Robin Hood oder so…

Ich stehe vor dem Bereichsleiter. Ich habe seine Frage gehört und auch verstanden, so müde, dass ich mich darauf nicht konzentrieren könnte, bin ich auch nach einer langen, ätzenden Woche nicht. Aber was soll ich auf seine Frage antworten?

„Warum haben sie eigentlich ein so großes Interesse an der interkulturellen Arbeit und wichtiger, warum sind sie dann hier gelandet?“

Erst wenige Stunden zuvor saß ich mit einer türkischen Mutter bei einer ausgelagerten Beratungsstelle, habe ihre Papiere gewälzt, Pläne erstellt und mir die Beschwerden über die Mitarbeiter der zuständigen Ämter angehört. Während der 1 1/2 Stunden in der Beratungsstelle fühle ich mich gut, irgendwie gelassen. Ich kann sicher und kompetent beraten, sitze neben einer Kollegin, die genau wie ich früher, immer wieder mit solchen Fällen zu tun hat. Ich spüre wie die Anspannung der letzten Tage von mir abfällt. Ich hätte nicht da sein dürfen, das fällt nicht in meinen Aufgabenbereich, die Frau fällt nicht in meinen Aufgabenbereich. Hinter dem Rücken der Chefs und mit der Unterstützung der Kollegen habe ich es dennoch durchgezogen.

„Ihre Tochter meint, sie wäre Robin Hood. Ich weiß nicht, ob ich das gut oder schlecht finde.“ sagte vor über einem Jahrzehnt einmal mein Englisch Lehrer, der mir wohlgesonnen war, zu meiner Mutter.

Robin Hood klingt edel. Edel fühlte es sich heute an, ich glänzte, verspürte das Feuer, dass ich immer hatte, wenn ich genau in diesem Bereich tätig war und das jetzt irgendwie auf der neuen Arbeit nur noch ein Flämmchen ist.

Doch als der Bereichsleiter mir diese Fragen stellt, wird mir klar, dass es nicht edel und selbstlos von mir ist, sondern im Grunde egoistisch. Ich bin gut in diesem Bereich, das Wissen, der Bezug zu den Klienten fällt mir irgendwie in den Schoß, ich muss mich nicht groß anstrengen, oder besser gesagt, es ist keine Anstrengung für mich, sondern eine Leidenschaft. Um diese Leidenschaft zu befriedigen, verstoße ich auch in der Probezeit gegen Anweisungen von oben, nicht weil ich tatsächlich Robin Hood bin.

Ich antworte nicht direkt, drehe mich, während ich einen Erklärungsversuch dahin stammele, sogar mehrfach um, einfach so. Das muss komisch ausgesehen haben. Ich sage etwas über das Interesse an fremden Sprachen, Kulturen, irgendwas sagen, nur den Job nicht gefährden, nur nicht zeigen, dass mir in diesem Moment klar wird, dass ich eigentlich lieber in einem anderen Bereich arbeiten würde. Das ich mich lieber wieder mit Ausländerbehörden und Schulen rumschlagen will. Das ich lieber wieder Chefs hätte die meinen „Aktionismus“ (O-Ton meiner Vorgesetzten) schätzen und nicht ausbremsen. Das ich lieber wieder die Fördernde wäre, als die Fordernde. Das ich lieber Kunst und Kulturprojekte auf die Beine stelle, als Berichte zu korrigieren. Das ich lieber wieder Robin Hood spielen möchte  (auch wenn ich eigentlich eher Schneewittchens Stiefmutter bin, die in den Spiegel sieht, um Anerkennung zu bekommen) als Sir Hiss zu sein.

Ich dramatisiere. Ich mag die Kollegen, ich mag das Klientel, aber mir fehlt das Feuer, die Narrenfreiheit, die Leidenschaft und die Leichtigkeit. Ich lerne etwas Neues, das ist gut. Aber, um ehrlich zu sein, träume ich schon von einem neuen Job, im alten Bereich..

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Praxis Dilemma oder „Es“ ist einfach überall…

Man stellte mich ein, obwohl ich keine besonderen Vorkenntnisse in diesem Bereich habe, das hat mich gewundert und gleichzeitig gefreut. Ich liebe Herausforderungen, lerne gerne etwas Neues, bilde mich weiter. Das hier ist der perfekte Ort dafür. Und nach 6 Wochen muss ich sagen, trotz des Stress und der etwas (typischen) chaotischen Organisation meines Arbeitsbereiches und meiner Aufgaben, fühle ich mich absolut wohl und angekommen. Den Job könnte ich länger machen! Ich stehe mittlerweile gerne morgens auf, habe gute Laune wenn ich bereits um 7:30 Uhr durch die große Glastür husche, noch kurz mit Beschäftigten rede, meinen PC hochfahre und den ersten Kaffee aus dem Bereich stibitze für den ich verantwortlich bin. Ich mag die meisten Kollegen und die meisten Kollegen kommen gut mit mir klar, es ist entspannt.

Es könnte alles so schön sein, so schön…wäre da nicht dieser andere Bereich, den ich noch mit 10 Stunden in der Woche abdecken muss. Ein anderes Gebäude, andere Kollegen, anderes Klientel. Eigentlich, hatte ich mich fast mehr darauf gefreut… zu früh gefreut, wie so oft.

Man hatte mich eingestellt, sagte man, weil ich Wissen aus der Migrationsarbeit mitbringe, weil dieses Wissen heutzutage in jedem Bereich wichtig ist. Das hatte mich gefreut, weil ich derselben Meinung bin. Es ist schön, nach jahrelangem Studium und einigen Jahren Berufserfahrung endlich als Fachkraft ernst genommen zu werden – auch ohne unglaublich viele und teure Fortbildungen.

Während es am Hauptarbeitsplatz, wie beschrieben, keine besonderen Probleme gibt und Kollegen sich darüber freuen, einen Ansprechpartner für Migrationsfragen zu haben, sieht es am Nebenarbeitsplatz ganz anders aus. Von Anfang an schlug mir ein gewisses Mißtrauen und Desinteresse meinem neu eingerichteten Arbeitsplatz gegenüber entgegen. Ich verstand nicht warum, wobei es bei einigen sicher auch Zeitmangel ist, Zeitmangel sich genauer mit mir und meiner Stelle auseinander zusetzen.

Aber langsam begreife ich, dass es da einige gibt, die, zurecht, von Anfang an befürchteten, ich könnte ihnen auf die Finger schauen, Dinge sehen, die von anderen übersehen wurden, und dagegen angehen wollen.

Hier einmal, ohne größeren Zusammenhang (der Anonymität wegen) ein paar Aussagen, damit ihr genauer versteht, wovon ich hier eigentlich rede.

Kollegin: Wie der ist? Der ist halt wie Türken eben so sind! Wie soll der schon sein!

Kollegin: Man weiß ja wie die drauf sind, die Türken! Von Frauen halten die eh nicht, also versuchen sie gar nicht erst mit dem zu sprechen! Werden sie tätig!

Kollege: Was die sich denken! Hier in Deutschland gibts sowas nicht! Soll er zurück gehen, wo er hergekommen ist!

Hier geht es um einen Mann, von dem mir gesagt wurde, er sei unglaublich gefährlich und gerade im Begriff ein Leben zu zerstören. Ich war einerseits alarmiert, andererseits unsicher. Wie viel Wert kann ich auf Aussagen von Menschen legen, die der Meinung sind „alle Türken sind so?“

Um mir ein genaueres Bild von dem Herrn zu machen, wollte ich an einem Zusammentreffen, mit mehreren Leuten, von dem Nebenarbeitsplatz initiiert, teilnehmen. Meine Anwesenheit war nicht erwünscht, das sagt man mir so, von Seiten der Kollegen. Aber ich bestand darauf und es ergab sich folgendes Gespräch:

Kollegin: Sind sie sicher, dass sie kommen wollen? Ich wüsste nicht warum? Der Mann kommt eh nicht, so sind die, die melden sich an und kommen dann nicht!

Ich: Ja, ich bin sicher, dass ich kommen will. Allgemein halte ich es für wichtig, mich noch einmal vorzustellen.

Kollegin: Aber da werden wenige Türken sein!

Ich: … Ich bin ja auch nicht nur für eine bestimmte Gruppe da, sondern für alle?

Kollegin: Ja, wenn sie kommen wollen, obwohl die Türken wohl nicht kommen werden…

Ich: Ja, will ich!

Ich kam an dem Abend, genau so wie „die Türken“. Ich saß neben ihnen, den ganzen Abend, mit dem einen unterhielt ich mich viel, der Andere war eher schweigsam, berichtete mir, dass er höllische Rückenschmerzen habe und deswegen Probleme mit dem langen Sitzen habe. Der Abend verlief ruhig, bis auf einige wenige Seitenhiebe der Kollegin gegen „Die Türken“, die ihrerseits aber nicht darauf eingingen.

Am übernächsten Tag auf dem Nebenarbeitsplatz:

Kollege: Ich habe schon von der Katastrophe am … gehört! Unfassbar sowas!

Ich: Wie bitte?

Kollege: Ja, das der Herr … so aggressiv war!

Ich: Entschuldigung, ich weiß nicht was Sie meinen?

Kollege: Wie? Der soll doch voll auf Krawall gebürstet gewesen sein! Haben Sie da eine andere Wahrnehmung oder wie?

Ich: Sieht ganz so aus.

 

Kollegin: Gut das sie da sind! Ich muss mit ihnen reden!

Ich: Ja, wir sollten den Abend einmal reflektieren.

Kollegin: Ja! Ganz genau! Was für eine Unverschämtheit! Wie aggressiv der war! Und dieses Teil in seiner Hand! Was soll das?

Ich: Ich weiß, um ehrlich zu sein, nicht was Sie meinen. Ich saß doch den ganzen Abend neben ihm, was haben sie denn als aggressiv empfunden?

Kollegin: Seinen Blick! Und dieses Teil in der Hand! Das war doch Provokation!

Ich: Das Teil in seiner Hand, war eine Gebetskette, so wie ein Rosenkranz. Manche Menschen nutzen es, um sich etwas zu beruhigen.

Kollegin: Ha! Sehen sie! Beruhigen! Weil er so aggressiv war!

Ich: Der Mann hat gerade nach 30 Jahren seinen Job verloren und hat über starke Rückenschmerzen geklagt, wahrscheinlich hatte er es deswegen mit.

Kollegin: Wie auch immer! Ich habe gesehen, wie er sie mit seinen Blicken durchbohrt hat! Ja! Immer wenn sie geredet haben! Weil sie eine Frau sind! Die haben ja Probleme mit Frauen! Das hat mir richtig Angst gemacht!

Ich: Ich kann das so nicht bestätigen, er hat auf jede meiner Fragen höflich geantwortet.

Kollegin: Das ist doch Show! Dieses Moslems; Türken, die wollen nicht das wir Frauen reden!

Ich: …

Kollegin: Egal, er hat … ein Gespräch mit dem Leiter.

Ich: Ich würde gerne dabei sein, vielleicht ist eine Mediation nötig, wenn es um das eine Thema geht.

Kollegin: Brauchen sie nicht. Das macht der schon alleine.

Ich: Aber für so etwas bin ich hier.

Kollegin: Er hört ihnen als Frau eh nicht zu!

Konsequenz: Ich darf an dem Gespräch nicht teilnehmen. Und langsam wird mir dabei mulmig. Ich weiß nicht was sich da in den Kopf gesetzt wurde, aber ich kann nicht tatenlos daneben sitzen und zulassen, wenn ein Mann, aufgrund seiner Herkunft, so in die Mangel genommen wird, wenn ihm Dinge unterstellt werden, die nicht wahr sind. Vielleicht ist er kein freundlicher Zeitgenosse, aber das sind viele nicht, solange er sich nicht mit irgendwas strafbar macht, habe ich kein Recht einzugreifen und vor allem keinen Grund. Grummelig sein, ist noch kein Verbrechen!

Ich stecke jetzt in einem Dilemma. Der Leiter ist nicht auf meiner Seite. Mit wem soll ich sprechen? Soll ich einfach wegsehen? Ich kann nicht wegsehen, das gehört nicht zu meinem Job, im Gegenteil, genau Hinsehen ist mein Job, Missstände erkennen und beheben, das ist mein Job. Ich bin in der Probezeit, ich brauche diesen Job, jedenfalls so lange bis Amin einen gefunden hat, da kann ich mir, zur Not, auch getrost einen Neuen suchen. Aber eigentlich mag ich es ja an dem Hauptarbeitsplatz…ich bin hin und hergerissen. Was soll ich tun? Wenn ich Pech habe, dann riskiere ich meinen Job, wenn ich den Mund aufmache. Wenn ich den Mund halte, kann ich nicht mehr lange in den Spiegel schauen…

Warum muss Rassismus nur überall sein – Warum gibt es für den sozialen Bereich nicht einen Gesinnungstest?

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Von den Steinen auf dem Weg

In ganz melancholischen Momenten, von denen ich zurzeit nicht allzu wenig habe, frage ich mich selbst, warum immer mir so große Steine in den Weg gelegt werden müssen, warum nicht mal bei mir einfach alles glatt laufen kann? Mein Lebenslauf hat auffällig viele Ecken und Kanten und nicht selten musste ich regelrechte Harken schlagen, um dahin zu gelangen, wo ich hin wollte. Das ist nichts besonderes, kein Einzelfall und das ist mir in allen anderen, nicht melancholischen, Momenten auch bewusst. Aber eben nicht immer und in welcher Verfassung ich auch immer sein mag, ich schiele nur allzu gerne, leicht neidvoll, auf jene Menschen, bei denen zumindest die meiste Zeit ihres Lebens, alles relativ glatt läuft.

Von meinem schwierigen Gespräch mit der Professorin über meine Möglichkeiten eine Doktorarbeit zu schreiben, hatte ich bereits berichtet, auch davon, dass ich einen Masterstudienplatz für Sozialwissenschaften an einer sogenannten „University of applied sciences“ habe (besser bekannt unter FH). Letzteres stimmte mich, vor allem nach dem doch recht ernüchterndem Gespräch mit der Professorin, heiter. Seit meiner Rückkehr hatte ich mich nur darauf gefreut, endlich das Studium zu beginnen, um in 2 Jahren wieder vor eben dieser Professorin zu sitzen und ihr zu sagen, dass ich nun ganz frisch einen Master habe und mehr als bereit wäre für die Promotion – koste es was es wolle!

Ich war absolut guter Dinge. Ich habe einen 1er Durchschnitt im Diplom, gute Noten in Berlin für meine Ausarbeitungen zur qualitativen Forschung bekommen – ich bin gerüstet und motiviert, was soll da noch passieren? Immerhin war dieser FH auch schon mein Thema bekannt, da wir dazu verpflichtet waren eine Projektskizze mit der Bewerbung einzureichen – ich wurde angenommen, also ist doch alles gut!?

Leider ist diese „Alles ist gut Seifenblase“ bereits am Dienstag geplatzt. Dienstag war offizieller Vorlesungsbeginn. Von 8 Uhr morgens bis 17:30 Uhr Seminare, ohne längere Pause – gleich zweimal Seminare zur quantitativen Forschung (mein Hass-Fach). Aber auch da war ich noch motiviert, da beiß ich mich durch!

Die letzten beiden Seminare (3 Stunden!) fand das sogenannte „Projektseminar“ statt. Über 3 Semester hinweg soll in diesem Seminar an unserer Projektskizze gefeilt werden, bishin zur Masterarbeit. Klingt gut, kenne ich schon aus Berlin. Leider gibt es nur 2 Gruppen, in die wir von der FH eingeteilt wurden. Die eine Gruppe beschäftigt sich ausschließlich mit dem Thema Bildung, die Zweite läuft unter dem Oberthema „Gesundheit“, in diesen Bereich fällt jedoch auch Migration, mein Thema.

Wir sind nur 9 Leute in dem Seminar, während das andere überquillt. Professor A bei dem wir die ersten beiden Stunden haben stellt sich als Gesundheitswissenschaftler vor, mit dem Schwerpunkt „quantitative Forschungsmethoden“. Super denke ich mir, der fällt für mich wohl schon mal flach, vor allem, da er zugibt keine besondere Ahnung von Migrationsforschung, Rassismusforschung usw. zu haben. Meine Hoffnung liegen bei der Professorin B., die nach 1 1/2 Stunden endlich auftaucht. Sie ist Psychologin, Gesundheitswissenschaftlerin und sowohl mit der quantitativen als auch der qualitativen Forschungsmethode vertraut. Langsam wird´s eng für mich, denke ich mir, sage aber nichts.

Alle stellen nach und nach ihre Projekte vor. Typische Sozialarbeiter Projekte, nicht gerade mein Interessengebiet, aber dennoch höre ich gebannt zu, vor allem aber, weil ich mich frage, welche Projektskizze die Meisten eingereicht haben, da ihre Ideen alle so wage formuliert sind, als hätten sie sich das Thema gerade überlegt. Mich wunderts nicht, ich halte den Anspruch, vor dem Studium schon zu wissen worüber man seine Masterarbeit schreiben will sowieso für sehr fragwürdig, dennoch macht es mich stutzig, weil es eben eine Voraussetzung für die Aufnahme war.

Als Vorletzte bin ich an der Reihe. Ich habe ausser meiner Projektskizze eine weitere Idee, bin mir aber nicht sicher, ob ich diese verwirklichen darf, da die Regel lautet: „Keiner darf sein eingereichtes Thema komplett ändern, nur leichte Abweichungen werden akzeptiert.“.

Die Macht des Wortes –  Eine kritische Betrachtung des Begriffs „Mensch mit Migrationshintergrund“ im öffentlichen Diskurs und in ausgewählten Bereichen der Kinder- und Jugendarbeit.

Als ich meinen Titel verkürzt wiedergebe, zieht Professor A seine Augebraue hoch. Mein erster Gedanke war, dass ihm bewusst wird, dass er von „Diskursanalyse“ als Gesundheitswissenschaftler und Vertreter der quantitativen Forschung wenig Ahnung hat und er sich fragt, wie er mich dabei unterstützen soll. Als ich jedoch fortfahre, meine Hypothese beschreibe, fällt er mir ins Wort. Was ich denn damit sagen wolle, was mir denn nicht an dem Begriff gefallen würde? Ich antworte, kurz und knapp. Ich bekomme nur ein Kopfschütteln und die Antwort: „Das finde ich nicht! Ich benutze den Begriff weiterhin!“ – Mein Argument, dass er dies ja tun könne und es nicht darum geht etwas zu verbieten, sondern für etwas zu sensibilisieren geht er nicht ein, auch nicht auf meinen Vorschlag sich erstmal meine Projektskizze anzusehen. Er fragt mich, ob ich mir das mal so überlegt hätte, das das rassistisch sei. Obwohl ich dies nicht einmal so gesagt hatte, gehe ich auf seine Frage ein, ich habe mehr als 4 Seiten Literaturverzeichnis (bei einer Projektskizze!) Fachliteratur, Forschungen, Artikel – alles dabei, ich nenne ihm auch mehrere Namen renommierter Soziologen, Philosophen und Erziehungswissenschaftler, aber er macht einfach nur dicht. Seine Kollegin Professorin B. bemüht sich ein wenig um Verständnis und wiederholt „Mantra artig“ die Begriffe „Zugehörigkeit und Identität“ . Meine zweite Idee wird überhaupt nicht mehr richtig begriffen und gleich abgewehrt.

Da saß ich nun, mit einem Thema, dass ich nicht wechseln darf, einer Änderung die nicht angehört wurde und 2 Professoren die weder gewillt noch wirklich kompetent sind, mir bei dieser Aufgabe beizustehen. Ein herber Rückschlag für mich, zumal ich, nach der Zulassung, davon ausgegangen war, mein Thema würde kein Problem darstellen. Meine Motivation ist dahin, alle anderen Themen, auch wenn es diese in ähnlicher Form schon 100mal gibt, wurden bejubelt, nur meines verissen.

Ja, ich weiss, mein Thema ist nicht angenehm, meine Hypothese gewagt, aber sie ist nicht sonderlich radikal, nicht wenn man sie mit den Aussagen von Leuten wie Mecheril, Heitmeyer oder Nghi Ha vergleicht. Benedikt Köhler von der Bundeswehruniversität München geht mit dem Begriff „Migrationshintergrund“ in einem Essay noch viel härter ins Gericht, als ich es jemals angedacht hätte. Vielleicht ist es mir desegen, ob dieser breiten Masse an Veröffentlichungen zu dem Thema, so unverständlich, warum gerade ich ständig an Professoren gerate, die mein Thema mit aller Macht nieder schmettern wollen, weil sie glauben, ich würde allen, und vor allem ihnen selbst, die sie diesen Begriff täglich mehrfach benutzen, an den Karren …. wollen.

Das ist jetzt die zweite Hochschule an der Professoren mein Vorhaben abblocken. Niemals allerdings mit wissenschaftlichen Argumenten, sondern immer nur mit Argumenten wie “ Ne, ich bin kein Rassist!“ oder „Das finde ich nicht! Das gefällt mir nicht!“ . Würde einmal jemand kommen und mir wissenschaftlich darlegen, warum mein Thema nicht gut sein sollte, würde ich vielleicht meine Meinung ändern, aber bei all dieser Gegenwehr aus dem sogenannten „akademischen Lager“ werde ich das Gefühl nicht los, dass ich mit meiner Annahme gar nicht so verkehrt liegen kann.

Ich werde also wie schon xmal zuvor, mir den Weg selbst freiräumen müssen, die Steine mühsam zur Seite schaffen, um das zu machen, wovon ich überzeugt bin – falls das hier ein Sozialwissenschaftler lesen sollte, der ebenso wie Professor A allein anhand meines Titels mein Thema zurückweisen kann, dann möge er oder sie sich bitte bei mir melden, vielleicht kann mir ja doch einmal jemand erklären, warum gerade mein Thema so „unnütz“ sein soll…

Alltagsrassismus

„Schau mich an! Schau  mich an! Du musst runter kommen! Das ist es nicht wert!“ Mit beiden Händen sein Gesicht umfassend, schaue ich meinem Jugendlichen bei diesen Worte tief in die Augen. „Komm runter! Scheiß drauf, du weisst, das ist es nicht wert, bitte Sergio*!“ Ich sehe Tränen der Wut in seinen Augen aufblitzen, sein Körper ist angespannt, er steht unter Strom und versucht immer wieder seinen Kopf zu drehen, in die Richtung, in der dieser Mann verschwunden ist. (*Name geändert)

Ich habe nicht wirklich mitbekommen was passiert ist. Ich stand gerade mit dem Kazoospieler draussen, wir haben über die anstehende Veranstaltung gesprochen, als plötzlich ein großgewachsener Mann, etwa Ende 40, um die Ecke kam, gefolgt von Sergio. Der Mann drehte sich um und grinste schräg in Sergios Richtung. Dieser widerum schüttelte nur den Kopf und sagte genrvt so etwas wie: „Man, geh einfach weiter!“ Als er uns erblickte blieb er stehen. Noch hatte ich keine Ahnung was vorgefallen war und gerade als ich nachfragen wollte, drehte der Mann sich noch einmal abrupt um und sagte: „Und das muss ich mir von so einem in meinem Land gefallen lassen!“ Wie vom Blitz getroffen sieht Sergio zu dem Mann herüber und beginnt ihn wüst zu beschimpfen, der Mann lacht nur hämisch. Als hätte ich es geahnt springe ich auf Sergio zu und kann ihn gerade noch festhalten, als dieser nun fast blind vor Wut auf den Mann losgehen will.

Es kostete mich eine ganze Menge Kraft ihn zu mir ins Jugendzentrum zu ziehen, um ihn dort zu beruhigen. Nach einer Weile springt er auf und läuft weg, ich werfe ihm nur noch ein: „Mach bitte keinen Scheiß Sergio!“ hinter her. Erst vor 3 Wochen hatt er seinen Job verloren, weil ihn ein Kunde mit den Worten „Mit Ausländern mache ich keine  Geschäfte, sieh zu, dass du raus kommst!“ vor die Tür setzte – auch da konnte er nicht an sich halten – wer kann das schon?

Während ich mit dem Kazoospieler noch über das eben Geschehene spreche, steht plötzlich der kleine Jens neben uns. Warum der Sergio den Mann hauen wollte, fragt er. „Weil der Mann nichts besseres zu tun hatte, als sich als Oberdeutschen aufzuspielen“, antwortete der Kazoospieler grimmig. „Pfff“, Jens macht einen verächtlichen Gesichtsausdruck, “ was soll das denn sein, Oberdeutsch? Ich bin auch reinrassig Deutscher, ist das schlimm?“ Der Kazoospieler sieht ihn entgeistert an. „Das bist du wahrscheinlich eher nicht Jens. Erstens sind Menschen eigentlich keine verschiedenen Rassen und zweitens glaube ich kaum, das  ein Mensch überhaupt so etwas wie dieses „reinrassig“ sein kann, da wir das kaum zurückverfolgen können!“ antworte ich etwas entnervt. „Nein! Vielleicht bist du es nicht, aber ich bin 100% Deutscher und ganz rein!“ mault Jens. „Ne“, antworte ich nicht weniger maulig, „bin ich auch nicht und das ist auch in Ordnung so. Aber vergiß das Wort „rein“ oder „reinrassig“ mal lieber ganz schnell, das benutzen nämlich nur dumme Menschen und ich glaube zu denen willst du nicht gehören!“ Dann drehe ich mich um und lasse Jens beim Kazoospieler, ich habe keine Lust auf Missionarsarbeit  – was lernen die Kinder eigentlich heute in der Schule? Achja, Kurvendiskussionen…

Abends kommt Sergio noch einmal rein und stellt sich hinter mich an die Theke, einen Arm legt er um meine Schulter:“Du weisst Ninjaan, du weisst ich bin gar nicht so einer! Das weisst du doch, oder? Ich habe nicht angefangen? Er hat mich die ganze Zeit beleidigt und ich habe ihn noch gesiezt und…ich konnte einfach nicht mehr. Du darfst nicht denken, dass ich so einer bin!“ Ich lege ebenfalls einen Arm um ihn und versichere ihm, dass ich weiß, dass er so nicht ist und das ich seine Wut so gut verstehen kann. Aber er müsse auch mich verstehen, ich habe eingegriffen, um ihn selbst zu schützen, nicht den Mann. „Ich weiß doch Ninjaan…ich weiß doch.“  Wir sehen uns beide an, wissen was der Andere denkt und umarmen uns ganz fest. Mehr kann ich nicht tun…

Btw:

Sergio ist 20 Jahre alt und hat einen Abi Durchschnitt von 2,4 – nur einen guten Job, den bekommt er nirgendwo so leicht…