Ohne Titel

3/4 der Zeitungsseite.

Sein Gesicht hinter einer Akte versteckt, der Anwalt schützend neben ihm.

3/4 der Zeitungsseite Raum. Raum für seine Worte. Seine Erkärung.

Ich verfluche jede Silbe, jeden mm den sie ihm geben.

Dennoch höre ich nicht auf zu lesen, auch nicht als der Autor des Artikels von den Erzählungen zur Tat kommt. Im Detail, ohne Vorwarnung steht es dort.

Schwarz auf Weiß.

Gleich nach all den Behauptungen gegen und über dich Anni, beschreiben sie den Tathergang bis ins kleinste Detail.

Und während ich lese sehe ich uns, im Sommer 2004 in meiner lichtdurchfluteten 1Zimmer Wochnung. 18 und 21. Und ich höre deine leicht nasale Stimme, die mir vom Islam erzählt und von der Liebe und vom Leid mit dem Mann an deiner Seite.

Doch dann, dann drängen sich die Bilder aus dem Zeitungsartikel in meinen Kopf.  Die Bilder wie er dich hingerichtet hat, überrascht hat, im Bad. Ich würge. Ich sehe dich auf kalten Fliesen liegen. Ich übergebe mich und der Tränenfluß ist endlos. Stundenlang versuche ich die Bilder zu verdrängen.

Aber sie sind zu laut. Der ganze Artikel ist laut und kalt, es ist sein Artikel und nicht deiner.

Du bist tot. Er lebt und redet, über dich und sich und alles was  ER will. Und die Zeitung druckt was SIE will. Und nicht nur nahm er dir dein Leben und das Leben deines ungeborenen Kindes, sie versuchen auch dir die Würde zu nehmen und alles wofür du eingestanden hast, dein viel zu kurzes Leben lang.

Der Artikel ist laut. Es ist seiner, nicht deiner. Und sie reden über den bösen Islam, aber nicht über dich als Muslimin, sondern über ihn, als Opfer seiner Familie und einer radikalen Religion.

Alles ist so laut Anni und du bist still. Und ich schaffe es nicht meine Stimme zu erheben, ich bin wie gelähmt und verschließe meine Ohren, vor diesem Lärm.

Ich war immer feige Anni, so feige.

Vergib mir. Oh Gott, bitte vergib mir Anni….

Advertisements

Nachruf. Für Anni

Anni ist tot.

Ich fand dich doof, total doof. Und aufdringlich. Weisst du noch? Du wolltest meine Freundin sein, unbedingt. Ich weiß bis heute nicht warum. Du hast später gesagt, du wüsstest, dass ich dich verstehen würde. Du hattest Recht. Wir haben uns verstanden.

Es ist 12 Jahre her, dass ich dich doof fand.

Ich war damals eine überzeugte Christin und jeden Sonntag in die Kirche-Geherin. Du warst konvertiert und hast bei der Aussprache von arabischen Worten kaum einen Akzent gehabt. Du warst gerade mal 17 Jahre alt.

Wenn wir zusammen saßen, dann haben wir Musik von ägyptischen Sängern gehört und  kaum was verstanden, dann habe ich eine Zigarette nach der anderen geraucht und du Zitronentee getrunken. Dann haben wir über das gesprochen was uns verbindet.

Uns verband die Liebe zu Fremdsprachen, der Glaube an Gott und Gewalt. Gewalt die wir erlebt haben und erlebten.

Ich hatte es vor kurzem geschafft einer solch gewalttätigen Beziehung zu entfliehen und du stecktest noch mitten drin.

Es hat so lange gedauert, ein ganzes Jahr, ich lebte schon in einer anderen Stadt zum studieren, da riefst du an und batest um Obdach. Wenn man einen Gewalttäter verlässt, muss man einen sicheren Platz haben. Ich war so stolz. Wir haben dich gefeiert!

Wir haben Überlebt, wir sind stärker als die!

Wir haben keine 9 Leben wie eine Katze, das wollte ich dir so oft sagen. Anni, irgendwann geht das schief. Während ich Männer mied, mich auf niemanden wirklich einließ, suchtest du weiter, nach Liebe.

Der nächste Mann trennte dich endgültig von deiner Familie und auch von mir. Du warst weg, so lange hörte ich nichts von dir, so lange nicht. Dann klingelte plötzlich mein Telefon und du warst wieder da, mittlerweile Mutter einer bezaubernden Tochter. Aber außer deiner Tochter war nichts in deinem Leben bezaubernd.

Wir haben keine 9 Leben, Anni! Komm zurück! Gelacht hast du, du kommst schon. Nur ein bisschen noch. Vielleicht klappt es ja noch…

Es klappt niemals so, wollte ich sagen. Als du zurück kamst war ich wieder weg.

Vor genau 6 Monaten dann, da standst du plötzlich vor mir. Anni! Wie immer bist du mir um den Hals gefallen. Als wärst du noch 17 und ich erst 20. Als wäre uns das Leben nicht dazwischen gekommen, immer und immer wieder. Als wären die beiden Kinder an deiner Seite nicht deine eigenen, sondern lediglich deine Geschwister. “ Das Leben!“ sagen wir und lachen. Wer der Mann an meiner Seite sei, dein verschmitztes Grinsen! Das hat dich immer wunderschön gemacht Anni, das habe ich dir nur nie gesagt. Nummern getauscht und uns geschworen uns bald zu sehen!

Ich wünschte, bei Gott, ich könnte noch einmal sagen, dass uns das Leben dazwischen gekommen sei. Nein, ich wünschte wir hätten es niemals zwischen uns stehen lassen.

Anni, wir haben keine 9 Leben.

Anni ist tot.

Anni wurde ermordet, von ihrem gewalttätigen Partner.

Ich habe dir so vieles nicht gesagt.

Ich weiß, dass Allah einen Platz für dich hat, dass es dir jetzt besser geht, weil dieses Leben nie genug Liebe für dich hatte, nie genug Platz. All dein Schmerz wird belohnt werden Anni, dass weiß ich und du hast das immer gewusst, das hat dich weiter machen lassen. Nur das wie, das zerreisst mein Herz. Wir hatten doch überlebt, Anni.

Ich habe überlebt. Anni nicht.

Eine von 4 Frauen erlebt in ihrem Leben mindestens einmal Gewalt von ihrem Partner. Statistiken zufolge sind Hälfte aller weiblichen Mordopfer, Opfer ihrer Partner.

Bitte, schaut niemals weg. Niemals.

 

Vergib mir Anni, das ich nicht da war.

 

Das Ende und der Anfang

Es ist schon 2014! Wie die Zeit vergeht! Mein Blog ist ja schon beinahe 2 Jahre alt….und ich vernachlässige ihn gerade mehr als schändlich! Ich bitte um Vergebung, es wird sich bald ändern….sobald das Leben zu zweit alltäglicher geworden ist und ich vielleicht nicht mehr 40+ Std. die Woche arbeite (a dream might come true in 2014!)

Aber werfen wir erst einmal einen Blick zurück auf 2013 – das völlig kontroverse 2013!

2013 war das Jahr meines kaputten Knies, des geheilten Herzens, der gefundenen Liebe und verlorenen Freunde. Es war das Jahr der Reisen (Jordanien, Israel, Palästina, Belgien) und das Jahr des Betthütens, des halb-erzwungenen Abschieds von der alten, nicht mehr geliebten Arbeit und der direkte Wechsel in die neue, niemals geliebte Arbeit.

Ja, 2013 war viel, aufregend, langweilig, herzerwärmend und wutschnaubend. Ich habe selten ein solches Jahr gehabt. Das wundervolle ist die Liebe die ich in diesem Jahr finden durfte und die ich festhalten möchte und die mich umhüllt und mir Kraft gibt. Das traurige? Das Zerbrechen und Auflösen von Freundschaften.

Vielleicht sind große Einschnitte im Leben der richtige Moment, um sich zu verabschieden und zu beenden, was vielleicht schon länger zu Ende war?

Das würde passen, passen zu der Tatsache, das passend zum Jahresabschluß Freundin Nr. 3 mit androht die Freundschaft zu beenden. (Freundin Nr. 3 ist hier im Blog schon öfter aufgetaucht, z.B. hier und hier ). Es müsste mich traurig machen, nein falsch, es macht mich traurig, aber eigentlich müsste es mich mehr traurig machen. Sie war mir immer der vertrauteste Mensch auf der Welt. Und nun? Nun ist sie wütend auf mich. Ich habe meine Freundschaftspflicht vernachlässigt, hatte seit 3 Monaten (seit Amin da ist) keine Zeit für sie (keine physische zumindest, per whatsapp und Telefon mindestens alle 2 Tage Mehrstündig) und alle anderen sind bessere Freunde als ich.

Zwischen dem Bombardement ihrer Nachrichten versuchte ich sie mehrfach anzurufen, ich empfand Schreiben als zu unpersönlich – sie drückte mich weg. Das ist mir zu blöd.

Wenige Tage später frage ich sie, ob wir uns sehen können, reden können unsere Freundschaft kitten können. Sie wiegelt ab, keine Zeit, viel zu tun. Fast Schmunzle ich, war sie doch sooo verletzt und traurig, weil sie ja sooo an unserer Freundschaft hängt im Gegensatz zu mir und nun…. Nein, ich schmunzle nicht, ich sagte ja, fast. Denn ich bin ja tatsächlich weniger da, habe sie eher ausgeschlossen als mit einbezogen. Falsch war das allemal. Nur eine Rechtfertigung ist es nicht….vielleicht eher ein Zeichen?

Jetzt ist 2014, ich habe das Rauchen aufgegeben (ja immer noch!) und vielleicht muss ich auch noch ein paar mehr Dinge aufgeben, nicht weil ich bescheidener, gesünder oder vorbildhafter sein will, sondern einfach um das Leben mehr genießen zu können. Das wollen wir doch alle – das Leben genießen können – dafür ist es da oder nicht?

2014….ich bin gespannt!

Happy-New-Year-2014-Fireworks-1

Der totale Absturz

Uhrzeit: Irgendwann nach Mitternacht

Ort: Kat´s Küche, Hamburg, später Reeperbahn

Beteiligte Personen: Kat, Plitschi, Ninjaan

Umstände die zur Tat führten: Eine Flasche Ouzo, eine halbe Flasche Vodka und ein Handy

Wir saßen schon eine Weile zusammen in der Küche, die Gläser waren im Minuten Takt leer, glücklich sind wir gerade alle nicht wirklich, da geht das noch schneller. Um halb 1 beginnt die Diskussionsrunde „Darf Ninjaan Yaya in diesem Zustand anrufen?“ Es gibt Pro und Kontra. Der Haupt „Pro-Punkt“: Es gibt eh nichts mehr zu verlieren und wenn Ninjaan es sich so wünscht, warum nicht? Der stärkste „Kontra-Punkt“: Er könnte nicht rangehen, aus welchem Grund auch immer, und dann bist du noch trauriger.

In meinem Kopf dreht sich alles, ein klarer Gedanke war schwer zu fassen, der Ouzo knallt mehr als erwartet. Mit jedem Schluck steigt die Gleichgültigkeit und die Hemmschwelle sinkt. Was soll schon passieren? Ich rufe nur kurz an, nur ein kurzes Gespräch – warum sagt er nichts, via Email zum Beispiel – bin ich so schnell vergessen? Ich muss es hören, will es hören und irgendwo tief in mir spricht die dumpfe Stimme der Hoffnung zu mir…

Kat und Plitschi geben grünes Licht, sie sind selbst betrunken, traurig, Ninjaan soll nicht so traurig sein, was soll schon passieren?

Der letzte Anflug von Verstand lässt mich noch schnell meine Nummer unterdrücken – es hat mich immerhin 15 Euro gekostet!

Es klingelt, er ist in der selben Stadt wie ich, mein Herz rast, Kat und Plitschi starren gebannt auf das Handy in meiner Hand. – Niemand nimmt ab. So spät ist es nicht, ich schüttel die Zweifel ab und wähle noch einmal die Nummer. Es klingelt 3mal, dann hört das Klingeln auf. Stille. Kein Wort. Ich halte die Luft an und setze schließlich an, versuche nicht zu lallen: „Hey Yaya….hi!“

Stille. Dann ein Besetztzeichen. Er hat aufgelegt. das Dröhnen in meinem Kopf wird unerträglich laut. Kat und Plitschi sind geschockt, sagen nichts. Ich wähle erneut die Nummer, das muss ein Versehen gewesen sein, er legt doch nicht auf, wenn er meine Stimme hört. Es klingelt genau 3mal, dann ertönt das Besetztzeichen abermals.

Mit glasigen Augen sehe ich zu Plitschi, sie sitzt mir direkt gegenüber. Sie stammelt etwas, ich verstehe sie nicht, ich höre nur das Dröhnen in meinem Kopf und den Besetztton, als hätte ich noch nicht aufgelegt. Noch einmal nehme ich das Handy in die Hand. „Tu es nicht Ninjaan…bitte…“ Plitschi´s Stimme zittert. Ich schüttele nur den Kopf, mir ist schwindelig, das kann nicht sein. Ich wähle erneut. Nach 2 Mal klingeln der Besetztton.

Yaya hat aufgelegt, als er mich gehört hat und mich danach weggedrückt. Er hat nicht das Klingeln ignoriert, den Ton auf lautlos gestellt, sondern mich weggedrückt.

Ich stehe auf, mir ist so schwindelig, ich sehe schlecht, vielleicht liegt es am Alkohol, vielleicht an den Tränen in meinen Augen, aber ich kann nicht weinen. Ich will raus, raus und vergessen und mehr trinken, bis ich vergesse, was man nicht vergessen kann.

Ich schreibe noch eine Nachricht bei Skype, etwas über Respektlosigkeit, böse Worte, davon, dass ich eine Freundin war und ich verfluche ihn auf persisch.

Wir gehen aus, erst zu dritt, später nur Kat und ich. Ich trinke weiter. Wir sind auf der Reeperbahn in einem Club, Kat will mich vom Trinken abhalten, aber ich will nicht. Ich fühle mich betäubt, es gibt kein besseres Gefühl als das, nicht in diesem Moment. Ich streite mit ihr, tanze, rede, flirte, wirke wie leichte Beute für Männer. Mir ist alles egal, mein Kopf dröhnt noch immer, ich muss vergessen.

Ich tanze mit einem Typ, von dem ich nicht sagen kann, ob ich ihn attraktiv finde, weil es egal ist. Er kann tanzen, er lenkt mich ab. Irgendwann küssen wir uns, ich fühle sowieso nichts. Kat will mich nach Hause bringen, ich lehne ab…ich will nicht ins Bett, nicht nachdenken, ich will bleiben und feiern bis ich einfach umfalle. Irgendwann gibt sie auf, Ninjaan ist alt genug und bleibt bei dem Typ im Club.

Als er mich nach meinem Namen fragt sage ich ihm, dass es keine Rolle spielt, weil wir uns nicht wiedersehen werden und ich ihn morgen vergessen habe. Komischerweise ist dieser Aufreisser tatsächlich für einen Moment geschockt, er nennt mich abgebrüht. Nein, nicht abgebrüht, denke ich, nur tot, Gefühlstot.

Ich komme morgens um 10 Uhr in Kat´s Wohnung an. Ich rieche genauso wie die Küche, nach Alkohol und Zigaretten. Ich warte bis sie aufwachen, in meinem Kopf ist Leere.

Ich schlafe nicht, bis Sonntag Nacht bin ich auf den Beinen. Danach falle ich in einen komatösen Schlaf, auf der Couch meiner Mutter, da fühle ich mich nicht so allein. Nicht allein sein, nicht zuviel denken…das tut weh, im Kopf, im gesamten Körper.

Ein Abschiedsbrief (ohne Empfänger)

Vorab möchte ich dir sagen, dass ich gerne eine passende Anrede gefunden hätte, eine Perfekte, nicht schnulzig, aber eine die meinen Gefühlen dir gegenüber gerecht wäre. Doch ich finde sie nicht. Dir auf Deutsch zu schreiben, allein das ist ungewöhnlich. Nie habe ich dir Wichtiges auf Deutsch gesagt, nur in Wut, aus Verletzung und der Hilflosigkeit heraus habe ich zu dir in meiner Muttersprache gesprochen. Doch alles ändert sich und heute schreibe ich dir weder aus Wut, noch aus Verletzung oder Hilflosigkeit. Ich schreibe dir auf Deutsch, weil es die Sprache ist in der ich mich am Besten ausdrücken kann – weil es meine Sprache ist und die Zeiten, in denen es ein kleines „wir“ gab, vorbei sind – es gibt nur noch dich und mich …

Dies hier soll keine Anklage sein, sondern eine Feststellung, etwas, dass ich akzeptieren muss, weil ich nicht das Recht habe auf etwas anderes zu beharren. Ich schreibe dir heute, weil ich dir, mir selbst und der ganzen Welt sagen möchte, dass ich nicht im Zorn gegangen bin, nicht in Wut, dass ich dich nicht hasse und dich nicht für einen schlechten Menschen halte.

Ja, es wäre soviel leichter, würde ich mir das einreden. Dich hassen, dir die Schuld an allem geben. Doch ginge es hier um Schuld, wer trüge sie dann? Du, weil du dich nicht verliebt hast? Ich weil ich mich verliebt habe, obwohl du mir niemals etwas vorgemacht hast? Nein, das führt zu nichts und so betrachtet, muss ich mir eingestehen, trage ich selbst die Schuld. Ich wusste wer du bist, wie du bist, was du denkst, was du dir erträumst und ich habe es kommen sehen, meine Gefühle, doch ich habe sie unterschätzt, mich überschätzt. Und nun stehe ich hier, nach 1 1/2 Jahren und schreibe dir einen Brief, den ich niemals abschicken werde.

Warum ich ihn dir nicht schicke? Weil ich nicht will, dass du antwortest. Du würdest antworten, du würdest es niemals so stehen lassen, das ist nicht deine Art, wider deiner Natur. Dennoch, muss ich dir noch so viel sagen. Du warst immer eine Inspiration für mich. Niemals war ich so fasziniert, niemand hat mich so an meine Grenzen und darüber hinaus gebracht wie du. Ich liebe Herausforderungen, liebte sie immer, du bist die Krone der Herausforderungen.

Ich liebe deine diplomatische Art, wenn du über Politik gesprochen hast, die, dir vielleicht unbemerkte, Weisheit deiner Einschätzungen fand stets meine höchste Anerkennung, selbst wenn ich nicht deiner Meinung war. Deine Texte, deine Stimme, deine Art Musikinstrumente vorsichtig in die Hand zu nehmen, sie zu begutachten und sie nach kürzester Zeit zu beherrschen, als hättest du niemals etwas anderes gespielt – meine Bewunderung dafür kann ich nicht in Worte fassen.

Ich finde dich nicht nur faszinierend, sondern auch schön. Nicht attraktiv, oder anziehend, sondern schön, wie ein Kunstwerk. Schön ist sie, die Sehnsucht in deinen Augen, dein Lachen, dass du so spärlich sääst, als könntest du es abnutzen. Schön ist alles an dir, auch deine grauen Haare auf der Brust, die du so schockiert im letzten Winter entdecktest.

Doch ich würde dich nicht lieben, hätte nicht so klammheimlich aus deinem Leben, deiner Reichweite verschwinden müssen, liebte ich nicht auch deine andere Seite, die, für andere oft schier Unerträgliche. Ich liebte dich auch, wenn du launisch warst und wie ein getretener Hund um dich gebissen hast. Ich liebte dich, wenn du vor Narzismus triefend, nicht gesehen hast, was um dich herum geschieht. Deine Diskussionswut, die mich manchmal an den Rand der Verzweiflung gebracht hat und mir so manch „Pseudo Migräne Attacke“ bescherte. Ich habe dich nie weniger geliebt, wenn du, stur wie ein kleines Kind, in der Ecke gesessen hast um zu schmollen oder mir das Leid, dein Leid dieser Welt, in die Schuhe schieben wolltest.

Nicht weil ich blind bin vor Liebe, aber weil du auch mich akzeptiert hast wie ich bin. Meine Macken, meine Launen hast du ertragen, besser als jeder andere zuvor – manch eine habe ich durch dich überwunden. Deine Geduld, warst du auch selbst ungeduldig, mit mir war grenzenlos.

Darum und weil ich dich liebe, wollte ich deine Freundin sein, deine Vertraute, von mir aus deine Schwester – was auch immer, ich glaubte ich sei  bereit dazu. Und solange du mir das Gefühl gabst, mich zu wollen, mich in deinem Leben zu wollen -bin ich geblieben. Aber wir beide wissen, du sicher schon länger als ich, dass es auch dafür nicht mehr reicht. Neun Monate, 100te von km später, sind wir nicht nur keine „Liebhaber“ mehr, wir sind uns so fern wie  zwei flüchtige Bekannte. Pflichtbewusst antwortet man auf die Fragen und bitten des Anderen – ja wir Fragten und Baten noch, aber warum? Weil wir es 1 1/2 Jahre so getan haben, auch das kann zur Gewohnheit werden.

Gewohnheit verbindet uns, nein, Gewohnheit bindet dich irgendwie noch immer an mich, aber ich wollte so viel mehr, will es doch immer noch.

Und darum bin ich nun gegangen, ohne Abschied, ohne Drama, ohne Diskussion, ohne Vorwürfe. Ich will dir lieber eine schöne Erinnerung sein, als eine lästige Bekannte. Ich hoffe du wirst das verstehen, ohne das ich es dir sage, ohne, dass du jemals diesen Brief hier lesen wirst. Bitte versteh es.

Soviel ich dir auch noch sagen will, so ungelesen diese Worte auch bleiben mögen, ich möchte dir noch danken. Für jeden Moment, den du lebenswerter für mich gemacht hast, jeden Augenblick den ich durch dich intensiver erleben konnte, jedes Lied, jeden Film, jedes Gemälde, alles was ich nicht kannte und durch dich erfahren habe. Und ich wünsche dir, mehr als  für mich selbst, die Erfüllung deiner Träume, die Großen und die Kleinen. Ich wünsche dir Kraft und Mut und Leidenschaft und vorallem Liebe – ich wünsche dir, dass du liebst und ebenfalls geliebt wirst.

Und ich verspreche dir, dass ich von heute an ein bisschen weniger „runaway“ bin und  offener zu meinen Gefühlen stehen werde und das ich mir vom heutigen Tage an, auch ohne deine Hilfe, die Mühe geben werde mehr gute als schlechte Musik zu hören und vor allem die eine von der anderen unterscheiden lerne.

Lebwohl.

Retrospektive Dezember 2011: Das letzte Treffen Teil I

Der Tag beginnt um 00:01 Uhr, dieser eine Tag, mein Tag, der Tag meiner Geburt. Einige Stunden vor dem Beginn dieses Tages haben wir uns bei Skype geschrieben, unser Treffen für den Tag, nach meinem Tag geplant. Der Song ist fast fertig, ich liebe ihn, diesen Song. Deine Stimme ist so weich, so sanft, ich liebe deine Stimme und auch wenn ich nur die Hälfte von dem verstehe was du sagst, ist mir klar, dass du viel mehr in diesen Song gelegt hast, als in den Vorherigen.

An diesem Tag, wenige Stunden vor meinem Tag, sprechen wir über vieles, wir lachen, tauschen uns uns, planen, erinnern uns kurz an unser letztes Treffen zurück – alles ist gut, wir sind gut – zusammen sind wir besser als wir es uns je gedacht haben.

Ich feier nicht rein in meinen Tag, ich halte nicht viel davon, warum sollte ich feiern, dass ich älter werde? Wir alle werden das, es ist keine große Leistung alt zu werden.

Doch wie jedes Jahr gibt es an diesem Tag eine Familienfeier, Plitschi und Jackson sind auch gekommen, sie gehören irgendwie mit zur Familie, mit zu diesem Tag, den ich eigentlich nicht feiern will, der aber irgendwie doch mein Tag ist. Und eben weil es irgendwie doch mein Tag ist, sehe ich von Stunde zu Stunde ungeduldiger auf mein Handy, ich erhalte viele Sms, Anrufe, Glückwünsche, zu etwas für das ich nichts geleistet habe, nette Gesten, die mir eigentlich nichts bedeuten. Nur du, du bleibst stumm.

Um 23:59 Uhr meines Tages sitze ich mit Plitschi, Jackson und meiner Mutter am Küchentisch, die Gäste sind alle gefahren, mein Tag ist ja auch immerhin fast vorbei und der neue Tag rückt unaufhaltsam näher – ein Tag ohne besondere Bedeutung, der aber doch einer unserer Tage werden sollte – und noch immer hast du dich nicht gemeldet. Ein letztes Mal stehe ich auf und öffne Skype – wenn keine Sms und kein Anruf, dann aber doch vielleicht dort eine Nachricht?

Um 00:01 Uhr ist mein Tag vorüber, ein Kloß hat sich in meinem Hals festgesetzt, weil du nichts gesagt hast, nichts zu meinem Tag, der mir eigentlich egal ist, aber eben nur eigentlich. Am Tisch warten sie auf mich, Plitschi, Jackson und Mama, sie sehen mich an, teils mitleidig, teils zornig. Ich solle dir absagen für diesen neuen Tag, der eigentlich unser Tag werden sollte, weil du meinen Tag vergessen hast. Trotzig, wie ein kleines Kind, dass statt eines Fahrrades nur ein Puzzle bekommen hat, nehme ich mein Handy in die Hand und schicke dir eine Nachricht:

„Happy Birthday!“

Da war es 00:10 Uhr, nicht einmal 5 Minuten später bekomme ich eine Antwort, und ich weiss nicht ob ich lachen oder weinen soll oder einfach mein Handy aus dem Fenster werfen soll, weil du doch so schnell antworten kannst:

„Yes I know I am sorry I worked last night and had a bad day today. Im at work again. I guess u forgive me do u want ur gift today?”

Deine Worte bringen mich fast zum überkochen, ja, ich sollte dir absagen, weil ich wütend und verletzt bin, weil du meinen Tag vergessen und weil du so selbstverständlich und arrogant davon ausgehst, dass ich dir dies verzeihe. Aber ich bringe es nicht über´s Herz, weil ich weiss, dass du den gesamten Januar arbeiten wirst und Ende Januar, da wirst du gehen, weit weg, weg von mir. Und ich kann dich nicht aufhalten, dir nicht mal sagen, dass ich wünschte du würdest nicht gehen. Und darum frage ich nur, ob unsere Verabredung noch steht. Deine Antwort lässt keine Reue erkennen, aber die hätte es in diesem Moment sowieso nicht besser gemacht. Du schickst mir noch ein lahmes „Boos“ (Küsschen), dann gehe ich schlafen und schalte mein Handy aus.

Den gesamten nächsten Tag habe ich damit verbracht meine Wut und meine Verletzung zu verarbeiten, aus Selbstschutz entscheide ich mich dafür, dich nicht damit zu konfrontieren. Ich bin schon verletzlich genug, ich werde es dir nicht auch noch auf einem Tablett servieren, wie sehr du mich damit getroffen hast. Und noch klingen mir deine Worte des letzten Treffens im Ohr „ U are such a runaway Ninjaan! Why do u always hide ur feelings?“

Am Abend bin ich gewappnet, ich habe eine hohe Mauer um mich gezogen, darin habe ich meine Wut, meine Verletzlichkeit und meine Enttäuschung versteckt, du wirst keine Chance haben sie einzureissen, da bin ich mir sicher!

Um Punkt 20:53 Uhr am Tag, nach meinem Tag, dem Tag der unserer sein sollte, unser Letzter, stehe ich am Bahnhof und warte auf dich…wie schon so oft zuvor….

Nichts bleibt wie es war

B.

Als ich ihn vor Jahren auf der Arbeit kennenlernte, verliebte ich mich in ihn. Nicht weil er schön war, nicht weil er außerordentlich gebildet oder selbstbewusst war. Ich verliebte mich in ihn, weil er er war. Weil er besonders war. Er war der mit Abstand liebevollste, freundlichste und zärtlichste Mensch den ich jemals kennengelernt hatte. Nur deswegen ließ ich mich überhaupt so schnell auf eine Beziehung mit ihm ein. Ich war überwältigt von seiner Art. Von Anfang an herrschte zwischen uns ein tiefes Vertrauen, ein Band der Freundschaft gepaart mit inniger Zuneigung. Wir stritten niemals wirklich, konnten uns aufeinander verlassen. Jeder Tag mit ihm war schön, neu, aufregend und zugleich sicher. Ja, Sicherheit, ich vertraute ihm. Das erste Mal in meinem Leben war ich nicht mißtrauisch, habe nicht gezweifelt. Meine Freunde liebten ihn, er liebte sie. Innerhalb kürzester Zeit war er ein fester Bestandteil meines Lebens. Niemals war ich mir sicherer den Richtigen gefunden zu haben.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich auch nach all den Jahren, nachdem wir auseinander gerissen wurden, noch an ihn gedacht habe, er mir gefehlt hat und ich Angst hatte, Angst vor dem Moment, an dem wir uns wieder begegnen würden.

Als wir uns nun vor knapp einem Monat wiedersahen, waren all diese Gefühle wieder da, die Trauer, die Zuneigung, das Vertrauen, der Wunsch, dass es niemals geendet hätte, jedenfalls nicht so. All das hat mich schwach werden lassen. Eigentlich, nein nicht eigentlich, sondern tatsächlich habe ich starke Gefühle für jemand anderes. Jemanden der völlig anders ist als B.. Yaya ist selbstbewusst, gebildet, sanft und hart zur gleichen Zeit. Er ist verschlossen, B. dagegen ein offenes Buch.

Und trotz meiner Gefühle für Yaya, konnte B. mich so sehr berühren, mich schwach werden und gegen meine Prinzipien verstossen lassen.

Yaya ist der geheimnisvolle, jeder Moment mit ihm war berauschend, extrem, auf die eine oder andere Art.

B. ist der ruhige, sichere, mit ihm ist es wie das Ankommen, ruhig, bedacht, ohne Extreme.

Dieser Unterschied, die Erinnerungen, die auf Eis gelegten Gefühle, alles auf einmal brachte mich dazu, ihn wieder zu treffen. Noch einmal dieses Sicherheit fühlen… nur noch einmal. Den Moment genießen, sich erinnern, fallen lassen und aufgefangen werden.

Aber ich habe nicht bedacht, nicht in Erwägung gezogen, dass die Zeit uns verändert. 4,5 Jahre sind eine ganze Zeit. Auch ich habe mich verändert, ich kann schwer sagen in welchem Maße, aber jetzt, nach einem Monat sehe ich B.´s Veränderung.

Selbstlos war er einmal, immer bedacht auf das Glück der Anderen, niemals sagte er verletzende Worte – ich habe immer bezweifelt, dass er das überhaupt könne, verletzend sein. Nun ist er anders, kühler, nicht unbedingt mir gegenüber, aber ich sehe seine Einstellung und höre seine Erkärungen “ Das Leben hat mich so gemacht Ninjaan! Willst du mir das vorwerfen? Ich war immer lieb und nett, was habe ich bekommen?“

Du bist noch so jung B., jünger als ich. Du bist verbittert, hart in deinen Urteilen, selbstsüchtig in deinen Taten. Du willst nicht verletzen, aber du tust es, gut, du bist selbst verletzt, aber das ist eine schwache Ausrede. Denn am Ende des Tages, am Ende unseres Lebens, sind nur wir selbst verantwortlich, für das was wir tun. das Schicksal drängt uns in die eine oder andere Richtung, aber noch, noch können wir uns auflehnen, uns dagegen stemmen, nur der Tod ist für die Ewigkeit. Wenn wir uns treiben lassen, niemals kämpfen, dann können wir das nicht den Menschen um uns herum vorwerfen.

Ich bin schockiert, von vielen deiner Worte, deiner Taten. Ich kann es nicht fassen. Bist du das? Warum hast du nur zugelassen, dass das Leben so etwas aus dir macht? Ich will meine Augen davor verschließen, ich will dich so nicht sehen, ich will nicht sehen, dass du dich so verändert hast. Aber du drängst mir dein neues Ich geradezu auf, zeigst es mir in allen Facetten und nur manchmal, ganz manchmal bist du der, den ich vor all den Jahren kennengelernt habe.

Ich sollte ihn gar nicht treffen, ich tue damit unrecht, jemanden, einer Frau, die mir nichts getan hat. Aber auch ich bin selbstsüchtiger geworden, ein kleines bisschen Glück hatte ich mir gewünscht, ein kleines bisschen Freude in dieser, meiner, unbeständigen Zeit. „Es ist so schön dich mal wieder wirklich Lachen zu sehen!“ hatte mein Kollege vor kurzer Zeit zu mir gesagt, nachdem B. sich von uns verabschiedet hatte. Der Kollege weiss, dass wir einmal zusammen waren, er schweigt zu all dem, obwohl er sicher mehr weiss, als mir lieb ist.

Ich wollte nur einen Moment des Glücks genießen, mit jemandem der mich einst so glücklich gemacht hat. Aber wieder einmal muss ich schmerzlich erkennen, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann. Nichts bleibt wie es war, niemand bleibt wie er war. Und etwas unrechtes, kann sowieso niemals glücklich machen.

Letzte Nacht rief B. mich an, ich hatte wenige Stunden vorher gesagt, dass ich so nicht weitermachen könne, wegen mir nicht, wegen dem Unrecht, dass wir damit tun nicht. Er rief mich an und war seltsam. Nach wenigen Minuten gestand er mir, dass er getrunken habe. In seinem ganzen Leben hatte er noch niemals Alkohol angerührt, nun war er betrunken und rief mich an. Ich hasse Alkohol, rühre ihn nie an, ich bin da familiär vorbelastet. Ich ertrage es selten, einige Menschen sind erträglich wenn sie getrunken haben, aber nur sehr wenige.

Yaya, er ist erträglich, er ist dann wie ein kleiner Junge, lieb, verletzlich. Ausgerechnet B. ist es nicht, er ist selbstgefällig und hart. Ich ertrage kaum  mit ihm zu sprechen. Aber irgendwie fühle ich mich verpflichtet, warum hat er denn gerade an diesem Tag getrunken? Ich quäle mich durch das Gespräch und spüre wie meine Erinnerungen, diese wundervollen Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit, zu verschwimmen drohen. Wo bist du B.? Wo hast du dich verloren?

Ich muss  mir eingestehen, wir haben uns schon lange verloren. Dieser klägliche Versuch von uns, wiederzubeleben, was lange schon nicht mehr ist, weil wir beide verletzt und einsam sind, ist gescheitert. Führen wir es nun weiter, verlieren wir unsere Erinnerung. Ich will sie nicht verlieren.  Vielleicht wäre es heldenhafter, tugendhafter von mir gewesen, es niemals einzugehen, weil ich das Moralische hochhalte, aber es wäre gelogen. Ich beende es, weil es nicht ist, wie es war, weil es zerstört was war. Und sehe ein, dass etwas Verwerfliches, niemals rein sein kann.

Lebwohl B.

 

Stalken macht unglücklich…

Mehr als 7 Tage keine Konversation – mit jedem Tag wird es schwerer für mich.

Ich erzähle dir nicht, wie beschissen meine Woche war, ich fachsimple nicht mit dir über den Song von Shahin Najafi und nicht über das Schicksal der Palästinenser im Hungerstreik, ich erzähle dir nicht wie ätzend dieser Montag war und auch nicht, dass ich zwei neue Bewerbungen losschicken werde. Du erzählst mir auch nichts, nichts von deinem beschxxx Chef, von der langweiligen Stadt, von deinen neusten Songideen, nichts von deinem alltäglichen Chaos und nichts davon wie einsam du dich fühlst – vielleicht weil du es gerade nicht bist?

Ich habe dir die Freundschaft auf FB noch nicht gekündigt, das ist so endgültig, ich bin nicht bereit dafür, ich habe nur die „Abonnement Funktion“ abgestellt – jetzt sehe ich wenigstens nichts auf meiner Startseite. Das hilft ein wenig, aber nicht genug. Eben war ich auf deiner Seite – Sie hat alle deinen letzten Posts „geliked“ – sie ist immer noch da. Ich bewundere heimlich ihre Ausdauer.

Sprichst du jetzt (wieder?) mit ihr über all diese Dinge? Mit wem sonst, wenn nicht mit mir? Gibt es noch Andere? Ich mag nicht dran denken, ausserdem ist Sie schon wieder so präsent, dass ich es mir auch nicht wirklich vorstellen kann.

Ich bin eifersüchtig, traurig, verzweifelt und ich fühle mich mies, wie eine miese kleine Stalkerin – ätzend.

Nazis – eine größere Bedrohung als jedes Gedicht dieser Welt!

Bevor ich noch ein wenig mehr über Hamburg erzähle muss ich, angesichts der Tatsache, dass ich gerade furchtbar wütend und fast den Tränen nahe bin, noch hierüber berichten:

Vor etwa einer Stunde erreicht mich die Email eines Bekannten, der sich gegen Nazis engagiert. Er berichtete kurz von der gestrigen Demo, bzw. Gegendemo und verwies dann auf die Facebook Seite eines bekannten NPD Politikers, der Fotos hochgeladen habe. Da ich wusste, dass viele meiner Jugendlichen auch an dieser Gegendemo teilgenommen hatten, schaute ich vorsichtshalber nach! Was ich sah, besser noch las, ließ die Wut in mir hochkochen! Meine Jungs! Stolz auf einer Gegendemo, von wegen sie engagieren sich niemals (!), und dann sowas! Bilder von ihnen, mit widerlichen Kommentaren und Überschriften!

Einer der Jungs hält stolz seinen deutschen Personalausweis hoch – ist es nicht das was alle immer von ihnen erwarten? – die Bildüberschrift lautet so:

“ Wenn man ausländische „Kulturbereicherer“ sieht, die demonstrativ ihren „BRD-Paß“ präsentieren, kommen schon enorme Hassgefühle auf. … wie ernst es um den Überlebenskampf unseres Volkes bestellt ist – und daß Widerstand heute notwendiger denn je ist!!!“

Ein anderer Junge ist allein auf einem Bild zu sehen, seine Familie und er sind vor vielen Jahren aus Afrika geflüchtet, Bildüberschrift hierzu:

“ Wir sind Deutschland – er ist BRD“

Ein Kommentar:

“ willst du eine Banane dann komm her ich hab noch ne schwarze die zu dir passt ^^“

Ich könnte KOTZEN! Ich bin wütend! Rassismus allgemein bringt mich zur Weißglut, aber das hier sind auch noch meine Jungs! Ich war gestern so stolz auf sie, weil sie an dieser Gegendemo teilgenommen haben, weil sie sich engagieren, weil unsere Gerede von Partizipation und „du kannst etwas ändern – du musst nur irgendwo anfangen“ nicht immer ungehört bleibt. Und dann das – diese Bilder, diese Hetze, dieser Hass. Und ich habe auch Angst, auch in meiner Stadt gibt es gewaltbereite Nazis, das Abbilden ihrer Fotos, ihre Teilnahme an einer solchen Gegendemo könnte am Ende sogar gefährlich für sie sein…

Ich bin wütend, traurig, ich schäme mich angesichts dieser Kommentare – aber das bin nicht ich, das ist nicht mein Volk, weil ich es nicht zulassen will mich über eine Nationalität in eine Kategorie pressen zu lassen, die die einen einschließt (ungefragt) und andere ausschließt. Aber es ist dennoch mein Heimatland, dass offensichtlich lieber über Günther Grass heult, als die wahren Rassisten, die wahren (immer noch) Gefolgsleute von Hitler davon abzuhalten ihr Gift zu verspritzen. Ihnen einen Raum bietet, wo keiner für sie sein sollte – nicht nach dieser Geschichte, nicht nach dem Holocaust!

Ich werde es ihnen sagen müssen, weil sie diese Bilder melden sollten. Ich werde neben ihnen sitzen und ihnen die Bilder zeigen. Ich werde kaum ihrem Blick standhalten können, weil sie, angesichts diesen Hasses, der ihnen abspricht „Deutsch sein zu können“, der ihnen abspricht „Mensch zu sein“ und wertvoll, vielleicht auch wieder in Schubladen denken werden, in ein „wir“ und „Ihr“ verfallen….

Wie soll ich ihnen das nur erklären? Wie soll ich ihnen sagen, dass es falsch ist, wenn unser Staat das schützt, es erlaubt?

Ich bin erfüllt von einer Trauer die ich kaum zu beschreiben vermag, von Wut und Scham. Ich erinnere mich an die Worte meines Vaters, als ich gerade 6 Jahre alt war und er mir das erste Mal über das 3. Reich berichtete, mich auf seinen Schoß nahm und mit mir einen Bericht im Fernsehen über den Holocaust ansah. Ich war verstört, ich war erst 6! Ich habe meinen Vater mit großen Augen angesehen und gesagt:

Haben wir das gemacht Papa? 

Nein, mein Schatz. Aber die Menschen in diesem Land. Vergiss nie was Hass anrichten kann und halte dich fern davon. Wir sind alle gleich, lass dir niemals etwas anderes sagen! 

Papa, aber wir waren das wirklich nicht oder?

Nein, Liebes, wir waren es nicht. Deine Oma, meine Mutter war Jüdin – und wenn dieser Hass nicht geendet hätte, wären wir beide niemals hier zusammen!   

Ich wäre nicht hier, viele wären nicht hier, nichts wäre so wie es ist. Wie kann es sein, dass SIE, die Anhänger dieser durch und durch bösartigen Ideologie, immer noch hier sind, immer noch Hass predigen? Vielleicht weil wir uns zu sehr auf  die Panik einlassen, die die Medien verbreiten. Atomare Bedrohung durch den Iran, Überfremdung, Kriminalität durch „Ausländer“ (die zum größten Teil gar keine Ausländer sind!), der böse Islam. Wir trauern nur kurz, wenn Todesfälle aufgedeckt werden wie letztes Jahr – aber wir sollten nicht nur kurz trauern, wir sollten uns endlich von dieser Ideologie befreien, sie unter Strafe stellen – warum dulden wir so etwas? Wir dulden kein israelkritisches Gedicht, aber Nazis auf unseren Straßen?

Wo leben wir eigentlich?