Über Rafik Schami, die Kunst des Erzählens und warum ich heimlich Nachts um Damaskus weine

2004 saß ich, gerade Anfang 20, seit einer gefühlten Ewigkeit das erste Mal wieder in einem Friseurladen. Seit ich 2 Jahre zuvor von Zuhause ausgezogen war und mich mit mehreren Gelegenheitsjobs über Wasser hielt, reichte das Geld nie bis selten für einen solchen Luxus. Ich bin fest davon überzeugt, dass es eine Fügung war, dass ich an diesem Tag eben diesen Friseur aufsuchte* und eine der zahllosen Zeitschriften, mehr gelangweilt als interessiert, durchblätterte, die mich schließlich auf die „Bücher des Monats“ stoßen lies. Es waren vielleicht 4 oder 5 Bücher auf dieser Seite, die jeweils mit 2 -3 Sätzen vorgestellt wurden. Aber nur eines davon stach mir sofort ins Auge

„Die dunkle Seite der Liebe von Rafik Schami“

Der Klappentext damals, der wahrscheinlich auch genauso in den kurzen Sätzen in der Zeitung zu finden war, lautete (und natürlich kann ich  mich nach fast 9 Jahren nicht mehr daran erinnern und musste es im Internet heraussuchen) in etwa so:

„Rafik Schami erzählt die dramatische Geschichte der Liebe zwischen Farid Muschtak und Rana Schahin, die in Damaskus von Verfolgung und Mord bedroht wird. Er spannt einen weiten Bogen über ein Jahrhundert syrischer Geschichte, in dem Politik und Religionen ein Volk nicht zur Ruhe kommen lassen. Ein Roman von ungeheurer Wucht und zugleich eine Liebeserklärung an seine Heimatstadt Damaskus.“

Warum genau mich dieser Klappentext so neugierig macht, kann ich heute nicht mehr sagen. Aber ich erinnere mich daran, dass mein einziger Gedanke war „Dieses Buch MUSS ich haben!“  Ich übersah zunächst den wirklich mißratenen Haarschnitt, den mir die mittelmäßig ambitionierte Friseurin da verpasst hatte und lief schnurstracks zu dem Buchladen, mitten in unserer, damals noch halbwegs attraktiven, Einkaufsstraße. Steuerte auf das Regal mit den Neuerscheinungen zu und entdeckte Schamis Buch, mit dem fast düsterem Titelbild, sofort. Meine Freude über das Vorhandensein des Buches verschwand jedoch, als ich den Preis sah. Der lag nämlich bei stolzen 29,95€ (glaube ich zumindest) und lag damit auch weit ausserhalb meines Budgets, dass ich für eine Anschaffung, die nicht lebensnotwendig (Essen, Getränke, Miete und Strom) war, zur Verfügung hatte. Da hätte auch das Feilschen um den Preis beim Friseur, aufgrund meiner verschnittenen Haare nichts dran ändern können. Und so zog ich erst einmal ziemlich niedergeschlagen von dannen, natürlich nicht ohne das Buch einmal in den  Händen gehabt zu haben, das mir jetzt noch viel wertvoller vor kam.

Ich hätte warten können, bis es das Buch als Taschenbuch gibt oder bis zu irgendeinem Anlaß (Weihnachten, Ostern, Geburtstag), bei dem ich es mir hätte schenken lassen können. Aber es gibt Dinge im Leben, die muss man einfach sofort haben – ich jedenfalls. Und dieses Buch, über das ich nicht mehr wusste als den Klappentext, gehörte dazu. Also tat ich etwas, dass ich die letzten 2 Jahre seit meines Auszugs aus dem elterlichen Haus nicht getan hatte. Ich ging zu meinem Vater und bat ihn um 30 Euro.

Heute ist unser Verhältnis völlig entspannt, auch was das finanzielle anbelangt – mal helfe ich aus, mal er. Damals aber, als ich ohne seine Zustimmung, mit nichts in der Tasche mir hinter seinem Rücken eine Wohnung gesucht hatte, da ging das nicht. Alleine schon aus (falschem?) Stolz heraus, bat ich ihn niemals um Geld. Nicht mal als mir einer der netten Stromkonzerne den Strom für einige Wochen abdrehte und ich mir nichts kochen konnte und abends im Kerzenschein in meiner Wohnung saß, bis ich meine Schulden (die sich durchs Stromabstellen ja erhöhen) begleichen konnte, bat ich ihn um Hilfe. Aber diesmal war es etwas anderes. Ich hatte ja nicht, in meinen Augen, versagt oder schlecht gewirtschaftet, mein geringes Einkommen erlaubte mir einfach eine solche Anschaffung nicht – aber wenn einer meine Liebe zu Büchern verstehen könnte, dann war es doch mein Vater, dessen Bücher bis zu seinem Auszug, Jahre später, bis unter die Decke, fein säuberlich aufgereiht waren.

Es kostete mich also keine allzu große Überwindung ihn darum zu bitten und es wunderte mich noch weniger, als er mir die 30 Euro prompt aushändigte, mit einem Lächeln im Gesicht und dem Satz: „Ich weiss ja, Bücher muss man besitzen, geliehen bringen sie nur halb so viel Freude.“

So ergatterte ich also doch noch, innerhalb von 24 Stunden, Schamis Buch, das gerade erst auf dem Markt erschienen war, in gebundener Ausführung mit dem schönen düsteren Cover und seiner nahezu 900 Seiten Geschichte.

Nicht einmal 30 Stunden später, hatte ich es schon gelesen. Ich hatte jedes Kapitel verschlungen und die ganze Nacht durch gelesen. Ich vergaß zu Essen, zu Rauchen und für einige Stunden sogar das Trinken, so gefesselt war ich von seinem Roman und so verliebt war ich in seinen Schreibstil.

Daran hat sich auch in all den Jahren nichts geändert. Ich habe viele seiner Bücher gelesen, viele gekauft und wieder verschenkt, weil ich davon überzeugt bin, dass jeder mindestens einmal in seinem Leben ein Buch von Schami gelesen haben sollte! Meist verschenkte ich seine kleineren Büchlein, weil viele vor einem Buch wie „Der dunklen Seite der Liebe“ mit seinen 900 Seiten doch zurück schrecken. (Und doch habe ich es im Jahr 2006 verliehen und bis heute nicht zurück erhalten!).

Nun habe ich dieses Jahr zum Geburtstag sein neustes Buch bekommen, mit dem Titel „Die Frau die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte“. Es geriet über all meine Studienbriefe für mein Fernstudium leicht in Vergessenheit und so kam ich erst vor 3 Tagen dazu, es zu lesen.

Was soll ich sagen? Wieder einmal hat Schami es geschafft mich zu überraschen, mich zu begeistern und zu motivieren sein Buch in einem Atemzug durchzulesen. Aber dieses Buch vermag noch so viel mehr. Es eröffnet dem Leser nämlich einen Einblick, den Einblick in die Erzählkunst Schami´s. Was ich vorher bei dem Lesen seiner Bücher gefühlt, aber nicht in Worte zu fassen vermochte, bereitet er in diesem Buch Schritt für Schritt auf, erklärt es, bringt Licht ins Dunkle. Neben vereinzelter Geschichten aus seiner Kindheit in Damaskus, über die Geschichtenerzähler in Damaskus (allen voran sein Großvater), seine Begeisterung für die Geschichten und Bücher und seinen persönlichen Werdegang, erfährt man eben auch, wie Schami seine Geschichten erzählt. Und das wie, das ist das Entscheidende, das macht eine Geschichte zu einer guten Geschichte. Plötzlich erinnerte ich mich an seine anderen Geschichten, „Die dunkle Seite der Liebe“ oder „Das Geheimnis des Kalligraphen (2011)“ und verspürte den unbändigen Drang, sie noch einmal zu lesen, diesmal aber mit dem Wissen, dass Schami in seinem Werk „Die Frau die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte“ so wunderbar mit einem teilt.

Und so bin ich nun, 3 Tage nach dem ich das neue Buch beendet habe, auch fast fertig mit dem „Geheimnis des Kalligraphen“, das ich vor 2 Jahren schon einmal las – und es ist wie eine neue Welt, ein neues Buch – keineswegs tut es der Faszination, die seine Geschichte schon vorher in mir hervorrief, einen Abbruch. Im Gegenteil, ich erlebe diese Geschichte nun auf einer ganz anderen Ebene und bewundere, neben dem Inhalt der Geschichte an sich, Schamis Talent, sie so, auf diese spezielle Art, zu „weben. “

In einem (imaginären) Dialog mit Ibn Aristo, lässt er diesen folgendes über das mündliche Erzählen, sagen:

„Der Erzähler treibt die Geschichte voran, verweilt bei einem Gegenstand, einem Geschehen, schweift aus, kehrt zurück oder beginnt, kurz vor dem Ende einer Geschichte, mit einer anderen. Auf diese Weise verschachtelt er seine Geschichte – sie sind tatsächlich wie Schachteln, die man öffnet, um andere Schachteln darin zu entdecken, und dann kehrt man wieder zur bereits geöffneten Schachtel zurück und betrachtet ihren Inhalt. Auf der oft gebrauchte Begriff vom Geschichten- Weben ist dienlich. Der Erzähler folgt beim Weben eines Erzählteppichs einem roten Ornament, wechselt dann zu einem Grünen, kehrt für eine Weile zum ersten zurück […] Mündliches Erzählen kann auch mit einem Mosaikgemälde verglichen werden. Hunderte, ja Tausende von bunten Steinchen setzen das ganze Bild zusammen, aber jedes Steinchen für sich ist eine in sich geschlossene Geschichte […]“  (Die Frau die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte, S. 123f)

Wer Schami liest oder lesen will, der muss sich also einlassen können, auf diese besondere Art des Erzählens, sei sie im Falle der Bücher auch eine schriftliche Form des Erzählens. Seine Geschichten folgen niemals einem geraden, roten Faden, sie erfordern die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des Lesers, den Willen auch einmal ein paar Seiten zurück zublättern, um eine Situation oder einen Handlungsstrang wieder aufgreifen zu können – wer es aber tut, der wird, meiner Meinung nach, belohnt mit Geschichten, die einem in Erinnerung bleiben und faszinieren, mit Büchern, die man alle paar Jahre wieder lesen kann und ihrer nicht müde wird, weil man immer wieder etwas neues entdeckt. Seine Geschichten sind Schätze, Schätze die aus weiteren, kleineren Schätzen (Geschichten) bestehen, die am Ende ein großes Ganzes ergeben.

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Ich könnte ewig so weiter schwärmen und hoffe insgeheim, dass sich der/die ein oder andere Lerser/in aufgrund dieses Artikels ein Büchlein von ihm zulegen wird. Aber ich wollte ja auch noch etwas erzählen, etwas das ich in nur in diesem Artikel unterbringen kann, weil es etwas mit meiner Liebe zu den Büchern Rafik Schamis zu tun hat, nicht nur etwas, im Grunde alles.

Als ich damals, 2004, das Buch „Die dunkle Seite der Liebe“ zum ersten Mal las, da verliebte ich mich nicht nur in Schami´s Schreibstil, fieberte nicht nur mit seinen Protagonisten und etlichen Nebendarstellern mit und lernte viel über die Geschichte Syriens, ich ließ mich auch anstecken. Anstecken von Rafik Schami´s Liebe zu Damaskus, die auf jeder Seite, mit jeder Beschreibung der Stadt, in jedem seiner Bücher mitschwingt.

Zu dieser Zeit war meine erste Reise in die Westbank schon geplant. Ich hatte alle meine Sparbücher (die wirklich nicht viel hergaben) geplündert und alles von Wert (wertvoll wäre übertrieben) verkauft um den Flug nach Tel Aviv bezahlen zu können. Und so rückte die Möglichkeit, alsbald auch einmal nach Damaskus reisen zu können erst einmal in weite Ferne. Als ich das erste mal Jerusalem erlebte, verliebte ich mich in diese Stadt und Damaskus verschwand etwas, abgesehen von den Momenten in denen ich ein Buch von Rafik Schami zur Hand nahm, im Hintergrund, niemals aber gänzlich aus meinen Gedächtnis.

Anfang 2010, etwa 5 1/2 Jahre später, hatte ich eine Festanstellung und genügend Geld auf der Bank um mir einen Urlaub leisten zu können. Ich lebte damals gemeinsam mit meinem (schon seit langer, langer Zeit EX-) Freund in unserer schönen Hauptstadt. Sein Vater stammt aus dem Iran und so standen 2 Ziele für uns zur Auswahl: Damaskus oder eine Reise durch den Iran. Er hatte keinen Favoriten, ich schon, wobei der Iran mich auch sehr reizte.

Wir entschieden uns damals für den Iran. Nicht weil er mich überredet hätte oder Damaskus mir plötzlich nicht mehr so attraktiv erschien, sondern schlicht und ergreifend, weil ich falsch lag (!). Nach der „grünen Revolution“ im Iran im Jahre 2009, war die Lage noch immer angespannt und immer häufiger hörte man, zumindest in den Kreisen in denen ich mich damals befand, von der Angst vor einem Krieg gegen den Iran. Er schien fast greifbar zu sein. Syrien dagegen, war eher ruhig. Meine Einschätzung lautete also „Wir fahren in den Iran, weil die Gefahr, dies in kürzerer Zeit nicht mehr tun zu können, wesentlich höher ist, als es bei Syrien der Fall ist.“

2011 begann der Aufstand in Syrien, der sich heute zu einem Bürgerkrieg ausgeweitet hat. Damaskus liegt – und ob man es mir glaubt oder nicht, während ich dies schreibe, habe ich eine Gänsehaut –  in Trümmern. Der Iran ist (bis jetzt zumindest) noch ruhig.

Und ich? Ich habe meine Chance verpasst Damaskus zu sehen. Es mag Leute geben, die glauben sobald Assad fort ist, wäre alles wieder gut in Syrien. Ich halte das für eine Utopie, so sehr ich es mir auch wünschte. Es gibt wenige Dinge in meinem Leben, die ich so sehr bereue, wie die Tatsache, dass ich im Frühjahr 2010 statt nach Tehran nicht nach Damaskus geflogen bin. Um ehrlich zu sein, es fällt mir eigentlich nichts vergleichbares ein. Es mag verrückt klingen, dass ich etwas betrauere, dass ich doch eigentlich gar nicht kenne. Aber wer Rafik Schami wirklich aufmerksam liest, der wird wissen was ich meine, wenn ich sage „Ich habe Damaskus durch fremde Augen sehen können und alles was ich wollte war, diese Stadt einmal mit meinen eigenen Augen zu sehen.“

Amin hat 7 Jahre in Damaskus gelebt und studiert. Eine unserer ersten Gespräche handelte von Damaskus und immer wieder bitte ich ihn mir zu erzählen, von all dem, das ich nicht mit meinen eigenen Augen sehen kann. Und so hat sich, neben Rafik Schami noch jemand in mein Leben geschlichen, der mir die Trauer über diese verpasste Chance etwas lindern kann, mich aber auch gleichzeitig immer schmerzlich daran erinnert.

Und manchmal, nachts, da möchte ich am liebsten weinen, so egoistisch dies im Angesicht des Bürgerkrieges auch klingen mag, weil ich befürchte, dass ich Damaskus niemals mit eigenen Augen sehen werde.

 

Mehr Infos über Rafik Schami hier: http://www.rafik-schami.de/

* (Die Wahrheit, dass ich nur aus Geldnot zu dem günstigsten und auch schlechtesten Friseur meiner Stadt ging, klingt doch so fad!)

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5 Kommentare

  1. janavar · Mai 25, 2013

    Die verpasste Chance, nach Syrien zu fahren, kenne ich leider auch: im Januar 2011 haben zwei Freundinnen und ich überlegt, in den Winterferien entweder nach Syrien oder einmal quer übers Marmarameer nach Bursa zu fahren. Wir dachten, dass es vielleicht etwas kurzfristig ist, zwei Wochen Syrien wirklich gut zu organisieren … Wir hätten es unbedingt tun sollen.

  2. lottamachtkrach · Mai 25, 2013

    Ich mag Schamis Art zu Erzählen auch sehr sehr gerne. Vielleicht wird es ja irgendwann in naher Zukunft ein Damaskus geben, dass zwar nicht mehr Schamis Damaskus ist, aber immer noch die vielen kleinen, faszinierenden Geschichten erzählen kann.

    • ninjaan · Mai 25, 2013

      Wundervoll, nicht wahr?
      Ja, das hoffe ich wirklich sehr, nur glauben kann ich nicht ganz daran, jedenfalls nicht in naher Zukunft 😦

  3. Träumerin · Mai 24, 2013

    Wunderschön geschrieben. Und ich kenne sie auch, die Sehnsucht nach einer Stadt, obwohl man sie vorher noch nie gesehen hat. Von daher kann ich deine Traurigkeit über Damaskus sehr gut verstehen.

    • ninjaan · Mai 25, 2013

      Danke 🙂
      Es ist manchmal komisch, oder? Welche Stadt ist es denn bei dir?

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