75

FÜNF – UND – SIEBZIG lange Tage und Nächte war ich ohne dich. Gut, dass ich die Tage am Anfang nicht gezählt habe, wie sehr hätte mir diese, für ein sehnsüchtiges Herz, erschreckend hohe Zahl den Boden unter den Füßen hinweg gefegt. Ich habe sie nicht gezählt, die Tage nicht und die Stunden nicht, nur die Monate. Ich glaubte es würde würde eine Ewigkeit dauern, weil jeder Tag ohne dich schon der Ewigkeit gleich kommt. Es war eine Ewigkeit, eine, die nun ihr Ende findet. All die Dinge die ich ohne dich sah, fühlte, roch und erlebte, ich sah, fühlte, roch und erlebte sie nur halb. Weil du meine Hälfte bist.

Wenn ich mit dir bin, dann sehe ich die Welt wieder mit den Augen eines Kindes, ich bin fasziniert von allem, ich fühle mich so leicht und unbeschwert. Die Welt, sei es Wüste oder betonierte Großstadt, wird in deiner Gegenwart zu einem Kunstwerk, einer Wunder-Welt.

Mit dir wachsen mir Flügel, große, starke, solche die die Angst vor dem Sturm nicht kennen, weil ein unsichtbarer Schutz sie umhüllt.

75 Tage.

Ich will, für den Rest meines Lebens, nie wieder 75 Tage von dir getrennt sein, weil die Welt dann keine Wunderwelt mehr ist und mir die Flügel kläglich zusammen schrumpfen würden.

opjpoj

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Das Glück

Wir sitzen im Auto und fahren durch das nächtliche Amman. Trotz des teilweise tödlich anmutenden Verkehrs habe ich mich entspannt in meinen Sitz zurückgelehnt . Du bist der einzige Fahrer, ausser mir selbst natürlich, bei dem ich mich absolut sicher fühle, selbst bei diesem Verkehr, vor dem sogar das Auswärtige Amt warnt. An jeder roten Ampel sucht deine Hand, wie selbstverständlich, die meine und hält sie fest, so fest, dass ich manchmal glaube, du hättest Angst ich könnte in der nächsten Sekunde aus dem Auto springen und für immer weg sein. Wenn du fährst sehe ich immer wieder zu dir hinüber, dein Profil bezaubert mich und ich könnte dir bis in alle Unendlichkeit sagen, wie wunderschön du für mich bist.

Immer wieder streiche ich dir sanft über die Wange, du lächelst und ein Grübchen zeichnet sich vorsichtig ab. Vor etwa einem Jahr schrieb ich über meine Angst vor dem „Ankommen“ und nun sitze ich hier neben dir, in einem fremden Land, in einem gemieteten Auto und fühle mich so angekommen, dass ich bereit wäre, für immer mit dir so weiter zu fahren, niemals anzuhalten oder auszusteigen, nur du und ich, hier an diesem Ort oder einem Anderen, es spielt keine Rolle. Plötzlich fühle ich das Zuhause, nach dem ich mich so lange heimlich gesehnt hatte. Es ist hier, an deiner Seite.

Und plötzlich überkommt sie mich, die Angst, die pure Panik. Mein Herz schlägt schneller und mir wird abwechselnd heiß und kalt. Nein, ich habe keine Angst vor uns oder vor dem was ich fühle, ich bin kein runaway mehr. Ich habe plötzlich unsägliche Angst dich zu verlieren, nicht genug Zeit mit dir verbringen zu können, getrennt von dir zu sein. Unzählige Gedanken schieße mir durch den Kopf. Ich beginne zu zittern, du spürst es, fährst rechts ran, nimmst mein Gesicht in deine Hände und küsst mir sanft die Tränen von der Wange, die sich unbemerkt gelöst hatten. Ich schmiege mich hilfesuchend an dich und kann meine Gefühle nicht in Worte fassen. Aber das muss ich auch nicht, du schützt mich und fragst nicht nach. Du bist mein Retter, das warst du vom ersten Moment an. Auch dir laufen die Tränen über die Wange. Wir brauchen eine Weile um uns zu beruhigen. Danach fahren wir wieder in die Nacht, du und ich und es dauert nicht lange bis wir uns wieder anlächeln.

Doch die Angst ist plötzlich da und verschwindet nicht mehr. Wann immer du in ein Auto steigst sorge ich mich um dich und schicke leise Stoßgebete in den Himmel, ER möge dich  mir heile zurückbringen. Als ich selbst Tage später in das Flugzeug steige, beginne ich wieder zu zittern. Ich hatte niemals Flugangst, jetzt habe ich sie. Was wenn mir etwas passiert? Was wenn ich dich nie wieder sehen kann? Habe ich dir alles gesagt? Habe ich dir alles gegeben? Gerade als ich mein Handy für den Abflug ausschalten will, rufst du noch einmal an. Deine Stimme zittert, Als ich dir nach der Ankunft schreibe antwortest du innerhalb einer Millisekunde – wir sind beide erleichtert.

Du bist mein wertvollster Schatz, erst mit deinem Erscheinen konnte ich all meine alten Ängste fortwischen, wie alten Staub, der sich mit den Jahren leise, aber stetig über mich gelegt hatte. Mit dir bin ich so frei, ohne jede Scham, ohne Verheimlichungen. Ich glaubte immer Freiheit würde bedeuten ungebunden zu sein, aber vielleicht bedeutet frei sein auch, sich fallen lassen zu können?

Ich habe geglaubt ein solches Glück, wäre nicht für mich bestimmt. Ich habe nicht einmal mehr darauf gehofft. Und jetzt ist es da, es umhüllt mich, vollendet mich. Immer wieder wenn ich dich ansehe, bin ich so erfüllt davon, dass es mich beinahe erschreckt. Kann soviel Glück sein? Wo ist der Harken? Was wird schief gehen? Kann jemandem wirklich so viel Glück wiederfahren? Jemandem wie mir? Uns?

Noch nie war mir etwa so wertvoll und lieb in meinem Leben, noch niemals hatte ich solche Angst etwas zu verlieren.

Und weil das so ist und weil ich mir niemals so sicher war, habe ich nicht eine Sekunde gezweifelt, dir vor dem Gott unseres Herzens, mein Leben anzuvertrauen. Weil wir daran glauben, dass wir einander ein Geschenk von Ihm sind, fehlte uns nur noch sein Segen. Der Segen der uns schützen soll, vor allem was kommen mag.

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Fernbeziehung für Anfänger

„Fernbeziehung sind doch optimal! Da hat jeder genug Freiraum!“

Für diese und ähnliche Aussagen, die ich noch vor nicht allzu langer Zeit traf, möchte ich mich nicht ungerne selbst ohrfeigen. Was war da bloß in mich gefahren, so neunmalklug über Dinge zu urteilen, die ich gar nicht kenne? (Nicht, dass ich nicht desöfteren mal neunmalklug bin…)

Es gibt natürlich auch noch all so jene, die, nicht weniger neunmalklug als ich, behaupten eine Fernbeziehung wäre das genaue Gegenteil – (gelinde gesagt) suboptimal. Manche gehen sogar so weit, es für völlig ausgeschlossen zu halten, jemals eine solche einzugehen. Nun, denen möchte ich, weil ich eben doch neunmalklug bin, nur gerne sagen: „In einem Universum in dem man sich erwählen kann, wen man liebt, mag das möglich sein – ansonsten halte ich solche Aussagen für noch viel …. als die Meine.“ (Natürlich!)

Und während ich so über das „Neunmalklugsein“ nachdenke, stoße ich auf folgendes Zitat:

„Wie oft hatte ich mich schon gefragt, warum sie nur so klug daherreden. Wenn sie so vieles wissen, warum handeln sie nicht danach?“ Heinz Körner

und muss, wenn auch unter Seufzen, Heinz Körner, vor allem aber mir selbst, eingestehen: „Weil die Meisten (unter anderem ich) eben immer gerne klug daher reden, vor allem dann, wenn wir absolut keine Ahnung haben.“ Womit die Frage, warum man nicht danach handelt eigentlich ebenfalls beantwortet wäre.

Ich bin nun, so schwer es mir auch fällt dies zuzugeben, genau wie Heinz Körner es beschreibt. Ich rede klug daher und nun, wo es mich betrifft, da halte ich es plötzlich mit Adenauer “ Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“ – und verfluche jeden einzelnen Kilometer der uns trennt. (Was ein relativ langes Unterfangen ist, bei über 3000km Luftlinie) Das alles kommt mir plötzlich überhaupt nicht mehr optimal vor, es ist eher eine Qual – keine erstickende, niederschmetternde, aber doch eine leise, sich bis tief ins Innerste bohrende.

Vielleicht ist das nicht immer so, vielleicht können Fernbeziehungen mit geringer Distanz (100-200km ?) recht optimal sein, für eine bestimmte Zeit, vielleicht sogar für längere Zeit. Aber über Landesgrenzen, Kontinente hinweg (und wenn ich so an die Zeitverschiebung denke, gehöre ich wohl noch zu den Glücklichen!) – nein, da ist „suboptimal“ eigentlich noch untertrieben!

Ich empfinde gar nicht die Distanz an sich als besonders quälend, oder die Tatsache ihn für einen bestimmten Zeitraum nicht physisch bei mir haben zu können, als eher die Gewißheit darüber, dass dies sich nicht einfach nach Lust und Laune von heute auf morgen ändern lässt.

Jedes Wiedersehen kostet uns mehrere hundert Euro für den Flug, bürokratische Kackscheisse (entschuldigt bitte meine Wortwahl, aber es kann wirklich ätzend und zermürbend sein!) plus Bezahlung eben dieser und vieles mehr. Einen Tag einfach miteinander verbringen oder ein Wochenende? Fehlanzeige.

Nicht, das es jetzt nicht ist, stört, sondern, dass es jetzt nicht sein könnte, wollen wir es auch noch so sehr.

Es ist wie ein ewiger Hunger, der nicht mit einer Mahlzeit gestillt, sondern einzig und allein mit dem Gedanken an eine solche gemildert werden kann. Das ist für mich, natürlich eine rein persönliche Empfindung, das Schlimmste daran. Und das sage ich, nachdem wir von den 4 Monaten unserer Beziehung sogar beinahe 2 miteinander verbringen konnten. Und ich bin mir ganz sicher, dass es mit der Zeit nicht leichter, sondern nur unerträglicher werden kann.

Gemessen an der Zeit, bin ich also eine absolute Anfängerin, was Fernbeziehungen anbelangt und ich hoffe auch inständig, dass dies so bleibt und dieser unsägliche Zustand bald (max. 6 Monate) vorbei ist. Dennoch interessierte es mich natürlich brennend, wie andere Menschen damit umgehen.

Ich stieß auf eine Menge Foren, Erfahrungsberichte und natürlich Ratgeber. Irgendeinen 10 Punkte Plan, wie die Fernbeziehung frisch bleibt (ne, ich verlinke das jetzt nicht, weil ich nicht so überzeugt von diesen „Tipps“ war) der vorschlug „viel miteinander zu reden“ (Was für ein aussergewöhnlicher Tip…) oder doch mal gemeinsam einen Film zu schauen (Wenn es die Internetverbindung, Telefonrechnung, Zeitverschiebund denn zulässt, vielleicht ganz nett – bei mir scheitert es an Ersterem.) oder beide sollten sich einen Film getrennt ansehen und im Nachhinein darüber reden (Wieder so ein toller Tip – wer macht sowas denn nicht?) usw.

Das mag für einige vielleicht ganz anregend sein, mich sprachs nicht so an und vieles erscheint mir so normal, dass ich dafür weder Ratgeber, noch 10 Punkte Pläne unbedingt benötige.

Für mich, also so als Anfängerin, sind nur zwei Dinge sehr wichtig:

1.) Beide müssen sich gleichermaßen bemühen, gleichermaßen Zeit investieren. Mein Handy ist jetzt, viel mehr als früher, mein stetiger Begleiter. Nur so können wir kommunzieren, am Leben des anderen teilhaben ohne „physisch anwesend“ zu sein. Für manche scheint das übertrieben. Mir und ihm gibt es ein Gefühl von Vertrautheit und Sicherheit, der Andere ist immer da.

2.) Zukunftspläne! Mit einer Ungewissheit wie und wann es weiter gehen soll, könnte ich nur schwer umgehen. Ich bin der Meinung, planen ist ganz wichtig. Was will ich? Was will er? Was wollen wir füreinander und miteinander?

Natürlich ist auch das eine individuelle Sache, für mich allerdings ist es, nach den Gefühlen die wir füreinander haben, das A und O warum es bei uns funktioniert. Wir wollen dasselbe, planen dasselbe und wir beiden geben uns alle Mühe dieser Welt – ich würde sagen, wir halten erstaunlich gut, bis jetzt, die Waage und keiner hat einen Grund sich zu beschweren.

Das macht die Qual des Vermissens erträglich, es mindert nicht die Sehnsucht, aber eben auch nicht im Geringsten unsere Gefühle. Und das ist doch wahrscheinlich, was einem alle diese Ratgeber und 10 Punkte Pläne erklären wollen – ich glaube eben nur, dass man die nicht braucht, nicht zwangsläufig jedenfalls.

Also, ich so, als neunmalkluge Fernbeziehungsanfängerin würde ja sagen: Brauch man alles nicht, wenn´s stimmt, dann stimmts und dann kann man auch eine solche Zeit überstehen, so schwer es auch sein mag!

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Über Rafik Schami, die Kunst des Erzählens und warum ich heimlich Nachts um Damaskus weine

2004 saß ich, gerade Anfang 20, seit einer gefühlten Ewigkeit das erste Mal wieder in einem Friseurladen. Seit ich 2 Jahre zuvor von Zuhause ausgezogen war und mich mit mehreren Gelegenheitsjobs über Wasser hielt, reichte das Geld nie bis selten für einen solchen Luxus. Ich bin fest davon überzeugt, dass es eine Fügung war, dass ich an diesem Tag eben diesen Friseur aufsuchte* und eine der zahllosen Zeitschriften, mehr gelangweilt als interessiert, durchblätterte, die mich schließlich auf die „Bücher des Monats“ stoßen lies. Es waren vielleicht 4 oder 5 Bücher auf dieser Seite, die jeweils mit 2 -3 Sätzen vorgestellt wurden. Aber nur eines davon stach mir sofort ins Auge

„Die dunkle Seite der Liebe von Rafik Schami“

Der Klappentext damals, der wahrscheinlich auch genauso in den kurzen Sätzen in der Zeitung zu finden war, lautete (und natürlich kann ich  mich nach fast 9 Jahren nicht mehr daran erinnern und musste es im Internet heraussuchen) in etwa so:

„Rafik Schami erzählt die dramatische Geschichte der Liebe zwischen Farid Muschtak und Rana Schahin, die in Damaskus von Verfolgung und Mord bedroht wird. Er spannt einen weiten Bogen über ein Jahrhundert syrischer Geschichte, in dem Politik und Religionen ein Volk nicht zur Ruhe kommen lassen. Ein Roman von ungeheurer Wucht und zugleich eine Liebeserklärung an seine Heimatstadt Damaskus.“

Warum genau mich dieser Klappentext so neugierig macht, kann ich heute nicht mehr sagen. Aber ich erinnere mich daran, dass mein einziger Gedanke war „Dieses Buch MUSS ich haben!“  Ich übersah zunächst den wirklich mißratenen Haarschnitt, den mir die mittelmäßig ambitionierte Friseurin da verpasst hatte und lief schnurstracks zu dem Buchladen, mitten in unserer, damals noch halbwegs attraktiven, Einkaufsstraße. Steuerte auf das Regal mit den Neuerscheinungen zu und entdeckte Schamis Buch, mit dem fast düsterem Titelbild, sofort. Meine Freude über das Vorhandensein des Buches verschwand jedoch, als ich den Preis sah. Der lag nämlich bei stolzen 29,95€ (glaube ich zumindest) und lag damit auch weit ausserhalb meines Budgets, dass ich für eine Anschaffung, die nicht lebensnotwendig (Essen, Getränke, Miete und Strom) war, zur Verfügung hatte. Da hätte auch das Feilschen um den Preis beim Friseur, aufgrund meiner verschnittenen Haare nichts dran ändern können. Und so zog ich erst einmal ziemlich niedergeschlagen von dannen, natürlich nicht ohne das Buch einmal in den  Händen gehabt zu haben, das mir jetzt noch viel wertvoller vor kam.

Ich hätte warten können, bis es das Buch als Taschenbuch gibt oder bis zu irgendeinem Anlaß (Weihnachten, Ostern, Geburtstag), bei dem ich es mir hätte schenken lassen können. Aber es gibt Dinge im Leben, die muss man einfach sofort haben – ich jedenfalls. Und dieses Buch, über das ich nicht mehr wusste als den Klappentext, gehörte dazu. Also tat ich etwas, dass ich die letzten 2 Jahre seit meines Auszugs aus dem elterlichen Haus nicht getan hatte. Ich ging zu meinem Vater und bat ihn um 30 Euro.

Heute ist unser Verhältnis völlig entspannt, auch was das finanzielle anbelangt – mal helfe ich aus, mal er. Damals aber, als ich ohne seine Zustimmung, mit nichts in der Tasche mir hinter seinem Rücken eine Wohnung gesucht hatte, da ging das nicht. Alleine schon aus (falschem?) Stolz heraus, bat ich ihn niemals um Geld. Nicht mal als mir einer der netten Stromkonzerne den Strom für einige Wochen abdrehte und ich mir nichts kochen konnte und abends im Kerzenschein in meiner Wohnung saß, bis ich meine Schulden (die sich durchs Stromabstellen ja erhöhen) begleichen konnte, bat ich ihn um Hilfe. Aber diesmal war es etwas anderes. Ich hatte ja nicht, in meinen Augen, versagt oder schlecht gewirtschaftet, mein geringes Einkommen erlaubte mir einfach eine solche Anschaffung nicht – aber wenn einer meine Liebe zu Büchern verstehen könnte, dann war es doch mein Vater, dessen Bücher bis zu seinem Auszug, Jahre später, bis unter die Decke, fein säuberlich aufgereiht waren.

Es kostete mich also keine allzu große Überwindung ihn darum zu bitten und es wunderte mich noch weniger, als er mir die 30 Euro prompt aushändigte, mit einem Lächeln im Gesicht und dem Satz: „Ich weiss ja, Bücher muss man besitzen, geliehen bringen sie nur halb so viel Freude.“

So ergatterte ich also doch noch, innerhalb von 24 Stunden, Schamis Buch, das gerade erst auf dem Markt erschienen war, in gebundener Ausführung mit dem schönen düsteren Cover und seiner nahezu 900 Seiten Geschichte.

Nicht einmal 30 Stunden später, hatte ich es schon gelesen. Ich hatte jedes Kapitel verschlungen und die ganze Nacht durch gelesen. Ich vergaß zu Essen, zu Rauchen und für einige Stunden sogar das Trinken, so gefesselt war ich von seinem Roman und so verliebt war ich in seinen Schreibstil.

Daran hat sich auch in all den Jahren nichts geändert. Ich habe viele seiner Bücher gelesen, viele gekauft und wieder verschenkt, weil ich davon überzeugt bin, dass jeder mindestens einmal in seinem Leben ein Buch von Schami gelesen haben sollte! Meist verschenkte ich seine kleineren Büchlein, weil viele vor einem Buch wie „Der dunklen Seite der Liebe“ mit seinen 900 Seiten doch zurück schrecken. (Und doch habe ich es im Jahr 2006 verliehen und bis heute nicht zurück erhalten!).

Nun habe ich dieses Jahr zum Geburtstag sein neustes Buch bekommen, mit dem Titel „Die Frau die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte“. Es geriet über all meine Studienbriefe für mein Fernstudium leicht in Vergessenheit und so kam ich erst vor 3 Tagen dazu, es zu lesen.

Was soll ich sagen? Wieder einmal hat Schami es geschafft mich zu überraschen, mich zu begeistern und zu motivieren sein Buch in einem Atemzug durchzulesen. Aber dieses Buch vermag noch so viel mehr. Es eröffnet dem Leser nämlich einen Einblick, den Einblick in die Erzählkunst Schami´s. Was ich vorher bei dem Lesen seiner Bücher gefühlt, aber nicht in Worte zu fassen vermochte, bereitet er in diesem Buch Schritt für Schritt auf, erklärt es, bringt Licht ins Dunkle. Neben vereinzelter Geschichten aus seiner Kindheit in Damaskus, über die Geschichtenerzähler in Damaskus (allen voran sein Großvater), seine Begeisterung für die Geschichten und Bücher und seinen persönlichen Werdegang, erfährt man eben auch, wie Schami seine Geschichten erzählt. Und das wie, das ist das Entscheidende, das macht eine Geschichte zu einer guten Geschichte. Plötzlich erinnerte ich mich an seine anderen Geschichten, „Die dunkle Seite der Liebe“ oder „Das Geheimnis des Kalligraphen (2011)“ und verspürte den unbändigen Drang, sie noch einmal zu lesen, diesmal aber mit dem Wissen, dass Schami in seinem Werk „Die Frau die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte“ so wunderbar mit einem teilt.

Und so bin ich nun, 3 Tage nach dem ich das neue Buch beendet habe, auch fast fertig mit dem „Geheimnis des Kalligraphen“, das ich vor 2 Jahren schon einmal las – und es ist wie eine neue Welt, ein neues Buch – keineswegs tut es der Faszination, die seine Geschichte schon vorher in mir hervorrief, einen Abbruch. Im Gegenteil, ich erlebe diese Geschichte nun auf einer ganz anderen Ebene und bewundere, neben dem Inhalt der Geschichte an sich, Schamis Talent, sie so, auf diese spezielle Art, zu „weben. “

In einem (imaginären) Dialog mit Ibn Aristo, lässt er diesen folgendes über das mündliche Erzählen, sagen:

„Der Erzähler treibt die Geschichte voran, verweilt bei einem Gegenstand, einem Geschehen, schweift aus, kehrt zurück oder beginnt, kurz vor dem Ende einer Geschichte, mit einer anderen. Auf diese Weise verschachtelt er seine Geschichte – sie sind tatsächlich wie Schachteln, die man öffnet, um andere Schachteln darin zu entdecken, und dann kehrt man wieder zur bereits geöffneten Schachtel zurück und betrachtet ihren Inhalt. Auf der oft gebrauchte Begriff vom Geschichten- Weben ist dienlich. Der Erzähler folgt beim Weben eines Erzählteppichs einem roten Ornament, wechselt dann zu einem Grünen, kehrt für eine Weile zum ersten zurück […] Mündliches Erzählen kann auch mit einem Mosaikgemälde verglichen werden. Hunderte, ja Tausende von bunten Steinchen setzen das ganze Bild zusammen, aber jedes Steinchen für sich ist eine in sich geschlossene Geschichte […]“  (Die Frau die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte, S. 123f)

Wer Schami liest oder lesen will, der muss sich also einlassen können, auf diese besondere Art des Erzählens, sei sie im Falle der Bücher auch eine schriftliche Form des Erzählens. Seine Geschichten folgen niemals einem geraden, roten Faden, sie erfordern die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des Lesers, den Willen auch einmal ein paar Seiten zurück zublättern, um eine Situation oder einen Handlungsstrang wieder aufgreifen zu können – wer es aber tut, der wird, meiner Meinung nach, belohnt mit Geschichten, die einem in Erinnerung bleiben und faszinieren, mit Büchern, die man alle paar Jahre wieder lesen kann und ihrer nicht müde wird, weil man immer wieder etwas neues entdeckt. Seine Geschichten sind Schätze, Schätze die aus weiteren, kleineren Schätzen (Geschichten) bestehen, die am Ende ein großes Ganzes ergeben.

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Ich könnte ewig so weiter schwärmen und hoffe insgeheim, dass sich der/die ein oder andere Lerser/in aufgrund dieses Artikels ein Büchlein von ihm zulegen wird. Aber ich wollte ja auch noch etwas erzählen, etwas das ich in nur in diesem Artikel unterbringen kann, weil es etwas mit meiner Liebe zu den Büchern Rafik Schamis zu tun hat, nicht nur etwas, im Grunde alles.

Als ich damals, 2004, das Buch „Die dunkle Seite der Liebe“ zum ersten Mal las, da verliebte ich mich nicht nur in Schami´s Schreibstil, fieberte nicht nur mit seinen Protagonisten und etlichen Nebendarstellern mit und lernte viel über die Geschichte Syriens, ich ließ mich auch anstecken. Anstecken von Rafik Schami´s Liebe zu Damaskus, die auf jeder Seite, mit jeder Beschreibung der Stadt, in jedem seiner Bücher mitschwingt.

Zu dieser Zeit war meine erste Reise in die Westbank schon geplant. Ich hatte alle meine Sparbücher (die wirklich nicht viel hergaben) geplündert und alles von Wert (wertvoll wäre übertrieben) verkauft um den Flug nach Tel Aviv bezahlen zu können. Und so rückte die Möglichkeit, alsbald auch einmal nach Damaskus reisen zu können erst einmal in weite Ferne. Als ich das erste mal Jerusalem erlebte, verliebte ich mich in diese Stadt und Damaskus verschwand etwas, abgesehen von den Momenten in denen ich ein Buch von Rafik Schami zur Hand nahm, im Hintergrund, niemals aber gänzlich aus meinen Gedächtnis.

Anfang 2010, etwa 5 1/2 Jahre später, hatte ich eine Festanstellung und genügend Geld auf der Bank um mir einen Urlaub leisten zu können. Ich lebte damals gemeinsam mit meinem (schon seit langer, langer Zeit EX-) Freund in unserer schönen Hauptstadt. Sein Vater stammt aus dem Iran und so standen 2 Ziele für uns zur Auswahl: Damaskus oder eine Reise durch den Iran. Er hatte keinen Favoriten, ich schon, wobei der Iran mich auch sehr reizte.

Wir entschieden uns damals für den Iran. Nicht weil er mich überredet hätte oder Damaskus mir plötzlich nicht mehr so attraktiv erschien, sondern schlicht und ergreifend, weil ich falsch lag (!). Nach der „grünen Revolution“ im Iran im Jahre 2009, war die Lage noch immer angespannt und immer häufiger hörte man, zumindest in den Kreisen in denen ich mich damals befand, von der Angst vor einem Krieg gegen den Iran. Er schien fast greifbar zu sein. Syrien dagegen, war eher ruhig. Meine Einschätzung lautete also „Wir fahren in den Iran, weil die Gefahr, dies in kürzerer Zeit nicht mehr tun zu können, wesentlich höher ist, als es bei Syrien der Fall ist.“

2011 begann der Aufstand in Syrien, der sich heute zu einem Bürgerkrieg ausgeweitet hat. Damaskus liegt – und ob man es mir glaubt oder nicht, während ich dies schreibe, habe ich eine Gänsehaut –  in Trümmern. Der Iran ist (bis jetzt zumindest) noch ruhig.

Und ich? Ich habe meine Chance verpasst Damaskus zu sehen. Es mag Leute geben, die glauben sobald Assad fort ist, wäre alles wieder gut in Syrien. Ich halte das für eine Utopie, so sehr ich es mir auch wünschte. Es gibt wenige Dinge in meinem Leben, die ich so sehr bereue, wie die Tatsache, dass ich im Frühjahr 2010 statt nach Tehran nicht nach Damaskus geflogen bin. Um ehrlich zu sein, es fällt mir eigentlich nichts vergleichbares ein. Es mag verrückt klingen, dass ich etwas betrauere, dass ich doch eigentlich gar nicht kenne. Aber wer Rafik Schami wirklich aufmerksam liest, der wird wissen was ich meine, wenn ich sage „Ich habe Damaskus durch fremde Augen sehen können und alles was ich wollte war, diese Stadt einmal mit meinen eigenen Augen zu sehen.“

Amin hat 7 Jahre in Damaskus gelebt und studiert. Eine unserer ersten Gespräche handelte von Damaskus und immer wieder bitte ich ihn mir zu erzählen, von all dem, das ich nicht mit meinen eigenen Augen sehen kann. Und so hat sich, neben Rafik Schami noch jemand in mein Leben geschlichen, der mir die Trauer über diese verpasste Chance etwas lindern kann, mich aber auch gleichzeitig immer schmerzlich daran erinnert.

Und manchmal, nachts, da möchte ich am liebsten weinen, so egoistisch dies im Angesicht des Bürgerkrieges auch klingen mag, weil ich befürchte, dass ich Damaskus niemals mit eigenen Augen sehen werde.

 

Mehr Infos über Rafik Schami hier: http://www.rafik-schami.de/

* (Die Wahrheit, dass ich nur aus Geldnot zu dem günstigsten und auch schlechtesten Friseur meiner Stadt ging, klingt doch so fad!)

Sehnsucht

Amin ist nun seit 1 1/2 Wochen fort. Er fehlt mir unendlich. Zu unserem Glück gibt es Smartphones und Internettelefonie, damit halten wir uns über Wasser. Anders könnten wir unsere stundenlangen, internationalen Gespräche wohl nicht führen – so können wir unsere Sehnsucht wenigstens etwas stillen.

Aufgrund meiner verpatzten OP (werde ich noch drüber berichten), müssen nun  alle meine Pläne umgeworfen werden. Ich werde, wenn der Doc das ok gibt, schon in 4 Wochen zu ihm fliegen, um mich dann anschließend am Kreuzband operieren zu lassen. Eigentlich war ja Mai geplant, nach der OP (dieser hier) und bevor ich wieder arbeiten kann (natürlich habe ich genug Urlaub um überhaupt fliegen zu können.)

Nun sind es also  nur noch wenige Wochen, ich bin furchtbar aufgeregt! Ich werde seine Familie treffen, das erste mal in Jordanien sein. Es gibt soviel vorzubereiten und ich bin immer noch mehr oder weniger ans Haus gefesselt…

Aber wenigstens hat die Sehnsucht dann ein wenig Pause…

Nähe

Stück für Stück, leise, langsam, kommst du mir wieder näher.

Eine Nachricht hier, eine Nachricht da. Aus kurzen Mails werden Gespräche, aus einem Lächeln wird ein Lachen. Aus Unsicherheit und Wut wird Sehnsucht. Du fehlst mir. Mit jedem Lied, jedem Wort ein wenig mehr. Aus zögerlichem Humor, werden wieder Späße die nur du und ich verstehen, entsteht Vertrautheit.

Es ist nicht vorbei, sie sind noch da, die Gefühle für dich. Eine Ewigkeit haben wir uns nicht gesehen, aber noch weiß ich wie deine Haut riecht, wie du lachst, wie du deinen Blick senkst, wie du morgens schaust, wenn ich dir die Bettdecke vom Gesicht ziehe.

Wenn du zurück kommst, weil du glaubst es wäre vorbei, ich wäre geheilt, dann muss ich dir leider sagen, dass die einzige Heilung für mich, ein endgültiger Abschied von dir ist. Aber noch, vielleicht noch für sehr viel länger, bin ich lieber unheilbar erkrankt.

Du musst mir nicht nah sein, wenn du gehst, werde ich dir nicht folgen. Nicht, weil ich mich nicht vor Sehnsucht nach dir verzehren würde, sondern weil das Loslassen meine „Königsdisziplin“ ist.

Doch du gehst nicht, du hast deinen Fuß in die Tür gedrängt und nun beginnst du sie langsam zu öffnen – ist dir wirklich klar, was du da tust?

„We are so different, Yaya!“ – „So? Does this difference bother u? (Gespräch im letzten Herbst)

Es sind nicht unsere Unterschiede – aber die Nähe. Was können Unterschiede bewirken, wie könnten sie belastend sein oder verletzen, wenn man sich nicht zu gleich so nah ist? Wenn man, trotz aller Verletzungen, nicht von einander lassen kann?

Wir sind nicht gleich, aber uns nah. Irgendwann musst du dich entscheiden, weil ich mich schon längst entschieden habe – für dich.

Antiproportionalität

Ich wollt´s lassen. Wirklich! Ganz ehrlich, ich habe mir vorgenommen es zulassen, nichts mehr zu tun. Ich bin wütend und verletzt und er hat nichts getan, ausser mich weiter zu verletzen, mit seinen unachtsamen Worten, die vielleicht nicht mal unachtsam waren.

Von was redet Ninjaan da eigentlich gerade?

Chaos Ninjaan sollte nämlich eigentlich zwei Dinge lassen!

Ding 1: Yaya!

Ding 2: B.

Ich versuche B. zu lassen, aber dann kann ich Yaya nicht lassen und umgekehrt verhält es sich genauso.  Ich glaube in der Mathematik nennt man so etwas eine umgekehrte Proportionalität oder Antiproportionalität. (Ich war schon immer eine Niete in Mathe, aber ich saß letztens daneben als unser Nachhilfelehrer das erklärt hat und nun schwirrte es mir hierzu gerade im Kopf herum…)

Das bedeutet also bei mir: b ~ 1/y oder aber y ~ 1/b

Zurzeit bin ich in der zweiten Phase. Ich lasse B. und der Kontakt mit Yaya wird wieder mehr. Hätte er sich nicht gemeldet, dann hätte ich mich vielleicht beherrschen können. Da das aber nicht der Fall war, schrieb ich Yaya Montag abend eine Sms. Ich hatte seit Sonntag keine Stimme mehr, hatte etwas Fieber und fühlte mich krank, ich war also nicht nur mental sondern auch physisch angeschlagen (als kleine Entschuldigung…).

Alles was ich schrieb war: „Shalgham“ – Das ist eine Art Rübe aus dem persischen Raum. Wenn einen die Stimme verlässt gibt es, meiner Meinung nach, nichts besseres als das! Einfach gekocht und mit etwas Salz serviert und zack, nach kurzer Zeit ist die Stimme wieder da!

2 Minuten später schrieb er mich bei Skype an (ich war „invisible“), ob ich krank sei und meine Stimme verloren hätte. Wir schrieben ein wenig, redeten über Filme und Musik, nichts besonderes – aber es tat gut, es tat mir sehr gut. Wir verloren kein Wort über unseren Streit, taten so, als wäre niemals etwas gewesen.

Am nächsten Tag schrieb er mich abends an, ob es mir besser gehe und wieder kamen wir auf Musik zu sprechen. Ich erwähnte beiläufig, dass nächsten Monat endlich das neue Album von NAS erscheinen würde, auf das ich schon so lange wartete.

Ninjaan: Nas has a new album in July –  I am dying to have it! forget Kanye or 50 cent
Yaya: nas has released a number from his new album. a single! do u wanna hear?
oh!  i put already in ur drop! how nice i am!
Ninjaan: u did? when?
Yaya: yes! 3 days ago!

Dropbox? Das hatte ich total vergessen! Mein Laptop ist ja seit geraumer Zeit hinüber und ich kann nur den PC meiner Mutter nutzen, hier habe ich mich nie dort eingeloggt. Das holte ich dann natürlich sofort nach! Er hatte mir nicht nur den Song von NAS hochgeladen, sondern noch einige andere Alben – und vor sieben Tagen ein Lied, mit dem Titel „Ich vermisse dich“ (übersetzt).

Ich bedankte mich für die vielen Songs, er hatte sogar ein Album der Lieblingsband meiner Mutter hochgeladen… Seine Reaktion? Ich könne ruhig öfter mal meine Dropbox checken… Werde ich ab jetzt tun.

Umso mehr ich B. lasse, desto mehr hänge ich wieder an Yaya. Yaya wird übrigens wahrscheinlich in wenigen Wochen zurück kommen…sein Praktikum endet Ende Juli…ich bin dann erstmal im Urlaub…und danach? Jetzt gerade, wünsche ich mir nichts mehr, als das er zurück kommt. Ich hatte gehofft, ich hätte es geschafft. Aber wenn ich ehrlich bin, ganz ehrlich und mir selbst nichts vormache – dann wünsche ich es mir wirklich, dann fehlt er mir immer noch. Dann wünschte ich, alles der letzten Wochen wäre niemals geschehen – doch man kann Geschehenes nicht ungeschehen machen und Worte verletzen mehr als Taten…Aber manchmal nicht stark genug…

 

Retrospektive September 2011 – Teil II

19 Uhr, ich war pünktlich am Bahnhof, das erste Wiedersehen nach 6 Wochen, mein Herz schlug mir bis zum Hals. Dieses Wiedersehen war keine Verabredung, du bist gekommen um mir etwas zu bringen, gekommen, um mich zu retten. Ich brauchte deine Hilfe, um mein geplantes HipHop Projekt starten zu können. Wir waren schon viel zu spät dran, die Zeit drängte und weder ich noch meine Kollegen hatten wirklich Ahnung davon. Du schon, das ist deine Leidenschaft, dein Leben. Vor einer Woche schon, hattest du mir den Schlüssel zu deiner Wohnung hinterlegt, damit wir die Gesangskabine, die du uns gespendet hattest, abholen konnten.

Da musstest du arbeiten, konntest nicht dabei sein, ich war erleichtert. Doch nun stand ich am Bahnhof und wartete auf deinen Zug, auf dich, darauf, dass du uns noch andere Sachen vorbei bringst, die wir dringend brauchten und du nicht mehr, jedenfalls zurzeit nicht.

Ich hatte meinen Führerschein abgeben müssen, du hattest das Treffen kurzfristig verschoben und so konnte mich niemand von dort abholen, niemand mich begleiten – ich stand allein dort.

Dein Zug fuhr ein, es war warm, ziemlich warm für einen September Abend. Ich sah dich nicht sofort, zu viele Menschen stiegen aus dem Zug. Erst als die Menschenmenge sich lichtete erkannte ich dich. Diesmal ohne Mütze, aber mit Rucksack wie immer, in der einen Hand eine Tüte in der anderen das Handy. Du hast telefoniert, gelacht  und wie immer senkst du deinen Blick dabei – nie schaust du geradeaus.

Ich sehe dich an und atme langsam ein und aus, locker bleiben! Das hier alles macht mir gar nichts! Du hast ein graues T-Shirt getragen, erst als du näher kommst erkenne ich die Aufschrift darauf „I´m ur personal Shopper“ – ich muss schmunzeln, seit wann trägst du so bescheuerte Shirts?

Endlich erblickst du auch mich, lächelst, beendest dein Telefonat und kommst auf mich zu. Je näher du kamst, desto nervöser wurde ich. Als du vor mir standst und deinen Arm ausgestreckt hast um mich zu umarmen, habe ich automatisch die Luft angehalten – nicht riechen, nicht einatmen jetzt!

Ein kurzer Smalltalk folgt, ich mache einen Witz über dein Shirt, bloß locker wirken – ICH BIN NICHT VERLIEBT (oder besser: Ich will es einfach nicht sein!). Du lächelst nur, so entwaffnend wie immer, mir wird heiß und kalt zur gleichen Zeit.  Und dann sage ich etwas total dummes: „Do u know when ur next train is coming?“ Du zuckst kurz zusammen, schüttelst den Kopf: “Ill go and check it, one moment!”  

Was habe ich da gesagt? Warum habe ich das gesagt? Weil du gehen sollst – weg von mir Yaya, weit weg! Ich halte das sonst nicht aus!

8 Minuten, dann fährt dein nächster Zug, du überreichst mir die Sachen und fragst mich, ob du mir Geld für ein Taxi geben sollst, weil ich ohne Auto bin. Nein, musst du nicht. Ich bringe dich zum Gleis, unten an der Treppe bleibe ich kurz stehen und sehe dir nach, dann drehe ich mich um.

„Ninjaan? Are u okay?“ Du bist auf der Treppe stehen geblieben und hast dich nochmal zu mir umgedreht. Ich nicke nur, schlucke die Tränen runter und gehe zum Bus. Ich kann die Tränen auf der Busfahrt nicht unterdrücken, ich habe mich ganz nach vorne gesetzt, wo es niemand sehen kann. Als ich sie mir aus dem Gesicht wische, bemerke ich plötzlich, dass meine Hand nach dir riecht, ich habe dich nur kurz berührt – ich schluchze hörbar auf.

Eine alte Frau die eben in den Bus eingestiegen ist, legt mir die Hand auf die Schulter: „Das wird schon wieder, Liebes.“

Retrospektive August 2011

Ich sagte dir, dass wir uns nicht sehen können, den ganzen Monat nicht. Als Vorwand benenne ich das Fasten im August – ich brauche Zeit, Zeit um dieses Gefühl abzustellen. Du warst verwirrt, deine Reaktion darauf war fast schon süß:

„Dear , is it forbidden to meet in ramazan even if we promise to avoid SIN?”

Ich gehe nicht darauf ein, bei deinen Worten hat sich das komische Gefühl bemerkbar gemacht, ein Ziehen in meinem Brustkorb. Du wolltest mich sehen – so ganz ohne alles? Du hast Respekt davor das ich faste, du hättest nichts versucht, da bin ich sicher. Aber es geht gar nicht darum, wir sind ja im Grunde „abgesichert“ – ich will dich einfach nicht sehen, nein das ist gelogen, ich will, aber ich darf nicht.

Da ich nicht regiert habe, bleibst auch du still, du fragst nicht mehr nach einem Treffen, aber du bist präsenter als jemals zuvor. Jeden Tag schreiben wir Sms oder skypen. Du hast immer etwas zu erzählen, als würdest du meinen Distanzierungsversuch doch wahrnehmen, als würdest du ahnen, dass dieser Monat nur eine Ausrede ist, kommst du mir immer näher und näher, auch ohne in meiner Nähe zu sein.

Du hängst dich rein, bist bemüht, aufmerksam und manchmal sogar ein kleiner Schmeichler. In dieser Zeit entstand auch mein Name „Ninjaan“ , nur einer von vielen Kosenamen, die du mir in dieser Zeit gabst. Ich bin beeindruckt, will mich zurückziehen, aber das Gefühl lässt mich nicht, es lässt mich kaum atmen, die Sehnsucht nach dir ist so groß, aber ich frage dich nicht, ich bleibe stur.

Manchmal ist mir deine liebevolle Art, deine Aufmerksamkeit fast zu viel, dann werde ich launisch und abweisend, aber du lässt dich nicht aus der Ruhe bringen. Bei einer kleinen Auseinandersetzung in Skype gehe ich unvermittelt offline, ich bin so emotional bei dir, im positiven ebenso wie im negativen Sinne. Deine Antwort darauf:

„Did u sleep? I was kissing u…“

Mein Herz zieht sich zusammen, ich musste lächeln und  bin mit dem Handy in der Hand eingeschlafen, weil ich nicht aufhören konnte deine Worte zu lesen.

Wenige Tage später sitze ich mit SK nachts bei Burger King, das erste Mal erzähle ich ihm von dir, von uns, von dem was wir haben. Ich bemühte mich betont cool zu wirken „nur Spass“ ist es und dann noch besonders „perfekter Spass“ und wir mögen uns – Ende der Geschichte. Schon damals hat SK mich müde belächelt – perfekt ist es nur, wenn da mehr ist, lautet seine These. Während ich mich dagegen wehre, ihm erzähle, dass weder ich noch du eine Beziehung wollen, bekomme ich plötzlich eine Sms von dir.

„Arent u there? U slept? I have just arrived from work…”

SK riss mir das Handy aus der Hand, grinste breit und sagte nur:” Ja KLAR! Ihr habt nur Spass – warum schreibt er dir dann mitten in der Nacht wo du bist? Will er sich treffen? Wenn nicht, dann ist das hier nicht nur „Spass“! “ Ich nahm ihm das Handy weg und schüttelte beleidigt den Kopf, der hat doch keine Ahnung!

Einen Tag später schreibst du mir bei Skype, ob du mir etwas sagen dürftest, auch wenn es jetzt, in diesem Monat etwas unangebracht wäre.

Ninjaan: hö? About what did you think?

Yaya:  haha

Ninjaan:  yalla tell me

Yaya:  i dont know if talking about sex is also haram in ramazan 😀

Ninjaan: I will survive. You  thought about sex? And what exactly?

Yaya:  that u are too good…

Ninjaan:  thanks… I dont know if thats what should be said…but sounds like a compliment somehow..

Yaya: of course it is

SK´s Worte kommen zurück in meinen Kopf „etwas Perfektes ist niemals nur Spass“….VERDAMMT! Das muss aufhören – warum hörte es denn nicht einfach auf, Yaya?

Ablenkung? Sorry, this content is not available in ur current situation!

Seit gestern Morgen bin ich aus Hamburg zurück, es waren erlebnisreiche, lustige, frustrierende Tage, alles zugleich. Wir waren von morgens bis abends auf Achse. Wie immer habe ich nur die eher „unschönen“ Gegenden von Hamburg zu sehen bekommen, wie immer habe ich festgestellt, dass ich einfach keine „Partygängerin“ mehr bin und wie immer wurde mir bewusst, dass  diese „Prollmänner“ (die mir dort immer unweigerlich über den Weg laufen???)  mir nicht nur zuwider sind, sondern mich noch viel mehr langweilen. Alles was Kat gefällt, ist für mich der reinste Spießroutenlauf, mein Lächeln ist meist so unecht, dass man es auf 200 m Entfernung eigentlich erkennen müsste.

Auf der Zugfahrt hatte ich das erleichternde Gefühl, alles was mich beschäftigt für diese wenigen Tage einfach zurück lassen zu können, abschalten, Spass haben (so gut ich es halt kann in Hamburg…), lachen, feiern, shoppen, nicht an Yaya denken, nicht an die Arbeit, nicht an all die anderen Sachen die mir sonst noch so durch den Kopf schwirren. Spass habe ich eigentlich immer mit Kat, alle anderen guten Vorsätze lösten sich leider relativ schnell in Luft auf. Ich könnte jetzt ins Detail gehen und wirklich (tragisch-)komische Geschichten von Zuhältern, wahnwitzigen Verkäuferinnen oder einem Club auf der Reeperbahn erzählen – aber es ist zuviel, mein Kopf zu voll und das was mich am Meisten beschäftigt ist natürlich: Er!

Er, weil er wusste das ich nach Hamburg fahren werde und ich nicht einmal 24 Std. später eine Sms von ihm bekam, mitten in Hamburg, als ich Kat gerade darüber hinweg tröstete, dass wir ihren Exlover mit seiner neuen Flamme gesehen hatten und wir uns mental auf eine Partynacht vorbereiteten, unpassender hätte es kaum sein können. Er habe eine Bitte an mich und eine Überraschung! (Überraschung, gut das man damit nicht die Neugier weckt…) Seit etwa drei Wochen habe ich keine Sms mehr von ihm bekommen, ich hasse Sms schreiben, er weiss das und da unser Kontakt über Skype abgesichert ist (zur Not auch mal FB), benötigen wir diese „mobile“ Kommunikation eher weniger. Aber da ich ja in Hamburg war, ohne Laptop natürlich, musst es eine Sms sein, unvermittelt, unerwartet.

Vor meiner Abreise hatten wir über meine Bewerbungen gesprochen, darüber warum ich gehen wolle, wohin und wann. Er merkte an, dass mein Zeitrahmen ziemlich eng sei, wenn ich den halben August in Israel/Palästina bin und schon im September eine neue Stelle im Ausland antreten wolle – dass ich bereits ab August eigentlich „weg sei“. Was er genau mit „weg sein“ meinte, ob er überhaupt was meinte – ich weiss es nicht, ich fragte auch nicht nach. Wir schwiegen einen Moment (besser gesagt schrieben nichts), er hat die Stille durchbrochen und soetwas gesagt wie: „No it´s a perfect chance, go and send more applications! Really u should!“  Das war natürlich, egal wie schön ich es mir rede, das Letzte was ich hören wollte. Ich verabschiedete mich, mit dem Hinweis, dass mein Zug bald fahren würde. Er sagte “ Apply, I´ll come and see u there“ . 

Nun stand ich also, nicht einmal 24 Stunden später vor einem großen Einkaufszentrum mitten in Hamburg und las seine Sms, die aufgelöste Kat neben mir. Anstatt ihm zu sagen, dass ich keine Zeit habe und auch kein Internet, antwortete ich ihm, ich sei in 2 Stunden kurz in der Nähe eines PC´s und würde mich melden… ich dummes, dummes Häschen, allzeit bereit, wenn Yaya sich meldet…

Es war nichts aussergewöhnliches, keine große oder dringende Sache  um die er mich bat, seine Überraschung war das Jobangebot der Firma, in der er zur Zeit sein letztes Praktikum ableistet, die Firma, die ich insgeheim hasse, weil (Verstand aus) „sie ihn mir weggenommen hat“ (Verstand wieder ein) und die er hasst, weil er alles dort langweilig findet und sein Chef ihn wie einen Fußabtreter behandelt. Das Gespräch war kurz und ich frage mich, warum es überhaupt geführt werden musste…warum es nicht warten konnte? Er war müde, hatte lange gearbeitet und ich hätte mich eigentlich für den „Tanz in den Mai“ auf der Reeperbahn fertig machen müssen – aber ich war da und hörte zu, antwortete war erreichbar, für ihn, weil ich gar nicht anders kann, weil er es, wenn ich ihn brauche, auch ist.

Diesmal bedankt er sich jedoch nicht nur ganz förmlich, wie sonst auch (er bedankt sich gerne und viel, auch wenn es wirklich nicht notwendig ist), er legt noch einen drauf: “ …ich meine danke, dass du immer für mich da bist ninjaan…“ Pause „…du weisst was ich meine, oder?“ – Ich habe diese beiden Sätze sicher schon an die 100mal gelesen, mir stiegen die Tränen in die Augen, wie furchtbar sentimental und weich ich doch bei ihm bin… Ich denke es ist unnötig zu sagen, dass ich an diesem Abend sowohl für „Prollmänner“ (siehe oben) als auch alle anderen Vertreter des anderen Geschlechts, keine Augen mehr hatte. Das er es auf Deutsch schrieb, weil die Muttersprache einen immer mehr berührt (meiner Erfahrung nach), erweckte ungeahnte Gefühlswallungen in mir.

Ich brauche erst einmal wieder etwas Abstand, die letzten, etwas mehr als 24 Std, war ich weder für Flirts noch für Kat wirklich zu gebrauchen, die unbedingt flirten wollte, und der  die „dahin schmelzende“ Freundin, sicher nicht die beste Begleitung dafür war. Abstand von ihm, weil mich so etwas so sehr berührt, weil ich versuche nicht nachzudenken, nicht zu analysieren, aber scheitere. Weil mich die Frage „Warum Yaya???“ in den Wahnsinn treibt, obwohl ich die Antwort kenne, sie aber nicht verinnerlichen kann, jedenfalls jetzt noch nicht. Ich bin offline, fast die ganze Zeit, ich mag nicht reden, nicht jetzt, es macht alles so schwer. Aber weil ich inkonsequent bin, schaue ich nach, ob er mir bei skype eine Nachricht hinterlassen hat. Ja, hat er – ein Lied. Es ist schön, ruhig, es berührt. Der Text lässt mich grübeln, manchmal, so glaube ich es jedenfalls, reden wir durch  Songs, Videos oder Bilder.

Ich höre den Song immer und immer wieder, ich stelle ihn mir dabei vor, wie und wo er es hört und woran er denkt und ich frage mich, ob er dabei genauso so sehnsüchtig schaut, wie damals, Kazoo spielend, auf dem Fensterbrett sitzend  – Bist du traurig Yaya joonam? Denn wenn du es bist, bin ich es auch…

Übersetzung:

Who are you? 
Trying to mould me into something you want, something to your expectations yet I am content with myself. So let me be, odd and free.

Tell me where I can find somebody who is flawless, unblemished? Nowhere, for we all are stuck in our past, holding in our trembling inner child.

Why and tell me how we can be so obsessed with picking out others mistakes and flaws. We are all not so different, connecting to each other, holding hands of mental doubts. 

I wish, oh how I wish, we can live like children again. Full of innocence and nothing to weigh us down. The chance to have a new beginning, without threat nor fear.

Translation by Sarah Salah