Prisoners day oder „Wer zuletzt lacht, lacht am Besten!“

Nach den Strapazen an der israelischen Grenze (Ja, das sind Strapazen, so mit kaputtem Knie ne Jeggins im Stehen auszuziehen…ich sag´s euch!), fuhr ich direkt nach Jerusalem in die Altstadt, um dort, wie immer, in meinem Lieblingscafe einen Eiskaffee zu schlürfen! Ich hatte noch etwa 2 Stunden Zeit bis ich mich mit meinem Freund ChuChu am Damaskustor treffen wollte. Auch wenn es nicht sonderlich warm war, besser als in Amman war das Wetter hier alle mal (noch!). Ich wechselte meine jordanische Simkarte gegen die israelische aus und schrieb schnell ein paar Freunden, die ich in dieser Zeit noch treffen wollte und auch eine SMS an Amin, die aber leider niemals ankam (Dubai und Israel…was is da los?). Nachdem ich Bekanntschaft mit einer rotgetigerten Katze gemacht hatte, die mir die gesamte Stunde nicht mehr von der Seite wich und die Leute mich schon fragten, ob sie denn meine wäre, machte ich mich auf zum Damaskustor.

Ich wählte den Weg durch die Altstadt. Blöde Idee, ganz, ganz blöde Idee! Zwar boten mir einige (bekannte) Shopbesitzer einen Stuhl und Wasser an (Jap, ich sah leicht erbärmlich aus so humpelnd mit Krücke) und fragten mich besorgt, was denn mit mir passiert wäre, aber der Weg? Die Weg war nass und glitschig und wäre es nicht so überlaufen gewesen, so wäre ich sicher das ein oder andere Mal hingefallen.

Völlig erschöpft erreichte ich dann irgendwie die Poststation, die etwas entfernt vom Damaskusgate liegt und entdeckte ChuChu in einem schicken Leihwagen. Ein Auto! Sitzen! Ich war so unendlich glücklich! Er sprang mir entgegen und nahm mir den Rucksack ab, drückte mich fest und entschuldigte sich, dass er mich nicht hatte von der Grenze abholen können. „Ach“, wank ich ab, „war gar nicht so dramatisch. Du weißt ja, ich mag´s aufregend!“ Wir fuhren in ein kleines Cafe etwas abseits der Altstadt, bestellten Limettensaft mit Minze, knabberten Nüsse und erzählten die Wichtigsten Dinge der letzten Monate im schnell Durchlauf.

Ich kenne ChuChu zwar nicht lange, aber er ist einer der wundervollsten Menschen, die mir je begegnet sind. Man kann ihn einfach nur lieben und ihnen einen Freund nennen zu dürfen, ist wirklich ein Geschenk!

Leider hatten wir nicht allzu viel Zeit. ChuChu arbeitete gerade mit einem jungen dt. Filmteam zusammen, die Interviews mit ISraelis und Palästinensern führen wollten (Thema: Situation in Jerusalem – Projekt ist leider geplatzt) und die warteten schon ungeduldig auf ihren „Führer“. Und so machten wir uns eine Stunde später auf den Weg die drei abzuholen. Nach einer kurzen Vorstellrunde begannen sie aufgeregt danach zu fragen, ob und wann und wo denn heute was passieren würde.

Passieren? Ich sah ChuChu fragend und irritiert an. Sind sie so neu hier, dass sie glauben jeden Tag würde hier etwas „super mega spannendes“ passieren? „Heute ist Prisonders day.“ flüsterte er leise. „Achwas! Oh Gott und ich weiß das nicht?“ Da unterstellte ich dem Team sie hätten keine Ahnung und ich weiß nicht mal das heute der Prisonders day ist! „Ich wusste es auch nicht – aber pssstt!“ zwinkerte ChuChu mir zu.

Sie wollten zum Damaskustor, dort einen israelischen Journalisten treffen, der ihnen gesteckt hatte, es würde heute etwas passieren. ChuChu und ich waren nicht gerade überzeugt, wir kamen gerade von da und nichts deutete darauf hin. Aber natürlich wollten wir ihre Euphorie nicht zerstören und so lächelten wir nur etwas gequält und stellten uns auf 2 Stunden unnütz am Damaskustor sitzen ein.

Und die erste Stunde war es auch so. Alles war ruhig, es waren mehr Touristen als Palästinenser auf dem kleinen Platz vor dem Damaskustor zu sehen und ChuChu und ich langweilten uns tierisch. Wir beobachteten das dt. Team, dass ein INterview mit dem Journalisten führte. „Er hat nicht wirklich eine Gasmaske mit, oder?“ fragte ich spöttisch. „Der hat sicher auch ne Karte gezeichnet, wie er am Besten flüchten kann, wenn´s „los geht“ !“ frotzelte ChuChu.

Irgendwann jedoch, fast unbemerkt verschwanden die Touristen (woher wussten die das eigentlich???) und es kamen immer mehr Palästinenser. Ein älterer Herr kam direkt auf mich zu und ich bemerkte noch, wie die Jungs neben uns auf der Bank vor Ehrfurcht aufsprangen. Mit Aufpsringen is bei mir nix, also blieb ich sitzen. „Salamu aleikum!“ begrüßte der Mann mich und reichte mir seine Hand. Verdutzt erwiderte ich seine Begrüßung und wechselte ein paar Sätze auf arabisch mit ihm. Wie es mir geht und ob das mit meinem Knie hier passiert ist etc. Zwischendurch sah ich zu ChuChu rüber, der den Mann ungläubig ansah, ebenfalls begrüßte sich wieder setzte. Die Jungs neben uns stellten sich in Reih und Glied um dem Mann die Hand zu schütteln, als er sich ihnen zuwand.

„Weisst du wer das ist?“ – „Nö, du ChuChu?“ – „Ja klar“ Das ist XY! Einer der reichsten Männer der Westbank. Wenn er hier ist, dann gibt es tatsächlich eine illegale Demonstration!“ – „Na, dann freut sich unser dt. Team sicher!“ – „Sicher! Wären sie mal hier bei uns, hätte er vielleicht auch mit ihnen geredet… Wobei, mit dir sprach er auch nur, weil er dachte du wärst eine von uns. Netten Akzent hast du übrigens!“ lachte ChuChu. Ich boxte ihn grinsend in den Oberarm.

Das dt. Team war weniger an XY interessiert als wir dachten, waren aber froh, dass seine Anwesenheit „action“ bedeutete.

Etwa 10 Minuten später versammelten sich etwa 20 Palästinenser auf den Stufen direkt gegenüber des Tores. Sie hielten Plakate hoch und begannen Parolen zu rufen. ChuChu und ich hockten weiterhin auf unserer Bank etwas abseits und beobachteten die Szene.

Er jedoch wurde zusehends unruhiger, stand auf und sah sich immer wieder um. „Was ist los?“ – „Ich weiß nicht, was wenn der Journalist Recht hat?“ – „Recht hat mit was?“ – „Mit seiner Gasmaske!“ – „Sollen wir noch schnell welche besorgen?“ – „Ninjaan! Ich meins Ernst! Du kannst nicht schnell laufen!“ – „Es ist doch alles ruhig. Da vorne sind 7 Soldaten, da 3 und hier 2 Polizisten! Die hätten das doch schon beendet!“ – „Ja…vielleicht…“

Es passierte tatsächlich erstmal nichts. Alles war ruhig, auch wenn die Zahl der Demonstranten jetzt vielleicht auf 35 angestiegen war. Es gab kaum Jugendliche und Fernsehteams waren anwesend. Die Soldaten sprachen nicht aufgeregt in ihre Telefone – alles gut.

Dachten wir zumindest.

Denn als die Demonstranten kurz vor dem Ende ihrer Kundgebung waren, geschah es doch.

„Tränengas!!! FUCK NINJAAN! LAUF!“ Geschockt sprang ich von der Bank auf und spürte sofort einen stechenden Schmerz in meinem Knie. Da war Rauch, Gas was auch immer. Alle liefen unkontrolliert durcheinander, manche schrien. An unserer Seite war nur noch eine Treppe mit überdimensionalen Stufen, die weit genug vom Rauch entfernt war. ChuChu packte mich am Arm, nahm meinen Rucksack und lief los und ich lief mit, weil noch mehr Rauch kam.

Wo zur Hölle kam das Tränengas her? Keiner der anwesenden Soldaten oder Polizisten hatte sich gerührt! Was Panik nicht alles mit einem macht?! Ich schaffte die Stufen, der Schmerz kam erst, als wir uns in ein Restaurant gerettet hatten. Die Soldaten kamen auf Pferden und verfolgten die fliehenden Demonstranten.

ChuChu versuchte die Leute vom dt. Team anzurufen, keiner nahm ab. Leichte Panik breitete sich aus…waren sie ok?

„Shit! Ich hätte das wissen müssen!“ – „Hat keiner gewusst ChuChu, beruhig dich, ist alles gut gegangen!“ – „Wie gehts deinem Knie?“ – „Geht, ich bin nicht gefallen, du hast mich ja schließlich gehalten!“ – „Hätte ich das nicht, hätte Amin uns beiden den Kopf abgerissen!“ – „Achwas!“  Plötzlich begann ChuChu zu lachen: “ Weisste was? Das geschieht uns ganz recht! Weil wir nämlich so blöde über den Journalisten gelacht haben!“ Ich grinste ebenfalls:“ Stimmt, unsere Strafe! Ob er die wohl benutzt hat?“ – „Also ich hätte es!“ – „Tja, wer zuletzt lacht, wa?“

ChuChu´s Handy klingelt, dem Team gehts gut, sie sind mit dem Journalisten unterwegs. Bei dem hätten wir vielleicht auch mal bleiben sollen…

Exploded_tear_gas_can_on_the_fly

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2 Kommentare

  1. janavar · Mai 15, 2013

    Oha, spannend! Ich freue mich, dass euch nichts passiert ist! Tränengas wird in der Türkei auch immer sofort eingesetzt, weshalb ich große Demonstrationen meide.

    • ninjaan · Mai 16, 2013

      Ja 🙂 Es war auch wirklich unsere eigene Blödheit, wir haben die Situation total unterschätzt. Ich meide nämlich sowas auch immer…es ist mir einfach zu gefährlich und mit meiner bloßen Anwesenheit ist eh keinem geholfen…

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