Praxis Dilemma oder „Es“ ist einfach überall…

Man stellte mich ein, obwohl ich keine besonderen Vorkenntnisse in diesem Bereich habe, das hat mich gewundert und gleichzeitig gefreut. Ich liebe Herausforderungen, lerne gerne etwas Neues, bilde mich weiter. Das hier ist der perfekte Ort dafür. Und nach 6 Wochen muss ich sagen, trotz des Stress und der etwas (typischen) chaotischen Organisation meines Arbeitsbereiches und meiner Aufgaben, fühle ich mich absolut wohl und angekommen. Den Job könnte ich länger machen! Ich stehe mittlerweile gerne morgens auf, habe gute Laune wenn ich bereits um 7:30 Uhr durch die große Glastür husche, noch kurz mit Beschäftigten rede, meinen PC hochfahre und den ersten Kaffee aus dem Bereich stibitze für den ich verantwortlich bin. Ich mag die meisten Kollegen und die meisten Kollegen kommen gut mit mir klar, es ist entspannt.

Es könnte alles so schön sein, so schön…wäre da nicht dieser andere Bereich, den ich noch mit 10 Stunden in der Woche abdecken muss. Ein anderes Gebäude, andere Kollegen, anderes Klientel. Eigentlich, hatte ich mich fast mehr darauf gefreut… zu früh gefreut, wie so oft.

Man hatte mich eingestellt, sagte man, weil ich Wissen aus der Migrationsarbeit mitbringe, weil dieses Wissen heutzutage in jedem Bereich wichtig ist. Das hatte mich gefreut, weil ich derselben Meinung bin. Es ist schön, nach jahrelangem Studium und einigen Jahren Berufserfahrung endlich als Fachkraft ernst genommen zu werden – auch ohne unglaublich viele und teure Fortbildungen.

Während es am Hauptarbeitsplatz, wie beschrieben, keine besonderen Probleme gibt und Kollegen sich darüber freuen, einen Ansprechpartner für Migrationsfragen zu haben, sieht es am Nebenarbeitsplatz ganz anders aus. Von Anfang an schlug mir ein gewisses Mißtrauen und Desinteresse meinem neu eingerichteten Arbeitsplatz gegenüber entgegen. Ich verstand nicht warum, wobei es bei einigen sicher auch Zeitmangel ist, Zeitmangel sich genauer mit mir und meiner Stelle auseinander zusetzen.

Aber langsam begreife ich, dass es da einige gibt, die, zurecht, von Anfang an befürchteten, ich könnte ihnen auf die Finger schauen, Dinge sehen, die von anderen übersehen wurden, und dagegen angehen wollen.

Hier einmal, ohne größeren Zusammenhang (der Anonymität wegen) ein paar Aussagen, damit ihr genauer versteht, wovon ich hier eigentlich rede.

Kollegin: Wie der ist? Der ist halt wie Türken eben so sind! Wie soll der schon sein!

Kollegin: Man weiß ja wie die drauf sind, die Türken! Von Frauen halten die eh nicht, also versuchen sie gar nicht erst mit dem zu sprechen! Werden sie tätig!

Kollege: Was die sich denken! Hier in Deutschland gibts sowas nicht! Soll er zurück gehen, wo er hergekommen ist!

Hier geht es um einen Mann, von dem mir gesagt wurde, er sei unglaublich gefährlich und gerade im Begriff ein Leben zu zerstören. Ich war einerseits alarmiert, andererseits unsicher. Wie viel Wert kann ich auf Aussagen von Menschen legen, die der Meinung sind „alle Türken sind so?“

Um mir ein genaueres Bild von dem Herrn zu machen, wollte ich an einem Zusammentreffen, mit mehreren Leuten, von dem Nebenarbeitsplatz initiiert, teilnehmen. Meine Anwesenheit war nicht erwünscht, das sagt man mir so, von Seiten der Kollegen. Aber ich bestand darauf und es ergab sich folgendes Gespräch:

Kollegin: Sind sie sicher, dass sie kommen wollen? Ich wüsste nicht warum? Der Mann kommt eh nicht, so sind die, die melden sich an und kommen dann nicht!

Ich: Ja, ich bin sicher, dass ich kommen will. Allgemein halte ich es für wichtig, mich noch einmal vorzustellen.

Kollegin: Aber da werden wenige Türken sein!

Ich: … Ich bin ja auch nicht nur für eine bestimmte Gruppe da, sondern für alle?

Kollegin: Ja, wenn sie kommen wollen, obwohl die Türken wohl nicht kommen werden…

Ich: Ja, will ich!

Ich kam an dem Abend, genau so wie „die Türken“. Ich saß neben ihnen, den ganzen Abend, mit dem einen unterhielt ich mich viel, der Andere war eher schweigsam, berichtete mir, dass er höllische Rückenschmerzen habe und deswegen Probleme mit dem langen Sitzen habe. Der Abend verlief ruhig, bis auf einige wenige Seitenhiebe der Kollegin gegen „Die Türken“, die ihrerseits aber nicht darauf eingingen.

Am übernächsten Tag auf dem Nebenarbeitsplatz:

Kollege: Ich habe schon von der Katastrophe am … gehört! Unfassbar sowas!

Ich: Wie bitte?

Kollege: Ja, das der Herr … so aggressiv war!

Ich: Entschuldigung, ich weiß nicht was Sie meinen?

Kollege: Wie? Der soll doch voll auf Krawall gebürstet gewesen sein! Haben Sie da eine andere Wahrnehmung oder wie?

Ich: Sieht ganz so aus.

 

Kollegin: Gut das sie da sind! Ich muss mit ihnen reden!

Ich: Ja, wir sollten den Abend einmal reflektieren.

Kollegin: Ja! Ganz genau! Was für eine Unverschämtheit! Wie aggressiv der war! Und dieses Teil in seiner Hand! Was soll das?

Ich: Ich weiß, um ehrlich zu sein, nicht was Sie meinen. Ich saß doch den ganzen Abend neben ihm, was haben sie denn als aggressiv empfunden?

Kollegin: Seinen Blick! Und dieses Teil in der Hand! Das war doch Provokation!

Ich: Das Teil in seiner Hand, war eine Gebetskette, so wie ein Rosenkranz. Manche Menschen nutzen es, um sich etwas zu beruhigen.

Kollegin: Ha! Sehen sie! Beruhigen! Weil er so aggressiv war!

Ich: Der Mann hat gerade nach 30 Jahren seinen Job verloren und hat über starke Rückenschmerzen geklagt, wahrscheinlich hatte er es deswegen mit.

Kollegin: Wie auch immer! Ich habe gesehen, wie er sie mit seinen Blicken durchbohrt hat! Ja! Immer wenn sie geredet haben! Weil sie eine Frau sind! Die haben ja Probleme mit Frauen! Das hat mir richtig Angst gemacht!

Ich: Ich kann das so nicht bestätigen, er hat auf jede meiner Fragen höflich geantwortet.

Kollegin: Das ist doch Show! Dieses Moslems; Türken, die wollen nicht das wir Frauen reden!

Ich: …

Kollegin: Egal, er hat … ein Gespräch mit dem Leiter.

Ich: Ich würde gerne dabei sein, vielleicht ist eine Mediation nötig, wenn es um das eine Thema geht.

Kollegin: Brauchen sie nicht. Das macht der schon alleine.

Ich: Aber für so etwas bin ich hier.

Kollegin: Er hört ihnen als Frau eh nicht zu!

Konsequenz: Ich darf an dem Gespräch nicht teilnehmen. Und langsam wird mir dabei mulmig. Ich weiß nicht was sich da in den Kopf gesetzt wurde, aber ich kann nicht tatenlos daneben sitzen und zulassen, wenn ein Mann, aufgrund seiner Herkunft, so in die Mangel genommen wird, wenn ihm Dinge unterstellt werden, die nicht wahr sind. Vielleicht ist er kein freundlicher Zeitgenosse, aber das sind viele nicht, solange er sich nicht mit irgendwas strafbar macht, habe ich kein Recht einzugreifen und vor allem keinen Grund. Grummelig sein, ist noch kein Verbrechen!

Ich stecke jetzt in einem Dilemma. Der Leiter ist nicht auf meiner Seite. Mit wem soll ich sprechen? Soll ich einfach wegsehen? Ich kann nicht wegsehen, das gehört nicht zu meinem Job, im Gegenteil, genau Hinsehen ist mein Job, Missstände erkennen und beheben, das ist mein Job. Ich bin in der Probezeit, ich brauche diesen Job, jedenfalls so lange bis Amin einen gefunden hat, da kann ich mir, zur Not, auch getrost einen Neuen suchen. Aber eigentlich mag ich es ja an dem Hauptarbeitsplatz…ich bin hin und hergerissen. Was soll ich tun? Wenn ich Pech habe, dann riskiere ich meinen Job, wenn ich den Mund aufmache. Wenn ich den Mund halte, kann ich nicht mehr lange in den Spiegel schauen…

Warum muss Rassismus nur überall sein – Warum gibt es für den sozialen Bereich nicht einen Gesinnungstest?

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16 Kommentare

  1. GreenyArt · September 7, 2013

    Bei sowas stellen sich mir die Nackenhaare auf. Warum sucht man sich einen solchen Job, wenn man nicht in der Lage ist, differenziert zu urteilen. Und wenn man hier als Ausländer Hilfe braucht und nur auf solche Idioten trifft, dann braucht sich der Deutsche auch nicht wundern, wenn andere Kulturen lieber unter sich bleiben…

    • ninjaan · September 8, 2013

      Ich habe mich das oft gefragt, aber ich habe schon im Studium gelernt, dass manche Leute, mit ganz, ganz kritischen Ansichten dieses Fach studieren. (EInmal waren wir auf einer Exursion in Münster bei Pro Asyl – Studienschwerpunkt war halt internationale Sozialarbeit – da wurden wir beinahe rausgeschmissten von Pry Asyl, weil eine Kommilitonin meinte, über reinrassigkeit und das Aussterben der dt. Rasse zu sprechen….)

      • GreenyArt · September 8, 2013

        Absolut unverständlich sowas…ich meine gut, kritisch sein ist ja noch ok. Ich trete generell ja auch erstmal allen Fremden kritisch gegenüber, man kennt sich ja nicht. Aber direkt mit Vorurteilen in so einem Fachgebiet einzusteigen, da hört das Verständnis ja wohl echt auf…was bin ich froh, dass ich nicht zu den Menschen mit solchen Berührungsängsten gehöre…

  2. thesmellofgreen · September 7, 2013

    Habe selbst Migrationshintergrund und Erfahrung in der Migrationsarbeit und wenn ich sowas lese, werde ICH aggressiv. In was für einer Welt leben wir nur…? Ich hoffe du findest eine Lösung, ich wäre in so einem Fall auch erstmal ratlos.

    • ninjaan · September 8, 2013

      Das frage ich mich auch immer wieder…wann ist es so einfach geworden, solche Gedanken öffentlich zu äußern? Eigentlich fand ich es ja immer leichter, mit dem offenen, als mit dem versteckten, zwischen den Zeilen aktiven, Rassismus vorzugehen, aber nicht wirklich, wenn ich in einem solchen Abhängigkeitsverhältnis stehe. Ich versuche alles, um eine Lösung zu finden!

  3. hohesundtiefes · September 7, 2013

    Seelsorger, zuständiger Pfarrer? Habt ihr einen? Der wäre zumindest unabhängig von der Institution und wohl auch vertrauenswürdig. Und ganz wichtig: wenn du mit ihm redest, kannst du offen sprechen, denn er hat Schweigepflicht.

    • ninjaan · September 8, 2013

      Nein, leider gibt es das nicht bei uns, wir sind getrennt von den kirchlichen Organisationen, Seelsorger, dass sind im Grunde wir, die Sozialarbeiter… Es gibt noch eine Psychologin, aber die habe ich noch nie gesehen und kann sie absolut nicht einschätzen…

      • hohesundtiefes · September 8, 2013

        Vielleicht wäre es ja mal jetzt der richtige Augenblick, dich mit der Psychologin bekanntzumachen – nach 6 Wochen ohnehin angebracht – unverbindliche Tasse Kaffee, sondieren… ? Selbst, wenn es nur eine Allianz im Haus wird, ist es schon mal nicht verkehrt…
        Ich wünsche dir viel Kraft!

  4. anette · September 7, 2013

    Das ist wirklich eine Schande! Mein erster Gedanke war, Du bist auf dem richtigen Weg, mach weiter so!! Aber es ist eine wirklich schwierige Situation. Das Schlimmste jedoch ist, wegzusehen und nicht zu dem zu stehen, woran man glaubt. Denn wenn man mitläuft, die Ohren und Augen verschließt, ändert sich nichts. Es kann sogar schlimmer werden. Man selber aber „darf“ bleiben …
    Auch ich habe indirekt von Situationen gehört, die mich unglaublich wütend machen. Solch festgefahrene und negative Einstellungen tauchen immer wieder auf, auch an Orten, an denen eigentlich der Mensch, jeder einzelne Mensch, im Vordergrund stehen sollte. Vielleicht gerade hier … Woher dieser versteckte und offensive Hass herkommt, die Verallgemeinerungen und die Ausgrenzung … Ist es Unsicherheit, eigene Unzufriedenheit, schlechte Erfahrungen, in die man nicht mehr geraten will und sich viel zu früh ein Bild macht, Beeinflussung von anderen, einseitige Medien/Nachrichten, zu wenig Kontakt außerhalb der eigenen Kreise …. Das Problem ist wirklich, dass zu oft „der andere“ Schuld sein muss. Das macht vieles einfacher. Auch können sich schon zu lang diese Meinungen förmlich in der Arbeit eingebrannt haben, gerade, wenn der Rückhalt von so vielen kommt, dass man so offen darüber spricht. Keiner ist gewohnt, ein Kontra zu bekommen und zu hören, dass ihre Meinung und Herangehensweise an dieses Thema inakzeptabel ist. Allerdings, dass du in dieser Arbeitsstelle von vornherein mit Adlersaugen begutachtet wirst und dir kein eigenes Bild machen darfst zeigt, dass die Kollegen wissen, dass hier etwas falsch läuft. Ich kann mir gut vorstellen, wie mucksmäuschenstill sie werden könnten, wenn die Öffentlichkeit davon wüsste … Kannst du vielleicht mit deinen Kollegen/der Leitung in der Hauptarbeitstelle reden?
    Sorry für den langen Kommentar, aber bei diesem Thema … Ich wünsche dir alles Gute und weiterhin so viel Mut!

    • ninjaan · September 8, 2013

      Es mag komisch klingen, aber auch für mich ist es immer wieder erschreckend. Ich weiß, dass es da ist, dass es überall sein kann, aber immer wieder wenn es mir in diesem Bereich begegnet, bin ich absolut schockiert. Ich glaube, es ist eine Mischung aus all dem von dir genannten…es ist im Endeffekt dieses „Man wird doch noch mal sagen dürfen, dass…“
      Ich werde tatsächlich versuchen mit meiner Vorgesetzten aus der Hauptarbeitsstelle zu sprechen, ich brauche Rückendeckung und vielleicht die ein oder andere Anregung, wie man an dieses Problem am Besten herangeht. Ich hoffe, ich renne da nicht gegen eine Wand…

  5. Träumerin · September 7, 2013

    Oh Mann, das ist ja zum Kotzen 😦

  6. Schattentänzerin · September 7, 2013

    Immer wieder bestürzt es mich, wie sehr die Wahrnehmung der Wirklichkeit von unseren Vorurteilen, liebgewonnen Stereotypen und vorgefassten Meinungen verzerrt wird. Und ich frage mich, wie viel von meiner Sicht der Dinge eigentlich durch solche Bretter im Kopf versperrt wird…

    • ninjaan · September 8, 2013

      Die haben wir alle irgendwie, ich glaube aber, dass es ganz wichtig ist, sich dieser Vorurteile bewusst zu sein, weil man nur dann in der Lage ist, sie angemessen zu reflektieren, zu hinterfragen, und sich nicht zu sehr von ihnen beeinflussen zu lassen.

  7. erzaehlmirnix · September 7, 2013

    Ach du schande. Ich bin grade schockiert mit welcher Selbstverständlichkeit die Kollegin solche Dinge sagt, obwohl das eigentlich absolut reichen sollte um sie dafür rauszuwerfen. Es gibt schon zu denken warum sie sich so frei fühlt, sowas zu sagen. Rückhalt „von oben“‚? Deine Situation ist echt scheiße. Ich hoffe, es findet sich eine Lösung.

    • ninjaan · September 8, 2013

      Das hoffe ich auch, mal sehen mit wem sich da am Besten reden lässt… Ich weiß auch nicht, was da bisher gelaufen ist. Aber was auch immer es war, so geht es einfach nicht weiter.

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