Am Bahnhof

1249808265Für einen Moment wende ich den Blick von ihm ab. Neben mir steht ein älterer Herr, er zückt ein weißes Stofftuch aus seiner Jackentasche, wischt sich eine aufkommende Träne aus den Augen und richtet seinen Blick dann wieder, mühselig lächelnd, auf seine Frau, die direkt neben Amin im Zug steht. Sie. die Abreisenden, sehen auf uns, die Zurückbleibenden, hinunter, wehmütig. In dem Gesicht der Frau zeichnet sich ein Lächeln ab, als ihr Mann das weiße Tüchlein zart in der Luft schwenkt.

Die Türen schließen sich. Eine Druckwelle durchfährt meinen Körper, ich kann mich kaum auf den Beinen halten. Zum Glück habe ich Krücken. Die Tränen strömen mir über das Gesicht. Auch Amin zuckt zusammen, als der Zug sich in Bewegung setzt streicht er sich, ebenso verstohlen wie der alte Mann wenige Sekunden zuvor, Tränen aus den Augen.

Der Zug entfernt sich aus unserem Blickfeld. Ich weine, ungehemmt. Der alte Mann ist einige Meter, winkend, neben dem Zug hinter hergelaufen.

 

Nun dreht er sich zu mir um, sieht meine Tränen und kommt auf mich zu.

„Nicht weinen junge Frau, ihr Liebster kommt doch zu ihnen zurück!“

 

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Was wirklich noch geschah / II

24 Stunden können lang sein oder kurz, manchmal auch endlos erscheinen. Was hatte Ninjaan schon zu erwarten? Hat sie etwas erwartet? Ein „Nein“ wäre gelogen. Aber was? Darauf gibt es keine Antwort…ein simples, alles ist ok Ninjaan, würde gerade die Welt bedeuten, sie retten.

Aus 24 Stunden wurden 20, weil sie so müde war, weil sie doch früh raus musste am nächsten Tag. 24 Stunden oder 20 Stunden, das spielt keine Rolle, entweder ist es geschehen oder nicht.
Der Laptop wird geöffnet, drei neue Nachrichten. Die Erste von den Dreien ist von Yaya.

Yaya sagt Ninjaan das alles gut ist. Das er noch in DER Stadt ist, schon so lange, viel zu lange. Yaya hat gearbeitet in der Nacht als Ninjaan ihn anrief, ihn mit unbekannt anrief, was hätte er tun sollen? Warum überhaupt trinkt Ninjaan plötzlich, was ist geschehen? Versucht sie plötzlich „modern“ zu sein? *END*

Und das erste Mal, seit Wochen, fließen sie, die Tränen die nicht kommen wollten. Nicht vor Traurigkeit, sondern vor Erleichterung, weil dieser Stein, dieser Fels auf ihrem Herzen, ihrer Seele, in ihrem Kopf plötzlich verschwindet. Mit dem fehlendem Druck öffnen sich die Luken. Träne für Träne.

Laptop schließen und genießen, dieses Gefühl der Erleichterung, des „leicht seins“.

„Asthma ist…

das Schluchzen der Seele.“

Jedenfalls hat das mein Hausarzt vor mehr als einem Jahrzehnt einmal behauptet. Von all seinem Gesundheitsgefasel ist dieser Satz als Einziges bei mir hängen geblieben. Vielleicht weil er so romantisch klingt?

Das Schluchzen der Seele.

„Wein mal richtig.“ – sein Ratschlag, als ich damals, obwohl eigentlich allergisches Asthma, mehrere Anfälle hintereinander hatte und die Frage mit „Wann hast du zuletzt mal so richtig geweint?“ mit „Kann ich mich nicht dran erinnern.“ beantwortet habe. Weinen fand ich damals uncool – es ist heute noch nicht meine Stärke. Wobei ich sicher mit dem Tränen vergießen heutzutage noch gerade so im „normal“ Bereich liege.

Ob Weinen, den Schmerz rauslassen, wirklich einen Einfluß auf das Asthma hat? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich nach 6 Tagen immer noch nicht geweint habe, mein Kopf weiterhin dröhnt und ich seit heute Kortison nehmen muss – weil mir die Luft wegbleibt, wenn ich liege, wenn ich sitze…wie zugeschnürt. Asthma, sagt der Spezialist und wundert sich, weil nichts mehr blüht, dass einen Anfall auslösen könnte.
Er sagt nichts über das Schluchzen der Seele. Er ist ja auch Facharzt und kein Naturheilkundler.

Den Kopf gewaschen bekommen…

Ich schreibe viel in diesem Blog, aber bei weitem nicht alles –  das wäre auch unmöglich. Wer schafft sowas schon? Ich jedenfalls nicht. Vor fast 6 Monaten habe ich damit begonnen hier zu schreiben – meist über die Gegenwart, manchmal in der Retrospektive, selten über Zukunftswünsche. Was ich gerade denke und erlebe, welche Einstellung ich zu bestimmten Dingen habe kann man hier alles lesen. Würde ich mich selbst durch meinen Blog betrachten, ich sähe mich wie ich immer war oder sagen wir, wie ich geworden bin, als ich „erwachsener/reifer“ wurde (wobei diese Worte relativ sind). Aber ich bin wahrscheinlich, gerade die letzten Wochen und Monate, für Menschen, die mich lange kennen, doch nicht mehr die Alte. Manche begrüßen meine Veränderung, einige betrachten sie mit Skepsis, ignorieren sie aber weitgehend und wenige äußern sich kritisch darüber. Eine dieser Wenigen ist meine Freundin Jackson, die mich gestern Abend anrief:

Ninjaan? Kann ich mal mit dir sprechen? Klar, tun wir doch gerade Jackson, was liegt an? Ach, nichts besonderes eigentlich. Ich bin etwas verwundert. Warum? Wegen meiner Haarfrisur? Ich habe deinen Kommentar bei FB schon gesehen! Findeste es wirklich so schlimm??? Schlimm? Du hast dir die Hälfte deiner Haare abrasiert!!! Das ist ein Undercut! Und es ist überhaupt nicht die Hälfte, sind noch genug Haare da! Ich überlege noch, ob ich mir die Stelle vielleicht färben lasse? Färben? Was? Die abrasierten Haare? Ja! Gute Idee, mach sie Pink…nein Lila – oder gestreift! Merkst du eigentlich noch was? Meine Güte, es ist nur ein Haarschnitt! Die wachsen doch wieder, ich habe mich ja jetzt nicht tättowieren lassen oder so! Es ist eben nicht nur der Haarschnitt Ninjaan. Ich meine, ich habe eigentlich kein Recht, ich schon gar nicht, dir irgendwelche Moralpredigten zu halten, aber… Aber? Was ist denn noch? Was noch ist Ninjaan? Du hast Alkohol getrunken! DU! Ich habe nie gesehen, dass du nur einen Schluck getrunken hast, nicht mal an Silvester, nicht mal gegessen hast du was, wo Alkohol drin war, nicht mal Tiramisu! Und jetzt trinkst du plötzlich und rasierst dir die Haare ab? Was kommt als nächstes?? …Ok, ich hatte getrunken, aber doch nur ein bisschen…und ich war doch aus, in diesem Club und… Ja! Aus, in nem Club und das betrunken! Ninjaan! Seit wann trinkst du? Seit wann rasierst du dir Haare ab? Ich meine, ich will hier nicht so tun, als wäre ich gegen Alkohol, ich trinke oft mal nen Wein, aber du? Du hasst Alkohol und jetzt trinkst du? Du liebst deine langen Locken und jetzt rasierst du dir soviel davon ab? Ich fühle mich gut… Du fühlst dich gut, wenn du trinkst? Nein…ja, ein bisschen. Ich trinke nicht um mich gut zu fühlen, aber es ist gut, wenn ich Dinge mache, die ich nie mache… Seit wann ist es für dich gut unvernünftige Dinge zu tun? Ninjaan…die prinzipientreue Ninjaan…plötzlich so? Ich mache mir wirklich Sorgen um dich! Das brauchst du nicht, das ist nur eine Phase, die geht doch vorbei! Ich will nur ein bisschen so sein…, bis es aufhört… Bis es aufhört? Und denkst du so hört es schneller auf? Wenn du plötzlich nicht mehr du selbst bist, dann geht es schneller vorbei? Ich meine, ja, das ist scheisse. Ich weiss wie du bist. Aber so? Sonst ist doch alles gut, alles im Lot, dein Leben ist doch nicht schlecht jetzt! Nein, ist es nicht. Es ist gut, es funktioniert alles. Aber du funktionierst nicht richtig, du tickst aus! Na und? Soll ich lieber in meinem Zimmer sitzen und mir jeden Abend die Augen ausheulen? Nein…aber du sollst auch nicht trinken und dann Auto fahren oder Haare abrasieren…oder sonst noch was machen! Du sollst nicht aufhören du zu sein, nur deswegen! Ich bin ich, aber ich bin nun mal scheisse traurig und ich habe keine Lust mehr traurig zu sein, also verscheuche ich die Traurigkeit und…ich will da gar nicht drüber reden, lass mich doch einfach ein bisschen so sein jetzt… Ich lasse dich doch, aber wieso Ninjaan? Nur wegen ihm? Was ist denn so besonders an ihm, dass du dich so völlig vergisst und alles was zu dir gehört hat? Das ist er doch nicht wert! Was hast du schon alles mitgemacht und dann kommt er, geht wieder und du drehst durch? Er ist nicht gut für dich, das war er nie!  Ich drehe nicht durch, es sind nur Haare und ein paar Tropfen Alkohol… Ja, und als nächstes? Weiß ich noch nicht, das worauf ich Lust habe, ist doch egal… Egal? Es ist eben nicht egal! Doch mir ist es egal, alles egal! Es stört doch nicht! Doch, dich selbst muss es stören! Du bist nicht du, du tust Dinge die du niemals sonst tun würdest! Warum gibst du ihm immer noch so eine Macht? Du hast doch immer mit dem Verstand entschieden und nun? Habe ich das jetzt nicht? Mit dem Verstand habe ich den Kontakt abgebrochen, meine Nummer gewechselt, ihn geblockt, ihn nicht mehr angeschrieben! Wieviel verdammten Verstand brauche ich denn noch? Ja das hast du aber… Ne, nicht aber! Wer von euch hätte das gemacht? Sei mal ehrlich, hättest du das gemacht? Nein! Ich habe es genauso gemacht wie immer! Ich nehme meinen Scheiß Verstand und gehe! Darf ich dann mal für nen Moment auch mal was ohne Verstand machen? Du darfst doch Ninjaan…du darfst doch alles…aber …ich will dich nicht traurig machen oder dich belehren. Ich sorge mich um dich! Du bist doch sonst so stark! Ja…jetzt halt mal nicht! Doch jetzt auch…aber ich habe Angst, dass du dir echt schadest, du erscheinst so verwirrt, alles was du sagst klingt so ziellos…ich erkenne dich kaum wieder und ich habe Angst um meine Freundin… Musst du aber nicht haben…Jackson, ich weiß das zu schätzen, aber es gibt keinen Grund sich zu sorgen, ich werde schon wieder so wie sonst. Ich hoffe…bitte nimm es mir nicht übel… Nein, tue ich nicht Jackson, aber ich mag nicht darüber reden jetzt. Ich mag einfach nicht. Ich verstehe… Tut mir leid… Nein, mir tut es leid, wenn ich ungerecht zu dir bin…ich mache mir nur so Sorgen. Ist alles gut. Ok….

Sie hat Recht, ich bin nicht, wie ich sonst bin – nur ändern kann ich es gerade irgendwie nicht…

Retrospektive Dezember 2011: Das letzte Treffen Teil III

„No I can’t forget this evening or your face as you were leaving
But I guess that’s just the way the story goes
You always smile, but in your eyes
Your sorrow shows” Without you – Mariah Carey

Du musst schon eine ganze Weile in der Tür gestanden haben, aber ich habe nicht zu dir rüber gesehen. Ich bin zu schwach um meinen Kopf zuheben, zu schwach dir in die Augen zu sehen. Was ist passiert? Was haben wir da gesagt? Ich fühle mich leer, unendlich leer und ich möchte nur weinen, zuhause, alleine in meinem Bett. Aber du bist hier und darum unterdrücke ich die Tränen.

Wie eine Ewigkeit kommt mir unser Schweigen vor, ich starre auf die weisse Wand, direkt neben mir und hoffe, dieser Moment, dieser Abend möge vergehen. Und während ich hoffe und starre und mich keinen Millimeter bewege, höre ich plötzlich deine Schritte auf mich zukommen. Vorsichtig sehe ich zu dir auf, unschlüssig, den Blick gesenkt, stehst du da. Der Kloß in meinem Hals weicht dem Gefühl der Wut, auf dich, auf mich, diese Situation, meine Worte, deine Worte, meine Gefühle, meine Unfähigkeit und deine Unfähigkeit mit solchen Situationen umzugehen.

Plötzlich gehst du auf die Knie, direkt vor mir lässt du dich nieder, du lehnst deinen Kopf vorsichtig an mein Knie und beginnst zu singen, erst leise, so dass ich es kaum verstehe, dann deutlicher. Without you singst du, mein Blick ruht auf deinem Haar, ich würde es gerne berühren, dir über den Kopf streicheln, aber ich bin nicht in der Lage dazu und weil ich nicht auf dieses Lied reagiere singst du nun eines auf Arabisch: Tamally ma3ak. (Für immer mit dir). Ein Zittern durchfährt meinen Körper, du nimmst deinen Kopf von meinem Knie, siehst mich an und singst weiter.

„Was soll das jetzt?“ Überrascht ob meiner eigenen harten Worte sehe ich dir nun direkt in die Augen. „Do u know this song Ninjaan? Tamally ma3ak?“ – Yes I know it.” Du nickst und weichst meinem Blick aus. Ein letzter Versuch, du beginnst eine Sure aus dem Quran zu rezitieren, meine Sure, Sure 93. Hierbei siehst du mir wieder direkt in die Augen, ich bekomme eine Gänsehaut und erinnere mich an den Abend im Sommer, als du sie das erste Mal für mich rezitiert hast – was ist nur geschehen in den letzten 6 Monaten? Und warum muss es so enden?

Mit aller Kraft erhebe ich mich aus dem Sessel und reiche dir die Hand: „ Let´s start to record now, before it is too late.“ Nach einem kurzen Zögern nimmst du meine Hand und wir beginnen aufzunehmen, so wie immer. Du in der Gesangskabine, ich vor dem Rechner – ich muss dich nicht ansehen und du kannst mich nicht sehen. Und darum siehst du auch nicht die Tränen in meinen Augen, als ich deiner Stimme durch die Kopfhörer lausche.

Wie soll ich diese letzte Nacht nur mit dir überstehen?

Retrospektive September 2011 – Teil II

19 Uhr, ich war pünktlich am Bahnhof, das erste Wiedersehen nach 6 Wochen, mein Herz schlug mir bis zum Hals. Dieses Wiedersehen war keine Verabredung, du bist gekommen um mir etwas zu bringen, gekommen, um mich zu retten. Ich brauchte deine Hilfe, um mein geplantes HipHop Projekt starten zu können. Wir waren schon viel zu spät dran, die Zeit drängte und weder ich noch meine Kollegen hatten wirklich Ahnung davon. Du schon, das ist deine Leidenschaft, dein Leben. Vor einer Woche schon, hattest du mir den Schlüssel zu deiner Wohnung hinterlegt, damit wir die Gesangskabine, die du uns gespendet hattest, abholen konnten.

Da musstest du arbeiten, konntest nicht dabei sein, ich war erleichtert. Doch nun stand ich am Bahnhof und wartete auf deinen Zug, auf dich, darauf, dass du uns noch andere Sachen vorbei bringst, die wir dringend brauchten und du nicht mehr, jedenfalls zurzeit nicht.

Ich hatte meinen Führerschein abgeben müssen, du hattest das Treffen kurzfristig verschoben und so konnte mich niemand von dort abholen, niemand mich begleiten – ich stand allein dort.

Dein Zug fuhr ein, es war warm, ziemlich warm für einen September Abend. Ich sah dich nicht sofort, zu viele Menschen stiegen aus dem Zug. Erst als die Menschenmenge sich lichtete erkannte ich dich. Diesmal ohne Mütze, aber mit Rucksack wie immer, in der einen Hand eine Tüte in der anderen das Handy. Du hast telefoniert, gelacht  und wie immer senkst du deinen Blick dabei – nie schaust du geradeaus.

Ich sehe dich an und atme langsam ein und aus, locker bleiben! Das hier alles macht mir gar nichts! Du hast ein graues T-Shirt getragen, erst als du näher kommst erkenne ich die Aufschrift darauf „I´m ur personal Shopper“ – ich muss schmunzeln, seit wann trägst du so bescheuerte Shirts?

Endlich erblickst du auch mich, lächelst, beendest dein Telefonat und kommst auf mich zu. Je näher du kamst, desto nervöser wurde ich. Als du vor mir standst und deinen Arm ausgestreckt hast um mich zu umarmen, habe ich automatisch die Luft angehalten – nicht riechen, nicht einatmen jetzt!

Ein kurzer Smalltalk folgt, ich mache einen Witz über dein Shirt, bloß locker wirken – ICH BIN NICHT VERLIEBT (oder besser: Ich will es einfach nicht sein!). Du lächelst nur, so entwaffnend wie immer, mir wird heiß und kalt zur gleichen Zeit.  Und dann sage ich etwas total dummes: „Do u know when ur next train is coming?“ Du zuckst kurz zusammen, schüttelst den Kopf: “Ill go and check it, one moment!”  

Was habe ich da gesagt? Warum habe ich das gesagt? Weil du gehen sollst – weg von mir Yaya, weit weg! Ich halte das sonst nicht aus!

8 Minuten, dann fährt dein nächster Zug, du überreichst mir die Sachen und fragst mich, ob du mir Geld für ein Taxi geben sollst, weil ich ohne Auto bin. Nein, musst du nicht. Ich bringe dich zum Gleis, unten an der Treppe bleibe ich kurz stehen und sehe dir nach, dann drehe ich mich um.

„Ninjaan? Are u okay?“ Du bist auf der Treppe stehen geblieben und hast dich nochmal zu mir umgedreht. Ich nicke nur, schlucke die Tränen runter und gehe zum Bus. Ich kann die Tränen auf der Busfahrt nicht unterdrücken, ich habe mich ganz nach vorne gesetzt, wo es niemand sehen kann. Als ich sie mir aus dem Gesicht wische, bemerke ich plötzlich, dass meine Hand nach dir riecht, ich habe dich nur kurz berührt – ich schluchze hörbar auf.

Eine alte Frau die eben in den Bus eingestiegen ist, legt mir die Hand auf die Schulter: „Das wird schon wieder, Liebes.“

Nachtschicht

Es ist 22:15 Uhr, Montag abend. Alle Kinder der Jugendwohngruppe sind im Bett, endlich. Gut, dass sie bei mir immer so umgänglich sind. B. ruft an, er ist besorgt: „Schläfst du? Schlafen die Kinder? Brauchst du etwas? Du sahst so unglaublich kaputt heute aus! Man kan doch nicht 8 Tage ohne Pause arbeiten! Du bist verrückt!“ Ich bin tatsächlich kaputt, der Heuschnupfen ist eine zusätzliche Belastung. Ich bin kaputt und hungrig. B. macht sich auf den Weg, 25km hin und zurück, nur um mir etwas zu essen und zu trinken zu bringen. Ich bin gerührt.

Als er ankommt falle ich ihm erschöpft in die Arme, er hält mich fest, bringt mich zum lachen. Wir stehen vor dem Haus, ich kann nicht einfach einen Mann hier reinlassen…und dann noch um die Uhrzeit!

Wir albern leise herum, kein Kind soll wach werden. Lachen…das tut gut, es streichelt die Seele. Wir küssen uns, lange, sanft. Ich wünschte er würde nie gehen. Er sieht mich an, mit diesem Blick, den ich nicht mag.

„Du bist zu gut, zu lieb. Immer tust du alles für alle! Du musst mehr an dich denken!“

„Das ist mein Job…“

„Und was ist dann dein Privatleben?“

„Jetzt gerade bist du es…“

Er seufzt leise. „Was tue ich hier? Ich bin für niemanden gut! Ich habe da ein Kind und eins da und für keinen bin ich ein wirklicher Vater! Ich kann nicht gehen Ninjaan, jetzt nicht. Ich werde dann auch für meinen 2. Sohn kein richtiger Vater sein können… Und jetzt, jetzt bin ich auch noch für dich schlecht. Und du, du bist der letzte Mensch der das verdient! Du bist das Beste in meinem Leben und was tue ich? Ich ziehe dich mit hinunter.“

Die Tränen schießen mir in die Augen, ich weiss das alles. Aber will es nicht hören. Ich bin müde, erschlagen, habe Heuschnupfen und dann noch meine Tage – ich will das nicht hören. Ich würde gerne weinen, aber ich will ihn auch nicht unter Druck setzen.

Ich will nichts zerstören“, sage ich Tränen erstickt „das will ich nicht! Vielleicht, wenn ihr euch noch eine Chance geben würdet, neu anfangen würdet.“ – „Nein! Das bringt nichts. Das ist keine Liebe, aber sie ist die Mutter meines Kindes. Ich kann nicht einfach so loslassen – auch dich wollte ich nie loslassen und tue es jetzt wieder nicht. Das ist meine größte Schwäche. Vergib mir…“

Ich schlucke die Tränen hinunter und begleite ihn zum Auto. Im Hausflur kommen mir die Tränen, jetzt will ich weinen. Nachtschichten sind wie gemacht dafür. Aber dann klingelt mein Handy, B. will noch reden. Er ahnt, dass ich weinen muss. Er redet und redet, versucht mich zum Lachen zu bringen. Ich lächel gequält. Dann schlafe ich erschöpft ein, das Handy in der Hand. Vier Stunden kann ich schlafen, dann klingelt der Wecker – die Kinder stehen selten von alleine auf.

 

Eine Aussprache

Nein, (leider?) keine Aussprache mit Yaya, dafür aber mit meinem Kazoospielendem Kollegen.

Ich hatte gehofft die komische Situation wäre über das Wochenende in Vergessenheit geraten, dem war aber leider nicht so. Am Dienstag schneite mein ehemaliger Praktikant rein, der ebenfalls am Freitag auf dem Konzert war, und das erste was er schrie (in Gegenwart von 3 Jugendlichen!) war: “ O…. hat für Ninjaan gerappt! Er hat für SIE gerappt!“  Vor Schreck fiel mir fast die Kaffeetasse aus der Hand, wie taktlos kann man eigentlich sein? 2 Jungs grölten und ihre Augen leuchteten (kein Mensch weiss warum sie sich das so sehr wünschen!?) ein Mädchen sah mich erschrocken an, wahrscheinlich verstand sie als Einzige, was gerade in mir vorging!?

Ich bat den Ex-Praktikanten einfach leise zu sein, aber der plapperte munter weiter: “ Hast du das nicht gesehen? Ich habe das gesehen und du auch! Wie ihr euch angesehen habt! Hast du nicht gehört worüber er gerappt hat? Das war die Stelle, als es um die Frau fürs Leben ging! Ihr beide seid nur zu schüchtern und…“  – „STOP!!“  Die Wut stieg in mir hoch, nur leider, seit der Sache mit Yaya, in Form von verzweifelter Wut. Ich maulte rum, aber ich war zu schwach mich wirklich durch zusetzen, ich schlafe zu wenig, arbeite zuviel und mein Herz trage ich in Scherben mit mir herum….ich habe keine Kraft für so einen Mist!

Es ging noch eine ganze Weile so hin und her, ich musste mich irgendwie zusammenreißen, wir waren umgeben von Jugendlichen, also versuchte ich das ganze ins Lächerliche zu ziehen. Der Praktikant allerdings, anscheinend in der Grundschule hängen geblieben, wollte nicht aufhören und besser noch: er zeichnete mit seinem Handy auf was ich sagte!!  – Wo bin ich da eigentlich gelandet? Alle feuern am Besten!

Kurze Zeit später kam auch mein Kazoo Rapper zur Arbeit, der Praktikant rief ihn schon zu sich, als ich ihm (meine Wut richtete sich jetzt auch gegen ihn, warum musste er Freitag so eine Show abziehen??) noch ein „Danke, das ist deine Schuld! Nur weil du das Freitag machen musstest!“ ins Ohr zischte. Er war verdutzt, hörte sich das Gerede des Praktikanten an, der ihm alles, mit dem Kommentar „So zeigt Ninjaan ihre Gefühle zu dir, sie ist halt nicht so romantisch wie du!“ vorspielte und ging dann, wütend, ins Studio.

Toll, da waren dann alle wütend!

Am nächsten Tag, fasste ich mir ein Herz, es fiel mir tatsächlich schwer, gerade in meiner derzeitigen Verfassung, so ein Gespräch zuführen, aber ich tat es. Nahm den Kazoo Kollegen mit ins Büro und sagte: “ Wir müssen reden, das geht so nicht weiter!“  Er stimmte mir zu und bat mich erst einmal zu erklären was gestern überhaupt los gewesen sei und warum er immer der Böse ist. Ich erzählte ihm von den Sprüchen, denen, die ich mir nun schon seit Monaten anhören muss. Ich berichtete ihm von den Reaktionen die ich am Freitag Abend schon von Kollegen und Jugendlichen bekam. Davon, dass er das nicht machen könne, weil jeder es falsch versteht und es mich wahnsinnig macht, weil ich kaputt bin, überarbeitet und mein Privatleben gerade im Arsch ist und und und. Ich merkte wie mir während des Gesprächs die Tränen in die Augen schossen…sehr autoritär ich weiss…

Aber eigentlich verstehen wir uns gut, das war immer so, wenn nicht diese komische Situation zwischen uns wäre, dieses ganze Gerede, wir könnten ziemlich gute Freunde sein, also schämte ich mich ausnahmsweise mal nicht dafür Schwäche zu zeigen.

Er nickte erst stumm, sagte mir dann, dass dieser ganze Mist unser Verhältnis so beeinflussen würde, dass wir uns kaum noch verstehen könnten und ihn das ebenso nervt, dass er aber nicht wusste, wie sehr ich damit genervt werde. Er sagte, dass er mir Freitag doch nur zeigen wollte, wie sehr er hinter mir steht (?) und das er nicht wollte, dass sich wieder alle das Maul zerreissen. Er entschuldigte sich und versprach mir, mit den Anderen zu reden, von jetzt an, gemeinsam mit mir dieses Gerede zu unterbinden.

Ich nickte dankbar, erklärte mich dann noch einmal, einfach weil ich mir tatsächlich wie „nonor“ vorkam und sagte ihm, dass es Freitag einfach scheisse war, für mich scheisse, erst wäre er gekommen und dann noch dieser andere Typ, der vor den Jugendlichen irgendwas von einer Affaire mit mir erzählt hat – wie würde ich denn nun da stehen? Er nickte verständnisvoll, dann aber fragte er mich tatsächlich: “ Ist das denn wahr? Ich meine, das mit ihm und dir?“ Damit hatte ich nicht gerechnet!  „Nein! Natürlich nicht, man!“  Verlegen sah er weg: „Tschuldige, das geht mich auch gar nichts an…“ – Ne, eigentlich nicht, aber es ist schon blöde so etwas überhaupt zu denken!

Wir standen einen Moment ziemlich ratlos vor einander, dann streckte er den Arm nach mir aus:“ Eigentlich, naja eigentlich würde ich dich jetzt umarmen, aber das ist wohl keine so gute Idee mehr. Die Kids wollen uns einfach zu gerne zusammen sehen, wir sollten denen vielleicht auch nicht ständig so gegenüber treten… Dann nimm wenigstens meine Hand!“ Ich nahm sie und ging dann wieder an die Arbeit.

Nicht mal eine Stunde später hatte er mit dem Praktikanten gesprochen und dieser sich bei mir entschuldigt. Keine Ahnung was er ihm gesagt hat, aber ich war etwas erleichtert. Klar, das ist keine Meisterleistung von mir, ich als Chefin sollte das mehr drauf haben…zur Zeit habe ich es aber einfach nicht und es bringt mich auch nicht weiter, mir stetig darüber Gedanken zu machen, also bin ich einfach erleichtert, dass es nun zwischen uns geklärt ist…irgendwie jedenfalls.