schon ganz gespannt, welche Texte und Ideen dann im September veröffentlich werden!

banner-quer

 

Über Rafik Schami, die Kunst des Erzählens und warum ich heimlich Nachts um Damaskus weine

2004 saß ich, gerade Anfang 20, seit einer gefühlten Ewigkeit das erste Mal wieder in einem Friseurladen. Seit ich 2 Jahre zuvor von Zuhause ausgezogen war und mich mit mehreren Gelegenheitsjobs über Wasser hielt, reichte das Geld nie bis selten für einen solchen Luxus. Ich bin fest davon überzeugt, dass es eine Fügung war, dass ich an diesem Tag eben diesen Friseur aufsuchte* und eine der zahllosen Zeitschriften, mehr gelangweilt als interessiert, durchblätterte, die mich schließlich auf die „Bücher des Monats“ stoßen lies. Es waren vielleicht 4 oder 5 Bücher auf dieser Seite, die jeweils mit 2 -3 Sätzen vorgestellt wurden. Aber nur eines davon stach mir sofort ins Auge

„Die dunkle Seite der Liebe von Rafik Schami“

Der Klappentext damals, der wahrscheinlich auch genauso in den kurzen Sätzen in der Zeitung zu finden war, lautete (und natürlich kann ich  mich nach fast 9 Jahren nicht mehr daran erinnern und musste es im Internet heraussuchen) in etwa so:

„Rafik Schami erzählt die dramatische Geschichte der Liebe zwischen Farid Muschtak und Rana Schahin, die in Damaskus von Verfolgung und Mord bedroht wird. Er spannt einen weiten Bogen über ein Jahrhundert syrischer Geschichte, in dem Politik und Religionen ein Volk nicht zur Ruhe kommen lassen. Ein Roman von ungeheurer Wucht und zugleich eine Liebeserklärung an seine Heimatstadt Damaskus.“

Warum genau mich dieser Klappentext so neugierig macht, kann ich heute nicht mehr sagen. Aber ich erinnere mich daran, dass mein einziger Gedanke war „Dieses Buch MUSS ich haben!“  Ich übersah zunächst den wirklich mißratenen Haarschnitt, den mir die mittelmäßig ambitionierte Friseurin da verpasst hatte und lief schnurstracks zu dem Buchladen, mitten in unserer, damals noch halbwegs attraktiven, Einkaufsstraße. Steuerte auf das Regal mit den Neuerscheinungen zu und entdeckte Schamis Buch, mit dem fast düsterem Titelbild, sofort. Meine Freude über das Vorhandensein des Buches verschwand jedoch, als ich den Preis sah. Der lag nämlich bei stolzen 29,95€ (glaube ich zumindest) und lag damit auch weit ausserhalb meines Budgets, dass ich für eine Anschaffung, die nicht lebensnotwendig (Essen, Getränke, Miete und Strom) war, zur Verfügung hatte. Da hätte auch das Feilschen um den Preis beim Friseur, aufgrund meiner verschnittenen Haare nichts dran ändern können. Und so zog ich erst einmal ziemlich niedergeschlagen von dannen, natürlich nicht ohne das Buch einmal in den  Händen gehabt zu haben, das mir jetzt noch viel wertvoller vor kam.

Ich hätte warten können, bis es das Buch als Taschenbuch gibt oder bis zu irgendeinem Anlaß (Weihnachten, Ostern, Geburtstag), bei dem ich es mir hätte schenken lassen können. Aber es gibt Dinge im Leben, die muss man einfach sofort haben – ich jedenfalls. Und dieses Buch, über das ich nicht mehr wusste als den Klappentext, gehörte dazu. Also tat ich etwas, dass ich die letzten 2 Jahre seit meines Auszugs aus dem elterlichen Haus nicht getan hatte. Ich ging zu meinem Vater und bat ihn um 30 Euro.

Heute ist unser Verhältnis völlig entspannt, auch was das finanzielle anbelangt – mal helfe ich aus, mal er. Damals aber, als ich ohne seine Zustimmung, mit nichts in der Tasche mir hinter seinem Rücken eine Wohnung gesucht hatte, da ging das nicht. Alleine schon aus (falschem?) Stolz heraus, bat ich ihn niemals um Geld. Nicht mal als mir einer der netten Stromkonzerne den Strom für einige Wochen abdrehte und ich mir nichts kochen konnte und abends im Kerzenschein in meiner Wohnung saß, bis ich meine Schulden (die sich durchs Stromabstellen ja erhöhen) begleichen konnte, bat ich ihn um Hilfe. Aber diesmal war es etwas anderes. Ich hatte ja nicht, in meinen Augen, versagt oder schlecht gewirtschaftet, mein geringes Einkommen erlaubte mir einfach eine solche Anschaffung nicht – aber wenn einer meine Liebe zu Büchern verstehen könnte, dann war es doch mein Vater, dessen Bücher bis zu seinem Auszug, Jahre später, bis unter die Decke, fein säuberlich aufgereiht waren.

Es kostete mich also keine allzu große Überwindung ihn darum zu bitten und es wunderte mich noch weniger, als er mir die 30 Euro prompt aushändigte, mit einem Lächeln im Gesicht und dem Satz: „Ich weiss ja, Bücher muss man besitzen, geliehen bringen sie nur halb so viel Freude.“

So ergatterte ich also doch noch, innerhalb von 24 Stunden, Schamis Buch, das gerade erst auf dem Markt erschienen war, in gebundener Ausführung mit dem schönen düsteren Cover und seiner nahezu 900 Seiten Geschichte.

Nicht einmal 30 Stunden später, hatte ich es schon gelesen. Ich hatte jedes Kapitel verschlungen und die ganze Nacht durch gelesen. Ich vergaß zu Essen, zu Rauchen und für einige Stunden sogar das Trinken, so gefesselt war ich von seinem Roman und so verliebt war ich in seinen Schreibstil.

Daran hat sich auch in all den Jahren nichts geändert. Ich habe viele seiner Bücher gelesen, viele gekauft und wieder verschenkt, weil ich davon überzeugt bin, dass jeder mindestens einmal in seinem Leben ein Buch von Schami gelesen haben sollte! Meist verschenkte ich seine kleineren Büchlein, weil viele vor einem Buch wie „Der dunklen Seite der Liebe“ mit seinen 900 Seiten doch zurück schrecken. (Und doch habe ich es im Jahr 2006 verliehen und bis heute nicht zurück erhalten!).

Nun habe ich dieses Jahr zum Geburtstag sein neustes Buch bekommen, mit dem Titel „Die Frau die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte“. Es geriet über all meine Studienbriefe für mein Fernstudium leicht in Vergessenheit und so kam ich erst vor 3 Tagen dazu, es zu lesen.

Was soll ich sagen? Wieder einmal hat Schami es geschafft mich zu überraschen, mich zu begeistern und zu motivieren sein Buch in einem Atemzug durchzulesen. Aber dieses Buch vermag noch so viel mehr. Es eröffnet dem Leser nämlich einen Einblick, den Einblick in die Erzählkunst Schami´s. Was ich vorher bei dem Lesen seiner Bücher gefühlt, aber nicht in Worte zu fassen vermochte, bereitet er in diesem Buch Schritt für Schritt auf, erklärt es, bringt Licht ins Dunkle. Neben vereinzelter Geschichten aus seiner Kindheit in Damaskus, über die Geschichtenerzähler in Damaskus (allen voran sein Großvater), seine Begeisterung für die Geschichten und Bücher und seinen persönlichen Werdegang, erfährt man eben auch, wie Schami seine Geschichten erzählt. Und das wie, das ist das Entscheidende, das macht eine Geschichte zu einer guten Geschichte. Plötzlich erinnerte ich mich an seine anderen Geschichten, „Die dunkle Seite der Liebe“ oder „Das Geheimnis des Kalligraphen (2011)“ und verspürte den unbändigen Drang, sie noch einmal zu lesen, diesmal aber mit dem Wissen, dass Schami in seinem Werk „Die Frau die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte“ so wunderbar mit einem teilt.

Und so bin ich nun, 3 Tage nach dem ich das neue Buch beendet habe, auch fast fertig mit dem „Geheimnis des Kalligraphen“, das ich vor 2 Jahren schon einmal las – und es ist wie eine neue Welt, ein neues Buch – keineswegs tut es der Faszination, die seine Geschichte schon vorher in mir hervorrief, einen Abbruch. Im Gegenteil, ich erlebe diese Geschichte nun auf einer ganz anderen Ebene und bewundere, neben dem Inhalt der Geschichte an sich, Schamis Talent, sie so, auf diese spezielle Art, zu „weben. “

In einem (imaginären) Dialog mit Ibn Aristo, lässt er diesen folgendes über das mündliche Erzählen, sagen:

„Der Erzähler treibt die Geschichte voran, verweilt bei einem Gegenstand, einem Geschehen, schweift aus, kehrt zurück oder beginnt, kurz vor dem Ende einer Geschichte, mit einer anderen. Auf diese Weise verschachtelt er seine Geschichte – sie sind tatsächlich wie Schachteln, die man öffnet, um andere Schachteln darin zu entdecken, und dann kehrt man wieder zur bereits geöffneten Schachtel zurück und betrachtet ihren Inhalt. Auf der oft gebrauchte Begriff vom Geschichten- Weben ist dienlich. Der Erzähler folgt beim Weben eines Erzählteppichs einem roten Ornament, wechselt dann zu einem Grünen, kehrt für eine Weile zum ersten zurück […] Mündliches Erzählen kann auch mit einem Mosaikgemälde verglichen werden. Hunderte, ja Tausende von bunten Steinchen setzen das ganze Bild zusammen, aber jedes Steinchen für sich ist eine in sich geschlossene Geschichte […]“  (Die Frau die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte, S. 123f)

Wer Schami liest oder lesen will, der muss sich also einlassen können, auf diese besondere Art des Erzählens, sei sie im Falle der Bücher auch eine schriftliche Form des Erzählens. Seine Geschichten folgen niemals einem geraden, roten Faden, sie erfordern die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des Lesers, den Willen auch einmal ein paar Seiten zurück zublättern, um eine Situation oder einen Handlungsstrang wieder aufgreifen zu können – wer es aber tut, der wird, meiner Meinung nach, belohnt mit Geschichten, die einem in Erinnerung bleiben und faszinieren, mit Büchern, die man alle paar Jahre wieder lesen kann und ihrer nicht müde wird, weil man immer wieder etwas neues entdeckt. Seine Geschichten sind Schätze, Schätze die aus weiteren, kleineren Schätzen (Geschichten) bestehen, die am Ende ein großes Ganzes ergeben.

IMG_20130524_142137

Ich könnte ewig so weiter schwärmen und hoffe insgeheim, dass sich der/die ein oder andere Lerser/in aufgrund dieses Artikels ein Büchlein von ihm zulegen wird. Aber ich wollte ja auch noch etwas erzählen, etwas das ich in nur in diesem Artikel unterbringen kann, weil es etwas mit meiner Liebe zu den Büchern Rafik Schamis zu tun hat, nicht nur etwas, im Grunde alles.

Als ich damals, 2004, das Buch „Die dunkle Seite der Liebe“ zum ersten Mal las, da verliebte ich mich nicht nur in Schami´s Schreibstil, fieberte nicht nur mit seinen Protagonisten und etlichen Nebendarstellern mit und lernte viel über die Geschichte Syriens, ich ließ mich auch anstecken. Anstecken von Rafik Schami´s Liebe zu Damaskus, die auf jeder Seite, mit jeder Beschreibung der Stadt, in jedem seiner Bücher mitschwingt.

Zu dieser Zeit war meine erste Reise in die Westbank schon geplant. Ich hatte alle meine Sparbücher (die wirklich nicht viel hergaben) geplündert und alles von Wert (wertvoll wäre übertrieben) verkauft um den Flug nach Tel Aviv bezahlen zu können. Und so rückte die Möglichkeit, alsbald auch einmal nach Damaskus reisen zu können erst einmal in weite Ferne. Als ich das erste mal Jerusalem erlebte, verliebte ich mich in diese Stadt und Damaskus verschwand etwas, abgesehen von den Momenten in denen ich ein Buch von Rafik Schami zur Hand nahm, im Hintergrund, niemals aber gänzlich aus meinen Gedächtnis.

Anfang 2010, etwa 5 1/2 Jahre später, hatte ich eine Festanstellung und genügend Geld auf der Bank um mir einen Urlaub leisten zu können. Ich lebte damals gemeinsam mit meinem (schon seit langer, langer Zeit EX-) Freund in unserer schönen Hauptstadt. Sein Vater stammt aus dem Iran und so standen 2 Ziele für uns zur Auswahl: Damaskus oder eine Reise durch den Iran. Er hatte keinen Favoriten, ich schon, wobei der Iran mich auch sehr reizte.

Wir entschieden uns damals für den Iran. Nicht weil er mich überredet hätte oder Damaskus mir plötzlich nicht mehr so attraktiv erschien, sondern schlicht und ergreifend, weil ich falsch lag (!). Nach der „grünen Revolution“ im Iran im Jahre 2009, war die Lage noch immer angespannt und immer häufiger hörte man, zumindest in den Kreisen in denen ich mich damals befand, von der Angst vor einem Krieg gegen den Iran. Er schien fast greifbar zu sein. Syrien dagegen, war eher ruhig. Meine Einschätzung lautete also „Wir fahren in den Iran, weil die Gefahr, dies in kürzerer Zeit nicht mehr tun zu können, wesentlich höher ist, als es bei Syrien der Fall ist.“

2011 begann der Aufstand in Syrien, der sich heute zu einem Bürgerkrieg ausgeweitet hat. Damaskus liegt – und ob man es mir glaubt oder nicht, während ich dies schreibe, habe ich eine Gänsehaut –  in Trümmern. Der Iran ist (bis jetzt zumindest) noch ruhig.

Und ich? Ich habe meine Chance verpasst Damaskus zu sehen. Es mag Leute geben, die glauben sobald Assad fort ist, wäre alles wieder gut in Syrien. Ich halte das für eine Utopie, so sehr ich es mir auch wünschte. Es gibt wenige Dinge in meinem Leben, die ich so sehr bereue, wie die Tatsache, dass ich im Frühjahr 2010 statt nach Tehran nicht nach Damaskus geflogen bin. Um ehrlich zu sein, es fällt mir eigentlich nichts vergleichbares ein. Es mag verrückt klingen, dass ich etwas betrauere, dass ich doch eigentlich gar nicht kenne. Aber wer Rafik Schami wirklich aufmerksam liest, der wird wissen was ich meine, wenn ich sage „Ich habe Damaskus durch fremde Augen sehen können und alles was ich wollte war, diese Stadt einmal mit meinen eigenen Augen zu sehen.“

Amin hat 7 Jahre in Damaskus gelebt und studiert. Eine unserer ersten Gespräche handelte von Damaskus und immer wieder bitte ich ihn mir zu erzählen, von all dem, das ich nicht mit meinen eigenen Augen sehen kann. Und so hat sich, neben Rafik Schami noch jemand in mein Leben geschlichen, der mir die Trauer über diese verpasste Chance etwas lindern kann, mich aber auch gleichzeitig immer schmerzlich daran erinnert.

Und manchmal, nachts, da möchte ich am liebsten weinen, so egoistisch dies im Angesicht des Bürgerkrieges auch klingen mag, weil ich befürchte, dass ich Damaskus niemals mit eigenen Augen sehen werde.

 

Mehr Infos über Rafik Schami hier: http://www.rafik-schami.de/

* (Die Wahrheit, dass ich nur aus Geldnot zu dem günstigsten und auch schlechtesten Friseur meiner Stadt ging, klingt doch so fad!)

Was wurde aus der „CGM“ ?

Im März hatte ich ja nun ganz euphorisch mit der, von mir neu entdeckten „curly girl methode“, begonnen. Deren Grundsatz lautet „nie wieder Shampoo, nur Conditioner und alles ohne Silikone„! Ich habe also alle alten Produkte aussortiert und neue bestellt und gleich begonnen. Wie zu erwarten sahen meine Locken gleich viel definierter aus, allerdings litt (wie auch von den „Erfindern“ der Methode angemahnt) meine Kopfhaut doch recht extrem zu beginn und irgendwie war der Ansatz trotz brav angewendeter Klammermethode immer sehr platt.

Nun ja, und dann kam ich nach Jordanien…

Wasserknappheit, überhaupt anderes Wasser als hier und wenig Zeit waren die Grundfaktoren dafür, dass ich bereits am 2. Tag loszog ein Shampoo zu kaufen. Ich ging also in einen Bioladen und besorgte mir ein Shampoo namens „dead sea mud“. Klar versicherte mir die Verkäuferin, das es ohne Silikone sei. Und weil ich einfach lange genug in diesem Laden rumgestanden hatte und meine Haare dringend eine Haarwäsche benötigten kaufte ich es.

-> CGM abgebrochen

Im nachhinhein ärgere ich mich, weil meine Haare jetzt nun irgendwie noch viel strapazierter aussehen und ich wohl eigentlich wieder anfangen sollte – aber wenn ich dann wieder abbreche? Oder wie geplant innerhalb der nächsten 2 Monate wieder nach Jordanien fliege?

Ich kämpfe noch mit mir…oder besser gesagt mit meiner Faulheit… – aber ich werde wohl doch wieder anfangen, hoffentlich. Ich will doch wieder schöne Locken haben und nicht so einen Mopp 😦

IMAG0181

Bilder Wadi Rum und Jerash!

So, und nun folgen die letzten Bilder von meiner Jordanien Reise! Nach Petra und besuchten wir nämlich noch Wadi Rum.

Weiterhin machten wir zum Ende meines Besuch noch einen Tagestrip nach Jerash unglaublich beeindruckend!

Wadi Rum

In unserem Camp (ich habe leider gerade den Namen vergessen…aber es war wirklich schön dort!) gab es Abends ein Buffet für alle Gäste – traditionell wird dort das Fleisch unter dem Sand ge….braten?  (Das Foto hat nicht die beste Qualität…ich bitte um Entschuldigung, aber meine kleine Nikon gab alles…es war nämlich stockdunkel!)

DSCN2099Vielleicht sieht es nicht so aus, aber es war wirklich köstlich! Ich habe schon vor neun Jahren etwa das erste Mal Lamm gegessen, dass damals in Jericho von Bauern unter der Erde zubereitet wurde – unglaublich gut!

Am nächsten Morgen haben Amin und ich an einer Jeep Tour durch die Wüste teilgenommen! Ich bin der Meinung, Fotos können die Faszination kaum wiedergeben (jedenfalls nicht meine) die einen überkommt, wenn man sich dor befindet! Aber mit etwas Vorstellungskraft gehts vielleicht doch:

DSCN2161

DSCN2159

DSCN2116

Wenn man zwischen so manche Felsspalten klettert…

DSCN2115

Lassen sich einige Schätze finden:

DSCN2113

So wie diese uralte „Karte“ auf der die „Wasserquellen“ für den Weg von Saudi Arabien bis Syrien gekennzeichnet sind!

Kommen wir nun nach Jerash

DSCN2260

DSCN2285

DSCN2280

DSCN2305

Die Konflikte um uns

Wir sitzen im Cafe Costa, ganz oben in der City Mall, mit einem eher mäßig beeindruckenden Blick auf Amman. Im Hintergrund laufen die Nachrichten in Dauerschleife. Syrien und immer wieder Syrien. In Gedanken versunken rührt Amin in seinem Kaffee, schwarz ohne Zucker. Schwarz, ohne Zucker, so könnte man auch unsere Gedanken beschreiben, als der Journalist im Fernsehen beginnt über den Iraq zu sprechen, über Moscheen die in die Luft fliegen, über tote Kinder und Frauen berichtet und dann eine Verbindung zu Syrien schlägt.

Die Verbindung liegt in dem steigenden Hass der beiden  größten muslimischen Gruppen. Sunniten und Shiiten. Amin ist
Sunni, ich bin Shia. In Syrien geht es nicht mehr nur noch um Regierung gegen Opposition, geschickt, ebenso wie im Irak,
werden die Gruppen gegen einander aufgehetzt. Bashar Al Assad, der eigentlich Alawi ist, wird nicht selten als Shiit bezeichnet, und wenn nicht das, dann wird zumindest betont wie nah die Alawis den Shiiten sind. Die einzige Verbindung die ich als Shiitin jedoch sehe, ist das Assad aus politischen Gründen zum Iran hält, der, ungeachtet der Bevölkerungsstrukturen anderer Länder, als hochburg der Shia gilt.

Ich spüre es, auch hier in Jordanien, die aufkeimende  Abneigung gegen meine Entscheidung für die Shia. Amin geht dazwischen wo er kann, verteidigt mich und ermutigt mich, nichts zu verheimlichen, nur um Anderen zu gefallen.

“ Ich glaube es wird schlimmer werden, Ninjaan. Vielleicht wird es sogar ein Grenzenübergreifender Krieg!“ Ich nicke und schaue von meinem Kaffee auf, direkt in seine warmen, braunen Augen, die mich besorgt ansehen. “ Es ist schon längst Krieg, Amin. Schon lange. Sieh dir den Irak und Pakistan an.“ Amin wendet seinen Blick ab, direkt zum großen Flatscreen an der Wand. Wieder Tote, irgendwo. “ Ich meine größer als das jetzt Ninjaan, viel größer.“ Ich nehme seine Hand und drücke sie fest, vielleicht etwas zu fest und schweige. Schweige, weil ich glaube er könnte Recht haben. Und ich lächel, ein wenig zumindest, uns soll dieser Konflikt nichts anhaben können, niemals.  Denn Liebe kennt solchen blinden Hass nicht.

Nachtrag:

Eine Woche später geschah dies:

http://en.ammonnews.net/article.aspx?articleno=20876#.UY-BZUpc2Y0

Ein Ninja für Ninjaan

IMAG0765

Ein besseres Mitbringsel hätte es für mich nicht geben können und fast hätte ich vor Freude ein paar Tränchen vergossen, als Amin am Abend nach seiner Rückkehr aus Dubai das kleine Swarowski Päckchen auf meinem Kopfkissen drapierte und ich es (in Ninja Manier) sofort neugierig öffnete.

Seitdem baumelt der kleine Ninja munter an einer Halskette und begleitete mich überall hin, als kleiner Glücksbringer. Nein, ein besseres Geschenkt hätte es für mich wirklich nicht geben können!

Prisoners day oder „Wer zuletzt lacht, lacht am Besten!“

Nach den Strapazen an der israelischen Grenze (Ja, das sind Strapazen, so mit kaputtem Knie ne Jeggins im Stehen auszuziehen…ich sag´s euch!), fuhr ich direkt nach Jerusalem in die Altstadt, um dort, wie immer, in meinem Lieblingscafe einen Eiskaffee zu schlürfen! Ich hatte noch etwa 2 Stunden Zeit bis ich mich mit meinem Freund ChuChu am Damaskustor treffen wollte. Auch wenn es nicht sonderlich warm war, besser als in Amman war das Wetter hier alle mal (noch!). Ich wechselte meine jordanische Simkarte gegen die israelische aus und schrieb schnell ein paar Freunden, die ich in dieser Zeit noch treffen wollte und auch eine SMS an Amin, die aber leider niemals ankam (Dubai und Israel…was is da los?). Nachdem ich Bekanntschaft mit einer rotgetigerten Katze gemacht hatte, die mir die gesamte Stunde nicht mehr von der Seite wich und die Leute mich schon fragten, ob sie denn meine wäre, machte ich mich auf zum Damaskustor.

Ich wählte den Weg durch die Altstadt. Blöde Idee, ganz, ganz blöde Idee! Zwar boten mir einige (bekannte) Shopbesitzer einen Stuhl und Wasser an (Jap, ich sah leicht erbärmlich aus so humpelnd mit Krücke) und fragten mich besorgt, was denn mit mir passiert wäre, aber der Weg? Die Weg war nass und glitschig und wäre es nicht so überlaufen gewesen, so wäre ich sicher das ein oder andere Mal hingefallen.

Völlig erschöpft erreichte ich dann irgendwie die Poststation, die etwas entfernt vom Damaskusgate liegt und entdeckte ChuChu in einem schicken Leihwagen. Ein Auto! Sitzen! Ich war so unendlich glücklich! Er sprang mir entgegen und nahm mir den Rucksack ab, drückte mich fest und entschuldigte sich, dass er mich nicht hatte von der Grenze abholen können. „Ach“, wank ich ab, „war gar nicht so dramatisch. Du weißt ja, ich mag´s aufregend!“ Wir fuhren in ein kleines Cafe etwas abseits der Altstadt, bestellten Limettensaft mit Minze, knabberten Nüsse und erzählten die Wichtigsten Dinge der letzten Monate im schnell Durchlauf.

Ich kenne ChuChu zwar nicht lange, aber er ist einer der wundervollsten Menschen, die mir je begegnet sind. Man kann ihn einfach nur lieben und ihnen einen Freund nennen zu dürfen, ist wirklich ein Geschenk!

Leider hatten wir nicht allzu viel Zeit. ChuChu arbeitete gerade mit einem jungen dt. Filmteam zusammen, die Interviews mit ISraelis und Palästinensern führen wollten (Thema: Situation in Jerusalem – Projekt ist leider geplatzt) und die warteten schon ungeduldig auf ihren „Führer“. Und so machten wir uns eine Stunde später auf den Weg die drei abzuholen. Nach einer kurzen Vorstellrunde begannen sie aufgeregt danach zu fragen, ob und wann und wo denn heute was passieren würde.

Passieren? Ich sah ChuChu fragend und irritiert an. Sind sie so neu hier, dass sie glauben jeden Tag würde hier etwas „super mega spannendes“ passieren? „Heute ist Prisonders day.“ flüsterte er leise. „Achwas! Oh Gott und ich weiß das nicht?“ Da unterstellte ich dem Team sie hätten keine Ahnung und ich weiß nicht mal das heute der Prisonders day ist! „Ich wusste es auch nicht – aber pssstt!“ zwinkerte ChuChu mir zu.

Sie wollten zum Damaskustor, dort einen israelischen Journalisten treffen, der ihnen gesteckt hatte, es würde heute etwas passieren. ChuChu und ich waren nicht gerade überzeugt, wir kamen gerade von da und nichts deutete darauf hin. Aber natürlich wollten wir ihre Euphorie nicht zerstören und so lächelten wir nur etwas gequält und stellten uns auf 2 Stunden unnütz am Damaskustor sitzen ein.

Und die erste Stunde war es auch so. Alles war ruhig, es waren mehr Touristen als Palästinenser auf dem kleinen Platz vor dem Damaskustor zu sehen und ChuChu und ich langweilten uns tierisch. Wir beobachteten das dt. Team, dass ein INterview mit dem Journalisten führte. „Er hat nicht wirklich eine Gasmaske mit, oder?“ fragte ich spöttisch. „Der hat sicher auch ne Karte gezeichnet, wie er am Besten flüchten kann, wenn´s „los geht“ !“ frotzelte ChuChu.

Irgendwann jedoch, fast unbemerkt verschwanden die Touristen (woher wussten die das eigentlich???) und es kamen immer mehr Palästinenser. Ein älterer Herr kam direkt auf mich zu und ich bemerkte noch, wie die Jungs neben uns auf der Bank vor Ehrfurcht aufsprangen. Mit Aufpsringen is bei mir nix, also blieb ich sitzen. „Salamu aleikum!“ begrüßte der Mann mich und reichte mir seine Hand. Verdutzt erwiderte ich seine Begrüßung und wechselte ein paar Sätze auf arabisch mit ihm. Wie es mir geht und ob das mit meinem Knie hier passiert ist etc. Zwischendurch sah ich zu ChuChu rüber, der den Mann ungläubig ansah, ebenfalls begrüßte sich wieder setzte. Die Jungs neben uns stellten sich in Reih und Glied um dem Mann die Hand zu schütteln, als er sich ihnen zuwand.

„Weisst du wer das ist?“ – „Nö, du ChuChu?“ – „Ja klar“ Das ist XY! Einer der reichsten Männer der Westbank. Wenn er hier ist, dann gibt es tatsächlich eine illegale Demonstration!“ – „Na, dann freut sich unser dt. Team sicher!“ – „Sicher! Wären sie mal hier bei uns, hätte er vielleicht auch mit ihnen geredet… Wobei, mit dir sprach er auch nur, weil er dachte du wärst eine von uns. Netten Akzent hast du übrigens!“ lachte ChuChu. Ich boxte ihn grinsend in den Oberarm.

Das dt. Team war weniger an XY interessiert als wir dachten, waren aber froh, dass seine Anwesenheit „action“ bedeutete.

Etwa 10 Minuten später versammelten sich etwa 20 Palästinenser auf den Stufen direkt gegenüber des Tores. Sie hielten Plakate hoch und begannen Parolen zu rufen. ChuChu und ich hockten weiterhin auf unserer Bank etwas abseits und beobachteten die Szene.

Er jedoch wurde zusehends unruhiger, stand auf und sah sich immer wieder um. „Was ist los?“ – „Ich weiß nicht, was wenn der Journalist Recht hat?“ – „Recht hat mit was?“ – „Mit seiner Gasmaske!“ – „Sollen wir noch schnell welche besorgen?“ – „Ninjaan! Ich meins Ernst! Du kannst nicht schnell laufen!“ – „Es ist doch alles ruhig. Da vorne sind 7 Soldaten, da 3 und hier 2 Polizisten! Die hätten das doch schon beendet!“ – „Ja…vielleicht…“

Es passierte tatsächlich erstmal nichts. Alles war ruhig, auch wenn die Zahl der Demonstranten jetzt vielleicht auf 35 angestiegen war. Es gab kaum Jugendliche und Fernsehteams waren anwesend. Die Soldaten sprachen nicht aufgeregt in ihre Telefone – alles gut.

Dachten wir zumindest.

Denn als die Demonstranten kurz vor dem Ende ihrer Kundgebung waren, geschah es doch.

„Tränengas!!! FUCK NINJAAN! LAUF!“ Geschockt sprang ich von der Bank auf und spürte sofort einen stechenden Schmerz in meinem Knie. Da war Rauch, Gas was auch immer. Alle liefen unkontrolliert durcheinander, manche schrien. An unserer Seite war nur noch eine Treppe mit überdimensionalen Stufen, die weit genug vom Rauch entfernt war. ChuChu packte mich am Arm, nahm meinen Rucksack und lief los und ich lief mit, weil noch mehr Rauch kam.

Wo zur Hölle kam das Tränengas her? Keiner der anwesenden Soldaten oder Polizisten hatte sich gerührt! Was Panik nicht alles mit einem macht?! Ich schaffte die Stufen, der Schmerz kam erst, als wir uns in ein Restaurant gerettet hatten. Die Soldaten kamen auf Pferden und verfolgten die fliehenden Demonstranten.

ChuChu versuchte die Leute vom dt. Team anzurufen, keiner nahm ab. Leichte Panik breitete sich aus…waren sie ok?

„Shit! Ich hätte das wissen müssen!“ – „Hat keiner gewusst ChuChu, beruhig dich, ist alles gut gegangen!“ – „Wie gehts deinem Knie?“ – „Geht, ich bin nicht gefallen, du hast mich ja schließlich gehalten!“ – „Hätte ich das nicht, hätte Amin uns beiden den Kopf abgerissen!“ – „Achwas!“  Plötzlich begann ChuChu zu lachen: “ Weisste was? Das geschieht uns ganz recht! Weil wir nämlich so blöde über den Journalisten gelacht haben!“ Ich grinste ebenfalls:“ Stimmt, unsere Strafe! Ob er die wohl benutzt hat?“ – „Also ich hätte es!“ – „Tja, wer zuletzt lacht, wa?“

ChuChu´s Handy klingelt, dem Team gehts gut, sie sind mit dem Journalisten unterwegs. Bei dem hätten wir vielleicht auch mal bleiben sollen…

Exploded_tear_gas_can_on_the_fly