Nähe Teil II – 1 Jahr später

Stück für Stück, leise, langsam, kommst du mir wieder näher.

Mit diesen Sätzen begann ich vor über einem Jahr einen Artikel, den ich für dich schrieb Yaya. Wir hatten einen riesen Streit hinter uns, erinnerst du dich noch? Wir waren so böse zueinander und keiner, nicht mal ich selbst hatte geglaubt, wir könnten das noch einmal hinbekommen. Aber irgendwie haben wir das, zumindest kurzfristig.

Ich schrieb:

Eine Nachricht hier, eine Nachricht da. Aus kurzen Mails werden Gespräche, aus einem Lächeln wird ein Lachen. Aus Unsicherheit …“

Weiter kann ich hier nicht zitieren (Original Text)  , weil es nicht wahr wäre. Richtig müsste es jetzt heissen: “ wird eine noch viel größere Unsicherheit.“. 

Schon im Frühjahr  hast du unser monatelanges Schweigen gebrochen, hast um eine Aussprache gebeten. In diesen Monaten hat sich mein gesamtes Leben verändert, du warst nicht dabei. Ich hatte einen Unfall, viel Zeit zum Nachdenken und, das Wichtigste von allem: Ich bin über dich hinweg und habe, Gott sei es gedankt, einen Menschen getroffen, der mein Herz komplett ausfüllt. Meine Obsession für dich, hat nach 2 langen Jahren endlich ein Ende gefunden. Und ich war erleichtert als du mir schriebst, ich wollte nicht, dass du wütend auf mich bist, wollte nie, dass die Sache zwischen dir und mir so böse endet.

Es war doch alles gut jetzt. Hin und wieder haben wir uns geschrieben, einen Song für den Anderen hinterlassen. Alles ist wieder gut zwischen uns – wir können eine lose Freundschaft haben – so wie es eigentlich immer hätte sein sollen.

Amin habe ich schon früh von dir erzählt, von dir und meinen Fehlern, deinen auch. Er hatte immer Verständnis, hat sich mit mir gefreut, als du die Aussprache mit mir gesucht hast, weil er wusste, wie schwer dies, trotz allem auf meinen Schultern lastete. Ist er nicht wundervoll?

Ach, was frage ich dich das. Du weisst es nicht. Du weisst, dass er existiert, siehst unsere Bilder bei Whatsapp und als du letztens (wie mir beschrieben) auf meiner FB Seite warst, hast du sicher noch viel mehr gesehen. Aber du schweigst dazu und ich? Ich schweige auch.

Aber ich bitte dich, eigentlich war das doch auch kein Thema, weil wir gar nicht so eng waren. Weil wir höchstens alle paar Wochen mal von dem anderen etwas hörten. Und wenn wir ehrlich sind, hast du mir geschrieben und nicht ich dir. Ich schreibe dir nicht, weil da jemand anderes in meinem Kopf und meinem Herzen ist und ich es manchmal schlicht vergesse. Es ist doch alles gut, warum sollte ich mir einen Kopf darum machen?

Doch jetzt, jetzt fühlt es sich langsam kritisch an. Denn plötzlich geschieht genau das, was ich schon vor einem Jahr schrieb „Stück für Stück…“. Seit Tagen schreibst du mir täglich, manchmal auch mehrmals. Und ich? Ich gehe darauf ein, rede mit dir, lache mit dir. Und erst ist es schön, so vertraut und ich denke mir nichts dabei. Wir sprechen noch einmal über die Katastrophe und als du mir sagst, dass es so schön ist, dass wir uns kennen, streichelt das meine Seele. Ich habe zwar meine Liebe gefunden, aber in den letzten Wochen genau deshalb zwei Freunde verloren – diese Worte jetzt von dir zu hören, ausgerechnet von dir, tut unendlich gut.

Aber ist das jetzt gut so? Irgendwann telefoniere ich gerade mit Amin und du bombadierst mich  mit Nachrichten bei whatsapp. Auf seine Frage, wer mir da die ganze Zeit schreibt, antworte ich mit einem “ Schulterzucken über´s Telefon“. Da wird es mir klar. Ich glaube Yaya, das ist nicht so gut. Nicht so nah. Ich habe mich für jemanden entschieden, wie würde ich reagieren, wenn er den halben Tag damit beschäftigt wäre, mit einer seiner „Ex-Lieben“ zu sprechen?

Ich habs ihm gesagt, also nicht alles. Aber das wir ein längeres Gespräch hatten. Er hat betont cool reagiert. Ich kaufe ihm das nicht so ganz ab, ich kenne ihn, er hat immer Angst mich einzuengen, weil ich doch mal so ein runaway war. Du erinnerst dich, Mr. super-duper runaway, so hast du mich immer genannt?!

Einen ganzen Tag kommt nichts von dir, ich spüre wie sich die Erleichterung breit macht, so nah bist du doch gar nicht, sage ich mir. Falsch, mitten in der Nacht schickst du mir Bilder von Künstlern. Man Yaya, ich weiß, es ist meine Aufgabe dir das zu sagen, aber kannst du es nicht von selbst erahnen? Mitten in der Nacht… Du weisst doch, ich kann das nicht, über sowas reden – jedenfalls nicht mit dir. Zwischen uns ist immer noch diese Glaswand, wir erahnen, aber sprechen es nicht aus.

Kat, Rommel und Jackson sind sich einig, ich muss direkter werden, ich soll es dir sagen. Das du nicht so nah sein sollst. Wie soll ich dir DAS sagen? Bei unseren Aussprachen ist mir klar geworden, dass du viel länger, viel intensiver an Dingen zu knabbern hast, als ich es je für möglich gehalten habe. Wie sage ich es dir also, ohne dir auf die Füße zu treten, ohne zu streiten, ohne zu verletzen? Ich will niemanden verletzen, allen voran Amin nicht und deshalb muss ich irgendwas sagen.

Tu mir einen Gefallen, Yaya, diese eine Mal, versteh mich bitte richtig, lass mich bitte ausreden. Lass mich dir sagen, dass du bitte einen Schritt zurückgehen musst…

Jackson: Ich sage dir mal was Ninjaan! Du spielst mit dem Feuer, lass das! Amin sagt nur nichts, weil er dich liebt und dich nicht einengen will. Wenn Yaya dich so gern hat, dann soll er doch bitte darauf auch Rücksicht nehmen, findest du nicht?

Ninjaan: …

 

 

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Zu gut um wahr zu sein? – Wie könnte es auch anders sein!

Freitag, ich habe kaum geschlafen und ich spüre die Nervosität mit jeder Faser meines Körpers. Abends um halb acht wird er da sein, wie verabredet. Zwischendurch telefonieren wir, es ist als würde er meine Angst und Unsicherheit spüren, die Angst, er könnte einfach absagen. Ich quäle mich den halben Tag – „fertig machen“ auf einem Bein? Das sollte eine olympische Disziplin werden! Immer wieder muss ich Pausen einlegen, bin zu erschöpft.

Kurz bevor sein Zug eintrifft ergreift mich noch einmal die Panik, sehe ich zu „overdressed“ für einen gemeinsamen Kochabend? Sehen meine türkisen Krücken nicht etwas lächerlich mit meinem schwarzen Kleid und dem Spitzen Bolero aus? Aber dann ist es schon zu spät, es klingelt an der Tür.

Bevor er selbst durch die Tür kommt streckt er mir einen Strauß Blumen entgegen. Einen Kopf größer als ich ist erIMAG0556 und, nach meinem Geschmack, wesentlich attraktiver als erwartet. Für den ersten Moment schüchtert mich das ein. Das einzig Gute daran, er ist ebenfalls verunsichert.

Als wir beginnen zu kochen entspannen wir uns, beginnen rumzualbern, lachen gemeinsam und schnipseln fleißig Gemüse. Ich beobachte ihn heimlich, wie er da am Herd steht und redlich darum bemüht ist ein „besonders gutes“ Essen für uns beide zu zaubern, wenn ich über dem Salat gebeugt am Tisch sitze, spüre ich seinen Blick, den er selbst dann nicht abwendet, wenn ich ihn ansehe. Ich fühle mich so gut wie lange schon nicht mehr, ich sagte einmal, dass ich erste Dates hasse – dieses hier, so bin ich mir sicher, wird keines dieser verhassten ersten Dates sein.

Kurz bevor das Essen fertig ist, frage ich ihn noch einmal nach seinem Alter, irgendwie sieht er jünger aus, denke ich. Er holt seinen Reisepass hervor, hält kurz inne, und gibt ihn mir dann. Er ist älter als ich. Ob ich mir all seine Reisestempel ansehen könne, frage ich ihn und lese in seinem Blick eine gewisse Verunsicherung. Er willigt dennoch ein. Ich blättere umher in seinem Pass, versuche die einzelnen Stempel zu entziffern und lande plötzlich bei seinem deutschen Visum. Und mein Kartenhaus bricht in sich zusammen.

Gültig bis 01.03.2013.

Ich schlucke, sehe zu ihm herüber, auch er sieht mich an. Ich muss erstmal meine Gedanken sortieren und so lege ich den Pass mit einem gequälten Lächeln beiseite und erkundige mich nach dem Essen.

Wir haben den Reis etwas „verkocht“, aber das ist okay, es schmeckt toll und es ist alles so schön – zu schön.

Ein Blick auf die Uhr verrät, dass sein letzter Zug schon innerhalb der nächsten Stunde fahren wird. Ich will ihn nicht gehen lassen, ohne es anzusprechen, also nehme ich den Pass erneut in die Hand. Bevor ich etwas sagen kann, setzt er an. Das er nicht wusste wie er es mir sagen sollte und es auch nicht am Telefon tun wollte. Das sein Praktikum hier am 1.März enden wird, er aber hier in DE seinen Assistenzarzt machen will, hier und nirgendwo anders. Und das er es nicht geplant hat, nicht geplant hat jemanden zu treffen, jemanden zu mögen. Und das er glaubt, dass es eine Möglichkeit geben kann, wenn wir beide es wollen.

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll, aber ich weiß, dass ich nicht möchte, dass er geht. Also bitte ich ihn zu bleiben, einen Zug früh morgens zu nehmen, weil er noch eine Konferenz um 9 Uhr hat. Wir sitzen einfach so da, halten uns im Arm und reden. Ich bin überwältigt von meinen Gefühlen, ich kenne mich so nicht. Aber die Zweifel nagen an mir. Will er nur Spass jetzt? Wird es mir das Herz brechen? Werde ich mich überhaupt weiter emotional darauf einlassen können, wenn so unsicher ist, was du Zukunft bringen kann?

Er wischt immer wieder meine Zweifel weg, hält mich nur im Arm, sein Kopf an meinen gelehnt. Es fühlt sich so gut an, zu gut.

Irgendwann legen wir uns aufs Bett, halten uns im Arm und küssen uns das erste Mal. Ich zittere und er drückt mich fester an sich. Ich fühle mich wie in einem Bollywood Film – aber das Leben hat selten ein Happy End. In voller Montur schlafen wir irgendwann ein und werden erst von meiner Mutter geweckt (per Telefon natürlich), die uns daran erinnert, dass wir ein Taxi vorbestellt haben. Er geht und ich liege mit meinen Zweifeln allein im Bett – hellwach.

Noch während er im Zug ist ruft er mich an, wir reden und unser Gespräch dreht sich zum größten Teil um meine Zweifel – wir drehen uns im Kreis. Wenn wir etwas versuchen wollen, dann wird das so nicht gehen. Aber kann ich überhaupt soviel vertrauen? Kann ich mich so einlassen? Ist es das Risiko wert? Ich weiss es nicht…ich weiss es wirklich nicht. Aber es ist typisch für mein Leben – es war so offensichtlich „zu gut um wahr zu sein“!

 

Yaya an Ninjaan „the dreamer“

„no im not thinking about staying there.. our difference is that i normally try to do sth instead of talking..u look for what u dream of and i firstly look for a job opportunity.i hope u find the one u like ninja but give some place to the reallity also not 100% dream :-“ „

Nein, der Unterschied zwischen dir und mir ist, dass du angefangen hast dich mit beschissenen Situationen zufrieden zugeben. Das du begonnen hast zu resignieren, du beschwerst dich, leidest – aber du bist die Unsicherheit so leid, dass du dich den Gegebenheiten fügst, nimmst was kommt, egal wie verhasst es dir ist. Ich ziehe die Unsicherheit jedem Gefängnis vor, ich gehe, halte mir alle Möglichkeiten offen und: JA, ich träume. Von einem besseren, nein erfüllterem, Leben, davon das es mehr geben muss als das hier. Und ich werde einen Teufel tun, der Realität, die mich ständig einzuholen versucht, die mich umgibt wie ein undurchsichtiger Nebel, auch nur ein Stück meines Traumes, meiner Träume zu überlassen. Du weisst, dass ich nicht nur rede, aber du hältst meine Nachfrage, ob du wirklich darüber nachdenkst dort zu bleiben, dich dort fest anstellen zulassen, für einen Angriff.

Du verteidigst dich. Mit einem Smiley am Ende, einem „gut gemeinten Ratschlag“. Ich spare mir meinen Ratschlag, du würdest es sowieso falsch verstehen. Und darum sage ich nichts mehr dazu und schicke drei weitere Bewerbungen nach Ägypten ab.

I prefer to be a dreamer among the humblest, with visions to be realized, than lord among those without dreams and desires.
Khalil Gibran