Ambulante Operation

Als ich die Augen aufschlage durchfährt ein unbeschreiblicher Schmerz mein gesamtes rechtes Bein. Augenblicklich kralle ich meine Hände fester in die dünne Bettdecke und versuche mich zu orientieren. Ich sehe nur verschwommen und meine Konzentration ist durch den betäubenden Schmerz erheblich eingeschränkt. Ich höre Stimmen um mich herum, die Stimme meiner Mutter. Meine Augen suchen und finden sie, rechts, ganz dicht neben dem Bett. Sie lächelt und redet auf mich ein, ihre Stimme klingt nervös. Ich würde gerne etwas antworten, aber mir fehlt die Kraft. Ich verliere das Bewusstsein.

Eine fremde Stimme weckt mich. An meinem rechten Arm wird herum hantiert und ich höre noch die Worte „Das brennt jetzt gleich, aber es wird den Schmerz lindern!“ bevor besagtes, brennendes Gefühl schon einsetzt. Man spritzt mir etwas durch die Kanüle in meinem Arm. Meine Augen sind noch geschlossen und verzweifelt bete ich darum, dass es ein Wundermittel ist, dass den Schmerz augenblicklich lindern wird. Das ist es aber nicht. Der Schmerz bleibt. Ich will die Augen nicht öffnen. Bloß wieder einschlafen. Einschlafen und nicht mehr aufwachen bis der Schmerz aufhört.

„Sie müssen etwas trinken!“ die fremde Stimme ist wieder da. Ich will nicht trinken. Ich habe seit gestern Abend nicht mehr getrunken und auch jetzt will ich nicht. Dieser Schmerz hört nicht auf. Operieren sie noch? Bin ich während der OP aufgewacht? Warum wirkt dieses Schmerzmittel nicht? Ich öffne vorsichtig die Augen und blicke in das genervte Gesicht einer Krankenschwester Ende 40. Ich mochte sie schon nicht, als ich vor ein paar Stunden hier ankam. Sie ist definitiv die letzte Person, die ich jetzt sehen will. Und so schließe ich einfach wieder die Augen.

Ein Hand streicht mir über das Haar, eine andere hält meine Hand. Meine Eltern stehen beide an meinem Bett. Ich fühle mich wieder wie ein kleines Kind, wie damals, als ich so oft im Krankenhaus sein musste. Ich lausche in meinen Körper, der Schmerz übertönt noch immer alles, aber ich öffne dennoch die Augen. Meine Mutter schaut besorgt, das Lächeln ist wie fortgewischt, mein Vater sieht müde aus. Sieht er immer so müde aus? Meine Mutter hält mir ein Glas Wasser an den Mund. Angewidert nehme ich einen Schluck. Das Schlucken fällt mir schwer. Mein ganzer Körper ist vom Schmerz betäubt. Ich will einfach nur schlafen.

„Sie müssen jetzt bitte einmal aufstehen Frau Ninjaan!“ Die hässliche fremde Stimme spricht wieder zu mir. Ich zwinge mich die Augen zu öffnen. Gegenüber von meinem Bett liegt eine andere Frau, sie schaut ängstlich zu mir herüber. Wird sie auch gleich operiert werden? „Aufstehen!“ befiehlt die Krankenschwester. Ich schaue sie fragend an, allein das Schauen bereitet mir Schmerzen. Warum lässt man mich nicht in Ruhe? Ich würde gerne etwas antworten oder sie wegschicken, ihr sagen, dass sie verschwinden soll. Aber meine Zunge ist so schwer. „Nehmen sie die Flasche neben sich auch  mit! Die muss mit!“ Flasche? Ich weiß überhaupt nicht wovon sie spricht. Vorsichtig bewege ich meine rechte Hand und spüre eine Plastikflasche neben mir. Ich hebe sie zaghaft hoch und erstarre.

„Ja, die müssen sie dann aus der Hose hängen lassen!“ Ich höre gar nicht mehr zu. Woher kommt diese Flasche? Warum ist da Blut drin und wohin führt der Schlauch. Mir wird schlecht. Davon hat mir niemand etwas gesagt! Warum sagt mir keiner, dass ich da einen Schlauch im Knie haben werde? Ich würde gerne weinen, vor Schmerz und weil mein Gehirn so langsam arbeitet und ich nichts wirklich begreife. Aber ich kann nicht, weinen strengt an. Ich habe keine Kraft. Ich will doch nur schlafen und das es aufhört.

Die Krankenschwester gibt keine Ruhe. Irgendwann lasse ich mich von ihr an den Bettrand befördern. Meine Mutter erschrickt, schreit die Krankenschwester an, ich würde doch gleich umfallen, ob sie das nicht sehen würde. Ich lächele in mich hinein. Danke Mama. Aber nein, die Krankenschwester sieht das nicht. Ich soll aufstehen. Sie reicht mir die Krücken. Ich stehe auf einem Bein, verliere fast den Halt. Der Schmerz in meinem Knie ist kein bloßer Schmerz mehr, als würde man mir ein Schwert durch das Bein jagen, so fühlt es sich an. Ich stöhne auf. Mein Vater legt mich zurück aufs Bett. Ich schlafe ein.

Ich wimmere, der Schmerz bringt mich um den Verstand. Alle wollen das ich trinke, aber ich will nicht, ich will nur schlafen. Sie reden wirr durcheinander und ich verstehe sie nicht. Sie streiten und schweigen. Ich weiß nichts, nur das ich den Schmerz nicht mehr ertragen kann. „Schmerzmittel, bitte.“ hauche ich. Meine Bitte wird erhört. Mein Arm brennt wieder. Der Schmerz nimmt nicht ab.

Irgendwann bringen sie mich auf ein Zimmer. Ich verstehe nicht was passiert. Aber ich bin erleichtert, vielleicht lassen sie mich hier auf dem Zimmer in Ruhe? Ich will doch nur Ruhe. Sie diskutieren. Meine Eltern zwingen mich immer wieder zu trinken. Ich will nicht trinken, ich will schlafen. Irgendwann gehen sie. Ich frage nicht wann sie wiederkommen. Alles ist mir egal, ich habe einfach nur Schmerzen.

Der Schmerz bleibt, den gesamten Tag, die gesamte Nacht. Immer wieder wecken mich Pflegerinnen, geben mir Wasser, reden auf mich ein. Ich bin immer noch so benommen. Könnte ich nur einen klaren Gedanken fassen.

Am nächsten Morgen wache ich auf, weil meine Zimmernachbarin die Fenster öffnet und auf mich einredet. Ich bin wieder klar, aber der Schmerz ist nicht fort. Ich klingele, ich brauche Schmerzmittel, schnell, bevor ich wieder den Verstand verliere. Die Pflegerin bringt mir Tabletten und knetet meine Hand. Die ist ganz angeschwollen. Sie sagt etwas von einer Infusion die etwas daneben gegangen ist. Meine Hand ist wie die des Michelin Männchens. Komisch sieht das aus.

Mein Vater kommt irgendwann. Er will mich abholen, ist erleichtert, weil ich wieder klar bin. Wir sollen zum Arzt. Der ist nicht hier im Krankenhaus sagen sie, der ist in der Praxis und weil ich ambulant operiert wurde, kommt er nicht zu mir, sondern ich zu ihm. Ich frage wie meine OP verlaufen ist, mein Vater zuckt mit den Schultern, sie wissen es nicht. Der Arzt kam nicht, als es mir schlecht ging. Ich würde ihn verfluchen, aber ich bin damit beschäftigt mein Knie samt Schmerz zu verfluchen, keine Zeit für ihn.

Eine Stunde später spreche ich in der Praxis mit einem anderen Arzt. Er hat mich nicht operiert, aber es sei wohl alles gut. Ich bin müde. Ich bitte um Schmerzmittel. Er gibt mir Ibuprofen. Ich lache heiser. Ibuprofen gegen meinen Schmerz ist wie David gegen Goliath. Aber ich habe Tramal zuhause. Amin gab sie mir zur Vorsorge. Wäre er nur hier gewesen.

kreuzbandriss

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13 Kommentare

  1. Pingback: Ninjaan goes new Nase | whocaresaboutninjas?
  2. Ich♥Dich · Juni 17, 2013

    Oh Gott, wie furchtbar das klingt. Das ist so schlimm. Du tust mir so leid! Ich komem gar nicht darüber hinweg.
    (Aber nichtsdestotrotz: VERDAMMT, wie gut hast du das denn bitte geschrieben?!?!?!)
    :-*

  3. GreenyArt · Juni 17, 2013

    Das hört sich ja eher an als hätte man dich in eine Folterkammer gesteckt! Ich wünsche dirgute Besserung 😉

  4. brokensoulslife · Juni 16, 2013

    Liebe Ninjaan,
    ich wünsche dir ganz viel kraft und schnelle Genesung damit du diese schreckliche Zeit hinter dir lassen kannst.
    Du schaffst das!!! *dir kraft und eine umarmung schick*

  5. Ann · Juni 16, 2013

    Oh, das hört sich schrecklich an… Viel Kraft!

  6. nerdbarbie · Juni 16, 2013

    Wie gemein das alles ist. Und wieso ist keiner in der Lage, dir ein Schmerzmittel zu geben, was auch hilft? Und diese biestige Schwester. BAAH, da bekomm ich derart Wut! >< Ich hoffe, dass es dir schnell besser geht, alles gut gegangen ist, deine Schmerzen nachlassen und diese ganze Scheiß bald vergessen ist!

    • ninjaan · Juni 16, 2013

      Ich habe keine Ahnung… Amin konnte es auch nicht fassen, dass sie nach der ersten Ausgabe und fehlender Wirkung nicht einfach das Schmerzmittel gewechselt haben. Wäre er nur hier.. 😦
      Es geht mir schon etwas besser, nur leider is mein Tramal jetzt alle…ich hoffe die Ibuprofen tuns auch 😦

  7. anette kinter · Juni 16, 2013

    Da krieg ich richtig Wut, wie du im Krankenhaus behandelt wurdest! Auch, dass der Arzt sich nicht hat blicken lassen. Fremd ist mir diese äußerst freundliche Behandlung im Krankenhaus leider auch nicht, aber glücklicherweise waren die Schmerzen annehmbar. Vielleicht ist es ein grundsätzliches Problem des fehlenden Personals, der Unterbezahlung, der viel zu langen Arbeitszeiten …
    Ich wünsche dir auf jeden Fall eine schnelle und möglichst schmerzfreie Genesung zu Hause, Ninjaan!

    • ninjaan · Juni 16, 2013

      Manchen Krankenhäusern mangelt es tatsächlich an allem und somit eben auch an einer „angebrachten“ Behandlung der Patienten. Ich hatte bei meiner ersten OP keine schlechten Erfahrungen dort, aber diesmal ging einfach alles schief und in einer solchen Situation (Schmerzen und Verwirrtheit) ist das einfach kaum auszuhalten.
      Zuhause geht es mir schon viel besser und ich werde gut umsorgt, ich hoffe, dass es nun endlich bergauf geht!

  8. Summer · Juni 16, 2013

    Oh man…
    Auch wenn es bei mir keine OP am Knie war, sondern ein Kaiserschnitt… Ich kann dir so so so sehr nachempfinden! Das mit dem Aufstehen, mit der Infusion die daneben ging… :-/
    Bleib´ stark, halt durch!! Die Schmerzen gehen vorbei. Ich drücke die Daumen, dass das umgehend passiert und schicke dir ein Lächeln =)

    • ninjaan · Juni 16, 2013

      Im Grunde ist ja auch eine Knie OP nicht das Schlimmste. Allerdings kam mir diese OP, das ganze drum herum so schlimm vor, weil ich mich so elend und hilflos fühlte, dass ich einfach darüber berichten musste.
      Das Lächeln ist angekommen – Danke! 🙂

      • Summer · Juni 16, 2013

        Das ist schön =)
        Ich weiß absolut was du meinst! Und es ist schlimm, dass es anscheinend so häufig vorkommt ;-/
        Lass´ dich gesund pflegen.

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