Flüchtlingsgeschichte – Eine Erinnerung

Angeregt durch den Artikel von leiderdepro über die rassistischen Debatten in der Schweiz, wie man denn nun mit Asylbewerbern im alltäglichen Leben verfahren solle, erinnere ich mich zurück. Zurück an meine Zeit in der Flüchtlings- und Migrationsberatungsstelle in Berlin. Von 2009 bis 2010 habe ich dort mein Anerkennungsjahr als Sozialarbeiterin gemacht. Ich habe danach nicht wieder in diesem Bereich gearbeitet, nicht weil ich es nicht wollte, aber weil es viel zu wenige, bezahlte Stellen in diesem Bereich gibt und manchmal habe ich mich vielleicht auch nicht genug bemüht, weil ich weiß, dass dieser Job einen sehr oft nicht schlafen lässt. All das Leid, all die Geschichten die man dort tagtäglich zu hören bekommt , die Art und Weise wie unser Rechtsstaat mit diesen Menschen umgeht und was für elementare Dinge ihnen einfach verweigert werden – das nagt an dir, hinterlässt das Gefühl der Ohnmacht. Ich hatte unzählige Fälle, jeden Tag neue, aber ein Fall, der beschäftigt mich noch heute, vielleicht weil er am intensivsten oder am schrecklichsten von allen war?

Als Frau D. im Sommer 2009 das erste Mal unser Büro betrat, hatte sie eine riesige Mappe mit mehreren hundert Seiten unter dem Arm und ein kleines 4jähriges Kind an der Hand, ihr Blick war gesenkt, ihre Stimme leise, ihre Bewegungen fast schwerfällig. Sie kommt aus Kinshasa, ist das 2. Mal hier in Deutschland, dieses Mal seit 2 Jahren. Vor 6 Jahren wurde sie abgeschoben, allein, ohne ihren Mann, der sich während ihrer Abwesenheit von ihr scheiden ließ, und ihren 1. Sohn, der an einer Intelligenzminderung leidet.

Beim ersten Mal wurde ihr Antrag auf Asyl aufgrund politischer Verfolgung und androhender Folter abgelehnt. Beim zweiten Mal, als sie mit einem Kind an ihrer Hand erscheint, dass keiner Ehe entsprungen ist (jeder kann sich wohl denken, was da geschehen ist…), wird ihr der Aufenthalt vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bewilligt.

Frau D. lebt in Ostberlin in einer sogenannten Asylunterkunft, gemeinsam mit ihren Söhnen. Den ältesten hat der Vater „netterweise“ vor ihrer Tür abgesetzt und ist dann verschwunden. Für sich selbst und ihren Jüngsten bekommt sie Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, allerdings bekommt sie kein Geld für die Versorgung ihres 1. Sohnes, der einen gesicherten Aufenthalt in DE hat. Sie darf nicht arbeiten, ihr Kind bekommt keinen Kindergartenplatz, sie darf nicht umziehen, hat kein Konto, darf Berlin nicht verlassen, sie darf an keinem Deutschkurs teilnehmen etc.

Ihr Fall ist eine Mammutaufgabe, besonders für mich, als Anfängerin. Aber ich beginne mich durch die unzähligen Seiten ihrer Mappe zu lesen, telefoniere kurz mit dem Anwalt, der sie während einer Beratungssitzung in ihrem „Heim“ zu uns geschickt hat. Es gibt Hoffnung für Frau D. , Hoffnung, weil die Ausländerbehörde sie, und anders kann man das nicht erklären, regelrecht beschissen hat. Frau D. hat nämlich ein Schreiben vom BAMF, dass sie einen gesicherten Aufenthalt hat, die Ausländerbehöre jedoch, hat ihr einen abweichenden Aufenthaltsstatus in ihre Papiere gestempelt, einen für Staatenlose (und somit hier DE nahezu rechtlose). Frau D. darf nämlich eigentlich all das, was ihr verwehrt wird, die Ausländerbehörde, die dem BAMF unterstellt ist, muss nur den richtigen Stempel in ihre Ausweispapiere packen.

Sie hat einen Anspruch auf Leistungen nach dem SGB II, darf einen Deutschkurs machen, darf einen Kindergartenplatz für ihr Kind suchen, darf aus Berlin raus, darf aus dem Asylbewerberheim raus, ein Konto haben und in den Arbeitsmarkt integriert werden. Für 80% dieser Aufgabe haben wir, nach der Auseinandersetzung mit der Ausländerbehörde und dem richtigen Stempel, ein Jahr gebraucht. Wir haben es geschafft.

Das klingt wie eine Erfolgsgeschichte? Nein, das ist keine Erfolgsgeschichte.

Denn abgesehen von dem Behördenschmu, der einer alleinerziehenden Mutter von 2 Kindern, einer traumatisierten Frau, einem Kriegsflüchtling, das Leben unerträglich machen wollte, hat die Umgebung in der man sie zwang zu leben, ihr übrigens getan, diese Frau zu brechen. Ganz sicher, unbestreitbar sogar, litt diese Frau schon seit ihren Erlebnissen im Kongo unter PTBS , aber was sie und ihre Kinder hier in Deutschland, das Land in das sie flüchteten und auf Sicherheit hofften, erleiden mussten, hat definitiv sein Übriges getan.

Frau D. spricht nicht viel, nicht das sie es nicht kann, sie hat sich die deutsche Sprache selbst beigebracht, aber sie traut sich nicht, wenn sie spricht, dann verzieht sie ihr Gesicht, als würde es ihr Schmerzen bereiten. Sie ist ängstlich und mißtrauisch, es dauert Wochen ihr Vertrauen zu gewinnen. Zu oft wurde sie hier enttäuscht und verraten. Immer, wenn wir nach Lichtenberg fahren, zum Jobcenter, dann nimmt sie ängstlich meine Hand und drückt sie so fest, dass es wehtut, immer dann, wenn uns ein dt. Mann entgegen kommt. Sie zittert dann, und würde sie sich nicht an mir festhalten, würde sie wahrscheinlich davon laufen, irgendwo hin, nur nicht hier bleiben, wo dieser Mann ist, mit dem hellen Haar.

Ein einziges Mal berichtet sie mir etwas von sich aus, dass ein Deutscher in ihr Heim eingebrochen ist, in die Gemeinschaftsküche, wo sie und ein irakischer Kurde gerade Essen kochten, er hatte ein Messer, ging auf den Mann los und schrie immer wieder „Wir wollen euch hier nicht haben!“. Der Mann war stark genug ihn abzuwehren, Frau D. rief die Polizei. Die haben diesen Mann nicht mal mit auf die Polizeiwache genommen. Seitdem sagt sie, kocht sie auf zwei Platten in ihrem Zimmer. Die Küche ist im Erdgeschoss, da kann jeder rein.

Eine weitere, viel schockierendere Geschichte erfahre ich aus ihren Akten. Ich weiß noch, dass ich damals mitten im Büro angefangen habe zu weinen. Aber lest selbst:

Ihr kleiner 4jähriger Sohn war eines Tages verschwunden. Der Älteste war auch nicht aufzufinden. Sie hatte ihm verboten draußen zu spielen, das ist viel zu gefährlich. Aber jetzt ist er doch weg. Nach Stunden kommen beide zurück, beide weinen. Der Kleine ist nass, nicht nass, schmierig. Schmierig von einer Ladung Duschgel. Sie hatten draussen vor der Tür des Heimes gespielt, als eine Gruppe dt. junger Männer vorbei kam. Sie packten den Kleinen, der ältere 12Jahre, versuchte etwas dagegen zu unternehmen, konnte aber nichts ausrichten. Sie nahmen den Kleinen mit, nicht weit, um die Ecke in Büsche, zogen ihn aus und schmierten ihn mit dem Duschgel voll. „Du bist so dreckig, du musst weiß werden!“ sagten sie ihm. Er berichtete, sie haben sogar meinen Popo damit voll gemacht… Der Große weint, er habe ihn gesucht, habe ihn zurückgebracht. Er habe Angst gehabt, Ärger von der Mama zubekommen, wenn er zugibt den Kleinen verloren zu haben…

Ich habe das alles in einem Polizeiprotokoll gelesen – der Fall wurde nicht weiter verfolgt.

Ich lese das 1 Jahr nach dem Vorfall. Es fällt mir schwer, aber ich spreche sie darauf an, gehe nicht ins Detail, frage sie, ob wir da nicht etwas machen sollten. Sie sieht mich müde an „Er lebt, solange er lebt, tun sie nichts. Vielleicht nicht mal wenn er tot ist.“

Sie hat ihren Glauben, ihre Hoffnung, auf ein Land der Freiheit und Sicherheit verloren. Sie kam hier her, weil sie und ihr Sohn im Kongo gestorben wären. Sie träumte von Deutschland, als ein Land in dem sie und ihre Kinder in Sicherheit leben können. Sie wurde bitter enttäuscht. Könnte sie, vielleicht würde sie gehen, irgendwo hin, vielleicht gibt es noch irgendwo einen Platz auf der Welt, der Sicherheit und Freiheit bedeutet? Aber sie kann nicht, sie hat nur eine Aufenthaltsgenehmigung, sie muss sich arrangieren hier. Alles ist besser als zurück in den Kongo. Der Kongo bedeutet Tod und Folter für sie. Deutschland nur Unsicherheit, Demütigung, Retraumatisierung und manchmal Mißhandlung.

Ich hoffe, dass sie eine Therapie macht, ich habe es ihr so oft vorgeschlagen. Ich hoffe es geht ihr besser, ihren Kindern besser. Ich hoffe irgendwann kann sie sich doch etwas zuhause fühlen, hier, in diesem Land, unserem Land, dass doch immer so stolz ist, auf seine Demokratie, seinen Säkularismus, seine Freiheit und den Humanismus…

 

 

rt_logo_quadrat_JPG

Advertisements

6 Kommentare

  1. mauerdurchbruch · September 27, 2013

    Danke für den Artikel. Es ist ein Thema, welches leider viel zu selten den Weg in die Öffentlichkeit findet.

    „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Ja, in der Theorie ganz nett, aber in der Praxis sieht es leider vielerorts anders aus. Es betrifft hierbei auch nicht nur Asylbewerber, sondern auch Staatsangehörige der „unteren Schicht“. Ich habe selbst Erfahrung durch meinen Einsatz in einer Behörde, und kann bestätigen, dass leider oft viel zu viele Fehler aus Schlamperei, Lustlosigkeit und absoluter Abstumpfung gemacht werden. So wird zum Beispiel über Menschen, die sich einen Lebensmittelgutschein abholen müssen, in ihrem Beisein darüber gesprochen, wie sie stinken. Wie unfähig sie doch sind und wie faul. Manche Anträge werden willkürlich abgelehnt und die Leitung tut nichts dagegen – nein, sie ist eher bestrebt, sich wiederum bei den Vorgesetzten in ein gutes Licht zu stellen und werden Problemfälle lieber los, als ihnen zu helfen.
    Ich denke, dass solche Behördenmitarbeiter, von denen es wirklich mehr als nur ein paar gibt, mal auf die andere Seite des Schreibtisches gehören. Denn wie schnell kann es passieren, dass man zum Beispiel durch eine Krankheit oder einen Unfall arbeitslos wird? Ein Jahr ALG1, um danach in ALG2 zu rutschen, auch wenn man bereits 20 Jahre gearbeitet hat, spiegelt das wider, was die Agenda 2010 gebracht hat – Ungerechtigkeit!
    Oder aber, man stellt jene Leute mal für einen Aufenthalt zum Beispiel in den Kongo, den Sudan oder Somalia ab. Dort würden sie Ethnische Säuberungen, Massenvergewaltigungen und Kugelhagel in jedweder Form erwarten. Wenn sie es mit ihren ach so feinen und westlich-gehobenen „Bürokommunikationsfähigkeiten“ schaffen, ein Jahr dort zu überleben, würden sie sich vielleicht besser in die Menschen hineinversetzen können, die hier nach Schutz suchen. Ich zweifel aber sehr stark daran, dass der hiesige Beamte oder Angestellte jener Behörden überhaupt drei Tage in einem solchen Land überleben könnte. Wenn doch, würden sie verstehen, was es heißt, an PTBS zu leiden, und wären in der Tat arbeitsunfähig.

    Es macht mich wütend.

    • ninjaan · September 27, 2013

      Es kann auch nur wütend machen…und manchmal einfach nur hilflos. Weil wir ein ganzes System ändern müssten und mit ihm viele, viele Menschen zugleich.

  2. amitaf86 · September 15, 2013

    Oh mein Gott…

  3. Patty · August 10, 2013

    Allein das zu lesen ist schwer zu ertragen. Wie gut, dass du es dennoch aufgeschrieben hast. Danke.

  4. queenofnerds · August 10, 2013

    Wirklich traurig. Ich bewundere Menschen, die tagtäglich mit diesen Schicksalsschlägen zu tun haben und sich für Menschen einsetzen, die hier Schutz, Sicherheit und Freiheit suchen. ich kann mir gut vorstellen, dass das manchmal ein Kampf gegen Windmühlen ist. Auch wenn man es schafft die bürokratische Hürde zu nehmen, so ist doch auch das Schlimme der Rassismus und die Vorurteile in den Köpfen der Menschen, die sich nicht im geringsten vorstellen was so mancher Flüchtling durchgemacht hat 😦

  5. GreenyArt · August 10, 2013

    Es ist traurig, sowas zu lesen. Als der „Standardbürger“ bekommt man von solchen Missständen viel zu wenig mit. Wenn Deutschland schon so tut, als wäre hier jederwwillkommen, der Sicherheit sucht, dann sollte man ihnen doch auch bitte von Anfang an diese Sicherheit geben! Denn was wir hier wirklich nicht brauchen, sind Menschen, die täglich in Angst leben müssen, weil sie nicht wissen, wie ihre Zukunft aussieht!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s