Praxis Dilemma oder „Es“ ist einfach überall…

Man stellte mich ein, obwohl ich keine besonderen Vorkenntnisse in diesem Bereich habe, das hat mich gewundert und gleichzeitig gefreut. Ich liebe Herausforderungen, lerne gerne etwas Neues, bilde mich weiter. Das hier ist der perfekte Ort dafür. Und nach 6 Wochen muss ich sagen, trotz des Stress und der etwas (typischen) chaotischen Organisation meines Arbeitsbereiches und meiner Aufgaben, fühle ich mich absolut wohl und angekommen. Den Job könnte ich länger machen! Ich stehe mittlerweile gerne morgens auf, habe gute Laune wenn ich bereits um 7:30 Uhr durch die große Glastür husche, noch kurz mit Beschäftigten rede, meinen PC hochfahre und den ersten Kaffee aus dem Bereich stibitze für den ich verantwortlich bin. Ich mag die meisten Kollegen und die meisten Kollegen kommen gut mit mir klar, es ist entspannt.

Es könnte alles so schön sein, so schön…wäre da nicht dieser andere Bereich, den ich noch mit 10 Stunden in der Woche abdecken muss. Ein anderes Gebäude, andere Kollegen, anderes Klientel. Eigentlich, hatte ich mich fast mehr darauf gefreut… zu früh gefreut, wie so oft.

Man hatte mich eingestellt, sagte man, weil ich Wissen aus der Migrationsarbeit mitbringe, weil dieses Wissen heutzutage in jedem Bereich wichtig ist. Das hatte mich gefreut, weil ich derselben Meinung bin. Es ist schön, nach jahrelangem Studium und einigen Jahren Berufserfahrung endlich als Fachkraft ernst genommen zu werden – auch ohne unglaublich viele und teure Fortbildungen.

Während es am Hauptarbeitsplatz, wie beschrieben, keine besonderen Probleme gibt und Kollegen sich darüber freuen, einen Ansprechpartner für Migrationsfragen zu haben, sieht es am Nebenarbeitsplatz ganz anders aus. Von Anfang an schlug mir ein gewisses Mißtrauen und Desinteresse meinem neu eingerichteten Arbeitsplatz gegenüber entgegen. Ich verstand nicht warum, wobei es bei einigen sicher auch Zeitmangel ist, Zeitmangel sich genauer mit mir und meiner Stelle auseinander zusetzen.

Aber langsam begreife ich, dass es da einige gibt, die, zurecht, von Anfang an befürchteten, ich könnte ihnen auf die Finger schauen, Dinge sehen, die von anderen übersehen wurden, und dagegen angehen wollen.

Hier einmal, ohne größeren Zusammenhang (der Anonymität wegen) ein paar Aussagen, damit ihr genauer versteht, wovon ich hier eigentlich rede.

Kollegin: Wie der ist? Der ist halt wie Türken eben so sind! Wie soll der schon sein!

Kollegin: Man weiß ja wie die drauf sind, die Türken! Von Frauen halten die eh nicht, also versuchen sie gar nicht erst mit dem zu sprechen! Werden sie tätig!

Kollege: Was die sich denken! Hier in Deutschland gibts sowas nicht! Soll er zurück gehen, wo er hergekommen ist!

Hier geht es um einen Mann, von dem mir gesagt wurde, er sei unglaublich gefährlich und gerade im Begriff ein Leben zu zerstören. Ich war einerseits alarmiert, andererseits unsicher. Wie viel Wert kann ich auf Aussagen von Menschen legen, die der Meinung sind „alle Türken sind so?“

Um mir ein genaueres Bild von dem Herrn zu machen, wollte ich an einem Zusammentreffen, mit mehreren Leuten, von dem Nebenarbeitsplatz initiiert, teilnehmen. Meine Anwesenheit war nicht erwünscht, das sagt man mir so, von Seiten der Kollegen. Aber ich bestand darauf und es ergab sich folgendes Gespräch:

Kollegin: Sind sie sicher, dass sie kommen wollen? Ich wüsste nicht warum? Der Mann kommt eh nicht, so sind die, die melden sich an und kommen dann nicht!

Ich: Ja, ich bin sicher, dass ich kommen will. Allgemein halte ich es für wichtig, mich noch einmal vorzustellen.

Kollegin: Aber da werden wenige Türken sein!

Ich: … Ich bin ja auch nicht nur für eine bestimmte Gruppe da, sondern für alle?

Kollegin: Ja, wenn sie kommen wollen, obwohl die Türken wohl nicht kommen werden…

Ich: Ja, will ich!

Ich kam an dem Abend, genau so wie „die Türken“. Ich saß neben ihnen, den ganzen Abend, mit dem einen unterhielt ich mich viel, der Andere war eher schweigsam, berichtete mir, dass er höllische Rückenschmerzen habe und deswegen Probleme mit dem langen Sitzen habe. Der Abend verlief ruhig, bis auf einige wenige Seitenhiebe der Kollegin gegen „Die Türken“, die ihrerseits aber nicht darauf eingingen.

Am übernächsten Tag auf dem Nebenarbeitsplatz:

Kollege: Ich habe schon von der Katastrophe am … gehört! Unfassbar sowas!

Ich: Wie bitte?

Kollege: Ja, das der Herr … so aggressiv war!

Ich: Entschuldigung, ich weiß nicht was Sie meinen?

Kollege: Wie? Der soll doch voll auf Krawall gebürstet gewesen sein! Haben Sie da eine andere Wahrnehmung oder wie?

Ich: Sieht ganz so aus.

 

Kollegin: Gut das sie da sind! Ich muss mit ihnen reden!

Ich: Ja, wir sollten den Abend einmal reflektieren.

Kollegin: Ja! Ganz genau! Was für eine Unverschämtheit! Wie aggressiv der war! Und dieses Teil in seiner Hand! Was soll das?

Ich: Ich weiß, um ehrlich zu sein, nicht was Sie meinen. Ich saß doch den ganzen Abend neben ihm, was haben sie denn als aggressiv empfunden?

Kollegin: Seinen Blick! Und dieses Teil in der Hand! Das war doch Provokation!

Ich: Das Teil in seiner Hand, war eine Gebetskette, so wie ein Rosenkranz. Manche Menschen nutzen es, um sich etwas zu beruhigen.

Kollegin: Ha! Sehen sie! Beruhigen! Weil er so aggressiv war!

Ich: Der Mann hat gerade nach 30 Jahren seinen Job verloren und hat über starke Rückenschmerzen geklagt, wahrscheinlich hatte er es deswegen mit.

Kollegin: Wie auch immer! Ich habe gesehen, wie er sie mit seinen Blicken durchbohrt hat! Ja! Immer wenn sie geredet haben! Weil sie eine Frau sind! Die haben ja Probleme mit Frauen! Das hat mir richtig Angst gemacht!

Ich: Ich kann das so nicht bestätigen, er hat auf jede meiner Fragen höflich geantwortet.

Kollegin: Das ist doch Show! Dieses Moslems; Türken, die wollen nicht das wir Frauen reden!

Ich: …

Kollegin: Egal, er hat … ein Gespräch mit dem Leiter.

Ich: Ich würde gerne dabei sein, vielleicht ist eine Mediation nötig, wenn es um das eine Thema geht.

Kollegin: Brauchen sie nicht. Das macht der schon alleine.

Ich: Aber für so etwas bin ich hier.

Kollegin: Er hört ihnen als Frau eh nicht zu!

Konsequenz: Ich darf an dem Gespräch nicht teilnehmen. Und langsam wird mir dabei mulmig. Ich weiß nicht was sich da in den Kopf gesetzt wurde, aber ich kann nicht tatenlos daneben sitzen und zulassen, wenn ein Mann, aufgrund seiner Herkunft, so in die Mangel genommen wird, wenn ihm Dinge unterstellt werden, die nicht wahr sind. Vielleicht ist er kein freundlicher Zeitgenosse, aber das sind viele nicht, solange er sich nicht mit irgendwas strafbar macht, habe ich kein Recht einzugreifen und vor allem keinen Grund. Grummelig sein, ist noch kein Verbrechen!

Ich stecke jetzt in einem Dilemma. Der Leiter ist nicht auf meiner Seite. Mit wem soll ich sprechen? Soll ich einfach wegsehen? Ich kann nicht wegsehen, das gehört nicht zu meinem Job, im Gegenteil, genau Hinsehen ist mein Job, Missstände erkennen und beheben, das ist mein Job. Ich bin in der Probezeit, ich brauche diesen Job, jedenfalls so lange bis Amin einen gefunden hat, da kann ich mir, zur Not, auch getrost einen Neuen suchen. Aber eigentlich mag ich es ja an dem Hauptarbeitsplatz…ich bin hin und hergerissen. Was soll ich tun? Wenn ich Pech habe, dann riskiere ich meinen Job, wenn ich den Mund aufmache. Wenn ich den Mund halte, kann ich nicht mehr lange in den Spiegel schauen…

Warum muss Rassismus nur überall sein – Warum gibt es für den sozialen Bereich nicht einen Gesinnungstest?

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Und am Ende schweigen wir

…“I dont hate u, I never did. And it´s not the question if I hate, but why do u shit on me that hard? Warum diese Gleichgültigkeit?! – „What? Ninjaan, I never shitted on you! Never…“ – „U did, so hard. How? I have just this one question, I will answer any of urs, just tell me HOW?“ – “ I never did Ninjaan. If u, ur friendship weren´t important to me, why should I call u? I would never do it, if it weren´t important! I am sorry, I never wanted u to feel like this, but what did I do?“ – „U forgot me. Simply, as if it was that easy. How could it be so easy?“

Seine Stimme zittert noch immer. Er beginnt Sätze und vollendet sie nicht, ich wünschte ich könnte behaupten, dass ich mich an alles was er sagte erinnern oder wenigstens an alles was ich sagte. Aber das kann ich nicht. Er redete über seine Art, darüber, dass er niemals Menschen nicht antwortet, um sie zu verletzen. Aber er sei so, warum ich das nicht verstehe? Warum Menschen von ihm immer erwarteten er müsse anders sein. Sein Cousin, sagte er, würde seit 2 Jahren wohl auf ihn warten, ob ich glaube sein Cousin wäre ihm egal. Er könne einfach nicht, sein Leben und überhaupt alles, es wäre nicht seine Art Menschen damit zu belasten. Ich schwieg, noch immer verwirrt von seinem Stimmungswandel. Dann bricht seine Stimme erneut.

„Why u? Why did u tell me things like this? Why u? I cant understand it…I dont want to. I wished it wasnt u.“

Ich spüre wie mir Tränen in die Augen schießen, sich ein Kloß in meinem Hals breit macht, den ich nicht einfach hinunterschlucken kann, so wie ich es gerne würde. Erneut, diesmal jedoch ruhiger, fast verzweifelt und nicht mehr wütend, fragt er mich nach dem Warum. Warum ich ihm all diese Dinge sagte, warum ich das tat. Ich hätte ihm die Wahrheit sagen können. Aber da ist dieser Kloß in meinem Hals, der mir die Worte erstickt, jedenfalls die, die ich sagen sollte. Und so schließe ich einen Kompromiss mit mir und setze an, etwas wahres zu sagen, ohne dabei alles auszusprechen.

„I did it because…I want u to…I want u to …“ – „U want me to…what? Say it, come on…“ – “ I…I …please Yaya, u know what I want to say..“ – „No! I dont know nothing anymore! Say it!“ – „I…want u to see it!! To see!“ – „To see what?“ – „That I´m…!“ – „U are..?“ – „Hurt.“ – „U want me to see u are hurt while writing me things like this? Is it so hard to just tell me?“ – „It is. And u were gone.“

Es entfacht eine Diskussion darüber, wer von uns beiden ging.

„U, Ninjaan, u went away! I thought u wanted it! I thought u are happy and u go on with ur life!“ – „Of course I did!“ – „So? I wrote u sms! U! Aha! U unfriended me in facebook! Why? Because u thought I dont want this asshole anymore in my life or list!“ – „No! Its not like that!“ – „It doesnt matter! And I just saw it because I searched for a link, okay?“ – „Okay…“ – Just because of this!“- „Okay…“ – „Because I wanted to show a friend this one song, I searched for ur page, checked ur wall and realized u are not my friend anymore!“ – “ Yes, but it was…sth totally different…“ – „It doesnt matter…“

Diesen Link, der befand sich in unseren Nachrichten, nicht auf meiner Pinnwand.

Wir reden noch ein wenig hin und her, darüber wer ging, gehen wollte, wer begann und wer nicht. Kindisch. Wir schweigen, ich lausche seinem Atem und mir wird bewusst wie sehr ich seine Stimme vermisst habe, es vermisst habe mit ihm zu reden. Und während ich beginne in Erinnerungen zu schwelgen, scheint er zu begreifen, plötzlich.

„Ninjaan. U have to tell me. U have to. Please. Tell me, there is something else but…“

Wie erstarrt starre ich auf das Display. Der Kloß in meinem Hals wird zu seinem großen Stein. Ich weiss was er meint, wir beide wissen es. Warum soll ich es jetzt sagen? Meine Gedanken fahren Achterbahn. Soll ich es sagen? Soll ich schweigen? Am anderen Ende des Telefons spricht er weiter auf mich ein. Wiederholt immer und immer wieder diese Sätze. Fast flehend.

Ich kann nicht aufhören dich zu lieben und es tut so verdammt weh.

Das hätte ich sagen sollen, dieser Satz brannte sich in meinem Kopf ein. Doch ich tat es nicht. Denn plötzlich wird unser Gespräch unterbrochen. Er war mitten in einem Satz, ich in Gedanken. Da war es vorbei. 2 Stunden um? Hat o2 gerade gnadenlos zugeschlagen? Nein, erst eine Stunde. Was war geschehen? Ich wähle seine Nummer, sein Handy ist aus. Ist sein Akku alle gegangen? Ich schreibe eine Nachricht. Sie wird nicht übertragen. Ich bin völlig verwirrt. Was hat er zuletzt gesagt?

Nach 15 Minuten der Übertragungsbericht. Ich starre wie gebannt auf mein Handy. Eine Minute erscheint wie eine Ewigkeit. Ich wähle seine Nummer. Er hebt nicht ab. Ich warte, eine Stunde. Es kommt nichts. Ich schreibe erneut eine Sms, frage was geschehen ist und ob wir das Gespräch nicht beenden können… Keine Antwort. Bis heute nicht, eine Woche danach.

Denn auf meine Frage, was geschehen ist, kann ich mir selbst antworten. Er hat es begriffen. Mein Schweigen war die Antwort. Und das ist zuviel, das ist zu nah. Zu nah geht nicht. Ich bin ein runaway, aber er, er ist es noch viel mehr als ich.

Und wieder kann ich es nicht sagen.

Verlorene Zeit

Ich bin erstaunlich still, oder? Dafür, dass ich nichts wirklich tue, die Arbeit auf meinem Schreibtisch überquillt, ich die Uni schon zwei Tage habe ausfallen lassen und die meiste Zeit einfach zuhause verbringe, schreibe ich so gut wie nichts. In zwei Wochen 3 Artikel, das war schon mal anders. Die Kopfschmerzen haben ein wenig nachgelassen und ich schlafe wieder ein wenig, aber die Leere, die Leere in mir, verschwindet nicht.

Und so bleiben mir die Worte im Hals stecken, die Gedanken finden keinen Weg meinen Kopf zu verlassen…Schweigen, darin bin ich zurzeit ganz groß. Ich will niemanden langweilen, nicht meine Blogleser, nicht meine Freunde. Es ist doch alles gesagt, worüber sollte ich jetzt noch sprechen? Nur um mich zu wiederholen, denn nichts anderes als Wiederholungen habe ich im Kopf?

Ich kann gerade weder vor noch zurück, ich erlebe einen Stillstand, der mir bis dato unbekannt war, das Erschreckende dabei, die Zeit vergeht dennoch. Der Kalender zeigt den 14. Oktober an – wo sind die ganzen Tage, die Stunden geblieben?

Jeder Tag den ich nicht mit Leben fülle, den ich ohne Ziel verstreichen lasse, ist ein verlorener Tag, der niemals zurückkommt.

Doch auch diese Gedanken sind kein Antrieb, können mich nicht aus diesem Loch befreien in dem ich mich gerade befinde, im Gegenteil, sie lähmen mich zusätzlich.

Selten hat mir die Endgültigkeit einer Sache so zugesetzt.

Wieviel Tage muss ich noch verschwenden, wieviele Stunden noch schweigend mit mir selbst verbringen?

Und warum fehle ich dir nicht?

Der lange Abschied Teil 1

Es gab eine Abmachung zwischen Yaya und mir, eher gesagt ein Versprechen. Er würde sich um meine Fotos aus der Westbank kümmern, noch während ich in Jerusalem bin, damit ich diese nicht mit zur Flughafenkontrolle nehmen muss. Das hatten wir schon Wochen vorher ausgemacht und Yaya hält seine Versprechen immer…

Als er jedoch etwas mehr als eine Woche vor meiner Abreise wieder von der Bildfläche verschwand, auf meine Nachrichten bei Skype nicht reagierte, kam ich ins Grübeln. Ich sicherte mich ab, bat eine Freundin sich ebenfalls ein Dropbox Konto einzurichten….nur für den Notfall. Ich schickte ihm vom Flughafen in Köln aus ein Foto – meine Abreise schien ihn nicht sonderlich zu interessieren und ich erinnerte mich wehmütig daran, dass er mir vor meinem Kurztrip nach Schottland im März in der Nacht vorher schrieb und ich, kaum war ich zuhause schon Nachrichten bei Skype erhalten hatte, ob ich gut angekommen sei – aber das war vor einem halben Jahr. Jetzt ist alles anders.

In Haifa hatte ich endlich einen Internetzugang, ich checkte FB und Skype – keine Nachricht. Ich wechselte sogar meine Simkarte, um zu sehen, ob er mir dort geschrieben hat. Hatte er nicht. Noch einmal kontaktierte ich ihn, ich sorgte mich langsam ernsthaft. Keine Reaktion. Zwei Tage lang checkte ich in regelmäßigen Abständen Skype und FB – aber es kam nichts. Am 3. Tag war ich nur noch wütend und fasste den wilden Entschluß ihn zu blockieren, überall! Dieses ewige Warten macht mich k rank – worauf warte ich eigentlich? Ich habe auch noch andere Freunde!  – Doch als ich mich bei Skype anmeldete erhielt ich augenblicklich eine Nachricht:

Israeli Ninjaan, how are u?

10 Tage nach meiner ersten Nachricht erhielt ich nun das. Ich war wütend, mein Kopf von der Hitze benebelt und mein Gesicht von der Sonne verbrannt. Ich bemühte mich gelassen zu sein, konnte mir aber eine bissige Bemerkung nicht verkneifen und nach wenigen Sekunden befanden wir uns in einem unserer altbekannten Streitgespräche. Er erklärte sich, ich wank ab, verspürte nicht den Drang nach einer Diskussion – er anscheinend schon. So bat ich ihn genervt, doch die Sache nun zu vergessen, da ich im Urlaub sei und keine Lust auf so etwas hätte. Durch diese Worte angestachelt war er gerade dabei richtig loszulegen, als ich ihn einfach anrief, einfach den Knopf „Videoanruf“ drückte und abwartete. Was mir in diesem Moment durch den Kopf ging, ich kann es nicht erklären, ich hoffte einfach auf ein schnelleres Ende, würden wir sprechen statt schreiben.

Ich sah wie er sein geschriebenes wieder löschte und dann erneut ansetzte:

What are u doing? I dont want to talk!

– If u dont pick up the phone, I will never talk to u again!!

Prompt nahm er ab.

Es dauerte ewig bis die Kamera die Videoübertragung startete. Ich starrte mit rotem Gesicht auf den Bildschirm. Da saß er, in einem gelben Tshirt, Teetasse in der einen Hand während er sich mit der anderen nervös durchs Haar fuhr. Er stand noch einmal auf, holte irgendetwas und setzte sich wieder, mit gesenktem Blick.

Ninjaan: Come on Yaya, say it again and look at me!

Yaya: No…I dont want to.

Ninjaan: I am sick of fighting, and we always fight.

Yaya: I dont want to fight.

Ninjaan: Sooo? (lächelnd)

Yaya: Soo…lets stop fighting. (lächelt ebenfalls und sieht endlich in die Kamera)

Wir sehen uns einen Moment schweigend an und müssen beide grinsen. Aber weil ich spürte wie sehr es mir gefällt ihn anzusehen, weil dieses warme Gefühl wieder in mir aufkommt, halte ich das Gespräch kurz und verabschiede mich zum Essen. Sein Versprechen gelte, versicherte er mir. Er solle keine Zicke mehr sein, darum bat ich ihn. Er schüttelte den Kopf: Dito!

Erst als ich in Jerusalem ankomme, schreibt er mir wieder, nur einen Moment, aber ich bin beruhigt, so wie ich es immer war, wenn er wieder nur ein Fünkchen Interesse an mir zeigte. Vergessen war, dass er mich 10 Tage hatte hängen gelassen, dass er meinen Termin in Düsseldorf, wegen meines Doktors, vergessen hatte…und noch so viele andere Dinge, die eben Freunde nicht einfach vergessen sollten.

Retrospektive Dezember 2011: Das letzte Treffen Teil III

„No I can’t forget this evening or your face as you were leaving
But I guess that’s just the way the story goes
You always smile, but in your eyes
Your sorrow shows” Without you – Mariah Carey

Du musst schon eine ganze Weile in der Tür gestanden haben, aber ich habe nicht zu dir rüber gesehen. Ich bin zu schwach um meinen Kopf zuheben, zu schwach dir in die Augen zu sehen. Was ist passiert? Was haben wir da gesagt? Ich fühle mich leer, unendlich leer und ich möchte nur weinen, zuhause, alleine in meinem Bett. Aber du bist hier und darum unterdrücke ich die Tränen.

Wie eine Ewigkeit kommt mir unser Schweigen vor, ich starre auf die weisse Wand, direkt neben mir und hoffe, dieser Moment, dieser Abend möge vergehen. Und während ich hoffe und starre und mich keinen Millimeter bewege, höre ich plötzlich deine Schritte auf mich zukommen. Vorsichtig sehe ich zu dir auf, unschlüssig, den Blick gesenkt, stehst du da. Der Kloß in meinem Hals weicht dem Gefühl der Wut, auf dich, auf mich, diese Situation, meine Worte, deine Worte, meine Gefühle, meine Unfähigkeit und deine Unfähigkeit mit solchen Situationen umzugehen.

Plötzlich gehst du auf die Knie, direkt vor mir lässt du dich nieder, du lehnst deinen Kopf vorsichtig an mein Knie und beginnst zu singen, erst leise, so dass ich es kaum verstehe, dann deutlicher. Without you singst du, mein Blick ruht auf deinem Haar, ich würde es gerne berühren, dir über den Kopf streicheln, aber ich bin nicht in der Lage dazu und weil ich nicht auf dieses Lied reagiere singst du nun eines auf Arabisch: Tamally ma3ak. (Für immer mit dir). Ein Zittern durchfährt meinen Körper, du nimmst deinen Kopf von meinem Knie, siehst mich an und singst weiter.

„Was soll das jetzt?“ Überrascht ob meiner eigenen harten Worte sehe ich dir nun direkt in die Augen. „Do u know this song Ninjaan? Tamally ma3ak?“ – Yes I know it.” Du nickst und weichst meinem Blick aus. Ein letzter Versuch, du beginnst eine Sure aus dem Quran zu rezitieren, meine Sure, Sure 93. Hierbei siehst du mir wieder direkt in die Augen, ich bekomme eine Gänsehaut und erinnere mich an den Abend im Sommer, als du sie das erste Mal für mich rezitiert hast – was ist nur geschehen in den letzten 6 Monaten? Und warum muss es so enden?

Mit aller Kraft erhebe ich mich aus dem Sessel und reiche dir die Hand: „ Let´s start to record now, before it is too late.“ Nach einem kurzen Zögern nimmst du meine Hand und wir beginnen aufzunehmen, so wie immer. Du in der Gesangskabine, ich vor dem Rechner – ich muss dich nicht ansehen und du kannst mich nicht sehen. Und darum siehst du auch nicht die Tränen in meinen Augen, als ich deiner Stimme durch die Kopfhörer lausche.

Wie soll ich diese letzte Nacht nur mit dir überstehen?

Breaking the silence: Dis – cover the territorries

Heute morgen einmal etwas ganz anderes.

Breaking the silence (hebr. Shovrim Shtika), eine NGO aus Israel, bestehend aus Ex-Soldaten/Soldatinnen der besetzten Gebiete, die es sich  zur Aufgabe gemacht haben über ihre Erlebnisse zu berichten.

Seit 2004 berichten sie mithilfe von Videos, Fotos und Zeugenaussagen über die Erlebnisse während ihrer Zeit in der Armee. Vor kurzem haben sie eine neue Aktion gestartet „Dis-cover the territorries“. In sogenannten Testimonies erzählen israelische Soldaten, was sie bewegt.

Breaking the silence – das Schweigen beenden.

Mein Hochachtung an diese mutigen Männer und Frauen, die schonungslos über das berichten, von dem kaum jemand etwas hören möchte, die dabei auch mit sich selbst hart ins Gericht gehen. Meiner Meinung nach verdient diese NGO und alle ihre Mitglieder unsere vollste Unterstützung.

Frieden für Israel und Palästina!

Weitere Informationen unter:

http://www.discovertheterritories.com/#!testimony1/mainPage

und

https://www.facebook.com/BreakingTheSilenceIsrael