Eine Legende zum Tod des Narren

Sieben Mal wurde er getroffen, vielleicht mehr vielleicht weniger. Die Menschen wissen es nicht mehr. „Es geschah so schnell!“ sagen sie. Der Narr war unter ihnen, aber nie ein Teil von ihnen und doch gehörte er dazu. Wie er alltäglich seine Papiere wälzend, etwas fern ab der Mauer saß oder anklagend durch ihre Reihen zog. Geflucht habe er, auf die Menschen und die Regierung, auf jeden und alles. Sie verstanden seine Wut nicht immer, teilten sie nicht immer, aber sie liessen ihn. Er ist doch nur ein Narr! Lasst ihn doch hier sein und nach seinem Seelenfrieden suchen, sagten sie, wenn es einmal den Sicherheitsleuten zu viel wurde.

Jetzt war er tot und hatte mit seinem Blut, seinem närrischen, aber doch jüdischen Blut, den Platz vor der Klagemauer verschmiert. Und keiner Verstand, wie es geschehen konnte.

Drei Freunde hatten es an diesem Morgen miterlebt. Wie immer waren sie Freitags vor dem Shabbat zur Klagemauer aufgebrochen, um ihre Gebete zu verrichten. Wie immer, bestätigten sie, hatten sie den Narren mit seinen Papieren fuchtelnd und im Zwiegespräch mit sich in einer Ecke gesehen, bevor er sich erregt erhob und in Richtung der Waschräume aufbrach. Wenige Minuten später war er tot und jeder hörte die Schüsse.

Warum nur haben sie ihn getötet?“ fragte der Erste, der Freunde und an seiner Stimme erkannte man den Schrecken, der ihm tief in die Knochen gefahren war.

Sie sagen, er habe Allahu akbar gerufen! Wie töricht, selbst für einen Narren! antwortete der Zweite.

Ich erinnere mich, sprach der Erste, dass er einmal damit gedroht habe, Muslim werden zu wollen! Man stelle sich das vor! Wie eine Drohung sagte er dies!

Ebenso töricht, erwiderte der Zweite darauf, man kann doch nicht den Menschen drohen und sich später darüber wundern, wenn man so endet!

Töricht, dass seid doch nur ihr! raunte der Dritte ungehalten. Und erntete bös, verwunderte Blicke dafür. Ja! Töricht seid ihr, wenn ihr glaubt, er habe uns gedroht!

Bitte, lieber Freund, wenn du so viel schlauer bist, dann lass uns doch an deinem Wissen teilhaben! frotzelten seine Freunde ihm.

Niemals hat er uns gedroht, der Narr. Er hat doch nie wirklich mit uns gesprochen, war nie wirklich bei uns. Seine Drohung und sein Unmut allein galt G-tt ! Er beschwerte sich stets bei ihm. Und weil seine Bitten nicht erhört wurden, drohte er G-tt damit, Muslim werden zu wollen. Und somit den Bund mit ihm auf ewig zu brechen. Heute hat er es getan, er hat seine Drohung wahr gemacht und G-tt ins Gesicht geschrien, dass Allah größer ist! (Allahu akbar)

Verwundert sahen die beiden Freunde den Redner an. Schwiegen für einen Augenblick und setzten dann zu einer letzten, sie aber doch quälenden Frage an:

Also hat G-tt ihn heute für seine Ketzerei und seinen Unglauben bestraft, indem er ihn ermorden ließ?

Da erhellte sich das Gesicht des Dritten und er konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Aber nein, was glaubt ihr denn? G-tt hat ihn endlich erhört und von seinen Qualen befreit!

Anmerkung: Der Ausruf Allahu akbar gilt nicht als Glaubensbekenntnis und hat somit auch keinen Glaubensübertritt zur Folge, sondern kann in diesem Kontext als Provokation verstanden werden.

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Hiob in der Verzweiflung von Marc Chagall.

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