Robin Hood oder so…

Ich stehe vor dem Bereichsleiter. Ich habe seine Frage gehört und auch verstanden, so müde, dass ich mich darauf nicht konzentrieren könnte, bin ich auch nach einer langen, ätzenden Woche nicht. Aber was soll ich auf seine Frage antworten?

„Warum haben sie eigentlich ein so großes Interesse an der interkulturellen Arbeit und wichtiger, warum sind sie dann hier gelandet?“

Erst wenige Stunden zuvor saß ich mit einer türkischen Mutter bei einer ausgelagerten Beratungsstelle, habe ihre Papiere gewälzt, Pläne erstellt und mir die Beschwerden über die Mitarbeiter der zuständigen Ämter angehört. Während der 1 1/2 Stunden in der Beratungsstelle fühle ich mich gut, irgendwie gelassen. Ich kann sicher und kompetent beraten, sitze neben einer Kollegin, die genau wie ich früher, immer wieder mit solchen Fällen zu tun hat. Ich spüre wie die Anspannung der letzten Tage von mir abfällt. Ich hätte nicht da sein dürfen, das fällt nicht in meinen Aufgabenbereich, die Frau fällt nicht in meinen Aufgabenbereich. Hinter dem Rücken der Chefs und mit der Unterstützung der Kollegen habe ich es dennoch durchgezogen.

„Ihre Tochter meint, sie wäre Robin Hood. Ich weiß nicht, ob ich das gut oder schlecht finde.“ sagte vor über einem Jahrzehnt einmal mein Englisch Lehrer, der mir wohlgesonnen war, zu meiner Mutter.

Robin Hood klingt edel. Edel fühlte es sich heute an, ich glänzte, verspürte das Feuer, dass ich immer hatte, wenn ich genau in diesem Bereich tätig war und das jetzt irgendwie auf der neuen Arbeit nur noch ein Flämmchen ist.

Doch als der Bereichsleiter mir diese Fragen stellt, wird mir klar, dass es nicht edel und selbstlos von mir ist, sondern im Grunde egoistisch. Ich bin gut in diesem Bereich, das Wissen, der Bezug zu den Klienten fällt mir irgendwie in den Schoß, ich muss mich nicht groß anstrengen, oder besser gesagt, es ist keine Anstrengung für mich, sondern eine Leidenschaft. Um diese Leidenschaft zu befriedigen, verstoße ich auch in der Probezeit gegen Anweisungen von oben, nicht weil ich tatsächlich Robin Hood bin.

Ich antworte nicht direkt, drehe mich, während ich einen Erklärungsversuch dahin stammele, sogar mehrfach um, einfach so. Das muss komisch ausgesehen haben. Ich sage etwas über das Interesse an fremden Sprachen, Kulturen, irgendwas sagen, nur den Job nicht gefährden, nur nicht zeigen, dass mir in diesem Moment klar wird, dass ich eigentlich lieber in einem anderen Bereich arbeiten würde. Das ich mich lieber wieder mit Ausländerbehörden und Schulen rumschlagen will. Das ich lieber wieder Chefs hätte die meinen „Aktionismus“ (O-Ton meiner Vorgesetzten) schätzen und nicht ausbremsen. Das ich lieber wieder die Fördernde wäre, als die Fordernde. Das ich lieber Kunst und Kulturprojekte auf die Beine stelle, als Berichte zu korrigieren. Das ich lieber wieder Robin Hood spielen möchte  (auch wenn ich eigentlich eher Schneewittchens Stiefmutter bin, die in den Spiegel sieht, um Anerkennung zu bekommen) als Sir Hiss zu sein.

Ich dramatisiere. Ich mag die Kollegen, ich mag das Klientel, aber mir fehlt das Feuer, die Narrenfreiheit, die Leidenschaft und die Leichtigkeit. Ich lerne etwas Neues, das ist gut. Aber, um ehrlich zu sein, träume ich schon von einem neuen Job, im alten Bereich..

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Mitgefühl wird überbewertet

Nein, nein! Keine Sorge! Das meine ich gar nicht so. Schon gar nicht als Sozialarbeiterin! Wie könnte ich auch? Ich bin das Mitgefühl auf 2 Beinen,  habe es mit allem und jedem und das Beste ist: Ich erwarte NICHTS aber auch rein GAR NICHTS dafür. Toll oder?  Total!

Denken sich anscheinend aber nicht nur „Klienten“ sondern auch Kollegen und bevorzugt Vorgesetzte. Mitgefühl gibt´s nicht für uns, weil wir die geborenen „ich arbeite immer gerne lange und hart und erwarte weder Anerkennung noch ne Gehaltserhöhung“ – Typen sind. Das ist mir nicht neu, sondern altbekannt. Es ist erträglich, man ist quasi darauf geschult sich das nicht zu Herzen zu nehmen.

Ich habe während meiner gesamten Krankheitsphase (immerhin 7 Monate nun) niemals eine Karte oder einen netten Anruf bekommen. Wenn ich angerufen wurde, dann nur weil sie (mittlerweile ja nun schon seit 6 Monaten unentgeltlich!) irgendwas von mir wollten. Brav bin ich immer gesprungen, aber mit der Zeit wurde mir klar „dahin gehe ich definitiv nicht zurück“.  Ich erwarte von denen gar nichts mehr, rufe aber auch nicht mehr wirklich zurück und in wenigen Tagen haben sie dann, unangekündigt (wie rebellisch und böse muaaaaaaaaaaaah), meine Kündigung auf dem Tisch!

SO! Das habt ihr jetzt davon! Nicht mal einen Funken gespieltes Mitgefühl? Das geht selbst mir als „Paradebeispiel“ einer „ich vergesse mich selbst“ Sozialarbeiterin zu weit. Also habe ich mich anderweitig beworben. Und, ohne es je für möglich gehalten zu haben, wurde ich tatsächlich vorletzte Woche zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Für einen Job, der etwas absolut Neues für mich ist, aber gerade deswegen auch unschlagbar interessant.

Ich habe mich gefreut wie Klößchen, bin vor  der OP noch schnell zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden und habe, irre wie ich bin, zugestimmt, dass ich nur 10 Tage nach der OP (nur Teilbelastung des Beins und 30° Beugung) 3 tagelang Probearbeiten werde. Vielleicht war es die Euphorie tatsächlich meinen alten Job loszuwerden oder die Neugierde auf das unbekannte Arbeitsfeld (oder die 200 Euro mehr netto +Zusatzleistungen)? Was es auch war, es ließ mich kurzfristig vergessen, dass NIEMAND es für nötig zu halten scheint, auch mal etwas Mitgefühl mit uns  (also mir) zu haben.

Ich habe mich Montag unter Schmerzen, mit Krücken und Thrombosestrumpf zur Arbeit geschleppt (wenn das die KK wüsste…) und musste gleich 6 Stunden bleiben, von denen ich gefühlte 3 Stunden nur durch die riesige Einrichtung geführt wurde (laufend). Heute blieb ich dann 8 Stunden und als ich für einen Moment bei den Kollegen das Bein auf den Stuhl legte (es war mittlerweile, auch in der Jogginghose unverkennbar, angeschwollen) erntete ich einen vorwurfsvollen Blick von dem“vielleicht bald“ Vorgesetzten.

Is das zu fassen? Ich schleppe mich da hin, um sie von mir zu überzeugen und ernte noch schräge Blicke? Ich habe einfach zurückgeguckt und gesagt: „Mein Bein MUSS hochgelegt werden!“ mehr brachte ich nicht heraus.

Bei solch einem Verhalten gleich zu Anfang frage ich mich natürlich „Wie soll das da weitergehen“, aber andererseits ist es immer noch die beste Alternative die ich habe. Niemand bezahlt so gut, nirgendwo habe ich solche geregelten Arbeitszeiten wie da.

Also schleppe ich mich auch morgen dorthin, beiße die Zähne zusammen, lutsche Schmerztabletten wie Bonbons und hoffe, dass sie meine Hartnäckigkeit in Verbindung mit meiner beruflichen Erfahrung überzeugen wird. Morgen Nachmittag werden sie mir Bescheid geben. Wenn sie mich nicht nehmen, schmeiße ich ihnen glaube ich meine Krücken um die Ohren… Dann habe ich nämlich einfach mal kein Mitgefühl mehr!

 

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Von den Steinen auf dem Weg

In ganz melancholischen Momenten, von denen ich zurzeit nicht allzu wenig habe, frage ich mich selbst, warum immer mir so große Steine in den Weg gelegt werden müssen, warum nicht mal bei mir einfach alles glatt laufen kann? Mein Lebenslauf hat auffällig viele Ecken und Kanten und nicht selten musste ich regelrechte Harken schlagen, um dahin zu gelangen, wo ich hin wollte. Das ist nichts besonderes, kein Einzelfall und das ist mir in allen anderen, nicht melancholischen, Momenten auch bewusst. Aber eben nicht immer und in welcher Verfassung ich auch immer sein mag, ich schiele nur allzu gerne, leicht neidvoll, auf jene Menschen, bei denen zumindest die meiste Zeit ihres Lebens, alles relativ glatt läuft.

Von meinem schwierigen Gespräch mit der Professorin über meine Möglichkeiten eine Doktorarbeit zu schreiben, hatte ich bereits berichtet, auch davon, dass ich einen Masterstudienplatz für Sozialwissenschaften an einer sogenannten „University of applied sciences“ habe (besser bekannt unter FH). Letzteres stimmte mich, vor allem nach dem doch recht ernüchterndem Gespräch mit der Professorin, heiter. Seit meiner Rückkehr hatte ich mich nur darauf gefreut, endlich das Studium zu beginnen, um in 2 Jahren wieder vor eben dieser Professorin zu sitzen und ihr zu sagen, dass ich nun ganz frisch einen Master habe und mehr als bereit wäre für die Promotion – koste es was es wolle!

Ich war absolut guter Dinge. Ich habe einen 1er Durchschnitt im Diplom, gute Noten in Berlin für meine Ausarbeitungen zur qualitativen Forschung bekommen – ich bin gerüstet und motiviert, was soll da noch passieren? Immerhin war dieser FH auch schon mein Thema bekannt, da wir dazu verpflichtet waren eine Projektskizze mit der Bewerbung einzureichen – ich wurde angenommen, also ist doch alles gut!?

Leider ist diese „Alles ist gut Seifenblase“ bereits am Dienstag geplatzt. Dienstag war offizieller Vorlesungsbeginn. Von 8 Uhr morgens bis 17:30 Uhr Seminare, ohne längere Pause – gleich zweimal Seminare zur quantitativen Forschung (mein Hass-Fach). Aber auch da war ich noch motiviert, da beiß ich mich durch!

Die letzten beiden Seminare (3 Stunden!) fand das sogenannte „Projektseminar“ statt. Über 3 Semester hinweg soll in diesem Seminar an unserer Projektskizze gefeilt werden, bishin zur Masterarbeit. Klingt gut, kenne ich schon aus Berlin. Leider gibt es nur 2 Gruppen, in die wir von der FH eingeteilt wurden. Die eine Gruppe beschäftigt sich ausschließlich mit dem Thema Bildung, die Zweite läuft unter dem Oberthema „Gesundheit“, in diesen Bereich fällt jedoch auch Migration, mein Thema.

Wir sind nur 9 Leute in dem Seminar, während das andere überquillt. Professor A bei dem wir die ersten beiden Stunden haben stellt sich als Gesundheitswissenschaftler vor, mit dem Schwerpunkt „quantitative Forschungsmethoden“. Super denke ich mir, der fällt für mich wohl schon mal flach, vor allem, da er zugibt keine besondere Ahnung von Migrationsforschung, Rassismusforschung usw. zu haben. Meine Hoffnung liegen bei der Professorin B., die nach 1 1/2 Stunden endlich auftaucht. Sie ist Psychologin, Gesundheitswissenschaftlerin und sowohl mit der quantitativen als auch der qualitativen Forschungsmethode vertraut. Langsam wird´s eng für mich, denke ich mir, sage aber nichts.

Alle stellen nach und nach ihre Projekte vor. Typische Sozialarbeiter Projekte, nicht gerade mein Interessengebiet, aber dennoch höre ich gebannt zu, vor allem aber, weil ich mich frage, welche Projektskizze die Meisten eingereicht haben, da ihre Ideen alle so wage formuliert sind, als hätten sie sich das Thema gerade überlegt. Mich wunderts nicht, ich halte den Anspruch, vor dem Studium schon zu wissen worüber man seine Masterarbeit schreiben will sowieso für sehr fragwürdig, dennoch macht es mich stutzig, weil es eben eine Voraussetzung für die Aufnahme war.

Als Vorletzte bin ich an der Reihe. Ich habe ausser meiner Projektskizze eine weitere Idee, bin mir aber nicht sicher, ob ich diese verwirklichen darf, da die Regel lautet: „Keiner darf sein eingereichtes Thema komplett ändern, nur leichte Abweichungen werden akzeptiert.“.

Die Macht des Wortes –  Eine kritische Betrachtung des Begriffs „Mensch mit Migrationshintergrund“ im öffentlichen Diskurs und in ausgewählten Bereichen der Kinder- und Jugendarbeit.

Als ich meinen Titel verkürzt wiedergebe, zieht Professor A seine Augebraue hoch. Mein erster Gedanke war, dass ihm bewusst wird, dass er von „Diskursanalyse“ als Gesundheitswissenschaftler und Vertreter der quantitativen Forschung wenig Ahnung hat und er sich fragt, wie er mich dabei unterstützen soll. Als ich jedoch fortfahre, meine Hypothese beschreibe, fällt er mir ins Wort. Was ich denn damit sagen wolle, was mir denn nicht an dem Begriff gefallen würde? Ich antworte, kurz und knapp. Ich bekomme nur ein Kopfschütteln und die Antwort: „Das finde ich nicht! Ich benutze den Begriff weiterhin!“ – Mein Argument, dass er dies ja tun könne und es nicht darum geht etwas zu verbieten, sondern für etwas zu sensibilisieren geht er nicht ein, auch nicht auf meinen Vorschlag sich erstmal meine Projektskizze anzusehen. Er fragt mich, ob ich mir das mal so überlegt hätte, das das rassistisch sei. Obwohl ich dies nicht einmal so gesagt hatte, gehe ich auf seine Frage ein, ich habe mehr als 4 Seiten Literaturverzeichnis (bei einer Projektskizze!) Fachliteratur, Forschungen, Artikel – alles dabei, ich nenne ihm auch mehrere Namen renommierter Soziologen, Philosophen und Erziehungswissenschaftler, aber er macht einfach nur dicht. Seine Kollegin Professorin B. bemüht sich ein wenig um Verständnis und wiederholt „Mantra artig“ die Begriffe „Zugehörigkeit und Identität“ . Meine zweite Idee wird überhaupt nicht mehr richtig begriffen und gleich abgewehrt.

Da saß ich nun, mit einem Thema, dass ich nicht wechseln darf, einer Änderung die nicht angehört wurde und 2 Professoren die weder gewillt noch wirklich kompetent sind, mir bei dieser Aufgabe beizustehen. Ein herber Rückschlag für mich, zumal ich, nach der Zulassung, davon ausgegangen war, mein Thema würde kein Problem darstellen. Meine Motivation ist dahin, alle anderen Themen, auch wenn es diese in ähnlicher Form schon 100mal gibt, wurden bejubelt, nur meines verissen.

Ja, ich weiss, mein Thema ist nicht angenehm, meine Hypothese gewagt, aber sie ist nicht sonderlich radikal, nicht wenn man sie mit den Aussagen von Leuten wie Mecheril, Heitmeyer oder Nghi Ha vergleicht. Benedikt Köhler von der Bundeswehruniversität München geht mit dem Begriff „Migrationshintergrund“ in einem Essay noch viel härter ins Gericht, als ich es jemals angedacht hätte. Vielleicht ist es mir desegen, ob dieser breiten Masse an Veröffentlichungen zu dem Thema, so unverständlich, warum gerade ich ständig an Professoren gerate, die mein Thema mit aller Macht nieder schmettern wollen, weil sie glauben, ich würde allen, und vor allem ihnen selbst, die sie diesen Begriff täglich mehrfach benutzen, an den Karren …. wollen.

Das ist jetzt die zweite Hochschule an der Professoren mein Vorhaben abblocken. Niemals allerdings mit wissenschaftlichen Argumenten, sondern immer nur mit Argumenten wie “ Ne, ich bin kein Rassist!“ oder „Das finde ich nicht! Das gefällt mir nicht!“ . Würde einmal jemand kommen und mir wissenschaftlich darlegen, warum mein Thema nicht gut sein sollte, würde ich vielleicht meine Meinung ändern, aber bei all dieser Gegenwehr aus dem sogenannten „akademischen Lager“ werde ich das Gefühl nicht los, dass ich mit meiner Annahme gar nicht so verkehrt liegen kann.

Ich werde also wie schon xmal zuvor, mir den Weg selbst freiräumen müssen, die Steine mühsam zur Seite schaffen, um das zu machen, wovon ich überzeugt bin – falls das hier ein Sozialwissenschaftler lesen sollte, der ebenso wie Professor A allein anhand meines Titels mein Thema zurückweisen kann, dann möge er oder sie sich bitte bei mir melden, vielleicht kann mir ja doch einmal jemand erklären, warum gerade mein Thema so „unnütz“ sein soll…

Manchmal…

Manchmal verfluche ich meinen Job, mich selbst weil ich ihn gewählt habe, die Gesellschaft weil sie meine Arbeit nicht anerkennt, die Stadt weil sie mich viel zu schlecht bezahlt und die Jugendlichen, weil ich wegen ihnen mit 25+ schon weisse Haare bekomme (kein Spass!)!

Manchmal wünschte ich mir ich wäre Ingenieurin geworden oder hätte Jura oder Journalismus studiert, irgendetwas mit etwas mehr Prestige und einem bessern Gehalt.

Manchmal gibt es einen erhellenden Moment, zum Beispiel wenn ein Jugendlicher eine gute Note in der Schule bekommen hat, weil du sogar an deinem freien Tag Nachhilfe gibst oder wenn die Mutter eben dieses Jugendlichen dir Blumen als Dank schickt. Diese Momente sind kurz und werden von ständigem Gezeter überschattet. Meckrige Buchhalter, faule Vorstandsleute, eine knausrige Stadt und pedantische Projekt-Financiers und natürlich auch von Jugendlichen, deren Verhalten einen oft an den Rande des Wahnsinns treibt.

Aber manchmal, manchmal gibt es Momente wie heute, die einen für alles entschädigen, die so viel mehr wert sind als das man es in Euronen aufwiegen könnte. Momente in denen man vor Freude, vor Stolz Tränen in den Augen hat. Momente in denen einem klar wird, warum man ein schlecht bezahlter Sozialarbeiter geworden ist und eben kein Ingenieur oder ähnliches.

Und weil diese Momente so besonders, aber gerade für meinen Berufsstand so „überlebenswichtig“, sind möchte ich davon erzählen.

Das heute war nicht nur ein „erhellender Moment“ es war einer dieser Glücksmomente, von denen man lange zehren kann. Schon um  9:30 Uhr befand ich mich beim Amtsgericht. Nicht weil ich geladen worden war, sondern weil mich einer „meiner Jungs“ gestern Abend (eher mit seinen Augen als mit Worten) darum gebeten hatte. Vor dem Gerichtsgebäude zögerte ich einen Moment, vielleicht wollte er mich doch nicht dabei haben? Vielleicht würde ich sowieso gar nicht den Gerichtssaal betreten dürfen, weil ich weder Erziehungsberechtigt noch in irgendeiner Art und Weise verwandt mit ihm bin und Jugendstrafverfahren grundsätzlich nicht öffentlich sind? Ich schob die Zweifel beiseite, ich kenne diesen Jungen seit über 5 Jahren, ich werde seine Blicke und sein stummes Nicken, als ich das Angebot machte zu kommen, schon richtig verstanden haben!

10 Minuten vor der Verhandlung trafen schliesslich auch besagter Junge und sein Kumpel ein. Der eine schenkte mir einen ungläubigen Blick, während der Andere mich in den Arm nahm ganz fest drückte und „Danke, dass du gekommen bist Ninjaan“ flüsterte. Puhh, richtig getippt!

Der Verhandlungsbeginn verzögerte sich, mit jeder Minute wurde „mein Junge“ nervöser, er spielte immer noch mit dem Gedanken die Aussage zu verweigern oder es schlicht und ergreifend zu bestreiten, sein Kumpel bestärkte ihn darin ungemein. Ich legte noch einmal den Arm um ihn und sagte, was ich ihm schon die letzten Monate, nach Anklageerhebung, geraten hatte: „Du musst die Wahrheit sagen. Sie haben deine Fingerabdrücke und du keinen Anwalt. Wenn du jetzt lügst oder die Aussage verweigerst, machst du es damit nur schlimmer! Das ist Jugendstrafrecht, gesteh was du getan hast! Mit Lügen wirst du nicht weit kommen, vertrau mir!“  Immer wieder schüttelte er verzweifelt den Kopf, er befürchtete, dass man ihm weitere Straftaten anlasten würde oder das seine „Strafe“ sehr hoch ausfallen würde. Ich gab mir alle Mühe ihm das Jugendstrafrecht halbwegs einfach zu erklären und verwies ihn immer wieder darauf, dass die Wahrheit der beste Weg sei.

Mittlerweile war noch ein 2. Kumpel eingetroffen, auch er ermutigte ihn dazu zu Lügen. Als es mir zu bunt wurde fauchte ich sie kurz an und plazierte sie auf eine andere Bank (So blöd sie sich auch verhalten, das bisschen Autorität konnte ich mir bis jetzt bewahren – es war Ruhe!).

Schliesslich wurde er aufgerufen, mit einem leicht mulmigen Gefühl stand ich mit auf und bat den Richter darum, bleiben zu können. Dem gefiel meine Idee gar nicht, sein Ton mir gegenüber war unter aller…., aber ich lächelte nur höflich und bestand darauf, da „mein Junge“ ohne jegliche Begleitung (ohne Eltern, Geschwister oder Verwandte und Anwalt) gekommen sei. Die Hartnäckigkeit zahlte sich aus und ich durfte bleiben.

Nach der Anklageschrift wurde ihm das Wort erteilt, mit der Frage ob er sich zu dem Falle äußern wollte. Ich hielt vor Spannung die Luft an – wofür würde er sich entscheiden? Als er dies bejahte stieg meine Anspannung noch einmal – sagt er jetzt die Wahrheit oder streitet er alles ab? Der Druck seiner „Clique“ ist groß!

“ Ich möchte sagen, dass die Anklage gegen mich stimmt. Ich habe dies……… getan.“ Er sprachs, schaute kurz auf den Tisch und blickte dann zu mir rüber. Mir lief ein Schauer über den Rücken – ich war so stolz auf ihn! Er hat alle Angaben bestätigt, nicht gelogen, alles zugegeben! Der Richter und der Staatsanwalt schienen völlig verwirrt zu sein, warfen erst sich einen irritierten Blick zu und schauten dann zu mir herüber – auf die „doofe“ Sozialarbeiterin, die unbedingt bleiben wollte und nun unendlich stolz auf ihren Schützling schaute und ihm aufmunternd zunickte.

Den Rest der Verhandlung über starrte er auf seinen Tisch und erhob nur den Blick, um zu mir herüber zusehen, als Absicherung, ob alles gut ist – jedesmal nickte ich ihm zu: Ja, alles ist gut!

Das Urteil fiel unfassbar milde aus, besser hätte es nicht sein können. Der Richter bestärkte noch einmal mein Reden und sagte ihm klipp und klar, dass er bei der Beweislast auch die Aussage hätte verweigern können, da er aber seine Tat eingestanden hatte und offensichtlich bereute, hätte er dieses Mal noch Glück gehabt. Er (mein Junge) lächelte mir in diesem Moment zu und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht.

Gemeinsam gingen wir aus dem Saal, ich legte ihm den Arm um die Schulter und flüsterte: „Ich bin so stolz auf dich…“ 

Seine Freunde erwarteten uns schon und fielen aus allen Wolken, als er ihnen von seinem Geständnis erzählte, er aber schüttelte nur den Kopf und nahm mich in den Arm „ Danke Ninjaan, danke für alles! Danke, dass du für mich da warst!“ Er drückte mich ganz fest und ich spürte wie mir die Tränen in die Augen schossen. Vor Stolz, weil er etwas Richtiges getan hatte und auch wenn es für viele komisch klingen mag, etwas sehr mutiges! Aber auch, weil ich ihn ansah  und mich an den kleinen, schmächtigen 12jährigen Jungen erinnere, der mit mir Maumau spielte und stolz sagte: „Ninjaan! Heute ist der 1. Tag an dem ich mitfaste! Also zur Probe…heute fasten wir zusammen!“  Ich verabschiedete mich schnell und ging, von meiner Rührung sollte nun wirklich niemand etwas sehen!

Ich bin stolz! So unfassbar stolz, auch das mag komisch klingen, hat er doch eine Straftat begangen!? Ja, das hat er. Aber ich kenne ihn, ich weiss welche Geschichte dahinter steckt und ich weiss auch wie schwer es für einen jungen Menschen ist, aus diesem Kreis auszubrechen, etwas zu tun, was keiner aus seinem Umfeld tolerieren will – aber genau das hat er heute getan! Das kann (ich bin nicht naiv, deswegen nur ein „kann“) der Schritt in eine richtige, eine gute Richtung sein – darauf hoffe ich, das wünsche ich mir, für ihn!

Ich habe Jugendliche bei denen ich die „kriminelle“ Energie nicht abstreiten kann (und auch nicht will), ich würde sie dennoch zu einer Gerichtsverhandlung begleiten, das ist eben mein Job, da sein wenn es kein anderer ist, aber bei jemandem wie ihm, da fühle ich es noch mehr. Da leide ich mehr und empfinde noch mehr Stolz und Glück, wenn ich sehe wie er einen Schritt herauswagt, einen Schritt aus dem heraus, in das er hineingeraten ist, weil einfach alles in seinem Leben schief gelaufen ist.

Diese Momente, in denen mich jemand wie er in den Arm nimmt, in denen mir jemand so sehr vertraut, dass sind diese unbezahlbaren Momente die meinen Job trotz aller Schwierigkeiten so wundervoll machen. Darum liebe ich es, weil ich manchmal (nicht halb so oft wie ich es mir wünschen würde…) doch etwas erreichen kann, weil es nicht umsonst ist, weil vielleicht nichts umsonst ist, auch wenn man es nicht immer so deutlich sieht wie heute.

 

PS: Als ich heute so mißtrauisch und abfällig von dem Richter und dem Staatsanwalt angesehen und behandelt wurde, kam mir übrigens noch etwas in den Kopf: FUCK U PFEIFFER, du hast keine Ahnung von unserem Job! (Wer nicht weiss was ich meine, kann sich das hier bei Interesse mal durchlesen: http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,593856,00.html )