Das Glück

Wir sitzen im Auto und fahren durch das nächtliche Amman. Trotz des teilweise tödlich anmutenden Verkehrs habe ich mich entspannt in meinen Sitz zurückgelehnt . Du bist der einzige Fahrer, ausser mir selbst natürlich, bei dem ich mich absolut sicher fühle, selbst bei diesem Verkehr, vor dem sogar das Auswärtige Amt warnt. An jeder roten Ampel sucht deine Hand, wie selbstverständlich, die meine und hält sie fest, so fest, dass ich manchmal glaube, du hättest Angst ich könnte in der nächsten Sekunde aus dem Auto springen und für immer weg sein. Wenn du fährst sehe ich immer wieder zu dir hinüber, dein Profil bezaubert mich und ich könnte dir bis in alle Unendlichkeit sagen, wie wunderschön du für mich bist.

Immer wieder streiche ich dir sanft über die Wange, du lächelst und ein Grübchen zeichnet sich vorsichtig ab. Vor etwa einem Jahr schrieb ich über meine Angst vor dem „Ankommen“ und nun sitze ich hier neben dir, in einem fremden Land, in einem gemieteten Auto und fühle mich so angekommen, dass ich bereit wäre, für immer mit dir so weiter zu fahren, niemals anzuhalten oder auszusteigen, nur du und ich, hier an diesem Ort oder einem Anderen, es spielt keine Rolle. Plötzlich fühle ich das Zuhause, nach dem ich mich so lange heimlich gesehnt hatte. Es ist hier, an deiner Seite.

Und plötzlich überkommt sie mich, die Angst, die pure Panik. Mein Herz schlägt schneller und mir wird abwechselnd heiß und kalt. Nein, ich habe keine Angst vor uns oder vor dem was ich fühle, ich bin kein runaway mehr. Ich habe plötzlich unsägliche Angst dich zu verlieren, nicht genug Zeit mit dir verbringen zu können, getrennt von dir zu sein. Unzählige Gedanken schieße mir durch den Kopf. Ich beginne zu zittern, du spürst es, fährst rechts ran, nimmst mein Gesicht in deine Hände und küsst mir sanft die Tränen von der Wange, die sich unbemerkt gelöst hatten. Ich schmiege mich hilfesuchend an dich und kann meine Gefühle nicht in Worte fassen. Aber das muss ich auch nicht, du schützt mich und fragst nicht nach. Du bist mein Retter, das warst du vom ersten Moment an. Auch dir laufen die Tränen über die Wange. Wir brauchen eine Weile um uns zu beruhigen. Danach fahren wir wieder in die Nacht, du und ich und es dauert nicht lange bis wir uns wieder anlächeln.

Doch die Angst ist plötzlich da und verschwindet nicht mehr. Wann immer du in ein Auto steigst sorge ich mich um dich und schicke leise Stoßgebete in den Himmel, ER möge dich  mir heile zurückbringen. Als ich selbst Tage später in das Flugzeug steige, beginne ich wieder zu zittern. Ich hatte niemals Flugangst, jetzt habe ich sie. Was wenn mir etwas passiert? Was wenn ich dich nie wieder sehen kann? Habe ich dir alles gesagt? Habe ich dir alles gegeben? Gerade als ich mein Handy für den Abflug ausschalten will, rufst du noch einmal an. Deine Stimme zittert, Als ich dir nach der Ankunft schreibe antwortest du innerhalb einer Millisekunde – wir sind beide erleichtert.

Du bist mein wertvollster Schatz, erst mit deinem Erscheinen konnte ich all meine alten Ängste fortwischen, wie alten Staub, der sich mit den Jahren leise, aber stetig über mich gelegt hatte. Mit dir bin ich so frei, ohne jede Scham, ohne Verheimlichungen. Ich glaubte immer Freiheit würde bedeuten ungebunden zu sein, aber vielleicht bedeutet frei sein auch, sich fallen lassen zu können?

Ich habe geglaubt ein solches Glück, wäre nicht für mich bestimmt. Ich habe nicht einmal mehr darauf gehofft. Und jetzt ist es da, es umhüllt mich, vollendet mich. Immer wieder wenn ich dich ansehe, bin ich so erfüllt davon, dass es mich beinahe erschreckt. Kann soviel Glück sein? Wo ist der Harken? Was wird schief gehen? Kann jemandem wirklich so viel Glück wiederfahren? Jemandem wie mir? Uns?

Noch nie war mir etwa so wertvoll und lieb in meinem Leben, noch niemals hatte ich solche Angst etwas zu verlieren.

Und weil das so ist und weil ich mir niemals so sicher war, habe ich nicht eine Sekunde gezweifelt, dir vor dem Gott unseres Herzens, mein Leben anzuvertrauen. Weil wir daran glauben, dass wir einander ein Geschenk von Ihm sind, fehlte uns nur noch sein Segen. Der Segen der uns schützen soll, vor allem was kommen mag.

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Der totale Absturz

Uhrzeit: Irgendwann nach Mitternacht

Ort: Kat´s Küche, Hamburg, später Reeperbahn

Beteiligte Personen: Kat, Plitschi, Ninjaan

Umstände die zur Tat führten: Eine Flasche Ouzo, eine halbe Flasche Vodka und ein Handy

Wir saßen schon eine Weile zusammen in der Küche, die Gläser waren im Minuten Takt leer, glücklich sind wir gerade alle nicht wirklich, da geht das noch schneller. Um halb 1 beginnt die Diskussionsrunde „Darf Ninjaan Yaya in diesem Zustand anrufen?“ Es gibt Pro und Kontra. Der Haupt „Pro-Punkt“: Es gibt eh nichts mehr zu verlieren und wenn Ninjaan es sich so wünscht, warum nicht? Der stärkste „Kontra-Punkt“: Er könnte nicht rangehen, aus welchem Grund auch immer, und dann bist du noch trauriger.

In meinem Kopf dreht sich alles, ein klarer Gedanke war schwer zu fassen, der Ouzo knallt mehr als erwartet. Mit jedem Schluck steigt die Gleichgültigkeit und die Hemmschwelle sinkt. Was soll schon passieren? Ich rufe nur kurz an, nur ein kurzes Gespräch – warum sagt er nichts, via Email zum Beispiel – bin ich so schnell vergessen? Ich muss es hören, will es hören und irgendwo tief in mir spricht die dumpfe Stimme der Hoffnung zu mir…

Kat und Plitschi geben grünes Licht, sie sind selbst betrunken, traurig, Ninjaan soll nicht so traurig sein, was soll schon passieren?

Der letzte Anflug von Verstand lässt mich noch schnell meine Nummer unterdrücken – es hat mich immerhin 15 Euro gekostet!

Es klingelt, er ist in der selben Stadt wie ich, mein Herz rast, Kat und Plitschi starren gebannt auf das Handy in meiner Hand. – Niemand nimmt ab. So spät ist es nicht, ich schüttel die Zweifel ab und wähle noch einmal die Nummer. Es klingelt 3mal, dann hört das Klingeln auf. Stille. Kein Wort. Ich halte die Luft an und setze schließlich an, versuche nicht zu lallen: „Hey Yaya….hi!“

Stille. Dann ein Besetztzeichen. Er hat aufgelegt. das Dröhnen in meinem Kopf wird unerträglich laut. Kat und Plitschi sind geschockt, sagen nichts. Ich wähle erneut die Nummer, das muss ein Versehen gewesen sein, er legt doch nicht auf, wenn er meine Stimme hört. Es klingelt genau 3mal, dann ertönt das Besetztzeichen abermals.

Mit glasigen Augen sehe ich zu Plitschi, sie sitzt mir direkt gegenüber. Sie stammelt etwas, ich verstehe sie nicht, ich höre nur das Dröhnen in meinem Kopf und den Besetztton, als hätte ich noch nicht aufgelegt. Noch einmal nehme ich das Handy in die Hand. „Tu es nicht Ninjaan…bitte…“ Plitschi´s Stimme zittert. Ich schüttele nur den Kopf, mir ist schwindelig, das kann nicht sein. Ich wähle erneut. Nach 2 Mal klingeln der Besetztton.

Yaya hat aufgelegt, als er mich gehört hat und mich danach weggedrückt. Er hat nicht das Klingeln ignoriert, den Ton auf lautlos gestellt, sondern mich weggedrückt.

Ich stehe auf, mir ist so schwindelig, ich sehe schlecht, vielleicht liegt es am Alkohol, vielleicht an den Tränen in meinen Augen, aber ich kann nicht weinen. Ich will raus, raus und vergessen und mehr trinken, bis ich vergesse, was man nicht vergessen kann.

Ich schreibe noch eine Nachricht bei Skype, etwas über Respektlosigkeit, böse Worte, davon, dass ich eine Freundin war und ich verfluche ihn auf persisch.

Wir gehen aus, erst zu dritt, später nur Kat und ich. Ich trinke weiter. Wir sind auf der Reeperbahn in einem Club, Kat will mich vom Trinken abhalten, aber ich will nicht. Ich fühle mich betäubt, es gibt kein besseres Gefühl als das, nicht in diesem Moment. Ich streite mit ihr, tanze, rede, flirte, wirke wie leichte Beute für Männer. Mir ist alles egal, mein Kopf dröhnt noch immer, ich muss vergessen.

Ich tanze mit einem Typ, von dem ich nicht sagen kann, ob ich ihn attraktiv finde, weil es egal ist. Er kann tanzen, er lenkt mich ab. Irgendwann küssen wir uns, ich fühle sowieso nichts. Kat will mich nach Hause bringen, ich lehne ab…ich will nicht ins Bett, nicht nachdenken, ich will bleiben und feiern bis ich einfach umfalle. Irgendwann gibt sie auf, Ninjaan ist alt genug und bleibt bei dem Typ im Club.

Als er mich nach meinem Namen fragt sage ich ihm, dass es keine Rolle spielt, weil wir uns nicht wiedersehen werden und ich ihn morgen vergessen habe. Komischerweise ist dieser Aufreisser tatsächlich für einen Moment geschockt, er nennt mich abgebrüht. Nein, nicht abgebrüht, denke ich, nur tot, Gefühlstot.

Ich komme morgens um 10 Uhr in Kat´s Wohnung an. Ich rieche genauso wie die Küche, nach Alkohol und Zigaretten. Ich warte bis sie aufwachen, in meinem Kopf ist Leere.

Ich schlafe nicht, bis Sonntag Nacht bin ich auf den Beinen. Danach falle ich in einen komatösen Schlaf, auf der Couch meiner Mutter, da fühle ich mich nicht so allein. Nicht allein sein, nicht zuviel denken…das tut weh, im Kopf, im gesamten Körper.

Retrospektive November 2011 Teil II

Der gesamte November war chaotisch, starke Erkältung mit Fieber, Hexenschuss, Umzug und dann noch du. Du, du, du, neben meinem Job gab es fast nur noch dich, tagsüber hier und da eine Sms, abends bei Skype und nachts in meinen Träumen. Meine Welt bestand aus dem neuen Job, den ich wirklich liebte (und mir immer gewünscht hatte!) und dir, Yaya, den ich mit aller Kraft versuchte nicht zu lieben.

Wir hatten bereits ein Treffen geplant, aber es ging mir schlecht, ich hatte Fieber, Bauchschmerzen und sah aus, als hätte mich ein LKW geküsst. Also bat ich dich einen Tag vorher, das Treffen verschieben zu können, da es mir schlecht ginge. Ich dachte du würdest das einfach abnicken und mir gute Besserung wünschen. Aber stattdessen schreibst du mir eine Sms, dass es dir leid tue und ob ich irgendetwas brauchen würde? Ich halte das noch immer für einen Scherz und sage dir, dass ich, hätte ich nicht solche Bauchschmerzen, Lust auf ein persisches 3 Gänge Menu hätte. Darauf bekomme ich keine Sms zurück, aber eine Nachricht bei Skype. Du fragst mich tatsächlich, ob du kommen sollst, weil du weisst, wie blöd es ist, krank und alleine zu sein und dass du mir wirklich etwas kochen könntest, allerdings kein persisches 3 Gänge Menu, weil du dafür keine Zutaten hast (es war schon spät Abends). Ich bin ziemlich überrascht und sage dir, dass ich eigentlich gerade bei meiner Mutter bin und auch dort schlafe. Deine Enttäuschung schwingt mit deinem „Aha…ok ninja. That´s good, stay with mami than…“ mit. Für einige Minuten sagen wir beide nichts, ich breche das Schweigen, versuche lustig zu sein und sage dir, dass ich sowieso furchtbar aussehe und du dich nur erschrecken würdest. „Since when am I that superficial ninjaan? U are sick, guess u look like u are, that´s normal!” Natürlich will ich dich auch sehen und natürlich weiss ich, dass du nicht oberflächlich bist, aber ich sehe wirklich schlimm aus! Du aber bleibst hartnäckig und so treffen wir uns mitten in der Nacht am Bahnhof, um zu mir nachhause zufahren.

Du bist ins Auto gestiegen, hast mir über´s Haar gestrichen und mir einen Kuss auf den Kopf gegeben. Zuhause hast du Rührei gemacht, mehr hatte ich nicht, und Tee. Wir haben auf dem Bett gelegen und gegessen, geredet, gelacht und irgendwann wolltest du mich küssen. „I am sick, u will get sick too Yaya!“ – „Don´t worry about me Ninjaan!“ 

Wieso schaffst du es, mir selbst in solchen Momenten das Gefühl zu geben schön zu sein, ohne etwas zu sagen? Komplimente sind nicht dein Ding, aber das machst du mit deinen Blicken, deiner Art mehr als wett. Es bleibt nicht bei einem Kuss und tatsächlich fühle ich mich in dieser Zeit, weder krank noch abscheulich – im Gegenteil, ich fühle mich schön, gesund und stark – wie immer mit dir.

Erschöpft liegen wir irgendwann nebeneinander, mein Kopf auf deiner Brust und sanft streichelst du mir durchs Haar. Wieder will ich aufstehen, um mich zu duschen, und wieder lässt du mich nicht. „Stay joonam, don´t get up now, everything is right the way it is!“ Erschöpft lasse ich mich wieder in deinen Arm fallen, gebe dir noch einen Kuss auf die Wange, sehe das Lächeln, das sich auf deinen Lippen abzeichnet und schlafe sofort ein. Wir erwachen am nächsten Morgen in der selben Position in der wir eingeschlafen sind, du hast dich nicht gerührt, den Arm nicht von mir genommen und jetzt als wir aufwachen drückst du mich als erste noch etwas fester an dich und fragst mich,  ob ich mich besser fühle. Ich nicke nur und denke darüber nach, dass du wohl die beste Medizin für mich bist, weil ich mich tatsächlich kaum noch krank fühle…

Retrospektive Oktober 2011

„I have never seen that dress you’re wearing
Or the highlights in your hair that catch your eyes I have been blind

Lady in red is dancing with me cheek to cheek
There’s nobody here, it’s just you and me, It’s where I wanna be
But I hardly know this beauty by my side
I’ll never forget, the way you look tonight“ (Lady in red, Chris deBurgh)

Du kommst zurück. Zurück zu mir. Du hast nie gesagt, dass du zurück kommen willst und ich habe niemals gesagt, dass du zurück kommen sollst. Nach unserer letzten Begegnung am Bahnhof sind wenige Wochen vergangen, ich hatte die Hoffnung aufgegeben, dass du und ich jemals wieder so sein könnten wie zuvor. Unser Kontakt brach trotz unseres katastrophalen letzten Treffens nicht ab. Du warst etwas reservierter als sonst, ich ebenfalls, doch wir konnten nicht ganz voneinander lassen.

Die Musik hat uns wieder zusammengebracht. Mein Projekt. Alles lief schief, nichts funktionierte wie es sollte, aber ich hätte dich niemals gebeten zu kommen, dafür war ich zu stolz. Also bist du über deinen Schatten gesprungen und hast mir angeboten alles zu installieren und anzuschließen – du könntest allerdings erst abends. Kein Problem, ich auch…

Und so stehe ich nun, wie so viele Male zuvor, um 21 Uhr am Bahnhof und warte auf dich. Ich versuche nicht nervös zu sein, ich bin über dich hinweg sage ich mir. Das war Einbildung, meine Gefühle niemals echt. Du und ich, wir passen gar nicht zusammen. Wie ein Mantra habe ich mir das alles, im Auto auf dich wartend, aufgesagt.

Deinen Weg vom Gleis bis zum Auto habe ich dich extra nicht angesehen, so getan als würde ich etwas im Auto suchen, nicht erinnern, nichts machen, dass Gefühle hervor ruft! Als du neben mir sitzt reichst du mir die Hand, Kumpels, dass sind wir jetzt. Auf der Fahrt siehst du mich an, wir reden wenig, es ist irgendwie noch komisch und vielleicht wartest du darauf, dass ich auf den Rücksitz greife und dir eine Cola reiche, wie so viele Male zuvor. Aber diesmal habe ich keine Cola für dich.

Als wir im Jugendzentrum ankamen, war niemand mehr dort. Du hast darauf bestanden, dass ich dir alles zeige und  warst so begeistert. Alles war toll. „That´s an awesome place ninjaan! It´s sooo oldschool! I´d love to chill here! U did a great job!” Deine Worte erfüllten mich mit Stolz…in den wenigen Wochen hatten wir viel gearbeitet, viel geändert, dass es dir gefällt, macht alles noch schöner für mich. Bevor wir ins Tonstudio gehen, setze ich einen Kaffee auf und du hast mich zum Kicker gerufen. Du wolltest ein kleines Match. Ich habe gnadenlos verloren, ich bin eine Niete im Kickern. Aber es hat die Stimmung gelockert.

Im Tonstudio machst du dich gleich an die Arbeit. Ich habe gehofft, dass du es nicht schnell genug hinbekommst, ich wollte nicht, dass du wieder gehst. Du solltest bleiben Yaya. Ich bin doch über dich hinweg, wir können wieder so sein wie vorher.

Irgendwann hast du auf dem großen Sessel Platz genommen und ich habe mich neben dich gekniet. Du hast die Software auf dem Laptop installiert und mir dabei etwas erklärt. Aber alles woran ich denken konnte, war dein Duft. Du hast gerochen wie immer, nach dir, nach Leidenschaft. Du hast bemerkt, dass ich dir nicht wirklich folge und mir lächelnd über´s Haar gestrichen.

Nach Stunden ist endlich alles angeschlossen und installiert. Du hast die Hand nach mir ausgestreckt und mich zu dir gezogen. „U want me to stay?“ Ich lächelte:“ Let´s go home.”

Zuhause angekommen bist du schnell unter die Dusche gesprungen, du seist direkt von der Arbeit gekommen – ich hoffte nur, mein Duschgel würde deinen Duft nicht zu sehr übertönen.

Ich machte Pizza für uns und holte eine Flasche Cola aus dem Kühlschrank – Ja, ich hatte welche gekauft, als wenn ich es wirklich vergessen hätte, Yaya! Du hast dich aufs Bett geworfen und wir haben gemeinsam gegessen und uns dabei einen völlig bescheuerten Film angesehen. Es fühlte sich so gut an, so als wäre niemals etwas gewesen zwischen uns, als wären nicht Wochen seit unserem letzten Treffen vergangen, als hätte es den Tag am Bahnhof niemals gegeben.

Irgendwann drehst du dich auf den Rücken und siehst mich an, ich versuche es zu ignorieren und bekomme doch eine Gänsehaut. Sanft berührst du mein Gesicht und ziehst mich näher an dich heran. Eine kleine Ewigkeit schauen wir uns nur an, dann küssen wir uns, langsam, vorsichtig, als wäre es unser erster Kuss… Du riechst so gut, trotz des Duschgels rieche ich dich. „U smell so good!“ Verlegen schaust du zur Seite:“ Don´t say that…“ – „But it´s the truth.“ Du siehst mich an, du wirkst unsicher, fragend schüttele ich den Kopf. „Someone once told me, I smell too much…“ Ich bin erschrocken, wie konnte jemand so etwas sagen? Du riechst wundervoll, du bist der erste Mensch den ich überhaupt so intensive wahrnehme! Ich streichel vorsichtig über dein Gesicht, küsse dich. „I love it!“

Am nächsten Nachmittag, auf dem Weg zum Bahnhof, erscheint alles zwischen uns wieder wie vorher zu sein. Du sitzt entspannt neben mir und siehst aus dem Fenster. Dann beginnst du das Lied von Chris de Burgh zu singen. Wie immer bekomme ich eine Gänsehaut bei deiner Stimme. Du schaust zu mir rüber und lächelst. „I´ll record it for u one day.“

„Was du nicht willst,das man dir tu…

…das füg auch keinem andern zu.“

Mit dieser goldenen Regel bin ich groß geworden. Seit ich denken kann haben meine Eltern, Großeltern und alle anderen Menschen um mich herum, mir diesen Satz gepredigt. Ich halte ihn für gut, für richtig, was gibt es bei dieser einfachen Regel auch zu hinterfragen? Immer habe ich versucht danach zu leben. Ich bin sicherlich keine Heilige, dass bin ich nie gewesen, aber ein Mindestmaß an Empathie, Rücksicht und Taktgefühl erwarte ich von mir selbst und von Menschen mit denen ich mich umgebe.

Ich möchte, und wollte niemals, jemanden absichtlich verletzen, wenn ich etwas hartes sage, dann weil ich es empfinde und nicht um jemanden damit zu treffen. Wenn ich etwas tue, denke ich darüber nach, ob meine Tat jemand anderem Schaden könnte, sollte dies so sein, halte ich mich in 90% der Fälle wirklich zurück. Dann beisse ich mir schon mal auf die Zunge oder stecke zurück. Ich bin temperamentvoll, aber nicht bösartig, launisch aber nicht zickig, ich schlage zurück (metaphorisch natürlich), aber niemals unter die Gürtellinie.

Genug des Selbstlobes, auf das ich eigentlich gar nicht hinaus wollte.

Ich bin nicht das erste Mal in einer Situation in der ich meine eigene Moral infrage Stelle, aber das erste Mal, dass ich sie bewusst (!) gebrochen habe. Ich habe einen verheirateten Mann geküsst, nicht nur einmal. Ich telefoniere mit ihm, ich sehe ihn, ich will ihn umarmen, ihn riechen, in seiner Nähe sein. Zu meiner Verteidigung kann ich nicht sagen, dass ich nicht gewusst habe, dass er verheiratet ist. Ich wusste/weiß es, seit dem Tag als er vor 4,5 Jahren geheiratet hat. Damals war ich stark genug, den Kontakt gänzlich abzubrechen. Heute, nachdem wir uns vor knapp einer Woche das erste Mal seit Ewigkeiten wiedergesehen haben, bin ich es nicht. Im Gegenteil, ich bin schwach – wobei vielleicht diese Schwäche auch eine eingebildete ist, eine Ausrede?

Wie ein kleines Kind habe ich mir die ersten Tage eingeredet, dass es etwas anderes ist, anders als bei anderen, er ist mein Exfreund, ich war mit ihm zusammen, bis er von seiner Familie vor die Wahl gestellt wurde und zur Heirat „gedrängt“ wurde, ich war vorher da. In besonders trotzigen Momenten schreit das Kleinkind in mir, wie nach einem längst verschenktem Spielzeug: „DAS IST MEINS!“. Ich erschrecke mich vor mir selbst.

Solidarität! Wie hoch halte ich sie immer, Solidarität, anderen Frauen gegenüber, allgemein Menschen gegenüber. Ich höre mich noch selbstgefällig über die Solidarität schwadronieren:“ Wenn alle Rücksicht aufeinander nehmen würden, wenn alle solidarisch wären und die Finger von „Vergebenen“ lassen würden – dann hätten Fremdgeher keine Chance!“

Ha! Gut gebrüllt Löwe! Es ist ja so einfach über andere zu urteilen, solange man nicht selbst in der Situation ist!  – Nein, nein, ich war schon mal in der Situation! Ich bin stark geblieben – oh wie anständig, prinzipientreu und „gut“ ich doch war! Ich bin, jedenfalls soweit es mir bekannt ist, nie betrogen worden. Aus mir spricht/sprach also kein gekränktes Ego sondern die bloße Selbstgerechtigkeit!

WAR! Vergangenheit. Ich habe meine eigenen Grundregeln über Bord geworfen, meiner Moral den Rücken gekehrt. Noch nicht ganz, noch drehe ich mich bei jedem Schritt nach ihr um, sehe sie an und spüre ihren vorwurfsvollen Blick, der mich, selbst wenn ich ihr den Rücken zukehre, zu durchbohren scheint.

Erwachsen sein. Das sollte ich, verantwortungsvoll handeln. Was ich nicht will, dass man mir tu… Warum tue ich es dann ihr an? Was kann sie dafür? Sie hat ihn sicher genauso ungerne geheiratet wie er sie, mit dem Unterschied, dass sie nun zuhause sitzt und auf das gemeinsame Kind Acht gibt (KIND! Ja, genau, sie haben sogar ein Kind. Damit sinke ich noch ein wenig mehr…). Sie hat keine Wahl, ich schon. Ich kann es lassen. Ich lass es aber nicht, jedenfalls gerade nicht und erwachsen bin ich auch nicht. Wie ein Teenager in seiner schlimmsten „ICH“ Phase, treffe ich mich mit ihm, irgendwo, letztens sogar auf der Arbeit bevor alle da sind. Wir küssen uns heimlich, berühren uns. Es ist nur Küssen – nette Ausrede oder?

„Aber ich bin gerade so verletzt… Yaya…er ist einfach weg. Hat uns verlassen, im Regen stehen lassen. Er war böse zu uns, er hat ganz gemeine Sachen gesagt! Und B., er ist so anders. Er streichelt uns, ist liebevoll, fürsorglich. Weisst du noch wie er damals war? Schau mal, er ist genauso zu uns!“ schluchzt mir mein Ego leise ins Ohr. „Halt die Klappe EGO!“

Moral…

Komm zurück Moral, halt mich fest, pack mich an den Schultern, hau mir von mir aus eine runter – aber mach irgendwas! Dein strafender Blick reicht nicht aus, deine bloße Anwesenheit schon längst nicht mehr! Ich muss aufhören. Jetzt! Sofort! Was ist los mit mir? Ich bin nur schwach gerade…Schwäche…ganz miese Ausrede. Man ist nur schwach, wenn man es sich selbst erlaubt!

 

 

Retrospektive Juni 2011

„Beim Vormittage

und bei der Nacht wenn sie am stillsten ist

Dein Herr hat dich nicht verlassen, noch ist er dir böse.

Wahrlich, jede (Stunde) die kommt, ist besser als die, die ihr vorausging.

Und fürwahr, dein Herr wird dir geben und du wirst wohlzufrieden sein.

Fand er dich nicht als Waise und gab dir Obdach?

Fand er dich nicht irrend (in deiner Sehnsucht nach ihm) und führte (dich) richtig?

Und er fand dich in Armut und machte (dich) reich.

Darum bedrücke nicht die Weise.

Und schilt nicht den Bettler.

Und erzähle von der Gnade deines Herrn!“ (Sure 93)

Du hattest deinen Zug verpasst, nun kommst du erst mitten in der Nacht. Ich kann kaum meine Augen aufhalten, aber absagen wollte ich auf keinen Fall, dafür will ich dich zu gerne sehen. Du schreibst gerade deine Masterarbeit, bist zu spät aus der Bibliothek rausgekommen, du bist angespannt, ich bin mir nicht sicher, ob du mich überhaupt sehen willst. „ I didnt´t sleep last night ninjaan!“ – „U wanna meet another day? It´s late now…!” – “Are u tired?” – “Nope.” – “I am not too tired to meet u, I don’t need to sleep…” Schlaflos bist du, das erwähnst du immer wieder, wenn du bei mir bist schläfst du eigentlich relative fest.

Übermüdet hole ich dich vom Bahnhof ab, völlig fertig setzt du dich zu mir ins Auto, deine Augenringe sind heute noch viel dunkler als sonst. Jeder andere würde wahrscheinlich wie ein Junkie auf Entzug aussehen, bei dir wirkt es nicht so. Du hast dich nicht rasiert, du weisst wie gerne ich deinen 5 Tage Bart mag, ich kneife dir in die Wange, du lächelst erschöpft.

Während der Fahrt grummelst du vor dich hin, mein Fahrstil passt dir nicht. Du redest davon, dass du ewig nicht Auto gefahren bist, wer es aber in deiner Heimatstadt gelernt hat (mehr als 10 Millionen Einwohner), der würde es wirklich beherrschen. Ich reagiere genervt, ich weiss wie man in deiner Heimatstadt fährt – wie ein Wahnsinniger! Ich bin eine gute Autofahrerin! „ U are not that good. U shouldn´t step on the gas that much!” Vielleicht aus Müdigkeit, vielleicht weil ich allgemein etwas empfindlich bei dir reagiere, was auch immer es ist, es brachte mich dazu, einfach anzuhalten. Eine kleine Vollbremsung mitten an einer Kreuzung (es war nachts und kein Auto weit und breit, keine Sorge…), Warnblinklicht an und: „ Do u want to drive ?“

Für einen Moment siehst du mich erschrocken an, dann kommt dein Pokerface zurück, du lächelst milde „ Dont be childish ninjaan – drive! I am quiet now.!

1:0 für dich Yaya. Du bleibst cool, ich reagiere über, reagiere kindisch, du hattest Recht. In meiner Wohnung kochte ich Tee und lasse mich dann neben dir auf dem großen Teppich nieder. „Sorry…sometimes I am too…“ – „Ist ok topoljaan, u are crazy. That´s why I´m here – I like that.” Wir lasen gemeinsam das letzte Kapitel deiner Mastarbeit, hier und da korrigiere ich etwas. Dein Deutsch ist gut, mehr als gut, es ist nahezu perfekt! „Why do u always speak English? Ur German is perfect!?“ – „Because u can!”

Du hast  gegrinst und die Datei geschlossen. Auf meinem Bildschirm erscheint eine arabische Kalligraphie. Du siehst mich an, was hast du in diesem Moment gedacht? „Sura ad duha“ sage ich leise. „I know!“ Dann beginnst du die ersten 4 Sätze zu lesen, besser gesagt zu rezitieren. Dein Arabisch ist ebenfalls beeindruckend gut, deine Stimme wie immer hinreissend. Du unterbrichst dich selbst, du hast eine Zigarette in der Hand, es erscheint dir unangemessen jetzt den Quran zu lesen.  Ich wundere mich, bestehst du doch sonst darauf, kein Muslim zu sein, keiner Religion anzugehören?

„Please conclude it!“ Du siehst mich an, legst die Zigarette zur Seite und fährst fort. Diese Worte bedeuten mir viel, sie von dir zuhören verleiht ihnen den perfekten Klang. Ich bin überzeugt, keiner kann dies schöner als du, nicht mal der aktuelle „Weltmeister im Quranrezitieren“! Als du es beendet hast, siehst du mich wieder lange an, diese Sure sei besonders, besonders schön. Ich lächelte und küsste dich auf die Wange. „U are special“ sagtest du. „U too!“ erwiderte ich.

Retrospektive Mai 2011

„Put us togetha, how they gon‘ stop both us?
Whateva she lacks, I’m right over her shoulder
When I’m off track mami is keepin‘ me focused
So let’s lock this down like it’s supposed to be
The ’03 Bonnie and Clyde, Hov‘ and B, holla
All I need in this life of sin is me and my girlfriend (me and my
Girlfriend)“  (´03 Bonnie & Clyde)

Deine Stimme ist sanft, ich spüre deinen Atem auf meinem Nacken. Ich koche gerade das Wasser für unseren Kaffee auf, als du plötzlich hinter mir stehst und dieses Lied anstimmst. Ich bekomme eine Gänsehaut, nicht nur weil du so dicht hinter mir stehst und dein unverwechselbarer Duft  dich und mich zu umhüllen scheint, sondern auch weil deine Stimme nicht nur nett ist, nicht nur schön, sie ist atemberaubend und du talentiert. Ich wende mich dir zu, du bist nur wenige cm von mir entfernt und strahlst mich mit einem selbstsicheren Lächeln an, ich lächele zurück, streiche dir über die Wange. „Du solltest singen, nicht nur rappen. Deine Stimme ist zu schön dafür.“ Unvermittelt drehst du dich um, gehst an den Kühlschrank und beginnst den Tisch für das Frühstück zu decken. Ich sehe dich an, alles ist so natürlich mit dir, in diesem Moment, nach der letzten Nacht. Keine heimliche Scham, kein Bereuen.

“ It´s easier to express myself when I rap.“ Ich nicke, als würde ich verstehen, obwohl du das nicht von mir erwartest. Du bist dieses Mal viel entspannter, lockerer, selbstsicherer. Der letzte Abend war schön, würde mir ein besseres Adjektiv einfallen, um zu beschreiben wie es war, würde ich es an dieser Stelle tun. Aber mir fehlen die Worte. Ich setze mich zu dir an den Tisch, der Kaffee ist noch heiss, zu heiss, um ihn schon zu trinken. Ich frühstücke mit dir, obwohl ich das eigentlich nie tue, doch ich weiss, du würdest es ansonsten ablehnen etwas zu essen.

Wir hatten eigentlich einen Film ansehen wollen, so wie beim ersten Mal, aber wir kamen nicht dazu. Es war drückend heiss in meiner Dachgeschosswohnung, du hast das große Fenster geöffnet und begonnen Kazoo zu spielen. Ich habe mich neben dich gestellt, und in den Nachthimmel hinein unternahm ich meine ersten Versuche diesem winzigen „Teilchen“ eben solche Klänge zu entlocken. „It´s ur voice that affects the sound.“ – Darum klingt es bei mir auch eher kläglich und ich überlasse es wieder dir.

Der Himmel ist klar und voller Sterne, wären wir verliebt, wäre es wohl einer dieser magischen Momente gewesen an die man sich bis ins hohe Alter zurück erinnert. Aber weil wir es nicht sind, lausche ich nur gebannt deinem Kazoo Spiel und betrachte den Nachthimmel. Nur manchmal habe ich zu dir herüber gesehen, das Bild von dir, am großen Dachfenster sitzend und Kazoo spielend, hat sich in meinem Kopf festgesetzt. Hätte ich künstlerisches Talent und man würde mich bitten dich zu malen, nicht nur dein Äusseres, sondern auch dein Innerstes, so wäre es dieses Bild. Wie sehr wünschte ich mir ein solches Talent zu haben.

Dieser Moment verging, wie alle Momente irgendwann einmal vergehen. Mir war nicht danach einen Film zu sehen, dennoch setzte ich mich vor den neuen Fernseher und suchte nach der Einstellung für den USB Anschluß. Aber auch dir war nicht mehr danach einen Film zu sehen. Du hast dich hinter mich gehockt, die Arme um mich geschlungen und mich auf die Wange geküsst. “ We don´t need to watch a movie now…“ Ich lächelte dich an, weil du dachtest was ich dachte, weil dieser Moment  vielleicht doch ein kleines bisschen magisch war und zu schön, um ihn nun mit einem B-Movie ausklingen zulassen. Diesmal küsstest du mich.

Ich bin nicht verliebt und du bist es nicht, deswegen ist es so schön, so ungezwungen und ich konnte mich dir hingeben, weil ich mich nicht fürchte, nicht vor dir.

Nach dem Frühstück gehst du, ich fahre dich nicht, ich werde das im nachhinein bereuen, weil ich hätte wissen müssen, dass es deine reine Höflichkeit war, die dich mehrfach sagen liess “  U don´t need to drive topol, it´s ok, really! The weather is perfect, I´d like to walk!“  Nachdem du fort bist stehe ich noch ein wenig am Fenster, ich nehme deinen Duft noch wahr, als wärst du nicht gegangen. Als ich mich umdrehe bemerke ich deine Jacke, sie ist es die deinen Duft weiterhin verströmt. Es ist warm, zu warm, darum hast du sie vergessen. Dein Duft ist so betörend, ich muss sie in den Flur hängen. Ich bin nicht verliebt in dich, was soll ich also deine Jacke länger in meiner Nähe haben?