75

FÜNF – UND – SIEBZIG lange Tage und Nächte war ich ohne dich. Gut, dass ich die Tage am Anfang nicht gezählt habe, wie sehr hätte mir diese, für ein sehnsüchtiges Herz, erschreckend hohe Zahl den Boden unter den Füßen hinweg gefegt. Ich habe sie nicht gezählt, die Tage nicht und die Stunden nicht, nur die Monate. Ich glaubte es würde würde eine Ewigkeit dauern, weil jeder Tag ohne dich schon der Ewigkeit gleich kommt. Es war eine Ewigkeit, eine, die nun ihr Ende findet. All die Dinge die ich ohne dich sah, fühlte, roch und erlebte, ich sah, fühlte, roch und erlebte sie nur halb. Weil du meine Hälfte bist.

Wenn ich mit dir bin, dann sehe ich die Welt wieder mit den Augen eines Kindes, ich bin fasziniert von allem, ich fühle mich so leicht und unbeschwert. Die Welt, sei es Wüste oder betonierte Großstadt, wird in deiner Gegenwart zu einem Kunstwerk, einer Wunder-Welt.

Mit dir wachsen mir Flügel, große, starke, solche die die Angst vor dem Sturm nicht kennen, weil ein unsichtbarer Schutz sie umhüllt.

75 Tage.

Ich will, für den Rest meines Lebens, nie wieder 75 Tage von dir getrennt sein, weil die Welt dann keine Wunderwelt mehr ist und mir die Flügel kläglich zusammen schrumpfen würden.

opjpoj

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Robin Hood oder so…

Ich stehe vor dem Bereichsleiter. Ich habe seine Frage gehört und auch verstanden, so müde, dass ich mich darauf nicht konzentrieren könnte, bin ich auch nach einer langen, ätzenden Woche nicht. Aber was soll ich auf seine Frage antworten?

„Warum haben sie eigentlich ein so großes Interesse an der interkulturellen Arbeit und wichtiger, warum sind sie dann hier gelandet?“

Erst wenige Stunden zuvor saß ich mit einer türkischen Mutter bei einer ausgelagerten Beratungsstelle, habe ihre Papiere gewälzt, Pläne erstellt und mir die Beschwerden über die Mitarbeiter der zuständigen Ämter angehört. Während der 1 1/2 Stunden in der Beratungsstelle fühle ich mich gut, irgendwie gelassen. Ich kann sicher und kompetent beraten, sitze neben einer Kollegin, die genau wie ich früher, immer wieder mit solchen Fällen zu tun hat. Ich spüre wie die Anspannung der letzten Tage von mir abfällt. Ich hätte nicht da sein dürfen, das fällt nicht in meinen Aufgabenbereich, die Frau fällt nicht in meinen Aufgabenbereich. Hinter dem Rücken der Chefs und mit der Unterstützung der Kollegen habe ich es dennoch durchgezogen.

„Ihre Tochter meint, sie wäre Robin Hood. Ich weiß nicht, ob ich das gut oder schlecht finde.“ sagte vor über einem Jahrzehnt einmal mein Englisch Lehrer, der mir wohlgesonnen war, zu meiner Mutter.

Robin Hood klingt edel. Edel fühlte es sich heute an, ich glänzte, verspürte das Feuer, dass ich immer hatte, wenn ich genau in diesem Bereich tätig war und das jetzt irgendwie auf der neuen Arbeit nur noch ein Flämmchen ist.

Doch als der Bereichsleiter mir diese Fragen stellt, wird mir klar, dass es nicht edel und selbstlos von mir ist, sondern im Grunde egoistisch. Ich bin gut in diesem Bereich, das Wissen, der Bezug zu den Klienten fällt mir irgendwie in den Schoß, ich muss mich nicht groß anstrengen, oder besser gesagt, es ist keine Anstrengung für mich, sondern eine Leidenschaft. Um diese Leidenschaft zu befriedigen, verstoße ich auch in der Probezeit gegen Anweisungen von oben, nicht weil ich tatsächlich Robin Hood bin.

Ich antworte nicht direkt, drehe mich, während ich einen Erklärungsversuch dahin stammele, sogar mehrfach um, einfach so. Das muss komisch ausgesehen haben. Ich sage etwas über das Interesse an fremden Sprachen, Kulturen, irgendwas sagen, nur den Job nicht gefährden, nur nicht zeigen, dass mir in diesem Moment klar wird, dass ich eigentlich lieber in einem anderen Bereich arbeiten würde. Das ich mich lieber wieder mit Ausländerbehörden und Schulen rumschlagen will. Das ich lieber wieder Chefs hätte die meinen „Aktionismus“ (O-Ton meiner Vorgesetzten) schätzen und nicht ausbremsen. Das ich lieber wieder die Fördernde wäre, als die Fordernde. Das ich lieber Kunst und Kulturprojekte auf die Beine stelle, als Berichte zu korrigieren. Das ich lieber wieder Robin Hood spielen möchte  (auch wenn ich eigentlich eher Schneewittchens Stiefmutter bin, die in den Spiegel sieht, um Anerkennung zu bekommen) als Sir Hiss zu sein.

Ich dramatisiere. Ich mag die Kollegen, ich mag das Klientel, aber mir fehlt das Feuer, die Narrenfreiheit, die Leidenschaft und die Leichtigkeit. Ich lerne etwas Neues, das ist gut. Aber, um ehrlich zu sein, träume ich schon von einem neuen Job, im alten Bereich..

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Praxis Dilemma oder „Es“ ist einfach überall…

Man stellte mich ein, obwohl ich keine besonderen Vorkenntnisse in diesem Bereich habe, das hat mich gewundert und gleichzeitig gefreut. Ich liebe Herausforderungen, lerne gerne etwas Neues, bilde mich weiter. Das hier ist der perfekte Ort dafür. Und nach 6 Wochen muss ich sagen, trotz des Stress und der etwas (typischen) chaotischen Organisation meines Arbeitsbereiches und meiner Aufgaben, fühle ich mich absolut wohl und angekommen. Den Job könnte ich länger machen! Ich stehe mittlerweile gerne morgens auf, habe gute Laune wenn ich bereits um 7:30 Uhr durch die große Glastür husche, noch kurz mit Beschäftigten rede, meinen PC hochfahre und den ersten Kaffee aus dem Bereich stibitze für den ich verantwortlich bin. Ich mag die meisten Kollegen und die meisten Kollegen kommen gut mit mir klar, es ist entspannt.

Es könnte alles so schön sein, so schön…wäre da nicht dieser andere Bereich, den ich noch mit 10 Stunden in der Woche abdecken muss. Ein anderes Gebäude, andere Kollegen, anderes Klientel. Eigentlich, hatte ich mich fast mehr darauf gefreut… zu früh gefreut, wie so oft.

Man hatte mich eingestellt, sagte man, weil ich Wissen aus der Migrationsarbeit mitbringe, weil dieses Wissen heutzutage in jedem Bereich wichtig ist. Das hatte mich gefreut, weil ich derselben Meinung bin. Es ist schön, nach jahrelangem Studium und einigen Jahren Berufserfahrung endlich als Fachkraft ernst genommen zu werden – auch ohne unglaublich viele und teure Fortbildungen.

Während es am Hauptarbeitsplatz, wie beschrieben, keine besonderen Probleme gibt und Kollegen sich darüber freuen, einen Ansprechpartner für Migrationsfragen zu haben, sieht es am Nebenarbeitsplatz ganz anders aus. Von Anfang an schlug mir ein gewisses Mißtrauen und Desinteresse meinem neu eingerichteten Arbeitsplatz gegenüber entgegen. Ich verstand nicht warum, wobei es bei einigen sicher auch Zeitmangel ist, Zeitmangel sich genauer mit mir und meiner Stelle auseinander zusetzen.

Aber langsam begreife ich, dass es da einige gibt, die, zurecht, von Anfang an befürchteten, ich könnte ihnen auf die Finger schauen, Dinge sehen, die von anderen übersehen wurden, und dagegen angehen wollen.

Hier einmal, ohne größeren Zusammenhang (der Anonymität wegen) ein paar Aussagen, damit ihr genauer versteht, wovon ich hier eigentlich rede.

Kollegin: Wie der ist? Der ist halt wie Türken eben so sind! Wie soll der schon sein!

Kollegin: Man weiß ja wie die drauf sind, die Türken! Von Frauen halten die eh nicht, also versuchen sie gar nicht erst mit dem zu sprechen! Werden sie tätig!

Kollege: Was die sich denken! Hier in Deutschland gibts sowas nicht! Soll er zurück gehen, wo er hergekommen ist!

Hier geht es um einen Mann, von dem mir gesagt wurde, er sei unglaublich gefährlich und gerade im Begriff ein Leben zu zerstören. Ich war einerseits alarmiert, andererseits unsicher. Wie viel Wert kann ich auf Aussagen von Menschen legen, die der Meinung sind „alle Türken sind so?“

Um mir ein genaueres Bild von dem Herrn zu machen, wollte ich an einem Zusammentreffen, mit mehreren Leuten, von dem Nebenarbeitsplatz initiiert, teilnehmen. Meine Anwesenheit war nicht erwünscht, das sagt man mir so, von Seiten der Kollegen. Aber ich bestand darauf und es ergab sich folgendes Gespräch:

Kollegin: Sind sie sicher, dass sie kommen wollen? Ich wüsste nicht warum? Der Mann kommt eh nicht, so sind die, die melden sich an und kommen dann nicht!

Ich: Ja, ich bin sicher, dass ich kommen will. Allgemein halte ich es für wichtig, mich noch einmal vorzustellen.

Kollegin: Aber da werden wenige Türken sein!

Ich: … Ich bin ja auch nicht nur für eine bestimmte Gruppe da, sondern für alle?

Kollegin: Ja, wenn sie kommen wollen, obwohl die Türken wohl nicht kommen werden…

Ich: Ja, will ich!

Ich kam an dem Abend, genau so wie „die Türken“. Ich saß neben ihnen, den ganzen Abend, mit dem einen unterhielt ich mich viel, der Andere war eher schweigsam, berichtete mir, dass er höllische Rückenschmerzen habe und deswegen Probleme mit dem langen Sitzen habe. Der Abend verlief ruhig, bis auf einige wenige Seitenhiebe der Kollegin gegen „Die Türken“, die ihrerseits aber nicht darauf eingingen.

Am übernächsten Tag auf dem Nebenarbeitsplatz:

Kollege: Ich habe schon von der Katastrophe am … gehört! Unfassbar sowas!

Ich: Wie bitte?

Kollege: Ja, das der Herr … so aggressiv war!

Ich: Entschuldigung, ich weiß nicht was Sie meinen?

Kollege: Wie? Der soll doch voll auf Krawall gebürstet gewesen sein! Haben Sie da eine andere Wahrnehmung oder wie?

Ich: Sieht ganz so aus.

 

Kollegin: Gut das sie da sind! Ich muss mit ihnen reden!

Ich: Ja, wir sollten den Abend einmal reflektieren.

Kollegin: Ja! Ganz genau! Was für eine Unverschämtheit! Wie aggressiv der war! Und dieses Teil in seiner Hand! Was soll das?

Ich: Ich weiß, um ehrlich zu sein, nicht was Sie meinen. Ich saß doch den ganzen Abend neben ihm, was haben sie denn als aggressiv empfunden?

Kollegin: Seinen Blick! Und dieses Teil in der Hand! Das war doch Provokation!

Ich: Das Teil in seiner Hand, war eine Gebetskette, so wie ein Rosenkranz. Manche Menschen nutzen es, um sich etwas zu beruhigen.

Kollegin: Ha! Sehen sie! Beruhigen! Weil er so aggressiv war!

Ich: Der Mann hat gerade nach 30 Jahren seinen Job verloren und hat über starke Rückenschmerzen geklagt, wahrscheinlich hatte er es deswegen mit.

Kollegin: Wie auch immer! Ich habe gesehen, wie er sie mit seinen Blicken durchbohrt hat! Ja! Immer wenn sie geredet haben! Weil sie eine Frau sind! Die haben ja Probleme mit Frauen! Das hat mir richtig Angst gemacht!

Ich: Ich kann das so nicht bestätigen, er hat auf jede meiner Fragen höflich geantwortet.

Kollegin: Das ist doch Show! Dieses Moslems; Türken, die wollen nicht das wir Frauen reden!

Ich: …

Kollegin: Egal, er hat … ein Gespräch mit dem Leiter.

Ich: Ich würde gerne dabei sein, vielleicht ist eine Mediation nötig, wenn es um das eine Thema geht.

Kollegin: Brauchen sie nicht. Das macht der schon alleine.

Ich: Aber für so etwas bin ich hier.

Kollegin: Er hört ihnen als Frau eh nicht zu!

Konsequenz: Ich darf an dem Gespräch nicht teilnehmen. Und langsam wird mir dabei mulmig. Ich weiß nicht was sich da in den Kopf gesetzt wurde, aber ich kann nicht tatenlos daneben sitzen und zulassen, wenn ein Mann, aufgrund seiner Herkunft, so in die Mangel genommen wird, wenn ihm Dinge unterstellt werden, die nicht wahr sind. Vielleicht ist er kein freundlicher Zeitgenosse, aber das sind viele nicht, solange er sich nicht mit irgendwas strafbar macht, habe ich kein Recht einzugreifen und vor allem keinen Grund. Grummelig sein, ist noch kein Verbrechen!

Ich stecke jetzt in einem Dilemma. Der Leiter ist nicht auf meiner Seite. Mit wem soll ich sprechen? Soll ich einfach wegsehen? Ich kann nicht wegsehen, das gehört nicht zu meinem Job, im Gegenteil, genau Hinsehen ist mein Job, Missstände erkennen und beheben, das ist mein Job. Ich bin in der Probezeit, ich brauche diesen Job, jedenfalls so lange bis Amin einen gefunden hat, da kann ich mir, zur Not, auch getrost einen Neuen suchen. Aber eigentlich mag ich es ja an dem Hauptarbeitsplatz…ich bin hin und hergerissen. Was soll ich tun? Wenn ich Pech habe, dann riskiere ich meinen Job, wenn ich den Mund aufmache. Wenn ich den Mund halte, kann ich nicht mehr lange in den Spiegel schauen…

Warum muss Rassismus nur überall sein – Warum gibt es für den sozialen Bereich nicht einen Gesinnungstest?

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Wenn Wünsche in Erfüllung gehen

„In der Tiefe eurer Hoffnungen und Wünsche liegt euer stilles Wissen um das Jenseits;
Und wie Samen, der unter dem Schnee träumt, träumt euer Herz vom Frühling.
Traut den Träumen, denn in ihnen ist das Tor zur Ewigkeit verborgen. “

Khalil Gibran

„Sie haben mich angerufen.“ sagt er. Mir stockte der Atem, für eine Sekunde versucht mein Gehirn noch das heutige Datum abzurufen, dann ist es um mich geschehen, die Tränen schießen mir in die Auge, vor Freude. So fühlt sich Erlösung an.

Neben mir die Wiese, die Sonne scheint, beinahe hätte ich mich auf die Knie fallen lassen, mein Körper schreit nach einer Ausdrucksmöglichkeit. Aber ich verkneife es mir, muss es mir verkneifen, weil mein Knie das nicht mitmachen würde. Ich laufe also, eher unbeholfen, auf und ab, vergesse das ich auf der Arbeit bin.

Wir sprechen gleichzeitig, sind aufgeregt, zweifeln für eine Sekunde, wischen die Zweifel wieder fort. Es ist soweit. Es ist unglaublich! Nur 4 Wochen nachdem er das Visum beantragt hatte, wurde es ihm bewilligt! Wir lachen und weinen gleichzeitig. Vor Erleichterung. Wir haben uns fast 2 Monate nicht gesehen, mit jedem Tag, wurde es schwerer. Und die Unsicherheit, die Angst, dass alles schief laufen würde, die nagte an uns – wir trauten uns kaum zu planen, auch nur zu träumen, aus Angst, es würde mit einem Anruf zerschlagen werden.

Erleichterung, Liebesbekundungen, Ideen und Pläne sprudeln nur so aus uns heraus.

Abends, telefonieren wir wieder, planen, lachen und dann sind wir plötzlich ruhig.

„Mein Kollege hat auch ein Visum beantragt….es wurde abgelehnt.“ sagt er leise. Ich schweige. „Wir haben so ein Glück…wir haben ein solch unendliches Glück…“ – Schweigen.

Da ist sie wieder, die Angst.

Wieviel Glück können Menschen haben? Keiner von uns beiden ist jemals sonderlich vom Glück verwöhnt worden, auch nicht vernachlässigt, aber leicht, das war es nie. Plötzlich ist es leicht, ist die Liebe leicht, das Leben leicht.

Wie leicht kann das Leben sein? Einmal im Leben denke ich mir… Einmal im Leben, sagt er. Da darf es doch so sein, darf es so sein, ohne dass wir dafür bezahlen müssen.

Warum diese Angst?

Vielleicht haben wir verlernt uns aus tiefstem Herzen zu freuen und zu vertrauen, darauf das es einmal auch leicht sein wird?

Wenn wir nur dankbar sind…. Wir sind dankbar, unendlich dankbar.

Bitte nimm uns das nicht, denke ich mir, bitte schütze uns. Dieses eine Mal soll es leicht sein!

sgdg