Nachruf. Für Anni

Anni ist tot.

Ich fand dich doof, total doof. Und aufdringlich. Weisst du noch? Du wolltest meine Freundin sein, unbedingt. Ich weiß bis heute nicht warum. Du hast später gesagt, du wüsstest, dass ich dich verstehen würde. Du hattest Recht. Wir haben uns verstanden.

Es ist 12 Jahre her, dass ich dich doof fand.

Ich war damals eine überzeugte Christin und jeden Sonntag in die Kirche-Geherin. Du warst konvertiert und hast bei der Aussprache von arabischen Worten kaum einen Akzent gehabt. Du warst gerade mal 17 Jahre alt.

Wenn wir zusammen saßen, dann haben wir Musik von ägyptischen Sängern gehört und  kaum was verstanden, dann habe ich eine Zigarette nach der anderen geraucht und du Zitronentee getrunken. Dann haben wir über das gesprochen was uns verbindet.

Uns verband die Liebe zu Fremdsprachen, der Glaube an Gott und Gewalt. Gewalt die wir erlebt haben und erlebten.

Ich hatte es vor kurzem geschafft einer solch gewalttätigen Beziehung zu entfliehen und du stecktest noch mitten drin.

Es hat so lange gedauert, ein ganzes Jahr, ich lebte schon in einer anderen Stadt zum studieren, da riefst du an und batest um Obdach. Wenn man einen Gewalttäter verlässt, muss man einen sicheren Platz haben. Ich war so stolz. Wir haben dich gefeiert!

Wir haben Überlebt, wir sind stärker als die!

Wir haben keine 9 Leben wie eine Katze, das wollte ich dir so oft sagen. Anni, irgendwann geht das schief. Während ich Männer mied, mich auf niemanden wirklich einließ, suchtest du weiter, nach Liebe.

Der nächste Mann trennte dich endgültig von deiner Familie und auch von mir. Du warst weg, so lange hörte ich nichts von dir, so lange nicht. Dann klingelte plötzlich mein Telefon und du warst wieder da, mittlerweile Mutter einer bezaubernden Tochter. Aber außer deiner Tochter war nichts in deinem Leben bezaubernd.

Wir haben keine 9 Leben, Anni! Komm zurück! Gelacht hast du, du kommst schon. Nur ein bisschen noch. Vielleicht klappt es ja noch…

Es klappt niemals so, wollte ich sagen. Als du zurück kamst war ich wieder weg.

Vor genau 6 Monaten dann, da standst du plötzlich vor mir. Anni! Wie immer bist du mir um den Hals gefallen. Als wärst du noch 17 und ich erst 20. Als wäre uns das Leben nicht dazwischen gekommen, immer und immer wieder. Als wären die beiden Kinder an deiner Seite nicht deine eigenen, sondern lediglich deine Geschwister. “ Das Leben!“ sagen wir und lachen. Wer der Mann an meiner Seite sei, dein verschmitztes Grinsen! Das hat dich immer wunderschön gemacht Anni, das habe ich dir nur nie gesagt. Nummern getauscht und uns geschworen uns bald zu sehen!

Ich wünschte, bei Gott, ich könnte noch einmal sagen, dass uns das Leben dazwischen gekommen sei. Nein, ich wünschte wir hätten es niemals zwischen uns stehen lassen.

Anni, wir haben keine 9 Leben.

Anni ist tot.

Anni wurde ermordet, von ihrem gewalttätigen Partner.

Ich habe dir so vieles nicht gesagt.

Ich weiß, dass Allah einen Platz für dich hat, dass es dir jetzt besser geht, weil dieses Leben nie genug Liebe für dich hatte, nie genug Platz. All dein Schmerz wird belohnt werden Anni, dass weiß ich und du hast das immer gewusst, das hat dich weiter machen lassen. Nur das wie, das zerreisst mein Herz. Wir hatten doch überlebt, Anni.

Ich habe überlebt. Anni nicht.

Eine von 4 Frauen erlebt in ihrem Leben mindestens einmal Gewalt von ihrem Partner. Statistiken zufolge sind Hälfte aller weiblichen Mordopfer, Opfer ihrer Partner.

Bitte, schaut niemals weg. Niemals.

 

Vergib mir Anni, das ich nicht da war.

 

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18 Kommentare

  1. Pingback: Gründe | whocaresaboutninjas?
  2. suchtfreiezone · Juni 18, 2014

    Hat dies auf suchtfreiezone rebloggt und kommentierte:
    Jetzt erst gesehen, aber tief berührt. Auch weil es so nah an meiner Thematik ist, der Sucht, schädliche Beziehungen einzugehen. Und weil ich vor ein paar Tagen erfahren habe, dass eine Frau, die ich kannte, sich umgebracht hat, weil sie sich auf eine süchtige Beziehung fixiert und es nicht verkraftet hat, dass es wieder nicht funktioniert hat.
    Ich bete für all die Frauen – und auch Männer – denen der Absprung aus solchen Beziehungen und Beziehungsmustern nicht gelang bis es zu spät war und für all die, die noch die Augen davor verschließen wie gefährlich ihre Lage ist, dass sie den Weg heraus finden.

  3. amitaf86 · Juni 15, 2014

    Du warst da und ich bin sicher sie war immer dankbar eine Freundin wie dich gehabt zu haben.
    Es ist eine sehr traurige Geschichte. :'(( Und ich wünschte mir, mehr Frauen hätten den Mut sich zu offenbaren und sich Hilfe zu holen. Aber Mut ist ein großes Wort und die Angst ein ständiger Wächter.

    Es tut mir sehr sehr Leid für deine Freundin. Möge sie im Paradies ihren Frieden und die ewig gesuchte Liebe finden.

  4. kotzknaul · Juni 3, 2014

    Das „Gefällt mir“ ist für deine Worte an Anni…

  5. nerdbarbie · Mai 29, 2014

    Das ist so furchtbar und traurig. Warme Gedanken für Anni. Und ein schönerer Ort.

    • ninjaan · Juni 15, 2014

      Wunderschön gesagt!
      Ich wünsche ihr das alles so sehr!

  6. queenofnerds · Mai 26, 2014

    Es tut mir so leid. Das ist unfassbar traurig!

    • ninjaan · Juni 15, 2014

      Nach fast einem Monat, immer noch so unglaublich…

  7. Amorak · Mai 23, 2014

    tränen für anni ….

    ich kenne gewalt auch – in ihrer schrecklichsten form – ich habe sie überlebt . Nie wieder eine feste beziehung, beziehungsangst … trotzdem nicht allein wenn ich es nicht wollte. Vorsichtig , immer vorsichtig – ich hätte zurück geschlagen .

    Arme anni ❤️

    • ninjaan · Mai 24, 2014

      Überleben, der Wille hat uns gerettet.
      Wie gut ich deine Worte nachvollziehen kann.
      Wir müssen mehr darüber reden, auch wenn es schwer ist. Es wird noch viel zu oft weggesehen, weggehört, klein geredet.

      • Amorak · Mai 24, 2014

        ich rede darüber …

  8. hohesundtiefes · Mai 23, 2014

    Du warst da. Du hättest die Tür immer für sie aufgemacht. Das ist viel.

    • ninjaan · Mai 24, 2014

      Ja…und die quälenden Gedanken bleiben doch.

      • hohesundtiefes · Mai 24, 2014

        Ich weiß. Auch um die schlaflosen Nächte und… Trotzdem: du warst da.

  9. Pingback: Masken | Hohes und Tiefes
  10. Schnipsel · Mai 23, 2014

    Ich kann gar nicht ausdrücken, wie ergriffen ich bin. Die Kehle schnürt sich zu, ein Kloß im Hals. Unendlich traurig.

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