Vom Einfluss des Krieges

Nicht, das dies falsch verstanden wird. Ich schreibe hier keinen politisch oder religiös motivierten Blog. Also hat alles was ich schreibe auch nicht den Anspruch, in irgendeiner Weise wahr oder valide zu sein. Es sind lediglich meine Gedanken, meine Empfindungen. Und ich schreibe das hier nur zu Beginn, um klar zu machen, dass ich keine politisch/religiöse Grundsatzdebatte führen möchte.

Zwei Tage ist es her.

Wir sitzen gemeinsam auf dem Sofa, du lernst und ich lese ein Buch. Der Fernseher läuft, Al Jazeera und Euronews im Wechsel. Du brauchst irgendwelche Hintergrundgeräusche beim Lernen. Ich bin da anders, mich lenkt es immer zu sehr ab. Ich kann die Worte nicht so ausblenden wie du und darum höre ich auch als Erste die Wortfetzen

Suicide bombing – Iranian embassy – Beirut

Das Buch rutscht mir aus der Hand. Ich berühre wortlos deine Schulter und dein Blick wandert erst zu mir und dann zum Bildschirm, wo die Bilder aus Beirut gezeigt werden. Du legst dein Buch zur Seite, nimmst meine Hand und verfolgst, ebenfalls wortlos, die Meldung.

Wer so oft Nachrichten sieht wie wir (eigentlich ist nur dafür der Fernseher an), der wird im Grunde den gesamten Tag mit Nachrichten über Krieg, Attentate und unzählige Tote, überall auf der Welt, konfrontiert. Wäre man jedesmal geschockt, würde man aus der Schockstarre kaum noch hinaus finden. Man ist abgehärtet.

Es geht nicht um die Anzahl der Toten bei dieser Meldung (23) und auch nicht darum, dass ich oder gar du ,uns der iranischen Regierung so verbunden fühlten (eher im Gegenteil). Es geht, und da sind wir uns schweigend einig, um das was ein solcher Anschlag aussagt.

Schon vor Monaten, damals saßen wir in einem Café in Amman, hatten wir eine Nachricht ähnlich schweigend, schockiert und ängstlich verfolgt. Damals ging es um die Auswirkung des Syrienkrieges auf den benachbarten Irak, die steigende Gewalt zwischen den beiden großen muslimischen Gruppen. Sunniten und Shiiten.

Immer deutlicher wird, für uns, was in einer Revolution gegen Diktatoren beginnen mag, scheint zwangsläufig int in einem Krieg um die islamische Deutungshoheit zu münden (jedenfalls in den Ländern, in denen die Religionszugehörigkeit so gemischt ist wie in Syrien, Irak, Afghanistan, Pakistan, Libanon…).

Wenn ein Anschlag auf die iranische Botschaft verübt wird, dann ist es in diesem Zusammenhang, eher weniger ein Anschlag auf ein Unrechts-Regime, sondern ein Anschlag auf das Land mit einer shiitischen Mehrheit – die an der „Macht“ ist und den Diktatoren Assad aus Syrien unterstützt.

Russland unterstützt Syriens Regime viel offensiver – niemand hat die russische Botschaft angegriffen.

Ich schnappe mir die Decke und gehe in die Küche. Du folgst mir und wir sitzen uns schweigend gegenüber.

Ich weine. Ich weine nicht um die Opfer des Anschlags, nicht weil sie es nicht verdient hätten, das man um sie weint, aber weil ich dann jeden Tag um all die Opfer von Krieg und Hass weinen müsste. Ich weine, weil es mir Angst macht.

Weil mir der Hass Angst macht.

Ich habe mich nicht vor vielen Jahren für eine andere Religion als das Christentum entschieden, weil ich eine Gemeinschaft suchte oder Zugehörigkeit brauchte. Ich habe mich dafür entschieden, weil die Lehre dieser Religion meine Seele berührte. Um die Menschen und ihre Taten habe ich mich anfangs wenig geschert.

Aber irgendwann, selbst wenn du immer noch nicht das große Bedürfnis nach einer Gemeinschaft suchst, selbst wenn du entgegen vieler Meinungen, einen Mann geheiratet hast, der nicht deiner Gruppe angehört (und für dich ist es nicht anders, das weiß ich!) – weil dir die Gruppenzugehörigkeit nicht wichtig ist, selbst dann bist du nicht frei, von dem „Wir“ und „Ihr“ Denken. Es kommt manchmal einfach über dich.

Sie zerstören alles. Das wird alles zerstören!

Ich weiß…

Warum hören sie nicht auf? Wo sind all die Gelehrten, die angeblich den Glauben studiert haben?

Ich weiß es nicht, Ninjaan albi…

Ihr werdet gewinnen, diesen Krieg gewinnt ihr…

Und was wird dann? Dann gibt es keinen sicheren Ort mehr, dann ist alles verboten!

Das stimmt nicht! Sag das nicht! Es sind doch nicht alle so!

Wer garantiert, dass die die nicht so sind, entscheiden werden? Wer garantiert das? Die arabische Liga? Saudi Arabien? 

Ich dachte du meinst mit „sie zerstören alles“ alles. Aber du meinst alles was euch gehört.

Ich meine auch alles, alles und das. Und was uns gehört, gehört uns allen. Aber sie zerstören es doch, wann immer sie können!

Niemand wird davon etwas zerstören!

Nein? Sie haben auch die Gräber in Saudi Arabien zerstört. Einfach dem Erdboden gleich gemacht. Weil sie sagen es ist verboten! Alles ist immer verboten! Wir sind verboten! 

Sie haben…das wird nicht wieder passieren!

Nein? 

Nein!  Iran muss nur aufhören. 

Iran muss mit vielem aufhören, vieleeeeeem. Aber damit? 

Ja, damit auch.

Und dann? Dann ist Frieden? 

Ich glaube nicht…

Ich glaube auch nicht

Ich will nicht das es so ist, ich will nicht das es so weit kommt und ich habe Angst, dass es uns auch beeinflusst..

Das wird es nicht, niemals! 

Du hast recht…entschuldige

Du hast auch recht…es gibt kein unseres und euers und…

Für die vielleicht…aber für uns nicht!

Genau! 

Wir sitzen noch eine Weile schweigend da. Es tut mir leid, sagst du noch. Und ich bin nicht sicher was du meinst, aber ich wiederhole deine Worte, als Zustimmung.

Wir glauben das dieser gesamte Konflikt noch viel größere Kreise ziehen wird, wir befürchten es zumindest. Es erschreckt uns, bringt uns dazu wirre Gedanken zu haben und schnürt uns dann die Kehlen zu. Später liegen wir nebeneinander im Bett und halten unsere Hände.

Und unsere Kinder?

Die werden niemals, NIEMALS so sein!

Und was werden sie dann sein? 

Ich hoffe, klüger als wir alle…

 

Und am Ende schweigen wir

…“I dont hate u, I never did. And it´s not the question if I hate, but why do u shit on me that hard? Warum diese Gleichgültigkeit?! – „What? Ninjaan, I never shitted on you! Never…“ – „U did, so hard. How? I have just this one question, I will answer any of urs, just tell me HOW?“ – “ I never did Ninjaan. If u, ur friendship weren´t important to me, why should I call u? I would never do it, if it weren´t important! I am sorry, I never wanted u to feel like this, but what did I do?“ – „U forgot me. Simply, as if it was that easy. How could it be so easy?“

Seine Stimme zittert noch immer. Er beginnt Sätze und vollendet sie nicht, ich wünschte ich könnte behaupten, dass ich mich an alles was er sagte erinnern oder wenigstens an alles was ich sagte. Aber das kann ich nicht. Er redete über seine Art, darüber, dass er niemals Menschen nicht antwortet, um sie zu verletzen. Aber er sei so, warum ich das nicht verstehe? Warum Menschen von ihm immer erwarteten er müsse anders sein. Sein Cousin, sagte er, würde seit 2 Jahren wohl auf ihn warten, ob ich glaube sein Cousin wäre ihm egal. Er könne einfach nicht, sein Leben und überhaupt alles, es wäre nicht seine Art Menschen damit zu belasten. Ich schwieg, noch immer verwirrt von seinem Stimmungswandel. Dann bricht seine Stimme erneut.

„Why u? Why did u tell me things like this? Why u? I cant understand it…I dont want to. I wished it wasnt u.“

Ich spüre wie mir Tränen in die Augen schießen, sich ein Kloß in meinem Hals breit macht, den ich nicht einfach hinunterschlucken kann, so wie ich es gerne würde. Erneut, diesmal jedoch ruhiger, fast verzweifelt und nicht mehr wütend, fragt er mich nach dem Warum. Warum ich ihm all diese Dinge sagte, warum ich das tat. Ich hätte ihm die Wahrheit sagen können. Aber da ist dieser Kloß in meinem Hals, der mir die Worte erstickt, jedenfalls die, die ich sagen sollte. Und so schließe ich einen Kompromiss mit mir und setze an, etwas wahres zu sagen, ohne dabei alles auszusprechen.

„I did it because…I want u to…I want u to …“ – „U want me to…what? Say it, come on…“ – “ I…I …please Yaya, u know what I want to say..“ – „No! I dont know nothing anymore! Say it!“ – „I…want u to see it!! To see!“ – „To see what?“ – „That I´m…!“ – „U are..?“ – „Hurt.“ – „U want me to see u are hurt while writing me things like this? Is it so hard to just tell me?“ – „It is. And u were gone.“

Es entfacht eine Diskussion darüber, wer von uns beiden ging.

„U, Ninjaan, u went away! I thought u wanted it! I thought u are happy and u go on with ur life!“ – „Of course I did!“ – „So? I wrote u sms! U! Aha! U unfriended me in facebook! Why? Because u thought I dont want this asshole anymore in my life or list!“ – „No! Its not like that!“ – „It doesnt matter! And I just saw it because I searched for a link, okay?“ – „Okay…“ – Just because of this!“- „Okay…“ – „Because I wanted to show a friend this one song, I searched for ur page, checked ur wall and realized u are not my friend anymore!“ – “ Yes, but it was…sth totally different…“ – „It doesnt matter…“

Diesen Link, der befand sich in unseren Nachrichten, nicht auf meiner Pinnwand.

Wir reden noch ein wenig hin und her, darüber wer ging, gehen wollte, wer begann und wer nicht. Kindisch. Wir schweigen, ich lausche seinem Atem und mir wird bewusst wie sehr ich seine Stimme vermisst habe, es vermisst habe mit ihm zu reden. Und während ich beginne in Erinnerungen zu schwelgen, scheint er zu begreifen, plötzlich.

„Ninjaan. U have to tell me. U have to. Please. Tell me, there is something else but…“

Wie erstarrt starre ich auf das Display. Der Kloß in meinem Hals wird zu seinem großen Stein. Ich weiss was er meint, wir beide wissen es. Warum soll ich es jetzt sagen? Meine Gedanken fahren Achterbahn. Soll ich es sagen? Soll ich schweigen? Am anderen Ende des Telefons spricht er weiter auf mich ein. Wiederholt immer und immer wieder diese Sätze. Fast flehend.

Ich kann nicht aufhören dich zu lieben und es tut so verdammt weh.

Das hätte ich sagen sollen, dieser Satz brannte sich in meinem Kopf ein. Doch ich tat es nicht. Denn plötzlich wird unser Gespräch unterbrochen. Er war mitten in einem Satz, ich in Gedanken. Da war es vorbei. 2 Stunden um? Hat o2 gerade gnadenlos zugeschlagen? Nein, erst eine Stunde. Was war geschehen? Ich wähle seine Nummer, sein Handy ist aus. Ist sein Akku alle gegangen? Ich schreibe eine Nachricht. Sie wird nicht übertragen. Ich bin völlig verwirrt. Was hat er zuletzt gesagt?

Nach 15 Minuten der Übertragungsbericht. Ich starre wie gebannt auf mein Handy. Eine Minute erscheint wie eine Ewigkeit. Ich wähle seine Nummer. Er hebt nicht ab. Ich warte, eine Stunde. Es kommt nichts. Ich schreibe erneut eine Sms, frage was geschehen ist und ob wir das Gespräch nicht beenden können… Keine Antwort. Bis heute nicht, eine Woche danach.

Denn auf meine Frage, was geschehen ist, kann ich mir selbst antworten. Er hat es begriffen. Mein Schweigen war die Antwort. Und das ist zuviel, das ist zu nah. Zu nah geht nicht. Ich bin ein runaway, aber er, er ist es noch viel mehr als ich.

Und wieder kann ich es nicht sagen.

Wer hasst wen?

„They say u loose the spark in time, but that´s not true – Because I still get butterflies…“

(Nick Howard „Falling for you“)

Mein Handy klingelte und auf dem Display erscheint sein voller Name inkl. Foto, nicht weil ich seine Nummer noch gespeichert hätte, sondern weil er noch immer in meinen Skype Kontakten ist und SMARTphones alles wissen. Ich ließ es klingeln, kämpfte mit mir und hebe erst in letzter Sekunde (kurz bevor meine Mailbox anspringt) ab.

Wir sagten beide kein Wort. Er atmete hörbar, ich hielt die Luft an.

„Ninjaan?“ – „Jap, if u are calling because u want to yell at me…!“- „No, I want to talk. I will not shout at u!“ – „Ok.“ – „Are u fine Ninjaan (Synonym für:Gehts dir noch ganz gut?)?“ – „Not really, as u can guess. I understand, u are angry now, I am angry too. And I am not sure, if all this…!“ – „Good to know, u are able to talk. Because ur writings make me sick! What did I do?“ – „I dont think we should…“ – „I dont care about what u think right now! I want answers! And I really wish, I could look into ur eyes and talk to u face to face about all this. But U are far and I think u would never do it“  – Ich antwortete nicht.

Es folgt ein 30minütige Gespräch in denen er sicherlich 80% Redeanteil hat. Er ist wütend, verletzt. Er wird nicht laut, er schlägt  nicht unter die Gürtellinie, wie er es mir bereits in seiner letzten SMS versprach. Manches verletzt mich, manches macht mich wütend, aber auch ich bin ruhig. Geduldig fast, weil ich immer wieder ansetze, versuche seine Fragen zu erklären, doch er lässt mich nicht ausreden. Unterbricht mich, redet sich leicht in Rage, um dann wieder zu  schweigen und die Frage erneut zu stellen. Manchmal muss ich lächeln, weil ich schon vorher weiß, was er als nächstes sagen wird, weil unsere gegenseitige „Wut“ Bekundung „U dont know me! – U dont know me either!“, nicht wirklich wahr ist. Einmal spreche ich einen ganzen Satz  synchron mit, er stutzt und ich möchte meinen, dass auch er kurz schmunzeln musste.

30 Minuten lang, bin ich nahezu ruhig, sage wenig, setze nur immer und immer wieder an und versuche das ein oder andere Mal das Gespräch abzuwürgen, weil ich nicht weiß wohin das führen soll. Er weiss es offensichtlich auch nicht, aber er will nicht aufhören, nicht jetzt. Nur einmal, als ich lache, droht er mir damit aufzulegen. Auf meine Frage, ob es ihm lieber wäre,würde ich über all das weinen was gerade geschieht, geht er nicht ein, legt aber eben auch nicht auf.

Er ist so wütend. Wirft mir vor, ich könne nie anders sein als so. Fragt mich, wie ich ihm so etwas an den Kopf hatte werfen können, nach all der Zeit. Fragt mich, was er denn getan habe. Gebetsmühlenartig wiederholt er dieses Sätze. Er nennt mein Verhalten kindisch und überzogen. Gleich zu Beginn schon, nennt er mich wieder „runaway“, weil ich nichts austrage,sondern nur erscheine, jemandem etwas vor die Füße knalle,um dann wieder im Nichts zu verschwinden – wie immer. Runaway like halt.

Dann stellt er mir eine entscheidende Frage, eine Frage auf die ich keine Antwort habe, etwas für das ich keine Erklärung oder Ausrede parat habe.

„What Ninjaan,what would u do, if I wouldnt react on ur words? Its not the first time! What would u do, if it wouldnt be me, calling u or writing u afterwards? WHAT would u do?“

Ich schweige. Was soll ich sagen? Sollte ich sagen, dass mein Verstand immer hofft, er würde nichts mehr sagen, nie wieder. Oder das mein Herz sich wünscht, dass er mich dann anruft, so wie jetzt gerade. Und das ich nicht weiß, was davon überwiegt?

Während ich noch darüber nachdenke, setzt er erneut an. Doch jetzt ist es anders. Plötzlich bricht seine Stimme, klingt nicht mehr klar und bestimmt. Im Gegenteil, sie zittert.

„Why do u hate me, Ninjaan? Why do u hate me so much?“

….

Nazis – eine größere Bedrohung als jedes Gedicht dieser Welt!

Bevor ich noch ein wenig mehr über Hamburg erzähle muss ich, angesichts der Tatsache, dass ich gerade furchtbar wütend und fast den Tränen nahe bin, noch hierüber berichten:

Vor etwa einer Stunde erreicht mich die Email eines Bekannten, der sich gegen Nazis engagiert. Er berichtete kurz von der gestrigen Demo, bzw. Gegendemo und verwies dann auf die Facebook Seite eines bekannten NPD Politikers, der Fotos hochgeladen habe. Da ich wusste, dass viele meiner Jugendlichen auch an dieser Gegendemo teilgenommen hatten, schaute ich vorsichtshalber nach! Was ich sah, besser noch las, ließ die Wut in mir hochkochen! Meine Jungs! Stolz auf einer Gegendemo, von wegen sie engagieren sich niemals (!), und dann sowas! Bilder von ihnen, mit widerlichen Kommentaren und Überschriften!

Einer der Jungs hält stolz seinen deutschen Personalausweis hoch – ist es nicht das was alle immer von ihnen erwarten? – die Bildüberschrift lautet so:

“ Wenn man ausländische „Kulturbereicherer“ sieht, die demonstrativ ihren „BRD-Paß“ präsentieren, kommen schon enorme Hassgefühle auf. … wie ernst es um den Überlebenskampf unseres Volkes bestellt ist – und daß Widerstand heute notwendiger denn je ist!!!“

Ein anderer Junge ist allein auf einem Bild zu sehen, seine Familie und er sind vor vielen Jahren aus Afrika geflüchtet, Bildüberschrift hierzu:

“ Wir sind Deutschland – er ist BRD“

Ein Kommentar:

“ willst du eine Banane dann komm her ich hab noch ne schwarze die zu dir passt ^^“

Ich könnte KOTZEN! Ich bin wütend! Rassismus allgemein bringt mich zur Weißglut, aber das hier sind auch noch meine Jungs! Ich war gestern so stolz auf sie, weil sie an dieser Gegendemo teilgenommen haben, weil sie sich engagieren, weil unsere Gerede von Partizipation und „du kannst etwas ändern – du musst nur irgendwo anfangen“ nicht immer ungehört bleibt. Und dann das – diese Bilder, diese Hetze, dieser Hass. Und ich habe auch Angst, auch in meiner Stadt gibt es gewaltbereite Nazis, das Abbilden ihrer Fotos, ihre Teilnahme an einer solchen Gegendemo könnte am Ende sogar gefährlich für sie sein…

Ich bin wütend, traurig, ich schäme mich angesichts dieser Kommentare – aber das bin nicht ich, das ist nicht mein Volk, weil ich es nicht zulassen will mich über eine Nationalität in eine Kategorie pressen zu lassen, die die einen einschließt (ungefragt) und andere ausschließt. Aber es ist dennoch mein Heimatland, dass offensichtlich lieber über Günther Grass heult, als die wahren Rassisten, die wahren (immer noch) Gefolgsleute von Hitler davon abzuhalten ihr Gift zu verspritzen. Ihnen einen Raum bietet, wo keiner für sie sein sollte – nicht nach dieser Geschichte, nicht nach dem Holocaust!

Ich werde es ihnen sagen müssen, weil sie diese Bilder melden sollten. Ich werde neben ihnen sitzen und ihnen die Bilder zeigen. Ich werde kaum ihrem Blick standhalten können, weil sie, angesichts diesen Hasses, der ihnen abspricht „Deutsch sein zu können“, der ihnen abspricht „Mensch zu sein“ und wertvoll, vielleicht auch wieder in Schubladen denken werden, in ein „wir“ und „Ihr“ verfallen….

Wie soll ich ihnen das nur erklären? Wie soll ich ihnen sagen, dass es falsch ist, wenn unser Staat das schützt, es erlaubt?

Ich bin erfüllt von einer Trauer die ich kaum zu beschreiben vermag, von Wut und Scham. Ich erinnere mich an die Worte meines Vaters, als ich gerade 6 Jahre alt war und er mir das erste Mal über das 3. Reich berichtete, mich auf seinen Schoß nahm und mit mir einen Bericht im Fernsehen über den Holocaust ansah. Ich war verstört, ich war erst 6! Ich habe meinen Vater mit großen Augen angesehen und gesagt:

Haben wir das gemacht Papa? 

Nein, mein Schatz. Aber die Menschen in diesem Land. Vergiss nie was Hass anrichten kann und halte dich fern davon. Wir sind alle gleich, lass dir niemals etwas anderes sagen! 

Papa, aber wir waren das wirklich nicht oder?

Nein, Liebes, wir waren es nicht. Deine Oma, meine Mutter war Jüdin – und wenn dieser Hass nicht geendet hätte, wären wir beide niemals hier zusammen!   

Ich wäre nicht hier, viele wären nicht hier, nichts wäre so wie es ist. Wie kann es sein, dass SIE, die Anhänger dieser durch und durch bösartigen Ideologie, immer noch hier sind, immer noch Hass predigen? Vielleicht weil wir uns zu sehr auf  die Panik einlassen, die die Medien verbreiten. Atomare Bedrohung durch den Iran, Überfremdung, Kriminalität durch „Ausländer“ (die zum größten Teil gar keine Ausländer sind!), der böse Islam. Wir trauern nur kurz, wenn Todesfälle aufgedeckt werden wie letztes Jahr – aber wir sollten nicht nur kurz trauern, wir sollten uns endlich von dieser Ideologie befreien, sie unter Strafe stellen – warum dulden wir so etwas? Wir dulden kein israelkritisches Gedicht, aber Nazis auf unseren Straßen?

Wo leben wir eigentlich?