Bewährungszeit

Es war 2 Wochen nach meiner Rückkehr aus Jordanien. 2 Wochen war sie nicht zu mir gekommen. Schwindeln ist nicht ihre Art, selbst dann nicht, wenn es angebracht wäre. Darum sagt sie frei heraus: “ Ich mag jetzt nicht kommen und dich sehen. Sorry, aber das ist mir gerade zu viel.“ Und so warte ich, sage nichts dazu, lasse sie. Auch wenn es mich verletzt. Denn nicht ich als Person bin ihr zu viel, sondern mein „glücklich sein“. Dabei, so glaube ich, bin ich doch sehr darum bemüht es nicht ständig raushängen zu lassen, was für ein Glück ich tatsächlich gerade in der Liebe habe.

Nach 2 Wochen sitzt sie endlich vor mir. Sie ist gestresst und müde von der Arbeit. Sie sieht schlecht aus. Und so höre ich zu und frage nach und erzähle nichts. Ich gehe nicht ans Telefon als Amin anruft und schreibe ihm nur kurz, dass ich ihn später zurückrufe. Ich will ja rücksichtsvoll sein. Mit jeder Minute die verstreicht und in der sie mich nicht einmal fragt wie es mir so erging, wie es mir geht und was es Neues gibt, wächst die Enttäuschung. Aber ich schweige.

Nach geschlagenen 2 Stunden fragt sie, nach einer kurzen, wirklich unangenehmen Stille, endlich: “ Und, was ist jetzt bei euch so?“ Ich antworte, kurz und knapp in einem Satz. Sie sieht mich an, Tränen steigen ihr in die Augen. Sie wendet den Blick ab und sagt leise, aber doch in einem verächtlichen Ton: “ Ihr seid doch irre!“

Das war es. Kein Wort mehr. Wenige Minuten später erhebt sie sich und geht. Und ich bleibe zurück. Wütend und enttäuscht. Ich hätte etwas sagen sollen. Aber ich kenne sie, seit 14 Jahren. Ich weiß wie sie tickt und das es jetzt nichts bringt.

Ich erinnere mich an eine Nachricht, die sie mir während meines Urlaubs schickte.

„Tut mir leid. Aber ich will gerade nicht so mit dir reden. Ich habe alles so satt. Wenn ich dich ansehe ist es, als würde mir das Schicksal ins Gesicht spucken. Du wolltest nicht mal eine Beziehung! Und jetzt hast du alles was ich nicht habe! Ich gönns dir ja, so ist es nicht. Aber es macht es mir noch schwerer.“

Das hatte gesessen. Ich antwortete nicht darauf, ignorierte es. So mache ich das eigentlich immer. Wahrscheinlich ein großer Fehler von mir. Ich schweige und ignoriere es, sitze aus. Jedesmal wieder.

3 Tage nach unserem Treffen, ich hatte gerade beschlossen den Kontakt mit ihr auf Eis zu legen und ihr nichts, aber auch gar nichts privates mehr zu erzählen, als sie mich anruft. Ich will nicht rangehen, aber beim 3. Versuch ihrerseits tue ich es doch. Vielleicht ist etwas passiert? Sie schluchzt mir ins Telefon, dass ihr Leben zu Ende sei. Sie nicht zur Abschlußprüfung zugelassen werden würde, so durcheinander ist und nicht weiter weiß. Ich biete ihr meine Hilfe an. Was sollte ich auch sonst tun?

Schneller als sonst ist sie hier. Ich sortiere ihre Unterlagen, helfe ihr beim Ausfüllen, erstelle eine „To do Liste“ und muntere auf. 3 Stunden ist sie bei mir. Als sie geht dreht sie sich um, ich hoffe auf etwas, irgendetwas, am Besten etwas Reue. Aber sie hebt nur die Hand und geht.

Das Thema ist für sie durch. Für mich nicht. Ich kann über eine solche Mißgunst von einer meiner ältesten Freundinnen nicht hinwegsehen. Aber mich damit auseinandersetzen will ich auch nicht. Nicht, solange sie nicht von sich aus das Thema anspricht.

Sie bombardierte mich mit Nachrichten hier und da. Ich antwortete knapp, manchmal gar nicht. Vielleicht falsch von mir, es nicht deutlich genug zu machen. Aber ich will mich jetzt freuen, an dem was ich habe erfreuen. Ich habe lange genug selbst Liebeskummer und unerfüllte Träume gehabt. Ich weiß wie es sich anfühlt, aber ich weiß nicht, wie es sich anfühlt es meinen engsten Freunden nicht zu gönnen.

Sie fährt ins Ausland. Ich vergesse ihren Abflug nicht und wünsche ihr dennoch eine gute Reise, auch wenn sie meine OP , kurz zuvor, vergessen hat. Ich will nicht nach einer so langen Zeit die Freundschaft einfach wortlos abbrechen. Bin bereit ihr eine Tür offen zu halten. Sie müsste einfach nur durchgehen. Aber vielleicht ist das auch mein Fehler, weil sie keinen Grund hat eine offene Tür einzurennen?

Seit einer Woche haben wir keinen Kontakt. Ich schreibe nicht von mir aus. Sie weiß, dass bald ein besonderer Tag für mich ist. Nicht von mir, aber von einem gemeinsamen Freund.

Ich hoffe noch darauf, dass sie etwas sagen wird. Irgendwas, dass meine Enttäuschung mildert und unserer Freundschaft eine Chance gibt. Eine letzte Chance. Denn in all den Jahren, habe ich zu oft geschwiegen, zu oft nur an das Gute gedacht und versucht es mit dem Schlechten aufzuwiegen. Diesmal ist es mir zuviel. Ich bin glücklich, ich muss es nicht ständig erwähnen und in die Welt hinausrufen, aber ich muss mich auch sicher nicht dafür schämen.

Ich habe Fehler gemacht, sicherlich und sie ebenso, vielleicht waren es einfach zu viele? Vielleicht können wir es noch einmal retten. Bald wird es sich zeigen…

oniholihn

(Sommer 2007)

Ich muss an diesen Spruch denken: Lachen kann man mit jedem, weinen nur mit wahren Freunden. Das mag wahr sein, aber was ist ein wahrer Freund wert, der nicht mehr mit dir gemeinsamen Lachen kann?

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11 Kommentare

  1. amitaf86 · September 15, 2013

    Natürlich darf man auf Freunde neidisch sein! 😀 Aber es muss gegönnter Neid sein. Wenn ich zu jemandem sage, dass ich neidisch bin, dann tue ich das mit einem lächeln oder mit einem strahlenden Lächeln, weil ich mich für die Person so freue, als wäre das gleiche mir zugestoßen. Zumindest bei meinen Freunden ist das so. Was andere machen ist mir eh egal. 😀

    Kannst du sie wirklich noch als deine beste Freundin bezeichnen?

    • ninjaan · September 15, 2013

      Nein, leider gar nicht mehr…seit Monaten haben wir auch keinen Kontakt mehr, sie sucht ihn nicht und ich, ich kann (und will) es nicht, weil jeder Kontaktversuch meinerseits nur von Vorwürfen begleitet wäre…

  2. nickel · Juni 30, 2013

    Über die Thematik Neid und Missgunst habe ich erst vor Kurzem länger nachgedacht. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass man durchaus auch auf Freunde neidisch sein kann, solange man ihnen ihr Glück gönnt und sich für sie freuen kann. Kann man sich nicht für sie freuen, liegt etwas ganz sehr im Argen. Und dann sollte man sich wirklich überlegen, wie sehr man diese Person, der man etwas missgönnt, wirklich mag.
    Für mich wäre derartige Missgunst irgendwie schon ein „Trennungsgrund“, auch nach einer langen Freundschaft.

    So eine selbstfixierte Freundin habe ich auch. Wir kennen uns auch schon so lange. Jedoch gibt es zwischen uns keine Missgunst. Eher kann schonmal Desinteresse vorkommen.
    Ich habe auch lange geschwiegen, wenn mir etwas gegen den Strich ging und unsere Freundschaft wäre fast daran zerbrochen. Und auch wenn es mir anfangs schwer fiel, bin ich doch froh darüber, ihr jetzt immer zu sagen, wenn mir etwas nicht passt. Das ist noch immer nicht einfach, aber es hilft sehr. Vielleicht solltest du dich überwinden und ihr sagen, was dich stört. Nur dann kann sie auch etwas daran ändern. Von allein wird sie wohl gar nicht darauf kommen, dass etwas falsch war.

    Alles Liebe. Und nicht das Glück vermiesen lassen, das hast du dir schließlich verdient!

    • ninjaan · Juni 30, 2013

      Ich denke da eben so wie du. Natürlich ist man manchmal etwas neidisch, ob nun auf Freunde oder Fremde. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht? Weil jemand anderes etwas schönes erlebt, ist er nicht böse zu mir, nur weil ich es gerade nicht habe. Sieht man das anders, beginnt die Mißgunst.
      Selbstfixiert ist auch ok, ich denke viele haben mal solche Phasen, ich hatte die sicher auch schon. Zeiten in denen ich so sehr mit mir selbst, meinen Gedanken, meiner Arbeit etc. beschäftigt war, dass ich kaum noch am Leben meiner Freunde teilnahm. Da muss man aufpassen. Aber wie du selbst sagst: Selbstfixierung bedeutet nicht gleich Mißgunst….
      Ich werde wohl mit ihr sprechen, wenn ich aus dem Urlaub wieder da bin und sie auch. Vorher bringt es denke ich, ausser Kopfschmerzen, eher nichts…

  3. schneckspeck · Juni 29, 2013

    Ich erlebe das ähnlich mit meiner ältesten Freundin. Sie hat innethalb des letzten Jahres geheiratet und erwartet in wenigen Tagen ihr erstes Kind. Ich hab mir den Arsch für sie und ihre Hochzeit aufgerissen und werde seither nicht einmal gefragt wie es mir geht. In die Schwangerschaft wurde ich in keiner Weise eingebunden, obwohl ich dachte dass ich als angeblich beste Freundin mehr davon mitbekomme. Vielleicht reicht es irgendwann einfach.Sowas ist traurig und anstrengend und nervig.

    • ninjaan · Juni 30, 2013

      Es ist so enttäuschend, man kann es kaum in Worte ausdrücken. Natürlich ändern sich Freundschaften, aber bei all den eigenen Dingen darf man die Freunde einfach nicht so im Stich lassen…

  4. GreenyArt · Juni 29, 2013

    Irgendwie komisch das zu lesen, ich kenne das zu gut. Meine „beste“ Freundin und ich kennen uns auch viele Jahre und durch unsere Kids (wir waren sogar gleichzeitig schwanger! ) haben wir uns beide sehr weiterentwickelt. Leider in völlig verschiedene Richtungen. Man hat sich so wenig zu sagen, manchmal über Wochen garnnichts. Ich merke, dass sie irgendwann verschwunden sein wird. Aber: Vielleicht ist es besser für uns beide und wir haben schließlich noch die Erinnerung an die Zeiten, in denen wir grundsätzlich einer Meinung waren. Und ich denke, es ist besser, sich mit schönen Erinnerungen zu trennen anstatt voller Enttäuschungen und Wut.

    • ninjaan · Juni 30, 2013

      Ja, so etwas kenne ich auch. Ich hatte eine Freundin die ich seit der 5. Klasse kannte. Wir waren so eng, wohnten sogar teilweise miteinander. Aber irgendwann ging es nicht mehr. Wir hatten uns nichts mehr zu sagen und so ging ich, ohne Groll. Wenn wir uns heute sehen, unterhalten wir uns, aber mehr auch nicht. Freundschaft kann nicht immer alles im Leben überdauern, vor allem dann nicht, wenn zwei Menschen sich so verschieden weiterentwickeln.

  5. nerdbarbie · Juni 29, 2013

    Das macht mich so traurig 😦 Ich kenn auch das Gefühl, dass man sich irgendwie doof fühlt, wenn um einen herum jeder die Liebe findet und man selbst zurück bleibt, aber dennoch hab ich das jedem immer gegönnt und ich finde es absolut gemein, wie sie zu dir ist. Und auch wenn es dir schwer fällt, ich würde einen Schlussstrich ziehen. Entweder schweigend oder ihr all das sagen. Sachlich. Nüchtern. Aber eine Freundin, die dir dieses Glück so vergällt, ist kein wirklicher Freund. Denn im Endeffekt ist Freundschaft (zum Großteil) dazu da, dass man sich gut fühlt, wenn man zusammen ist.
    Aber genieße dein Glück und lass es dir nicht kaputt machen. Dazu ist es zu am Ende doch zu schön 🙂

    • ninjaan · Juni 30, 2013

      Ich spiele auch mit diesen Gedanken, mal bin ich zu traurig es zu tun, mal zu wütend. Wenn ich zurückkomme muss aber geredet werden, auch wenn ich das so ungerne tue. Ich vermeide eigentlich keine Konflikte, aber mit Menschen die mir am Herzen liegen, laufe ich schon mal ganz gerne davor weg…
      Ich kenne das Gefühl auch, ich hatte so lange mein Herz an jemanden verloren, der seines gut verschlossen hatte (jedenfalls für mich) und immer wieder sah ich Freundinnen die „so viel mehr Glück“ darin hatten als ich – sich dasselbe zu wünschen ist ja eigentlich ganz normal…

      • nerdbarbie · Juni 30, 2013

        Mach das auf jeden Fall. Egal wie es ausgeht, ich denke mal, dass du erleichterter bist, wenn es mal angesprochen wurde. Ich meide solche Konflikte auch gern, aber letztendlich fühlt man sich danach besser, auch wenn es schwer war.
        Und klar ist es normal, dass man so empfindet, es ist eben nur ein Unterschied, ob man sich dennoch für den anderen mitfreut oder ihm das Glück offenkundig missgönnt. Und letzteres finde ich sowas von nicht in Ordnung. :/

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