„Asthma ist…

das Schluchzen der Seele.“

Jedenfalls hat das mein Hausarzt vor mehr als einem Jahrzehnt einmal behauptet. Von all seinem Gesundheitsgefasel ist dieser Satz als Einziges bei mir hängen geblieben. Vielleicht weil er so romantisch klingt?

Das Schluchzen der Seele.

„Wein mal richtig.“ – sein Ratschlag, als ich damals, obwohl eigentlich allergisches Asthma, mehrere Anfälle hintereinander hatte und die Frage mit „Wann hast du zuletzt mal so richtig geweint?“ mit „Kann ich mich nicht dran erinnern.“ beantwortet habe. Weinen fand ich damals uncool – es ist heute noch nicht meine Stärke. Wobei ich sicher mit dem Tränen vergießen heutzutage noch gerade so im „normal“ Bereich liege.

Ob Weinen, den Schmerz rauslassen, wirklich einen Einfluß auf das Asthma hat? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich nach 6 Tagen immer noch nicht geweint habe, mein Kopf weiterhin dröhnt und ich seit heute Kortison nehmen muss – weil mir die Luft wegbleibt, wenn ich liege, wenn ich sitze…wie zugeschnürt. Asthma, sagt der Spezialist und wundert sich, weil nichts mehr blüht, dass einen Anfall auslösen könnte.
Er sagt nichts über das Schluchzen der Seele. Er ist ja auch Facharzt und kein Naturheilkundler.

Advertisements

Der totale Absturz

Uhrzeit: Irgendwann nach Mitternacht

Ort: Kat´s Küche, Hamburg, später Reeperbahn

Beteiligte Personen: Kat, Plitschi, Ninjaan

Umstände die zur Tat führten: Eine Flasche Ouzo, eine halbe Flasche Vodka und ein Handy

Wir saßen schon eine Weile zusammen in der Küche, die Gläser waren im Minuten Takt leer, glücklich sind wir gerade alle nicht wirklich, da geht das noch schneller. Um halb 1 beginnt die Diskussionsrunde „Darf Ninjaan Yaya in diesem Zustand anrufen?“ Es gibt Pro und Kontra. Der Haupt „Pro-Punkt“: Es gibt eh nichts mehr zu verlieren und wenn Ninjaan es sich so wünscht, warum nicht? Der stärkste „Kontra-Punkt“: Er könnte nicht rangehen, aus welchem Grund auch immer, und dann bist du noch trauriger.

In meinem Kopf dreht sich alles, ein klarer Gedanke war schwer zu fassen, der Ouzo knallt mehr als erwartet. Mit jedem Schluck steigt die Gleichgültigkeit und die Hemmschwelle sinkt. Was soll schon passieren? Ich rufe nur kurz an, nur ein kurzes Gespräch – warum sagt er nichts, via Email zum Beispiel – bin ich so schnell vergessen? Ich muss es hören, will es hören und irgendwo tief in mir spricht die dumpfe Stimme der Hoffnung zu mir…

Kat und Plitschi geben grünes Licht, sie sind selbst betrunken, traurig, Ninjaan soll nicht so traurig sein, was soll schon passieren?

Der letzte Anflug von Verstand lässt mich noch schnell meine Nummer unterdrücken – es hat mich immerhin 15 Euro gekostet!

Es klingelt, er ist in der selben Stadt wie ich, mein Herz rast, Kat und Plitschi starren gebannt auf das Handy in meiner Hand. – Niemand nimmt ab. So spät ist es nicht, ich schüttel die Zweifel ab und wähle noch einmal die Nummer. Es klingelt 3mal, dann hört das Klingeln auf. Stille. Kein Wort. Ich halte die Luft an und setze schließlich an, versuche nicht zu lallen: „Hey Yaya….hi!“

Stille. Dann ein Besetztzeichen. Er hat aufgelegt. das Dröhnen in meinem Kopf wird unerträglich laut. Kat und Plitschi sind geschockt, sagen nichts. Ich wähle erneut die Nummer, das muss ein Versehen gewesen sein, er legt doch nicht auf, wenn er meine Stimme hört. Es klingelt genau 3mal, dann ertönt das Besetztzeichen abermals.

Mit glasigen Augen sehe ich zu Plitschi, sie sitzt mir direkt gegenüber. Sie stammelt etwas, ich verstehe sie nicht, ich höre nur das Dröhnen in meinem Kopf und den Besetztton, als hätte ich noch nicht aufgelegt. Noch einmal nehme ich das Handy in die Hand. „Tu es nicht Ninjaan…bitte…“ Plitschi´s Stimme zittert. Ich schüttele nur den Kopf, mir ist schwindelig, das kann nicht sein. Ich wähle erneut. Nach 2 Mal klingeln der Besetztton.

Yaya hat aufgelegt, als er mich gehört hat und mich danach weggedrückt. Er hat nicht das Klingeln ignoriert, den Ton auf lautlos gestellt, sondern mich weggedrückt.

Ich stehe auf, mir ist so schwindelig, ich sehe schlecht, vielleicht liegt es am Alkohol, vielleicht an den Tränen in meinen Augen, aber ich kann nicht weinen. Ich will raus, raus und vergessen und mehr trinken, bis ich vergesse, was man nicht vergessen kann.

Ich schreibe noch eine Nachricht bei Skype, etwas über Respektlosigkeit, böse Worte, davon, dass ich eine Freundin war und ich verfluche ihn auf persisch.

Wir gehen aus, erst zu dritt, später nur Kat und ich. Ich trinke weiter. Wir sind auf der Reeperbahn in einem Club, Kat will mich vom Trinken abhalten, aber ich will nicht. Ich fühle mich betäubt, es gibt kein besseres Gefühl als das, nicht in diesem Moment. Ich streite mit ihr, tanze, rede, flirte, wirke wie leichte Beute für Männer. Mir ist alles egal, mein Kopf dröhnt noch immer, ich muss vergessen.

Ich tanze mit einem Typ, von dem ich nicht sagen kann, ob ich ihn attraktiv finde, weil es egal ist. Er kann tanzen, er lenkt mich ab. Irgendwann küssen wir uns, ich fühle sowieso nichts. Kat will mich nach Hause bringen, ich lehne ab…ich will nicht ins Bett, nicht nachdenken, ich will bleiben und feiern bis ich einfach umfalle. Irgendwann gibt sie auf, Ninjaan ist alt genug und bleibt bei dem Typ im Club.

Als er mich nach meinem Namen fragt sage ich ihm, dass es keine Rolle spielt, weil wir uns nicht wiedersehen werden und ich ihn morgen vergessen habe. Komischerweise ist dieser Aufreisser tatsächlich für einen Moment geschockt, er nennt mich abgebrüht. Nein, nicht abgebrüht, denke ich, nur tot, Gefühlstot.

Ich komme morgens um 10 Uhr in Kat´s Wohnung an. Ich rieche genauso wie die Küche, nach Alkohol und Zigaretten. Ich warte bis sie aufwachen, in meinem Kopf ist Leere.

Ich schlafe nicht, bis Sonntag Nacht bin ich auf den Beinen. Danach falle ich in einen komatösen Schlaf, auf der Couch meiner Mutter, da fühle ich mich nicht so allein. Nicht allein sein, nicht zuviel denken…das tut weh, im Kopf, im gesamten Körper.

Ein Abschiedsbrief (ohne Empfänger)

Vorab möchte ich dir sagen, dass ich gerne eine passende Anrede gefunden hätte, eine Perfekte, nicht schnulzig, aber eine die meinen Gefühlen dir gegenüber gerecht wäre. Doch ich finde sie nicht. Dir auf Deutsch zu schreiben, allein das ist ungewöhnlich. Nie habe ich dir Wichtiges auf Deutsch gesagt, nur in Wut, aus Verletzung und der Hilflosigkeit heraus habe ich zu dir in meiner Muttersprache gesprochen. Doch alles ändert sich und heute schreibe ich dir weder aus Wut, noch aus Verletzung oder Hilflosigkeit. Ich schreibe dir auf Deutsch, weil es die Sprache ist in der ich mich am Besten ausdrücken kann – weil es meine Sprache ist und die Zeiten, in denen es ein kleines „wir“ gab, vorbei sind – es gibt nur noch dich und mich …

Dies hier soll keine Anklage sein, sondern eine Feststellung, etwas, dass ich akzeptieren muss, weil ich nicht das Recht habe auf etwas anderes zu beharren. Ich schreibe dir heute, weil ich dir, mir selbst und der ganzen Welt sagen möchte, dass ich nicht im Zorn gegangen bin, nicht in Wut, dass ich dich nicht hasse und dich nicht für einen schlechten Menschen halte.

Ja, es wäre soviel leichter, würde ich mir das einreden. Dich hassen, dir die Schuld an allem geben. Doch ginge es hier um Schuld, wer trüge sie dann? Du, weil du dich nicht verliebt hast? Ich weil ich mich verliebt habe, obwohl du mir niemals etwas vorgemacht hast? Nein, das führt zu nichts und so betrachtet, muss ich mir eingestehen, trage ich selbst die Schuld. Ich wusste wer du bist, wie du bist, was du denkst, was du dir erträumst und ich habe es kommen sehen, meine Gefühle, doch ich habe sie unterschätzt, mich überschätzt. Und nun stehe ich hier, nach 1 1/2 Jahren und schreibe dir einen Brief, den ich niemals abschicken werde.

Warum ich ihn dir nicht schicke? Weil ich nicht will, dass du antwortest. Du würdest antworten, du würdest es niemals so stehen lassen, das ist nicht deine Art, wider deiner Natur. Dennoch, muss ich dir noch so viel sagen. Du warst immer eine Inspiration für mich. Niemals war ich so fasziniert, niemand hat mich so an meine Grenzen und darüber hinaus gebracht wie du. Ich liebe Herausforderungen, liebte sie immer, du bist die Krone der Herausforderungen.

Ich liebe deine diplomatische Art, wenn du über Politik gesprochen hast, die, dir vielleicht unbemerkte, Weisheit deiner Einschätzungen fand stets meine höchste Anerkennung, selbst wenn ich nicht deiner Meinung war. Deine Texte, deine Stimme, deine Art Musikinstrumente vorsichtig in die Hand zu nehmen, sie zu begutachten und sie nach kürzester Zeit zu beherrschen, als hättest du niemals etwas anderes gespielt – meine Bewunderung dafür kann ich nicht in Worte fassen.

Ich finde dich nicht nur faszinierend, sondern auch schön. Nicht attraktiv, oder anziehend, sondern schön, wie ein Kunstwerk. Schön ist sie, die Sehnsucht in deinen Augen, dein Lachen, dass du so spärlich sääst, als könntest du es abnutzen. Schön ist alles an dir, auch deine grauen Haare auf der Brust, die du so schockiert im letzten Winter entdecktest.

Doch ich würde dich nicht lieben, hätte nicht so klammheimlich aus deinem Leben, deiner Reichweite verschwinden müssen, liebte ich nicht auch deine andere Seite, die, für andere oft schier Unerträgliche. Ich liebte dich auch, wenn du launisch warst und wie ein getretener Hund um dich gebissen hast. Ich liebte dich, wenn du vor Narzismus triefend, nicht gesehen hast, was um dich herum geschieht. Deine Diskussionswut, die mich manchmal an den Rand der Verzweiflung gebracht hat und mir so manch „Pseudo Migräne Attacke“ bescherte. Ich habe dich nie weniger geliebt, wenn du, stur wie ein kleines Kind, in der Ecke gesessen hast um zu schmollen oder mir das Leid, dein Leid dieser Welt, in die Schuhe schieben wolltest.

Nicht weil ich blind bin vor Liebe, aber weil du auch mich akzeptiert hast wie ich bin. Meine Macken, meine Launen hast du ertragen, besser als jeder andere zuvor – manch eine habe ich durch dich überwunden. Deine Geduld, warst du auch selbst ungeduldig, mit mir war grenzenlos.

Darum und weil ich dich liebe, wollte ich deine Freundin sein, deine Vertraute, von mir aus deine Schwester – was auch immer, ich glaubte ich sei  bereit dazu. Und solange du mir das Gefühl gabst, mich zu wollen, mich in deinem Leben zu wollen -bin ich geblieben. Aber wir beide wissen, du sicher schon länger als ich, dass es auch dafür nicht mehr reicht. Neun Monate, 100te von km später, sind wir nicht nur keine „Liebhaber“ mehr, wir sind uns so fern wie  zwei flüchtige Bekannte. Pflichtbewusst antwortet man auf die Fragen und bitten des Anderen – ja wir Fragten und Baten noch, aber warum? Weil wir es 1 1/2 Jahre so getan haben, auch das kann zur Gewohnheit werden.

Gewohnheit verbindet uns, nein, Gewohnheit bindet dich irgendwie noch immer an mich, aber ich wollte so viel mehr, will es doch immer noch.

Und darum bin ich nun gegangen, ohne Abschied, ohne Drama, ohne Diskussion, ohne Vorwürfe. Ich will dir lieber eine schöne Erinnerung sein, als eine lästige Bekannte. Ich hoffe du wirst das verstehen, ohne das ich es dir sage, ohne, dass du jemals diesen Brief hier lesen wirst. Bitte versteh es.

Soviel ich dir auch noch sagen will, so ungelesen diese Worte auch bleiben mögen, ich möchte dir noch danken. Für jeden Moment, den du lebenswerter für mich gemacht hast, jeden Augenblick den ich durch dich intensiver erleben konnte, jedes Lied, jeden Film, jedes Gemälde, alles was ich nicht kannte und durch dich erfahren habe. Und ich wünsche dir, mehr als  für mich selbst, die Erfüllung deiner Träume, die Großen und die Kleinen. Ich wünsche dir Kraft und Mut und Leidenschaft und vorallem Liebe – ich wünsche dir, dass du liebst und ebenfalls geliebt wirst.

Und ich verspreche dir, dass ich von heute an ein bisschen weniger „runaway“ bin und  offener zu meinen Gefühlen stehen werde und das ich mir vom heutigen Tage an, auch ohne deine Hilfe, die Mühe geben werde mehr gute als schlechte Musik zu hören und vor allem die eine von der anderen unterscheiden lerne.

Lebwohl.

Der lange Abschied Teil II

Vor zwei Wochen bin ich an einem Sonntag Morgen wieder in Köln gelandet.

Ich hatte vor noch einige Tage in der Nähe von Köln bei meinem Vater zu bleiben, ich war viel zu selten dort und ich spürte wie er sich freute. Schon am selben Nachmittag zeigte ich ihm alle meine Fotos (immerhin weit über 500 Stück), naja, fast alle. Die Fotos aus der Westbank befanden sich bei Yaya. Und weil ich eigentlich, abgesehen von meiner Sehnsucht nach Jerusalem, guter Dinge war, schrieb ich Yaya eine Sms. Wie es ihm gehe, ob er schon aus dem Süden zurück sei und das ich wieder im kalten Deutschland bin und mich freuen würde, wenn er die Fotos wieder in unseren Dropbox Ordner laden könne, sobald er Zeit dazu habe. Im Haus meines Vater habe ich kaum Empfang und so verschwand ich ständig auf die Terasse, um zu schauen, ob ich schon eine Antwort bekommen habe.

Nun ja, was soll ich sagen? Ich bekam keine. Obwohl Yaya einen Vertrag hat. Am späten Abend zeigte mir mein Dropbox Ordner an, dass Yaya alle Dateien hochgeladen hatte – ohne ein Wort. Zwei Tage später fuhr ich nach Hause zurück und entdeckte Abends, dass Yaya mir am Sonntag Abend bei Skype geschrieben hatte „Welcome to Iceland!“ – Keine Antwort auf meine Fragen, kein Erkundigen nach meinem Wohlbefinden. Das saß. Ich schwieg weiterhin, auch als er mir noch am selben Abend zwei Filme über Dropbox schickte – ich bin nicht wild darauf irgendwas zu bekommen, alles was ich will ist ein Gespräch, aber genau das bekomme ich nicht. Was für Freunde sind wir eigentlich?

Am nächsten Tag hat er mir immer noch nichts geschrieben und ich tue wieder das, was man in solchen Fällen nicht tun sollte, ich suche seine Seite bei Fb auf. Wir sind zwar keine Freunde mehr, aber einiges ist für mich dennoch sichtbar. Ich sehe, dass er den Song meiner Jugendlichen geteilt hat und freue mich. Hätte ich es nur dabei belassen! Ich jedoch scrolle etwas weiter hinunter und sehe, dass er 2 Tage zuvor, einen Song von Fettes Brot gepostet hat „Ich lass dich nicht los“, mit einem kurzen Kommentar, der zwar niemanden direkt anspricht, aber erkennen lässt, dass er diesen Song jemandem widmet. Der Song hat ein“ Gefällt mir“ und einen Kommentar – von IHR!

Ich würde gerne weinen, schreien, irgendwo gegen schlagen – aber nichts davon geht mehr. Es ist einfach zu viel. Wenn sie so wichtig ist, warum hast du mich dann in deinem Leben gehalten? Bin ich nichts anderes als dein blödes „rebound girl“?

Als Kurzschlußreaktion blocke ich ihn, bei FB und bei Skype. Ich will nichts mehr sehen und nichts mehr von ihm hören. Ein paar Tage scheint das zu reichen, ich fühle mich nicht wirklich besser, aber etwas stärker, nicht mehr ganz so hilflos.

Nach wenigen Tagen erhalte ich plötzlich eine Sms (!):

I am in Hamburg ninja, I stay here with my cousin. I dont have internet. Don´t get angry if I dont write! The video of ur kids is awesome! U did a great job!

Er hat also kein Internet, dabei könnte ich schwören sein „Dont get angry with me if I dont write“ ist das Resultat davon, dass er bemerkt hat, dass ich ihn geblockt habe. Das Video hat er vor Tagen gesehen, er hätte mir schon vorher etwas dazu schreiben können – als er noch Internet hatte! Warum also jetzt? Ich grübel lange nach und entschließe mich dann ihm zu antworten. Nicht weil ich mein Vorhaben, keinen Kontakt mehr mit ihm zu haben, brechen will, sondern weil ich der Meinung war, er würde mir wieder schreiben, sollte ich nicht antworten.

Everything is fine Yaya (Ich habe seinen richtigen Namen geschrieben, keinen Kosenamen, womit ich Distanz zeigen wollte…). I am glad to hear u liked the video. Enjoy Hamburg.

Kurz und höflich ohne eine Antwort zu erwarten. Ich hoffte das würde erst einmal reichen. Es reichte aber nicht, denn am nächsten Tag erhielt ich erneut eine Sms von ihm. Deren Inhalt  so bescheuert war, dass ich bis heute nicht weiß, was er sich dabei gedacht hat, aber seht selbst:

Yes it is a master piece! Ninjaan, I want to write a note to our neighbour, I want to use his internet for some time, can u write it for me pls?

Ich erhalte diese Sms 2 Stunden später, da mein Handy während eines Treffens mit der Volksbank ausgegangen war und starrte nun ungläubig auf seine Worte. Ich soll ihm einen Satz schreiben? Der Mann hat seine Masterarbeit auf Deutsch geschrieben und jetzt kann er nicht mehr so einen Satz schreiben? Ich hatte ihm schon einmal bei formellen Schreiben geholfen oder seine Bewerbung überarbeitet – aber so einen Satz? Für eine Sekunde bin ich versucht ihn anzurufen, um ihn zu fragen, ob das ein Witz sein soll. Ich tue es aber nicht und schreibe ihm irritiert einen Satz mit der Frage, ob er so etwas meinen würde?

Und dann? Dann bekomme ich keine Antwort mehr. Kein Danke, keine Erkärung, nichts. Nichts an diesem Tag und nichts am nächsten Tag. Und wieder sitze ich, immer ein Auge auf dem Handy da und warte und warte. Und ich hasse warten und mit jeder Stunde die ich auf eine Antwort warte, geht es mir mieser.

Letzten Donnerstag morgen fasse ich dann den etnscheidenden Entschluß, wenn ich ihn schon überall geblockt habe, dann sollte ich auch konsequent sein. Ich kann ihm schlecht verbieten mir Sms zu schreiben – aber ich kann es unmöglich machen. Ich rufe bei der O2 Servicehotline an und bitte um eine neue Nummer. Die Frau am anderen Ende ist nett und weil ich wahrscheinlich ziemlich erbärmlich klinge, fragt sie mich dreimal ob ich sicher bin, dass ich das tun möchte. Ich bejahe es jedesmal. Ja, ich möchte meine Nummer wechseln und ich weiss, dass das endgültig ist und das es schon innerhalb der nächsten 20 Minuten umgestellt wird.

20 Minuten später habe ich eine neue Nummer. Meine alte ist nicht mehr erreichbar. Ich bin nicht mehr erreichbar für Yaya.

Es geht mir nicht besser damit und ich fühle mich auch nicht stärker dadurch. Aber ich warte nicht mehr. Ich weiss, dass er mich nicht erreichen kann, egal wie. Manchmal frage ich mich, ob ich das überhaupt aushalte. Ob es ihm gut geht? Ob er vielleicht dringend etwas braucht und ich plötzlich nicht mehr antworte…aber dann denke ich an die 100mal in denen er einfach nicht geantwortet hat, obwohl ich die richtige Nummer habe, obwohl meine Nachrichten bei Fb gelesen und bei Skype übertragen wurden.

Ich wollte ihn in meinem Leben halten, als Freund, wenn schon nicht als Liebhaber. Aber es ist mir unmöglich, weil meine Gefühle zu stark sind und seine zu schwach – so kann man nicht befreundet sein, jedenfalls ich nicht…

Und jeden Tag hoffe ich doch insgeheim, dass er irgendetwas tut, irgendeinen Weg findet mich zu kontaktieren und das dann alles gut wird, wie im Märchen… Aber mir ist klar, dass das nicht passieren wird…

25.07.2012

25.07.2012

Ein stinknormales Datum,  ich muss bald zur Arbeit, ein guter Freund von mir hat heute Geburtstag, aber er lebt zu weit weg, um ihn zu besuchen, also werde ich nicht an seiner Feier teilnehmen können.

25.07.2012

Ein Mittwoch, in spätestens einem Jahr werde ich mich überhaupt nicht an diesen Tag, geschweige denn  daran, dass es ein Mittwoch ist, erinnern können, wenn ich dann nicht zufällig mein Blogarchiv durchforste und auf diesen Artikel hier stoße.

25.07.2012

Im Hintergrund läuft Casey Abrahmas „Great bright morning“ – morning ist nicht mehr, aber great und bright schon, jedenfalls für deutsche Verhältnisse, das Thermometer zeigt 29 Grad an!

25.07.2012

Noch 12 Tage bis ich in den Urlaub fliege, weder habe ich meine Auslandskrankenversichernug abgeschlossen, noch bin ich auf alle Eventualitäten vorbereitet – aber macht nichts, ich bin sowieso eine „Alles auf den letzten Drücker Macherin“.

25.07.2012

Heute in genau 7 Tagen ist Yaya´s Praktikum in South Germany beendet. Heute vor genau 7 Monaten war unser letztes (erinnerungswürdiges) Treffen*. Der letzte Kuss war heute vor 7 Monaten.

25.07.2012

Ich bin heute, am Mittwoch den 25.07.2012, mit einem komischen Gefühl aufgewacht, weil Yaya bald zurückkommt, weil die 7 langen Monate um sind. 7 Monate in denen ich glaube ich so ziemlich jede beschxxx Phase des Verliebtseins aka Liebeskummers durchgemacht habe. Ich glaube es waren sogar 7 Phasen:

Phase 1 (Januar 2012)

Yaya geht weg, das war´s! Ich breche einen Streit vom Zaun, damit ich ihn nicht zu sehr vermisse, weil ich ihm nicht sagen kann, dass ich ihn vermisse und ihn nicht vermissen will  und das sowieso nichts, aber auch rein gar nichts ändern würde!

Phase 2 (Februar 2012)

Yaya ist weg, aber er schreibt mir ständig, fragt warum ich nicht antworte, ob ich böse auf ihn bin? Yuhuuu er denkt an mich, vermisst er mich auch? Betrunken ruft er mich nach 2 Wochen im Süden über Skype an… „I want to see u on cam ninjaan…!“ (Ich schmelze)

Phase 3 (März 2012)

Ich vergesse alle Vorsicht, tue Dinge, die ich nie zuvor getan habe, für ihn und weil er mich doch auch vermisst? Wann kriegen wir es endlich hin uns wiederzusehen? 500 km sind doch nicht die Welt oder?

Phase 4 (April 2012)

Das Hochgefühl aus der vorherigen Phase hält an, ich bin verliebt! Und weil ich mir das endlich unumwunden eingestehen kann, schreibe ich es ihm! Eine Mail, mit all meinen Gefühlen für ihn – nicht schnulzig, etwas verpackt, für meine Verhältnisse aber sehr deutlich!

Phase 5 (Mai 2012)

Die Ernüchterung. Yaya empfindet nicht dasselbe –  er zieht sich zurück, mehr und mehr. Ich bin verletzt, suhle mich in meinem Schmerz, schließlich werde ich wütend – der hässlichste Streit überhaupt entfacht zwischen uns.

Phase 6 (Juni 2012)

Verdrängung. Yaya ist mir egal! Ich will gar nicht mit ihm reden! Mir doch egal, ob er weiterhin versucht mit mir Kontakt zu haben. Er hat bestimmt eine Andere! Überall sehe ich versteckte Hinweise – aber es ist mir doch egal – blöder Yaya! Blöde Ninjaan!

Phase 7 (Juli 2012)

Aus Verdrängung wird Traurigkeit wird Freundschaft – wir sind jetzt Freunde. Habe ich jedenfalls beschlossen. Alles ist freundschaftlich – ja, ja ich bin total zufrieden damit! Yaya und Ninjaan sind jetzt nur Freunde!

25.07.2012

Es ist noch immer Juli, aber heute morgen bin ich aufgewacht und spürte den Schweiß auf meiner Stirn – kommst du jetzt zurück Yaya? Und wenn ja, sehen wir uns dann? Und wenn wir nur Freunde sind, warum macht mir der Gedanke, du könntest zurück kommen und mich nicht sehen wollen, solche Angst? Und wenn wir Freunde sind, warum können wir dann nicht mal ungezwungen was miteinander unternehmen?

25.07.2012

Ein ganz normaler Tag, aber er fühlt sich nicht so an, hört sich nicht so an, schmeckt nicht, riecht nicht so. Im Hintergrund vernehme ich ein leises Ticken, der Countdown läuft, bald ist er zurück  – aber was heisst eigentlich zurück? Zurück hat für mich keine Bedeutung, solange er nicht zurück zu mir kommt und jeden Abend wenn wir miteinander schreiben warte ich auf den Moment, auf diesen einen Satz: “ I am coming back ninjaan!“ – Aber er sagt ihn nicht, weil er, davon gehe ich aus, weiß, was dieser kleine Satz für mich bedeuten würde…

 

 

 

* (Das stimmt so nicht ganz, heute vor 7 Monaten und 4 Tagen war eigentlich unser letztes Treffen, aber das war nicht erinnerungswürdig, obwohl es wohl das Treffen ist, an das ich mich im Grunde am besten erinnern kann – aber dazu irgendwann mehr in der Retrospektive!)

Retrospektive September 2011 – Teil II

19 Uhr, ich war pünktlich am Bahnhof, das erste Wiedersehen nach 6 Wochen, mein Herz schlug mir bis zum Hals. Dieses Wiedersehen war keine Verabredung, du bist gekommen um mir etwas zu bringen, gekommen, um mich zu retten. Ich brauchte deine Hilfe, um mein geplantes HipHop Projekt starten zu können. Wir waren schon viel zu spät dran, die Zeit drängte und weder ich noch meine Kollegen hatten wirklich Ahnung davon. Du schon, das ist deine Leidenschaft, dein Leben. Vor einer Woche schon, hattest du mir den Schlüssel zu deiner Wohnung hinterlegt, damit wir die Gesangskabine, die du uns gespendet hattest, abholen konnten.

Da musstest du arbeiten, konntest nicht dabei sein, ich war erleichtert. Doch nun stand ich am Bahnhof und wartete auf deinen Zug, auf dich, darauf, dass du uns noch andere Sachen vorbei bringst, die wir dringend brauchten und du nicht mehr, jedenfalls zurzeit nicht.

Ich hatte meinen Führerschein abgeben müssen, du hattest das Treffen kurzfristig verschoben und so konnte mich niemand von dort abholen, niemand mich begleiten – ich stand allein dort.

Dein Zug fuhr ein, es war warm, ziemlich warm für einen September Abend. Ich sah dich nicht sofort, zu viele Menschen stiegen aus dem Zug. Erst als die Menschenmenge sich lichtete erkannte ich dich. Diesmal ohne Mütze, aber mit Rucksack wie immer, in der einen Hand eine Tüte in der anderen das Handy. Du hast telefoniert, gelacht  und wie immer senkst du deinen Blick dabei – nie schaust du geradeaus.

Ich sehe dich an und atme langsam ein und aus, locker bleiben! Das hier alles macht mir gar nichts! Du hast ein graues T-Shirt getragen, erst als du näher kommst erkenne ich die Aufschrift darauf „I´m ur personal Shopper“ – ich muss schmunzeln, seit wann trägst du so bescheuerte Shirts?

Endlich erblickst du auch mich, lächelst, beendest dein Telefonat und kommst auf mich zu. Je näher du kamst, desto nervöser wurde ich. Als du vor mir standst und deinen Arm ausgestreckt hast um mich zu umarmen, habe ich automatisch die Luft angehalten – nicht riechen, nicht einatmen jetzt!

Ein kurzer Smalltalk folgt, ich mache einen Witz über dein Shirt, bloß locker wirken – ICH BIN NICHT VERLIEBT (oder besser: Ich will es einfach nicht sein!). Du lächelst nur, so entwaffnend wie immer, mir wird heiß und kalt zur gleichen Zeit.  Und dann sage ich etwas total dummes: „Do u know when ur next train is coming?“ Du zuckst kurz zusammen, schüttelst den Kopf: “Ill go and check it, one moment!”  

Was habe ich da gesagt? Warum habe ich das gesagt? Weil du gehen sollst – weg von mir Yaya, weit weg! Ich halte das sonst nicht aus!

8 Minuten, dann fährt dein nächster Zug, du überreichst mir die Sachen und fragst mich, ob du mir Geld für ein Taxi geben sollst, weil ich ohne Auto bin. Nein, musst du nicht. Ich bringe dich zum Gleis, unten an der Treppe bleibe ich kurz stehen und sehe dir nach, dann drehe ich mich um.

„Ninjaan? Are u okay?“ Du bist auf der Treppe stehen geblieben und hast dich nochmal zu mir umgedreht. Ich nicke nur, schlucke die Tränen runter und gehe zum Bus. Ich kann die Tränen auf der Busfahrt nicht unterdrücken, ich habe mich ganz nach vorne gesetzt, wo es niemand sehen kann. Als ich sie mir aus dem Gesicht wische, bemerke ich plötzlich, dass meine Hand nach dir riecht, ich habe dich nur kurz berührt – ich schluchze hörbar auf.

Eine alte Frau die eben in den Bus eingestiegen ist, legt mir die Hand auf die Schulter: „Das wird schon wieder, Liebes.“

Retrospektive August 2011

Ich sagte dir, dass wir uns nicht sehen können, den ganzen Monat nicht. Als Vorwand benenne ich das Fasten im August – ich brauche Zeit, Zeit um dieses Gefühl abzustellen. Du warst verwirrt, deine Reaktion darauf war fast schon süß:

„Dear , is it forbidden to meet in ramazan even if we promise to avoid SIN?”

Ich gehe nicht darauf ein, bei deinen Worten hat sich das komische Gefühl bemerkbar gemacht, ein Ziehen in meinem Brustkorb. Du wolltest mich sehen – so ganz ohne alles? Du hast Respekt davor das ich faste, du hättest nichts versucht, da bin ich sicher. Aber es geht gar nicht darum, wir sind ja im Grunde „abgesichert“ – ich will dich einfach nicht sehen, nein das ist gelogen, ich will, aber ich darf nicht.

Da ich nicht regiert habe, bleibst auch du still, du fragst nicht mehr nach einem Treffen, aber du bist präsenter als jemals zuvor. Jeden Tag schreiben wir Sms oder skypen. Du hast immer etwas zu erzählen, als würdest du meinen Distanzierungsversuch doch wahrnehmen, als würdest du ahnen, dass dieser Monat nur eine Ausrede ist, kommst du mir immer näher und näher, auch ohne in meiner Nähe zu sein.

Du hängst dich rein, bist bemüht, aufmerksam und manchmal sogar ein kleiner Schmeichler. In dieser Zeit entstand auch mein Name „Ninjaan“ , nur einer von vielen Kosenamen, die du mir in dieser Zeit gabst. Ich bin beeindruckt, will mich zurückziehen, aber das Gefühl lässt mich nicht, es lässt mich kaum atmen, die Sehnsucht nach dir ist so groß, aber ich frage dich nicht, ich bleibe stur.

Manchmal ist mir deine liebevolle Art, deine Aufmerksamkeit fast zu viel, dann werde ich launisch und abweisend, aber du lässt dich nicht aus der Ruhe bringen. Bei einer kleinen Auseinandersetzung in Skype gehe ich unvermittelt offline, ich bin so emotional bei dir, im positiven ebenso wie im negativen Sinne. Deine Antwort darauf:

„Did u sleep? I was kissing u…“

Mein Herz zieht sich zusammen, ich musste lächeln und  bin mit dem Handy in der Hand eingeschlafen, weil ich nicht aufhören konnte deine Worte zu lesen.

Wenige Tage später sitze ich mit SK nachts bei Burger King, das erste Mal erzähle ich ihm von dir, von uns, von dem was wir haben. Ich bemühte mich betont cool zu wirken „nur Spass“ ist es und dann noch besonders „perfekter Spass“ und wir mögen uns – Ende der Geschichte. Schon damals hat SK mich müde belächelt – perfekt ist es nur, wenn da mehr ist, lautet seine These. Während ich mich dagegen wehre, ihm erzähle, dass weder ich noch du eine Beziehung wollen, bekomme ich plötzlich eine Sms von dir.

„Arent u there? U slept? I have just arrived from work…”

SK riss mir das Handy aus der Hand, grinste breit und sagte nur:” Ja KLAR! Ihr habt nur Spass – warum schreibt er dir dann mitten in der Nacht wo du bist? Will er sich treffen? Wenn nicht, dann ist das hier nicht nur „Spass“! “ Ich nahm ihm das Handy weg und schüttelte beleidigt den Kopf, der hat doch keine Ahnung!

Einen Tag später schreibst du mir bei Skype, ob du mir etwas sagen dürftest, auch wenn es jetzt, in diesem Monat etwas unangebracht wäre.

Ninjaan: hö? About what did you think?

Yaya:  haha

Ninjaan:  yalla tell me

Yaya:  i dont know if talking about sex is also haram in ramazan 😀

Ninjaan: I will survive. You  thought about sex? And what exactly?

Yaya:  that u are too good…

Ninjaan:  thanks… I dont know if thats what should be said…but sounds like a compliment somehow..

Yaya: of course it is

SK´s Worte kommen zurück in meinen Kopf „etwas Perfektes ist niemals nur Spass“….VERDAMMT! Das muss aufhören – warum hörte es denn nicht einfach auf, Yaya?

Die Gewissheit kommt zum Schluß

Ninjaan ist müde, ganz müde. Allein zuhaus, das Telefon ist stumm. B. meldet sich seit gestern nicht, nachdem er Selbstvorwürfe hatte, dass er nicht „gut genug“ für mich sei, mich nie wieder enttäuschen wolle. Enttäuschend ist das jetzt gerade, aber was will ich eigentlich?

Ich sitze vor dem Pc, lese etwas und höre Musik. Yaya schreibt mich an, wir sprechen etwas, irgendwann frage ich ihn nach der Moral, das Thema, das mich zur Zeit am Meisten beschäftigt. Als Beispiel ziehen wir einen seinen Lieblingsfilme heran „Die Brücken am Fluß“ (wie passend..). Wir philosphieren, über gut und böse, richtig und falsch.  Er sagt, er würde so etwas niemals tun (Stichwort Film) und dann… Dann sagt er etwas, dass ich niemals wissen wollte, nachdem ich niemals direkt gefragt habe. Vielleicht, weil ich ahnte es würde weh tun.

„i didnt acepted a long distance relationship becasue of that otherwise i trusted the other person more than my eyes..
i may hurted her but i didnt wanna do sth that i may do sth wrong“

Die „Fernbeziehung“ die er nicht einging, die Person, der er mehr vertraute als seinen eigenen Augen…das ist nicht Ninjaan…das ist SIE.

Ich breche in Tränen aus, ich weine um mich selbst. Die ewig Nr. 2 …ich wollte diese Gewissheit niemals haben, jetzt habe ich sie. Wozu noch? Es ist fast vorbei, nein, eigentlich ist es vorbei. Schluß.

Yaya und Ninjaan…gibt es nicht. Hat es niemals gegeben. Mehr als Warten und die Hoffnung, verabscheue ich nun die Gewissheit.

„Was du nicht willst,das man dir tu…

…das füg auch keinem andern zu.“

Mit dieser goldenen Regel bin ich groß geworden. Seit ich denken kann haben meine Eltern, Großeltern und alle anderen Menschen um mich herum, mir diesen Satz gepredigt. Ich halte ihn für gut, für richtig, was gibt es bei dieser einfachen Regel auch zu hinterfragen? Immer habe ich versucht danach zu leben. Ich bin sicherlich keine Heilige, dass bin ich nie gewesen, aber ein Mindestmaß an Empathie, Rücksicht und Taktgefühl erwarte ich von mir selbst und von Menschen mit denen ich mich umgebe.

Ich möchte, und wollte niemals, jemanden absichtlich verletzen, wenn ich etwas hartes sage, dann weil ich es empfinde und nicht um jemanden damit zu treffen. Wenn ich etwas tue, denke ich darüber nach, ob meine Tat jemand anderem Schaden könnte, sollte dies so sein, halte ich mich in 90% der Fälle wirklich zurück. Dann beisse ich mir schon mal auf die Zunge oder stecke zurück. Ich bin temperamentvoll, aber nicht bösartig, launisch aber nicht zickig, ich schlage zurück (metaphorisch natürlich), aber niemals unter die Gürtellinie.

Genug des Selbstlobes, auf das ich eigentlich gar nicht hinaus wollte.

Ich bin nicht das erste Mal in einer Situation in der ich meine eigene Moral infrage Stelle, aber das erste Mal, dass ich sie bewusst (!) gebrochen habe. Ich habe einen verheirateten Mann geküsst, nicht nur einmal. Ich telefoniere mit ihm, ich sehe ihn, ich will ihn umarmen, ihn riechen, in seiner Nähe sein. Zu meiner Verteidigung kann ich nicht sagen, dass ich nicht gewusst habe, dass er verheiratet ist. Ich wusste/weiß es, seit dem Tag als er vor 4,5 Jahren geheiratet hat. Damals war ich stark genug, den Kontakt gänzlich abzubrechen. Heute, nachdem wir uns vor knapp einer Woche das erste Mal seit Ewigkeiten wiedergesehen haben, bin ich es nicht. Im Gegenteil, ich bin schwach – wobei vielleicht diese Schwäche auch eine eingebildete ist, eine Ausrede?

Wie ein kleines Kind habe ich mir die ersten Tage eingeredet, dass es etwas anderes ist, anders als bei anderen, er ist mein Exfreund, ich war mit ihm zusammen, bis er von seiner Familie vor die Wahl gestellt wurde und zur Heirat „gedrängt“ wurde, ich war vorher da. In besonders trotzigen Momenten schreit das Kleinkind in mir, wie nach einem längst verschenktem Spielzeug: „DAS IST MEINS!“. Ich erschrecke mich vor mir selbst.

Solidarität! Wie hoch halte ich sie immer, Solidarität, anderen Frauen gegenüber, allgemein Menschen gegenüber. Ich höre mich noch selbstgefällig über die Solidarität schwadronieren:“ Wenn alle Rücksicht aufeinander nehmen würden, wenn alle solidarisch wären und die Finger von „Vergebenen“ lassen würden – dann hätten Fremdgeher keine Chance!“

Ha! Gut gebrüllt Löwe! Es ist ja so einfach über andere zu urteilen, solange man nicht selbst in der Situation ist!  – Nein, nein, ich war schon mal in der Situation! Ich bin stark geblieben – oh wie anständig, prinzipientreu und „gut“ ich doch war! Ich bin, jedenfalls soweit es mir bekannt ist, nie betrogen worden. Aus mir spricht/sprach also kein gekränktes Ego sondern die bloße Selbstgerechtigkeit!

WAR! Vergangenheit. Ich habe meine eigenen Grundregeln über Bord geworfen, meiner Moral den Rücken gekehrt. Noch nicht ganz, noch drehe ich mich bei jedem Schritt nach ihr um, sehe sie an und spüre ihren vorwurfsvollen Blick, der mich, selbst wenn ich ihr den Rücken zukehre, zu durchbohren scheint.

Erwachsen sein. Das sollte ich, verantwortungsvoll handeln. Was ich nicht will, dass man mir tu… Warum tue ich es dann ihr an? Was kann sie dafür? Sie hat ihn sicher genauso ungerne geheiratet wie er sie, mit dem Unterschied, dass sie nun zuhause sitzt und auf das gemeinsame Kind Acht gibt (KIND! Ja, genau, sie haben sogar ein Kind. Damit sinke ich noch ein wenig mehr…). Sie hat keine Wahl, ich schon. Ich kann es lassen. Ich lass es aber nicht, jedenfalls gerade nicht und erwachsen bin ich auch nicht. Wie ein Teenager in seiner schlimmsten „ICH“ Phase, treffe ich mich mit ihm, irgendwo, letztens sogar auf der Arbeit bevor alle da sind. Wir küssen uns heimlich, berühren uns. Es ist nur Küssen – nette Ausrede oder?

„Aber ich bin gerade so verletzt… Yaya…er ist einfach weg. Hat uns verlassen, im Regen stehen lassen. Er war böse zu uns, er hat ganz gemeine Sachen gesagt! Und B., er ist so anders. Er streichelt uns, ist liebevoll, fürsorglich. Weisst du noch wie er damals war? Schau mal, er ist genauso zu uns!“ schluchzt mir mein Ego leise ins Ohr. „Halt die Klappe EGO!“

Moral…

Komm zurück Moral, halt mich fest, pack mich an den Schultern, hau mir von mir aus eine runter – aber mach irgendwas! Dein strafender Blick reicht nicht aus, deine bloße Anwesenheit schon längst nicht mehr! Ich muss aufhören. Jetzt! Sofort! Was ist los mit mir? Ich bin nur schwach gerade…Schwäche…ganz miese Ausrede. Man ist nur schwach, wenn man es sich selbst erlaubt!