Tod eines Narren

Heute Morgen erreichte mich die Nachricht einer Freundin, die zurzeit in Jerusalem lebt.

„Schau dir das an!“ schreibt sie mir, mit dem Verweis auf diesen Link.

Die Nachricht:

Schon die Überschrift verwundert “ Security man shoots dead Jewish man in Kotel“, nicht weil Gewalt in Jerusalem etwas aussergewöhnliches ist oder weil die Gewalt der Armee und Polizei niemals Juden trifft, sondern weil es an der „Kotel“, der Klagemauer geschah. Das ist in der Tat etwas ungewöhnliches. Gleich der 2. Absatz lässt mich wieder stutzen: „According to the guard the man shouted „Allahu akbar“ (arab. für: Gott ist der Größte)…“ Wie bitte? Wer macht denn sowas?

Aufmerksam lese ich den Rest des Artikels und noch einige weitere Artikel zu den Geschehnissen. Mittlerweile tauchen auch Kommentare in den sozialen Netzwerken auf. Manche hämisch á la „Was für ein Irrer! Selber Schuld, was schreit der auch sowas!“ andere beschweren sich über die Gewalt des „Guards“ der den Mann (dessen Namen ich übrigens nirgendwo entdecken kann) gleich mit einer Vielzahl von Kugeln durchlöcherte.

Über den Toten

Ein regelmäßiger Besucher der Klagemauer beschreibt den Getöteten im oben genannten Artikel als jemanden der seit Jahren bekannt ist. Bekannt, weil er seit Ewigkeiten auf dem Platz der Klagemauer herumirrt, begleitet von ewigen Klagen über die Regierung.  Bekannt auch, für sein auffälliges, nicht selten merkwürdig, erregtes Verhalten. Um anzudeuten, wie weit seine Verrücktheit ging, erzählt einer der Anwesenden davon, wie ebendieser sogar einmal behauptet hätte, er würde Muslim werden wollen. Was an sich, für einen Mann, der seine Zeit an der Klagemauer verbringt (wahrscheinlich also religiös ist) wirklich an Wahnsinn zu grenzen scheint. Er soll auch obdachlos gewesen sein und hin und wieder in der „Suppenküche“ nahe der Klagemauer ausgeholfen haben.

Narren vs. Verrückte

Immer wieder fällt, jedenfalls bei den Kommentaren die ich lese, das Wort „verrückt“. Verrückt ist abwertend. Ich mag diese Bezeichnung nicht, denn vor meinem inneren Auge zeichnet sich ein ganz anderes Bild ab. Das Bild eines modernen Narren. Und wenn ich Narr sage, dann meine ich es keinesfalls abwertend! Es liegt wahrscheinlich daran, dass ich in diesem Jahr zwei Bücher gelesen habe, die sich indirekt mit Narren und dem Narrentum beschäftigten und mein Verständnis von Narren nachhaltig beeinflussten. Zum einen, das Buch von Hazel Rosenstrauch „Juden Narren Deutsche“ und zum anderen, das Meisterwerk „Der Schrecken Gottes: Attar, Hiob und die metaphysische Revolte“ von Navid Kermani. 

Kermani, angelehnt an Fariduddin Attar, sagt, dass die Narren weise sind, „deshalb ihr Schmerz, sie erinnern sich an die Geheimnisse, die die übrigen Menschen vergessen haben“ […]* Er nennt sie frei, da sie „politisch und religiös ausserhalb der Gemeinschaft stehen „[…]** Ähnlich beschreibt Hazel Rosenstrauch, in dem Kapitel Narrologien, die Eigenschaften und den gesellschaftlichen Status der Narren. So zitiert sie den Kommentar eines Holzschnitts aus dem 16 Jhdt.  mit den Worten „Kinder und Narren stehen ausserhalb des Ständegefüges“. Verdeutlichend fügt sie hinzu, dass Narren eben all das dürfen, was andere nicht dürfen. ***

Wirft man nun noch einmal den Blick zurück, auf die, zugegebenermaßen wenigen, Aussagen über den heute Ermordeten, so kann man vielleicht tatsächlich einen Narren erkennen und nicht nur einen, wie wir diese Menschen heute gerne beschreiben, „Verrückten ohne Sinn und Ziel“ . 

Das stimmt traurig, nicht nur weil ein Mensch gestorben ist und ein anderer zum Mörder werden musste, sondern weil  es ein Verlust ist. Der Verlust eines Narren, eine vielleicht so furchtbar seltene Spezies.

 

Der Narr am Galgen

narr-galgen

Quelle. Geistbraus.de

 

*Der Schrecken Gottes: Attar Hiob und die metaphysische Revolte S. 184

** ebd. S. 185

*** Juden Narren Deutsche: S. 40

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4 Kommentare

  1. Sherry · Juni 21, 2013

    Das ist wirklich traurig, liebe Ninjaan. Ich meine, ich habe das Buch von Kermani nicht gelesen (vermutlich, weil ich ihn als Iranerin sehr kritisch sehe, aber das ist ein anderes Thema), aber auch für mich haben Narren eine wichtige Aufgabe gehabt – schon immer. Durch ihre „Narrenfreiheit“ konnten sie ihre Finger auf die Wunde der Gesellschaft legen. Doch wenn sie zu weit gingen? Dann …

    Dass ein Mann sterben musste, weil er Allah o Akbar gerufen hat, ist furchtbar. Ich möchte hier nichts beschönigen, aber ich glaube, wir haben keine Vorstellung davon, was Menschen, die seit Jahrzehnten in einem Krieg leben, vielleicht im ersten Augenblick „fühlen“, wenn jemand Allah o Akbar ruft. Oft rufen das Selbstmordattentäter ja bevor sie sich in die Luft sprengen (und andere mit).

    Den Beschreibungen nach (oft erregt, hin- und hergehend, klagend, Sinneswandel) kann ich mir sogar vorstellen, dass der Mann an einer leichten Psychose litt. Das ist aber nichts, was nicht behandelbar wäre oder gefährlich machen würde. Ich hoffe, er ruht in Frieden; und ich hoffe, die Verantwortlichen reflektieren angemessen …

    • ninjaan · Juni 21, 2013

      Ja, es ist wirklich traurig. Traurig aber sicher auch für den Mann, der ihn erschossen hat, eben weil sein Opfer unschuldig war. Ich denke auch, dass eine vorschnelle Verurteilung hier falsch wäre. Natürlich ist es traurig, dass allein die Anrufung Gottes, Menschen in solche Panik versetzen kann. Aber wem haben wir das im Grunde zu verdanken`? Den Menschen, die diese Anrufung immer und immer wieder nutzen um sich und andere anschließend zu töten. So irrational wie ich wünschte, ist diese Angst leider nicht. 😦
      Darf ich fragen, warum du Kermani so kritisch siehst? Ich muss zugeben, dass ich seinen Büchern beinahe noch mehr verfallen bin als denen von Rafik Schami (wohl auch aus ganz anderen Gründen) und als ich ihn einmal bei einer Preisverleihung war, wirklich absolut hingerissen wieder zuhause ankam.

    • Sherry · Juni 22, 2013

      Liebe Ninjaan (was bedeutet das „Jaan“ eigentlich? Auf Persisch ist das so eine Art liebe Anrede wie: „Ninja Liebes“ oder „Liebste Ninja“ oder „Teure“. „Jaan“ bedeutet „Leben/Seele“ …)

      Ich mag Kermani nicht so gerne, weil er mit Peter Scholl-Latour eigentlich der einzige Islamwissenschaftler in den Medien war und mit seiner Frau im Grunde ein sehr moderates Bild von Iran gezeichnet hat. Er hat die Regierung damit immer entlastet. Außerdem war er mir zu Pro-Islam, hat jegliche Ayehs, Suren etc. immer so dermaßen uminterpretiert, dass aus „Tötet sie …“ ein „Streichelt ihnen über den Kopf“ wurde (überspitzt dargestellt!). Er hat nie richtige und eindeutige Stellung bezogen. In Relation zu der Dringlichkeit, die unsere Landsleute in ihrer Heimat angeht, war er immer zu positionslos.

      Dass er ein guter „Philosoph“ ist, kann ich mir denken. Ich war einmal bei einer Lesung, war aber nicht so begeistert. Vor allem seine erotisch angehauchten Geschichten waren seher unauthentisch. Damals war ich aber noch nicht kritisch ihm gegenüber, weil ich selbst Studentin der Islamwissenschaften war und ihn natürlich total toll fand … Die kritische Sichtweise kam erst später, als ich selbst Artikel und Analysen verfassen musste …

      Ich wünsch‘ dir einen schönen Samstag. 🙂

      • ninjaan · Juni 22, 2013

        Sherry jaan 😉
        Du liegst richtig, mein Nick ist an das persische „jaan“ angelehnt. Es ist ein Nickname den ich einmal bekommen habe und ihn einfach hier für den Blog benutzt habe. 🙂
        Ah, ich verstehe. Es ist natürlich so, dass die Einschätzungen über Personen wie Kermani, die sich eben auch politisch äußern und positionieren, auseinander gehen. Ich finde z.B. seine Berichterstattungen im erfrischend neutral, ich gehe mit seiner Meinung und auch der von Katajun Amirpur relativ konform. Aber ich kenne das auch, ich habe auch Leute, die sicherlich toll schreiben, deren Artikel oder Bücher ich mir aber eher ungerne antue, einfach weil ich ihre Meinung nicht wirklich teile. 🙂
        Die erotisch-angehauchten Geschichten aus dem Buch „Du sollst“ haben mich beim ersten Mal auch ziemlich verstört, warm geworden bin ich nie mit ihnen. Sprachlich sind sie sicherlich hervorragend.

        Ich wünsche dir ebenfalls einen schönen Samstag! 🙂

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