Ninja mood und seine Folgen

Mittwoch Abend, mitten in der Woche, ich sollte zuhause im Bett liegen, das Jahr ist wie verhext, alles geht daneben, mittlerweile sogar im Job. Tadel vom JA (tzzz) und geklautes Portemonai (auch unter den liebsten Jungs ist doch einer, der…). Ich liege aber nicht im Bett, sondern bin mit zwei ehemaligen Arbeitskolleginnen, wir trinken ein bisschen und hören Musik. Auf die Dauer wird das langweilig, in benebelten Köpfen entsteht die Idee ein Taxi zu rufen, ab in die nächste Großstadt, feiern gehen. Gut, es ist Mittwoch, aber was solls, das schaffen wir schon und wie vernünftig ist man schon nach ein paar Gläsern? Auf gehts, 80 Euro durch 3 geteilt, zu teuer, aber who cares?

Der Abend ist schön, wir tanzen, lachen haben Spass, alles ist gut, bis irgendwann, kurz vor Schluß die Katastrophe ihren Lauf nimmt. Eine meiner Arbeitskolleginnen, Nela, flirtet mit einem Mann, der aber wohl zuvor schon mit einer Anderen beschäftigt war. Diese tickt aus und geht auf Nela los, wir gehen dazwischen und werden prompt vor die Tür befördert, die Angreiferin hat einen Bruder der Türsteher ist – keine Chance für uns. 25 Minuten muss ich mich mit den Türstehern streiten bis mir der umkämpfte Mann von Nela meine Jacke holen darf.

Draussen auf der Straße wird weiter gepöbelt, Nela ist überfordert, ich bin durchgefroren und drehe durch. Ich wiederhole lieber nicht was ich sagte, aber schön war es nicht. Ein junger Mann der plötzlich auftauch hält mich zurück, will mich beruhigen, redet auf mich ein, ich bin schon fast blind vor Wut – ninja mood auf nahezu höchster Stufe. Aber ich beruhige mich, der ninja mood zeigt Wirkung und das Mädchen (Frau mag ich sie nicht nennen), wird ruhig und geht.

Ich will nachhause, glaube nicht, dass die Sache schon erledigt ist, ich kenne das zu gut. Aber auf mich hört keiner und so latschten wir zum nächsten Club, direkt auf die Tanzfläche. Der junge Mann ist noch an meiner Seite, ich habe keine Lust mich zu unterhalten, erst recht nicht, als ich bemerke, dass auch das Mädchen in diesem Club ist und Nela schon mit den Blicken anvisiert hat.

5 Minuten dauert es, vielleicht weniger, dann greift sie Nela ein zweites Mal an, diesmal gleich mit der Faust. Unsere andere Freundin hält Nela zurück, ich das Mädchen. Sie schlägt wild um sich – meine ninja mood Leuchte ist auf rot gestellt. Weil sie nicht aufhört und ich mich nicht mehr beherrschen kann, packe ich sie am Schopf und werfe sie gekonnt (nein, ich mache eigentlich Kampfsport, aber wir Sozialarbeiter haben so einiges drauf, wenns sein muss…) auf den Boden. Als ich mich aufrichte, sie loslasse sehe ich nur noch zwei Türsteher auf mich zukommen – eine Sekunde später werde ich mit voller Wucht weggestossen und liege auf dem Boden. Ich will aufstehen, aber ich kann es nicht mehr, mein Knie knickt weg.

Der junge Mann eilt zu mir, hilft mir auf. „Ich kann nicht mehr gehen!“ sage ich mit zitternder Stimme. „Ich bringe dich raus, bevor sie die Polizei rufen!“ beruhigt er mich. Meine Freundinnen sind weg, keine von ihnen geht ans Telefon, wir stehen draussen, naja ich stehe weniger und hänge eher an seinem Arm – der Schmerz treibt mir die Tränen in die Augen. Er wolle mich zum Bahnhof bringen, ich könne nicht hier bleiben, wir nehmen ein Taxi. Ich denke noch, wie anständig das von ihm ist, wo er mich doch gar nicht kennt. Am Bahnhof angekommen, versucht er mich zu küssen, fragt ob ich mit ihm in ein Hotel gehen will. Geschockt sehe ich ihn an, ich würde ihn gerne wegschlagen, aber dann könnte ich nicht mehr stehen, also weine ich. Ich weine bitterlich. Ich habe Angst, kann mich nicht wehren, wer weiß wie der Typ drauf ist?

Von meinen Tränen schockiert, stützt er mich bis zum Eingang vom Hauptbahnhof und dreht sich dann wortlos um und geht. Anständig sieht anders aus. Ich lehne an einer Wand, stehe auf einem Bein, der Schmerz wird immer stärker, die Tränen laufen mir über´s Gesicht.

Ich ziehe mein Handy aus der Tasche, wen soll ich anrufen? Das hier ist Yaya´s Stadt, soll ich ihn anrufen, in diesem Zustand? Aber wen sonst? Es ist halb acht Uhr morgens, ob er schläft? Ich traue mich nicht, beginne noch mehr zu weinen und wähle Plitschis Nummer, sie geht sofort ran. Vor Schluchzen versteht sie kaum ein Wort, sie hört mich nur immer „Sag mir, kann ich Yaya anrufen? Kann ich ihn anrufen? Kommt er um mir zu helfen?“ sagen. Nach und nach erkläre ich ihr die Situation, sie hat kein Auto, kann mich nicht holen. Ich solle ihn nicht anrufen, erstmal nur eine Sms…man weiss nie und würde er nein sagen? Dann würde ich, Ninjaan, doch total zusammenbrechen. Recht hat sie. Ich weine weiter, die Menschen am Bahnhof würdigen mich keines Blickes, nicht mal die Bahnhofsmission macht halt, um mir Hilfe anzubieten (Wofür genau sind sie nochmal da?)

Ich schreibe Yaya eine Sms „Bist du wach?“, mehr sage ich nicht, hoffe er antwortet schnell. Tut er aber nicht. Mein Akku ist fast alle. Plitschi ruft mich wieder an, sagt mir von welchem Gleis mein Zug fährt und wann, hat meine Mutter informiert, die  mich vom Bahnhof abholen wird. Ich brauche 20 Minuten bis zum Gleis, weil ich kaum laufen kann, zweimal beinahe vor Schmerzen zusammenbreche, niemand bietet mir Hilfe an, meine Tränen versiegen, ich muss hier weg, es ist kalt.

Ich erwische den Zug gerade noch, schlafe vor Erschöpfung ein und der Schaffner verschont mich, aus Mitleid, kurz vor meiner Haltestelle, 40 Euro Strafe für´s Schwarzfahren zubezahlen. Wenigstens ein netter Mensch. Mittlerweile habe ich Nachricht von meinen Freundinnen, sie seien noch in Hannover, hätte mich verloren, Nela sei ohnmächtig geworden, vor lauter Alkohol. Es hagelt Entschuldigungen, weil ich allein gelassen wurde, solange bis mein Handy ausgeht.

Ich verbringe den ganzen Tag in der Notaufnahme des KH, was mit meinem Knie ist wissen sie nicht, kein Bruch sagt das Röntgenbild. Ich bekomme eine Schiene und eine AU und eine Überweisung zum Orthopäden.

Abends erreicht mich eine Sms von Yaya, er sei wach und wer ich wäre. Ich antworte nicht, was sollte ich auch sagen?

4 Tage später bin ich beim Orthopäden, er punktiert mein Knie und zieht 8 Spritzen Blut heraus, er ist erschrocken. Er befürchtet etwas sei mit meinen Bändern nicht in Ordnung. Krankschreibung für 2 Wochen, Überweisung zum Radiologen und das Verbot am 17.12. zu fliegen – keine Chance. Wäre mein Neffe nicht mit mir in der Arztpraxis gewesen, hätte ich sicher wieder geweint – manchmal ist es einfach zuviel…

Und das alles, weil ich im Ninja mood einer Freundin geholfen habe…

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Der totale Absturz

Uhrzeit: Irgendwann nach Mitternacht

Ort: Kat´s Küche, Hamburg, später Reeperbahn

Beteiligte Personen: Kat, Plitschi, Ninjaan

Umstände die zur Tat führten: Eine Flasche Ouzo, eine halbe Flasche Vodka und ein Handy

Wir saßen schon eine Weile zusammen in der Küche, die Gläser waren im Minuten Takt leer, glücklich sind wir gerade alle nicht wirklich, da geht das noch schneller. Um halb 1 beginnt die Diskussionsrunde „Darf Ninjaan Yaya in diesem Zustand anrufen?“ Es gibt Pro und Kontra. Der Haupt „Pro-Punkt“: Es gibt eh nichts mehr zu verlieren und wenn Ninjaan es sich so wünscht, warum nicht? Der stärkste „Kontra-Punkt“: Er könnte nicht rangehen, aus welchem Grund auch immer, und dann bist du noch trauriger.

In meinem Kopf dreht sich alles, ein klarer Gedanke war schwer zu fassen, der Ouzo knallt mehr als erwartet. Mit jedem Schluck steigt die Gleichgültigkeit und die Hemmschwelle sinkt. Was soll schon passieren? Ich rufe nur kurz an, nur ein kurzes Gespräch – warum sagt er nichts, via Email zum Beispiel – bin ich so schnell vergessen? Ich muss es hören, will es hören und irgendwo tief in mir spricht die dumpfe Stimme der Hoffnung zu mir…

Kat und Plitschi geben grünes Licht, sie sind selbst betrunken, traurig, Ninjaan soll nicht so traurig sein, was soll schon passieren?

Der letzte Anflug von Verstand lässt mich noch schnell meine Nummer unterdrücken – es hat mich immerhin 15 Euro gekostet!

Es klingelt, er ist in der selben Stadt wie ich, mein Herz rast, Kat und Plitschi starren gebannt auf das Handy in meiner Hand. – Niemand nimmt ab. So spät ist es nicht, ich schüttel die Zweifel ab und wähle noch einmal die Nummer. Es klingelt 3mal, dann hört das Klingeln auf. Stille. Kein Wort. Ich halte die Luft an und setze schließlich an, versuche nicht zu lallen: „Hey Yaya….hi!“

Stille. Dann ein Besetztzeichen. Er hat aufgelegt. das Dröhnen in meinem Kopf wird unerträglich laut. Kat und Plitschi sind geschockt, sagen nichts. Ich wähle erneut die Nummer, das muss ein Versehen gewesen sein, er legt doch nicht auf, wenn er meine Stimme hört. Es klingelt genau 3mal, dann ertönt das Besetztzeichen abermals.

Mit glasigen Augen sehe ich zu Plitschi, sie sitzt mir direkt gegenüber. Sie stammelt etwas, ich verstehe sie nicht, ich höre nur das Dröhnen in meinem Kopf und den Besetztton, als hätte ich noch nicht aufgelegt. Noch einmal nehme ich das Handy in die Hand. „Tu es nicht Ninjaan…bitte…“ Plitschi´s Stimme zittert. Ich schüttele nur den Kopf, mir ist schwindelig, das kann nicht sein. Ich wähle erneut. Nach 2 Mal klingeln der Besetztton.

Yaya hat aufgelegt, als er mich gehört hat und mich danach weggedrückt. Er hat nicht das Klingeln ignoriert, den Ton auf lautlos gestellt, sondern mich weggedrückt.

Ich stehe auf, mir ist so schwindelig, ich sehe schlecht, vielleicht liegt es am Alkohol, vielleicht an den Tränen in meinen Augen, aber ich kann nicht weinen. Ich will raus, raus und vergessen und mehr trinken, bis ich vergesse, was man nicht vergessen kann.

Ich schreibe noch eine Nachricht bei Skype, etwas über Respektlosigkeit, böse Worte, davon, dass ich eine Freundin war und ich verfluche ihn auf persisch.

Wir gehen aus, erst zu dritt, später nur Kat und ich. Ich trinke weiter. Wir sind auf der Reeperbahn in einem Club, Kat will mich vom Trinken abhalten, aber ich will nicht. Ich fühle mich betäubt, es gibt kein besseres Gefühl als das, nicht in diesem Moment. Ich streite mit ihr, tanze, rede, flirte, wirke wie leichte Beute für Männer. Mir ist alles egal, mein Kopf dröhnt noch immer, ich muss vergessen.

Ich tanze mit einem Typ, von dem ich nicht sagen kann, ob ich ihn attraktiv finde, weil es egal ist. Er kann tanzen, er lenkt mich ab. Irgendwann küssen wir uns, ich fühle sowieso nichts. Kat will mich nach Hause bringen, ich lehne ab…ich will nicht ins Bett, nicht nachdenken, ich will bleiben und feiern bis ich einfach umfalle. Irgendwann gibt sie auf, Ninjaan ist alt genug und bleibt bei dem Typ im Club.

Als er mich nach meinem Namen fragt sage ich ihm, dass es keine Rolle spielt, weil wir uns nicht wiedersehen werden und ich ihn morgen vergessen habe. Komischerweise ist dieser Aufreisser tatsächlich für einen Moment geschockt, er nennt mich abgebrüht. Nein, nicht abgebrüht, denke ich, nur tot, Gefühlstot.

Ich komme morgens um 10 Uhr in Kat´s Wohnung an. Ich rieche genauso wie die Küche, nach Alkohol und Zigaretten. Ich warte bis sie aufwachen, in meinem Kopf ist Leere.

Ich schlafe nicht, bis Sonntag Nacht bin ich auf den Beinen. Danach falle ich in einen komatösen Schlaf, auf der Couch meiner Mutter, da fühle ich mich nicht so allein. Nicht allein sein, nicht zuviel denken…das tut weh, im Kopf, im gesamten Körper.

Den Kopf gewaschen bekommen…

Ich schreibe viel in diesem Blog, aber bei weitem nicht alles –  das wäre auch unmöglich. Wer schafft sowas schon? Ich jedenfalls nicht. Vor fast 6 Monaten habe ich damit begonnen hier zu schreiben – meist über die Gegenwart, manchmal in der Retrospektive, selten über Zukunftswünsche. Was ich gerade denke und erlebe, welche Einstellung ich zu bestimmten Dingen habe kann man hier alles lesen. Würde ich mich selbst durch meinen Blog betrachten, ich sähe mich wie ich immer war oder sagen wir, wie ich geworden bin, als ich „erwachsener/reifer“ wurde (wobei diese Worte relativ sind). Aber ich bin wahrscheinlich, gerade die letzten Wochen und Monate, für Menschen, die mich lange kennen, doch nicht mehr die Alte. Manche begrüßen meine Veränderung, einige betrachten sie mit Skepsis, ignorieren sie aber weitgehend und wenige äußern sich kritisch darüber. Eine dieser Wenigen ist meine Freundin Jackson, die mich gestern Abend anrief:

Ninjaan? Kann ich mal mit dir sprechen? Klar, tun wir doch gerade Jackson, was liegt an? Ach, nichts besonderes eigentlich. Ich bin etwas verwundert. Warum? Wegen meiner Haarfrisur? Ich habe deinen Kommentar bei FB schon gesehen! Findeste es wirklich so schlimm??? Schlimm? Du hast dir die Hälfte deiner Haare abrasiert!!! Das ist ein Undercut! Und es ist überhaupt nicht die Hälfte, sind noch genug Haare da! Ich überlege noch, ob ich mir die Stelle vielleicht färben lasse? Färben? Was? Die abrasierten Haare? Ja! Gute Idee, mach sie Pink…nein Lila – oder gestreift! Merkst du eigentlich noch was? Meine Güte, es ist nur ein Haarschnitt! Die wachsen doch wieder, ich habe mich ja jetzt nicht tättowieren lassen oder so! Es ist eben nicht nur der Haarschnitt Ninjaan. Ich meine, ich habe eigentlich kein Recht, ich schon gar nicht, dir irgendwelche Moralpredigten zu halten, aber… Aber? Was ist denn noch? Was noch ist Ninjaan? Du hast Alkohol getrunken! DU! Ich habe nie gesehen, dass du nur einen Schluck getrunken hast, nicht mal an Silvester, nicht mal gegessen hast du was, wo Alkohol drin war, nicht mal Tiramisu! Und jetzt trinkst du plötzlich und rasierst dir die Haare ab? Was kommt als nächstes?? …Ok, ich hatte getrunken, aber doch nur ein bisschen…und ich war doch aus, in diesem Club und… Ja! Aus, in nem Club und das betrunken! Ninjaan! Seit wann trinkst du? Seit wann rasierst du dir Haare ab? Ich meine, ich will hier nicht so tun, als wäre ich gegen Alkohol, ich trinke oft mal nen Wein, aber du? Du hasst Alkohol und jetzt trinkst du? Du liebst deine langen Locken und jetzt rasierst du dir soviel davon ab? Ich fühle mich gut… Du fühlst dich gut, wenn du trinkst? Nein…ja, ein bisschen. Ich trinke nicht um mich gut zu fühlen, aber es ist gut, wenn ich Dinge mache, die ich nie mache… Seit wann ist es für dich gut unvernünftige Dinge zu tun? Ninjaan…die prinzipientreue Ninjaan…plötzlich so? Ich mache mir wirklich Sorgen um dich! Das brauchst du nicht, das ist nur eine Phase, die geht doch vorbei! Ich will nur ein bisschen so sein…, bis es aufhört… Bis es aufhört? Und denkst du so hört es schneller auf? Wenn du plötzlich nicht mehr du selbst bist, dann geht es schneller vorbei? Ich meine, ja, das ist scheisse. Ich weiss wie du bist. Aber so? Sonst ist doch alles gut, alles im Lot, dein Leben ist doch nicht schlecht jetzt! Nein, ist es nicht. Es ist gut, es funktioniert alles. Aber du funktionierst nicht richtig, du tickst aus! Na und? Soll ich lieber in meinem Zimmer sitzen und mir jeden Abend die Augen ausheulen? Nein…aber du sollst auch nicht trinken und dann Auto fahren oder Haare abrasieren…oder sonst noch was machen! Du sollst nicht aufhören du zu sein, nur deswegen! Ich bin ich, aber ich bin nun mal scheisse traurig und ich habe keine Lust mehr traurig zu sein, also verscheuche ich die Traurigkeit und…ich will da gar nicht drüber reden, lass mich doch einfach ein bisschen so sein jetzt… Ich lasse dich doch, aber wieso Ninjaan? Nur wegen ihm? Was ist denn so besonders an ihm, dass du dich so völlig vergisst und alles was zu dir gehört hat? Das ist er doch nicht wert! Was hast du schon alles mitgemacht und dann kommt er, geht wieder und du drehst durch? Er ist nicht gut für dich, das war er nie!  Ich drehe nicht durch, es sind nur Haare und ein paar Tropfen Alkohol… Ja, und als nächstes? Weiß ich noch nicht, das worauf ich Lust habe, ist doch egal… Egal? Es ist eben nicht egal! Doch mir ist es egal, alles egal! Es stört doch nicht! Doch, dich selbst muss es stören! Du bist nicht du, du tust Dinge die du niemals sonst tun würdest! Warum gibst du ihm immer noch so eine Macht? Du hast doch immer mit dem Verstand entschieden und nun? Habe ich das jetzt nicht? Mit dem Verstand habe ich den Kontakt abgebrochen, meine Nummer gewechselt, ihn geblockt, ihn nicht mehr angeschrieben! Wieviel verdammten Verstand brauche ich denn noch? Ja das hast du aber… Ne, nicht aber! Wer von euch hätte das gemacht? Sei mal ehrlich, hättest du das gemacht? Nein! Ich habe es genauso gemacht wie immer! Ich nehme meinen Scheiß Verstand und gehe! Darf ich dann mal für nen Moment auch mal was ohne Verstand machen? Du darfst doch Ninjaan…du darfst doch alles…aber …ich will dich nicht traurig machen oder dich belehren. Ich sorge mich um dich! Du bist doch sonst so stark! Ja…jetzt halt mal nicht! Doch jetzt auch…aber ich habe Angst, dass du dir echt schadest, du erscheinst so verwirrt, alles was du sagst klingt so ziellos…ich erkenne dich kaum wieder und ich habe Angst um meine Freundin… Musst du aber nicht haben…Jackson, ich weiß das zu schätzen, aber es gibt keinen Grund sich zu sorgen, ich werde schon wieder so wie sonst. Ich hoffe…bitte nimm es mir nicht übel… Nein, tue ich nicht Jackson, aber ich mag nicht darüber reden jetzt. Ich mag einfach nicht. Ich verstehe… Tut mir leid… Nein, mir tut es leid, wenn ich ungerecht zu dir bin…ich mache mir nur so Sorgen. Ist alles gut. Ok….

Sie hat Recht, ich bin nicht, wie ich sonst bin – nur ändern kann ich es gerade irgendwie nicht…

Nichts bleibt wie es war

B.

Als ich ihn vor Jahren auf der Arbeit kennenlernte, verliebte ich mich in ihn. Nicht weil er schön war, nicht weil er außerordentlich gebildet oder selbstbewusst war. Ich verliebte mich in ihn, weil er er war. Weil er besonders war. Er war der mit Abstand liebevollste, freundlichste und zärtlichste Mensch den ich jemals kennengelernt hatte. Nur deswegen ließ ich mich überhaupt so schnell auf eine Beziehung mit ihm ein. Ich war überwältigt von seiner Art. Von Anfang an herrschte zwischen uns ein tiefes Vertrauen, ein Band der Freundschaft gepaart mit inniger Zuneigung. Wir stritten niemals wirklich, konnten uns aufeinander verlassen. Jeder Tag mit ihm war schön, neu, aufregend und zugleich sicher. Ja, Sicherheit, ich vertraute ihm. Das erste Mal in meinem Leben war ich nicht mißtrauisch, habe nicht gezweifelt. Meine Freunde liebten ihn, er liebte sie. Innerhalb kürzester Zeit war er ein fester Bestandteil meines Lebens. Niemals war ich mir sicherer den Richtigen gefunden zu haben.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich auch nach all den Jahren, nachdem wir auseinander gerissen wurden, noch an ihn gedacht habe, er mir gefehlt hat und ich Angst hatte, Angst vor dem Moment, an dem wir uns wieder begegnen würden.

Als wir uns nun vor knapp einem Monat wiedersahen, waren all diese Gefühle wieder da, die Trauer, die Zuneigung, das Vertrauen, der Wunsch, dass es niemals geendet hätte, jedenfalls nicht so. All das hat mich schwach werden lassen. Eigentlich, nein nicht eigentlich, sondern tatsächlich habe ich starke Gefühle für jemand anderes. Jemanden der völlig anders ist als B.. Yaya ist selbstbewusst, gebildet, sanft und hart zur gleichen Zeit. Er ist verschlossen, B. dagegen ein offenes Buch.

Und trotz meiner Gefühle für Yaya, konnte B. mich so sehr berühren, mich schwach werden und gegen meine Prinzipien verstossen lassen.

Yaya ist der geheimnisvolle, jeder Moment mit ihm war berauschend, extrem, auf die eine oder andere Art.

B. ist der ruhige, sichere, mit ihm ist es wie das Ankommen, ruhig, bedacht, ohne Extreme.

Dieser Unterschied, die Erinnerungen, die auf Eis gelegten Gefühle, alles auf einmal brachte mich dazu, ihn wieder zu treffen. Noch einmal dieses Sicherheit fühlen… nur noch einmal. Den Moment genießen, sich erinnern, fallen lassen und aufgefangen werden.

Aber ich habe nicht bedacht, nicht in Erwägung gezogen, dass die Zeit uns verändert. 4,5 Jahre sind eine ganze Zeit. Auch ich habe mich verändert, ich kann schwer sagen in welchem Maße, aber jetzt, nach einem Monat sehe ich B.´s Veränderung.

Selbstlos war er einmal, immer bedacht auf das Glück der Anderen, niemals sagte er verletzende Worte – ich habe immer bezweifelt, dass er das überhaupt könne, verletzend sein. Nun ist er anders, kühler, nicht unbedingt mir gegenüber, aber ich sehe seine Einstellung und höre seine Erkärungen “ Das Leben hat mich so gemacht Ninjaan! Willst du mir das vorwerfen? Ich war immer lieb und nett, was habe ich bekommen?“

Du bist noch so jung B., jünger als ich. Du bist verbittert, hart in deinen Urteilen, selbstsüchtig in deinen Taten. Du willst nicht verletzen, aber du tust es, gut, du bist selbst verletzt, aber das ist eine schwache Ausrede. Denn am Ende des Tages, am Ende unseres Lebens, sind nur wir selbst verantwortlich, für das was wir tun. das Schicksal drängt uns in die eine oder andere Richtung, aber noch, noch können wir uns auflehnen, uns dagegen stemmen, nur der Tod ist für die Ewigkeit. Wenn wir uns treiben lassen, niemals kämpfen, dann können wir das nicht den Menschen um uns herum vorwerfen.

Ich bin schockiert, von vielen deiner Worte, deiner Taten. Ich kann es nicht fassen. Bist du das? Warum hast du nur zugelassen, dass das Leben so etwas aus dir macht? Ich will meine Augen davor verschließen, ich will dich so nicht sehen, ich will nicht sehen, dass du dich so verändert hast. Aber du drängst mir dein neues Ich geradezu auf, zeigst es mir in allen Facetten und nur manchmal, ganz manchmal bist du der, den ich vor all den Jahren kennengelernt habe.

Ich sollte ihn gar nicht treffen, ich tue damit unrecht, jemanden, einer Frau, die mir nichts getan hat. Aber auch ich bin selbstsüchtiger geworden, ein kleines bisschen Glück hatte ich mir gewünscht, ein kleines bisschen Freude in dieser, meiner, unbeständigen Zeit. „Es ist so schön dich mal wieder wirklich Lachen zu sehen!“ hatte mein Kollege vor kurzer Zeit zu mir gesagt, nachdem B. sich von uns verabschiedet hatte. Der Kollege weiss, dass wir einmal zusammen waren, er schweigt zu all dem, obwohl er sicher mehr weiss, als mir lieb ist.

Ich wollte nur einen Moment des Glücks genießen, mit jemandem der mich einst so glücklich gemacht hat. Aber wieder einmal muss ich schmerzlich erkennen, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann. Nichts bleibt wie es war, niemand bleibt wie er war. Und etwas unrechtes, kann sowieso niemals glücklich machen.

Letzte Nacht rief B. mich an, ich hatte wenige Stunden vorher gesagt, dass ich so nicht weitermachen könne, wegen mir nicht, wegen dem Unrecht, dass wir damit tun nicht. Er rief mich an und war seltsam. Nach wenigen Minuten gestand er mir, dass er getrunken habe. In seinem ganzen Leben hatte er noch niemals Alkohol angerührt, nun war er betrunken und rief mich an. Ich hasse Alkohol, rühre ihn nie an, ich bin da familiär vorbelastet. Ich ertrage es selten, einige Menschen sind erträglich wenn sie getrunken haben, aber nur sehr wenige.

Yaya, er ist erträglich, er ist dann wie ein kleiner Junge, lieb, verletzlich. Ausgerechnet B. ist es nicht, er ist selbstgefällig und hart. Ich ertrage kaum  mit ihm zu sprechen. Aber irgendwie fühle ich mich verpflichtet, warum hat er denn gerade an diesem Tag getrunken? Ich quäle mich durch das Gespräch und spüre wie meine Erinnerungen, diese wundervollen Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit, zu verschwimmen drohen. Wo bist du B.? Wo hast du dich verloren?

Ich muss  mir eingestehen, wir haben uns schon lange verloren. Dieser klägliche Versuch von uns, wiederzubeleben, was lange schon nicht mehr ist, weil wir beide verletzt und einsam sind, ist gescheitert. Führen wir es nun weiter, verlieren wir unsere Erinnerung. Ich will sie nicht verlieren.  Vielleicht wäre es heldenhafter, tugendhafter von mir gewesen, es niemals einzugehen, weil ich das Moralische hochhalte, aber es wäre gelogen. Ich beende es, weil es nicht ist, wie es war, weil es zerstört was war. Und sehe ein, dass etwas Verwerfliches, niemals rein sein kann.

Lebwohl B.