Jugendarbeit

Ich bin seit 2 Monaten nicht mehr auf der Arbeit, ausser der schnöden Verwaltungsarbeit (die immer noch, trotz Krankschreibung gerne auf mich geschoben wird – natürlich ohne zusätzliche Vergütung oder ein Dankeschön) bleibt mir nicht mehr viel. Ohne die direkte Arbeit mit meinen Jungs, geht mir so langsam die letzte Leidenschaft flöten.

Es sei ruhig geworden bei mir auf der Arbeit, wenige Jugendliche seien da. Hin und wiede erreichen mich Nachrichten bei Fb, verzweifelte Anfragen wann ich wieder komme oder einfach ein “ Wie gehts dir“. Eine Nachricht erreichte mich bereits im Dezember. Einer meiner Jungs, mit dem ich gerade vermehrt angefangen hatte für die Schule zu lernen, ist nach eigenen Angaben straffällig geworden. Es dauerte eine Weile bis ich meine Kollegen beruhigt hatte, nicht zuletzt musste ich sie sogar zu Raison rufen. Seine Straftat ist eine von denen, die berührt, die Wut aufkommen lässt. Wenige bleiben da unemotional.

Ich bin nicht unemotional, aber ich habe schon vor langer Zeit gelernt, dass:

Jugendarbeit ist nicht nur Opferarbeit, Jugendarbeit ist auch immer wieder die Arbeit mit Tätern. Wer das nicht kann, ist falsch, in der Jugendarbeit, in der Sozialen Arbeit allgemein.“

Ich bin gerade so sehr mit mir, mit der Verwaltung, meiner Zukunft und meinem kaputten Knie beschäftigt, dass ich es fast ganz zur Seite geschoben habe. Aber heute wurde ich daran erinnert. Und ich würde so gerne meine Kollegen anschnauzen, weil sie nicht handeln, wie ich es tun würde. Vielleicht können sie es nicht? Aber sie sollten, zumindest, so schwer es auch ist, ihm eine Beratung geben. Nimm den Termin bei der Jugendgerichtshilfe wahr, sag die Wahrheit vor Gericht…usw.

Vielleicht sollte ich ihn anschreiben? Vielleicht nicht… Aber glücklich bin ich mit dem wegignorieren der Tat und dem verteufeln seiner Person nicht. Es ist unser Job auch in solchen Situationen professionell zu sein, auch wenn es nicht jedem passt…

Denn wenn nicht wir es sind – wer ist es dann?

Advertisements

Alltagsrassismus

„Schau mich an! Schau  mich an! Du musst runter kommen! Das ist es nicht wert!“ Mit beiden Händen sein Gesicht umfassend, schaue ich meinem Jugendlichen bei diesen Worte tief in die Augen. „Komm runter! Scheiß drauf, du weisst, das ist es nicht wert, bitte Sergio*!“ Ich sehe Tränen der Wut in seinen Augen aufblitzen, sein Körper ist angespannt, er steht unter Strom und versucht immer wieder seinen Kopf zu drehen, in die Richtung, in der dieser Mann verschwunden ist. (*Name geändert)

Ich habe nicht wirklich mitbekommen was passiert ist. Ich stand gerade mit dem Kazoospieler draussen, wir haben über die anstehende Veranstaltung gesprochen, als plötzlich ein großgewachsener Mann, etwa Ende 40, um die Ecke kam, gefolgt von Sergio. Der Mann drehte sich um und grinste schräg in Sergios Richtung. Dieser widerum schüttelte nur den Kopf und sagte genrvt so etwas wie: „Man, geh einfach weiter!“ Als er uns erblickte blieb er stehen. Noch hatte ich keine Ahnung was vorgefallen war und gerade als ich nachfragen wollte, drehte der Mann sich noch einmal abrupt um und sagte: „Und das muss ich mir von so einem in meinem Land gefallen lassen!“ Wie vom Blitz getroffen sieht Sergio zu dem Mann herüber und beginnt ihn wüst zu beschimpfen, der Mann lacht nur hämisch. Als hätte ich es geahnt springe ich auf Sergio zu und kann ihn gerade noch festhalten, als dieser nun fast blind vor Wut auf den Mann losgehen will.

Es kostete mich eine ganze Menge Kraft ihn zu mir ins Jugendzentrum zu ziehen, um ihn dort zu beruhigen. Nach einer Weile springt er auf und läuft weg, ich werfe ihm nur noch ein: „Mach bitte keinen Scheiß Sergio!“ hinter her. Erst vor 3 Wochen hatt er seinen Job verloren, weil ihn ein Kunde mit den Worten „Mit Ausländern mache ich keine  Geschäfte, sieh zu, dass du raus kommst!“ vor die Tür setzte – auch da konnte er nicht an sich halten – wer kann das schon?

Während ich mit dem Kazoospieler noch über das eben Geschehene spreche, steht plötzlich der kleine Jens neben uns. Warum der Sergio den Mann hauen wollte, fragt er. „Weil der Mann nichts besseres zu tun hatte, als sich als Oberdeutschen aufzuspielen“, antwortete der Kazoospieler grimmig. „Pfff“, Jens macht einen verächtlichen Gesichtsausdruck, “ was soll das denn sein, Oberdeutsch? Ich bin auch reinrassig Deutscher, ist das schlimm?“ Der Kazoospieler sieht ihn entgeistert an. „Das bist du wahrscheinlich eher nicht Jens. Erstens sind Menschen eigentlich keine verschiedenen Rassen und zweitens glaube ich kaum, das  ein Mensch überhaupt so etwas wie dieses „reinrassig“ sein kann, da wir das kaum zurückverfolgen können!“ antworte ich etwas entnervt. „Nein! Vielleicht bist du es nicht, aber ich bin 100% Deutscher und ganz rein!“ mault Jens. „Ne“, antworte ich nicht weniger maulig, „bin ich auch nicht und das ist auch in Ordnung so. Aber vergiß das Wort „rein“ oder „reinrassig“ mal lieber ganz schnell, das benutzen nämlich nur dumme Menschen und ich glaube zu denen willst du nicht gehören!“ Dann drehe ich mich um und lasse Jens beim Kazoospieler, ich habe keine Lust auf Missionarsarbeit  – was lernen die Kinder eigentlich heute in der Schule? Achja, Kurvendiskussionen…

Abends kommt Sergio noch einmal rein und stellt sich hinter mich an die Theke, einen Arm legt er um meine Schulter:“Du weisst Ninjaan, du weisst ich bin gar nicht so einer! Das weisst du doch, oder? Ich habe nicht angefangen? Er hat mich die ganze Zeit beleidigt und ich habe ihn noch gesiezt und…ich konnte einfach nicht mehr. Du darfst nicht denken, dass ich so einer bin!“ Ich lege ebenfalls einen Arm um ihn und versichere ihm, dass ich weiß, dass er so nicht ist und das ich seine Wut so gut verstehen kann. Aber er müsse auch mich verstehen, ich habe eingegriffen, um ihn selbst zu schützen, nicht den Mann. „Ich weiß doch Ninjaan…ich weiß doch.“  Wir sehen uns beide an, wissen was der Andere denkt und umarmen uns ganz fest. Mehr kann ich nicht tun…

Btw:

Sergio ist 20 Jahre alt und hat einen Abi Durchschnitt von 2,4 – nur einen guten Job, den bekommt er nirgendwo so leicht…

 

 

 

Klassenkonferenz Teil III

„Der Hasan ist doch erst 2003 eingeschult worden!?“ verdutzt sieht die Sekretärin der Grundschule mich an. „2003?“„Ja, 2003! Der ist mit meiner Tochter eingeschult worden. Und sitzen geblieben ist er auch nicht, sondern hat für die Schuleingangsphase 3 Jahre gebraucht.“ Ich schüttel ungläubig den Kopf und sehe zu Hasan hinüber. Er hat den Blick gesenkt und starrt auf seine Schuhe. Ich glaube er hört nicht zu, glaubt sowieso nicht, dass wir das noch irgendwie hinkriegen können.

Ich grinse, nehme dankend die Bestätigung der Grundschule an und verlasse mit Hasan das Sekretariat. „Hast du verstanden was sie da gerade gesagt hat?“ Hasan sieht mich an:„Ja, ich bin 2003 eingeschult worden…?“ – „Jahaaaaa! welches Jahr haben wir heute??“  Jetzt schaut Hasan ganz irritiert:“ 2012?“ Ich gebe ihm einen leichten Schlag auf den Hinterkopf (soll ja bekanntlich das Denkvermögen erhöhen…) und dann macht es endlich Klick bei ihm! „Aaaah! Ninjaaaaaaan! Ich bin erst seit 9 Jahren in der Schule!!!“ Ich muss schmunzeln. Herzlich Willkommen Hasan, du Schnelldenker!

Noch ist er spektisch, auf der Fahrt zur Schule fragt er immer wieder, ob so eine Bestätigung ausreicht, ob sie ihm jetzt wirklich nichts mehr können. Nein, können sie nicht. Er hat keine 10 Schuljahre voll, alles ist gut. Jedenfalls für dieses Jahr.

Im Sekretariat der Gesamtschule kann man uns keine Auskunft darüber geben wo Abteilungsleiter oder Schulsozialarbeiterin stecken, es ist Projektwoche. Wir geben die Bestätigung ab, für Rückfragen notiere ich noch meine Handynummer.

Draussen auf dem Schulhof treffen wir zwei andere Jungs, beide schon 18, beide ohne Ausbildung. Sie hängen da einfach „ab“. Einer von ihnen sollte jetzt allerdings eigentlich in der Schule sitzen, 2. Bildungsweg, eigentlich eine gute Chance für ihn. Er ist klug, hat eine schnelle Auffassungsgabe, ich traue ihm locker das Abitur zu. Leider hat er sich dazu entschieden lieber „Boyz in tha Hood“ zu spielen, als etwas für seine Zukunft zu tun. Man kann nicht jeden retten…

„Ninjaan!“ ruft eben dieser „ich geh von der Schule ab! Ich soll Nachprüfung machen, aber hab kein turn!“ „Schön, Nunu! Dann kannste in einem Jahr als „Avatar“ für das Pennergame Model stehen!“ Entgeistert sieht er mich an:“ Boaaaaaaah! NINJAAN!“ Ich zucke nur die Achseln, ich habe ihm Monate lang Unterstützung angeboten – auch mein Helfersyndrom hat mal ein Ende. Vor allem bei Jungs die eigentlich klug genug sind!

In diesem Moment kommt der Abteilungsleiter auf uns zu. Eigentlich müsste er die Jungs vom Gelände verweisen, sie haben hier nichts zu suchen, aber er ignoriert sie nur. Selbst als Nunu, der das Ignorieren als Angst wertet, sich neben ihm aufbaut. Weil´s der Abteilungsleiter nicht tut, verweise ich sie also des Geländes, murrend ziehen sie ab. Auf Publikum habe ich nämlich gerade keinen „turn“.

Ich berichte dem Abteilungsleiter von unserer Bestätigung und sehe wie er darum bemüht ist, seine Gesichtszüge nicht entgleisen zu lassen. Er lächelt gequält und reicht Hasan die Hand:“ Oh, schön Hasan. Dann ist ja jetzt alles gut. Da hatten wir wohl falsche Informationen vorliegen.“ Hasan lächelt zurück, aber auch eher gequält, nicht weil er sich nicht freut, aber weil er genauso wie ich sieht, dass der Abteilungsleiter alles andere als erfreut ist.

„Damit sollte dann alles geklärt sein, nicht wahr Herr D.?“ – „Ja, ja natürlich Frau H.! Alles geklärt! Hasan bleibt dann natürlich auf der Schule!“

Es mag gemein klingen, aber es war mir ein innerer „Vorbeimarsch“, auch wenn der gute Herr D. mich jetzt wahrscheinlich an jedem einzelnen Tag verfluchen wird.

Hasan begleitet mich, wir wollen noch zusammen lernen. Diskret streckt er mir die Hand zum „Abklatschen“ hin, ich zwinker ihm zu – alles gut gegangen!

 

 

Klassenkonferenz Teil II

Die Schulsozialarbeiterin rief mich gestern an, mein Hasan hätte am Freitag (also heute) noch ein Gespräch mit ihr und dem Abteilungsleiter, ich solle bitte dabei sein. Super, denke ich mir, gerade Urlaub bis Mittwoch eingereicht und schon der nächste, nicht aufschiebbare Termin, aber gut, dass ist es mir wert.

Um Punkt 10 Uhr erreiche ich die Schule, Hasan wartet schon auf mich, er wirkt geknickt, nervös. Verständlich, wäre ich nicht da, müsste er dieses Gespräch nun alleine führen. Immer wieder denke ich darüber nach, wie ich selbst mit 15 Jahren war. Hätte ich nicht Eltern gehabt, die zwar streng waren, aber immer hinter mir standen wenn es hart auf hart kam, wo wäre ich dann heute?

Gemeinsam betreten wir das Büro der Sozialarbeiterin und nehmen auf einem großen Sofa mit Stofftieren Platz. Eine komische Situation, Hasan fällt ein Plüschhund auf den Schoß, mich glotzt ein Stoffkoala mit großen Augen an. Ich liebe Koalas, aber jetzt gerade kommt mir das alles irrwitzig vor, ich muss Schmunzeln, auch Hasan muss kurz Lächeln. Vielleich sind sie dafür da? Zur Entspannung?

Das Urteil der Klassenkonferenz liegt uns bereits schriftlich vor, ein Verweis in seiner Schülerakte und 1 Woche Suspendierung (mir wird sich der Sinn dieser „Strafe“ glaube ich nie erschließen…Ausschluß vom Unterricht….für Problemschüler sicher was gaaanz, gaaanz schlimmes). Jetzt geht es um die Schulverlängerung.

Der Abteilungsleiter geht auf Hasan´s Noten ein, die sind katastrophal geworden im letzten Schuljahr, wäre er nicht auf einer Gesamtschule, würde er sitzenbleiben, aber hier bleibt man bis zur 9. Klasse nicht sitzen. Er beginnt „Alternativen“ aufzuzählen, die, meines Erachtens, keine Alternativen sind. Hasan hat noch Schulpflicht, aber eben 10 Jahre voll (Ende August wird er 16) und somit muss die Schule ihn nicht behalten.

Bei den Alternativen zuckt Hasan zusammen, ich ebenfalls. Das sind keine Alternativen, da ist Endstation. Es gibt keine Erhebung über die Erfolgsquote, erfahrungsgemäß schaffen es auf diesen „vorgeschlagenen Schulen“ aber höchstens 10%. Alle Anderen fallen durch´s Raster, bleiben ohne Abschluß und landen bestenfalls eines Tages in einer Zeitarbeitsfirma. Das ist Hasan genauso bewusst wie mir, den Lehrern vielleicht auch, aber sie wollen es nicht so deutlich vor ihm sagen. Das übernehme ich dann und ernte einen vorwurfsvollen Blick von beiden Seiten.

Hasan fleht um eine letzte Chance, dass man ihm noch eine Chance gibt, eine Einzige, weil er erst in der 8. Klasse ist, und das, laut Abteilungsleiter, eine „extrem Situation ist, die nur selten Anwendung findet“. Ein Schuljahr indem er sich beweisen kann, er will einen Abschluss, will es schaffen. Seine Familie macht unheimlichen Druck, er selbst erwartet mehr von sich, will packen, wie, weiß er allerdings selbst nicht. – Ich hätte es mit 15 auch nicht gewusst, warum vergessen das immer soviele?

Der Abteilungsleiter bleibt stur, fragt mich, ob ich Hasan bei seinen Bemühungen eine neue Schule zu finden unterstützen werde. Ja, werde ich. Zuerst aber werde ich Widerspruch einlegen. Ich bitte Hasan draußen zu warten und Sozialarbeiterin und Abteilungsleiter um einige Minuten. Das was ich nun sage, ist nicht für seine Ohren gemacht.

Ich spreche ruhig, obwohl ich innerlich brenne, ich bin wütend, möchte sie anmaulen, warum sie ihn aufgeben, warum sie ihn fallen lassen und ob sie nicht denken, es gehe um das Wohl des Kindes! Ich drücke mich diplomatisch aus, prangere unser Schulsystem an. Der Abteilungsleiter spricht von eigenem Versagen, ich denke er will mich schnell loswerden, den Gefallen tue ich ihm nicht. Ich weise die Schuldfrage ab, es geht nicht um Schuld, es geht um das, was wir nun tun müssen, um Hasan zu helfen. Darum, dass wir nicht sofort aufgeben dürfen, wir als Pädagogen.

Ja, Schulen sind überbelegt, wir können nicht jeden retten, aber wir sollten es versuchen. Der Abteilungsleiter schweigt, die Schulsozialarbeiterin stimmt mir zu, ich bin mir nicht sicher auf wessen Seite sie steht. Ich hoffe auf Hasan´s.

Ich informiere beide darüber, dass ich ein Gespräch mit dem Schulleiter will, den ich persönlich kenne. Jener Schulleiter der mir vor vielen Jahren eine Chance gab, als meine alte Schule mich „schmeissen“ wollte. Jener Schulleiter, der mir, nachdem ich „einfach so“ (hinter jedem einfach so steckt natürlich eine Geschichte) die Schule abbrach einen neuen Schulplatz organisierte. Der mich immer ermutigte und an mich glaubte. Als ich ihn Jahre später, während meines Studiums einmal anrief und ihn um einen Praktikumsplatz bat, sagte er:“ Ach Ninjaan! Ich wusste du packst das! Du kannst jederzeit zu uns kommen!“

Er glaubte an mich, meine Eltern glaubten an mich. Und ich habe es geschafft, nach viel hin und her. Viele haben nicht an mich geglaubt, ich sollte sogar von der Schule geworfen werden, weil „mein Verhalten“ nicht mehr „tragbar“ war – warum es so war und warum es später auf der anderen Schule niemals so schlimm wurde, diese Frage haben sich meine alten Lehrer wahrscheinlich niemals gestellt.

Nicht jeder nutzt die Chancen die einem geboten werden, nicht jeder nimmt die helfende Hand, die ihm gereicht wird. Ich weiss noch nicht, für was Hasan sich genau entscheiden wird. Aber solange ich Hoffnung habe, will ich an ihn glauben und ihn unterstützen und ich hoffe sehr, dass der Schulleiter hier mit mir übereinstimmt. Weil ich weiss, dass es sich lohnt, weil ich weiss, dass ich heute nicht wäre, wo ich jetzt bin, wenn mir niemand eine Chance gegeben hätte.