Den Kopf gewaschen bekommen…

Ich schreibe viel in diesem Blog, aber bei weitem nicht alles –  das wäre auch unmöglich. Wer schafft sowas schon? Ich jedenfalls nicht. Vor fast 6 Monaten habe ich damit begonnen hier zu schreiben – meist über die Gegenwart, manchmal in der Retrospektive, selten über Zukunftswünsche. Was ich gerade denke und erlebe, welche Einstellung ich zu bestimmten Dingen habe kann man hier alles lesen. Würde ich mich selbst durch meinen Blog betrachten, ich sähe mich wie ich immer war oder sagen wir, wie ich geworden bin, als ich „erwachsener/reifer“ wurde (wobei diese Worte relativ sind). Aber ich bin wahrscheinlich, gerade die letzten Wochen und Monate, für Menschen, die mich lange kennen, doch nicht mehr die Alte. Manche begrüßen meine Veränderung, einige betrachten sie mit Skepsis, ignorieren sie aber weitgehend und wenige äußern sich kritisch darüber. Eine dieser Wenigen ist meine Freundin Jackson, die mich gestern Abend anrief:

Ninjaan? Kann ich mal mit dir sprechen? Klar, tun wir doch gerade Jackson, was liegt an? Ach, nichts besonderes eigentlich. Ich bin etwas verwundert. Warum? Wegen meiner Haarfrisur? Ich habe deinen Kommentar bei FB schon gesehen! Findeste es wirklich so schlimm??? Schlimm? Du hast dir die Hälfte deiner Haare abrasiert!!! Das ist ein Undercut! Und es ist überhaupt nicht die Hälfte, sind noch genug Haare da! Ich überlege noch, ob ich mir die Stelle vielleicht färben lasse? Färben? Was? Die abrasierten Haare? Ja! Gute Idee, mach sie Pink…nein Lila – oder gestreift! Merkst du eigentlich noch was? Meine Güte, es ist nur ein Haarschnitt! Die wachsen doch wieder, ich habe mich ja jetzt nicht tättowieren lassen oder so! Es ist eben nicht nur der Haarschnitt Ninjaan. Ich meine, ich habe eigentlich kein Recht, ich schon gar nicht, dir irgendwelche Moralpredigten zu halten, aber… Aber? Was ist denn noch? Was noch ist Ninjaan? Du hast Alkohol getrunken! DU! Ich habe nie gesehen, dass du nur einen Schluck getrunken hast, nicht mal an Silvester, nicht mal gegessen hast du was, wo Alkohol drin war, nicht mal Tiramisu! Und jetzt trinkst du plötzlich und rasierst dir die Haare ab? Was kommt als nächstes?? …Ok, ich hatte getrunken, aber doch nur ein bisschen…und ich war doch aus, in diesem Club und… Ja! Aus, in nem Club und das betrunken! Ninjaan! Seit wann trinkst du? Seit wann rasierst du dir Haare ab? Ich meine, ich will hier nicht so tun, als wäre ich gegen Alkohol, ich trinke oft mal nen Wein, aber du? Du hasst Alkohol und jetzt trinkst du? Du liebst deine langen Locken und jetzt rasierst du dir soviel davon ab? Ich fühle mich gut… Du fühlst dich gut, wenn du trinkst? Nein…ja, ein bisschen. Ich trinke nicht um mich gut zu fühlen, aber es ist gut, wenn ich Dinge mache, die ich nie mache… Seit wann ist es für dich gut unvernünftige Dinge zu tun? Ninjaan…die prinzipientreue Ninjaan…plötzlich so? Ich mache mir wirklich Sorgen um dich! Das brauchst du nicht, das ist nur eine Phase, die geht doch vorbei! Ich will nur ein bisschen so sein…, bis es aufhört… Bis es aufhört? Und denkst du so hört es schneller auf? Wenn du plötzlich nicht mehr du selbst bist, dann geht es schneller vorbei? Ich meine, ja, das ist scheisse. Ich weiss wie du bist. Aber so? Sonst ist doch alles gut, alles im Lot, dein Leben ist doch nicht schlecht jetzt! Nein, ist es nicht. Es ist gut, es funktioniert alles. Aber du funktionierst nicht richtig, du tickst aus! Na und? Soll ich lieber in meinem Zimmer sitzen und mir jeden Abend die Augen ausheulen? Nein…aber du sollst auch nicht trinken und dann Auto fahren oder Haare abrasieren…oder sonst noch was machen! Du sollst nicht aufhören du zu sein, nur deswegen! Ich bin ich, aber ich bin nun mal scheisse traurig und ich habe keine Lust mehr traurig zu sein, also verscheuche ich die Traurigkeit und…ich will da gar nicht drüber reden, lass mich doch einfach ein bisschen so sein jetzt… Ich lasse dich doch, aber wieso Ninjaan? Nur wegen ihm? Was ist denn so besonders an ihm, dass du dich so völlig vergisst und alles was zu dir gehört hat? Das ist er doch nicht wert! Was hast du schon alles mitgemacht und dann kommt er, geht wieder und du drehst durch? Er ist nicht gut für dich, das war er nie!  Ich drehe nicht durch, es sind nur Haare und ein paar Tropfen Alkohol… Ja, und als nächstes? Weiß ich noch nicht, das worauf ich Lust habe, ist doch egal… Egal? Es ist eben nicht egal! Doch mir ist es egal, alles egal! Es stört doch nicht! Doch, dich selbst muss es stören! Du bist nicht du, du tust Dinge die du niemals sonst tun würdest! Warum gibst du ihm immer noch so eine Macht? Du hast doch immer mit dem Verstand entschieden und nun? Habe ich das jetzt nicht? Mit dem Verstand habe ich den Kontakt abgebrochen, meine Nummer gewechselt, ihn geblockt, ihn nicht mehr angeschrieben! Wieviel verdammten Verstand brauche ich denn noch? Ja das hast du aber… Ne, nicht aber! Wer von euch hätte das gemacht? Sei mal ehrlich, hättest du das gemacht? Nein! Ich habe es genauso gemacht wie immer! Ich nehme meinen Scheiß Verstand und gehe! Darf ich dann mal für nen Moment auch mal was ohne Verstand machen? Du darfst doch Ninjaan…du darfst doch alles…aber …ich will dich nicht traurig machen oder dich belehren. Ich sorge mich um dich! Du bist doch sonst so stark! Ja…jetzt halt mal nicht! Doch jetzt auch…aber ich habe Angst, dass du dir echt schadest, du erscheinst so verwirrt, alles was du sagst klingt so ziellos…ich erkenne dich kaum wieder und ich habe Angst um meine Freundin… Musst du aber nicht haben…Jackson, ich weiß das zu schätzen, aber es gibt keinen Grund sich zu sorgen, ich werde schon wieder so wie sonst. Ich hoffe…bitte nimm es mir nicht übel… Nein, tue ich nicht Jackson, aber ich mag nicht darüber reden jetzt. Ich mag einfach nicht. Ich verstehe… Tut mir leid… Nein, mir tut es leid, wenn ich ungerecht zu dir bin…ich mache mir nur so Sorgen. Ist alles gut. Ok….

Sie hat Recht, ich bin nicht, wie ich sonst bin – nur ändern kann ich es gerade irgendwie nicht…

Nichts bleibt wie es war

B.

Als ich ihn vor Jahren auf der Arbeit kennenlernte, verliebte ich mich in ihn. Nicht weil er schön war, nicht weil er außerordentlich gebildet oder selbstbewusst war. Ich verliebte mich in ihn, weil er er war. Weil er besonders war. Er war der mit Abstand liebevollste, freundlichste und zärtlichste Mensch den ich jemals kennengelernt hatte. Nur deswegen ließ ich mich überhaupt so schnell auf eine Beziehung mit ihm ein. Ich war überwältigt von seiner Art. Von Anfang an herrschte zwischen uns ein tiefes Vertrauen, ein Band der Freundschaft gepaart mit inniger Zuneigung. Wir stritten niemals wirklich, konnten uns aufeinander verlassen. Jeder Tag mit ihm war schön, neu, aufregend und zugleich sicher. Ja, Sicherheit, ich vertraute ihm. Das erste Mal in meinem Leben war ich nicht mißtrauisch, habe nicht gezweifelt. Meine Freunde liebten ihn, er liebte sie. Innerhalb kürzester Zeit war er ein fester Bestandteil meines Lebens. Niemals war ich mir sicherer den Richtigen gefunden zu haben.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich auch nach all den Jahren, nachdem wir auseinander gerissen wurden, noch an ihn gedacht habe, er mir gefehlt hat und ich Angst hatte, Angst vor dem Moment, an dem wir uns wieder begegnen würden.

Als wir uns nun vor knapp einem Monat wiedersahen, waren all diese Gefühle wieder da, die Trauer, die Zuneigung, das Vertrauen, der Wunsch, dass es niemals geendet hätte, jedenfalls nicht so. All das hat mich schwach werden lassen. Eigentlich, nein nicht eigentlich, sondern tatsächlich habe ich starke Gefühle für jemand anderes. Jemanden der völlig anders ist als B.. Yaya ist selbstbewusst, gebildet, sanft und hart zur gleichen Zeit. Er ist verschlossen, B. dagegen ein offenes Buch.

Und trotz meiner Gefühle für Yaya, konnte B. mich so sehr berühren, mich schwach werden und gegen meine Prinzipien verstossen lassen.

Yaya ist der geheimnisvolle, jeder Moment mit ihm war berauschend, extrem, auf die eine oder andere Art.

B. ist der ruhige, sichere, mit ihm ist es wie das Ankommen, ruhig, bedacht, ohne Extreme.

Dieser Unterschied, die Erinnerungen, die auf Eis gelegten Gefühle, alles auf einmal brachte mich dazu, ihn wieder zu treffen. Noch einmal dieses Sicherheit fühlen… nur noch einmal. Den Moment genießen, sich erinnern, fallen lassen und aufgefangen werden.

Aber ich habe nicht bedacht, nicht in Erwägung gezogen, dass die Zeit uns verändert. 4,5 Jahre sind eine ganze Zeit. Auch ich habe mich verändert, ich kann schwer sagen in welchem Maße, aber jetzt, nach einem Monat sehe ich B.´s Veränderung.

Selbstlos war er einmal, immer bedacht auf das Glück der Anderen, niemals sagte er verletzende Worte – ich habe immer bezweifelt, dass er das überhaupt könne, verletzend sein. Nun ist er anders, kühler, nicht unbedingt mir gegenüber, aber ich sehe seine Einstellung und höre seine Erkärungen “ Das Leben hat mich so gemacht Ninjaan! Willst du mir das vorwerfen? Ich war immer lieb und nett, was habe ich bekommen?“

Du bist noch so jung B., jünger als ich. Du bist verbittert, hart in deinen Urteilen, selbstsüchtig in deinen Taten. Du willst nicht verletzen, aber du tust es, gut, du bist selbst verletzt, aber das ist eine schwache Ausrede. Denn am Ende des Tages, am Ende unseres Lebens, sind nur wir selbst verantwortlich, für das was wir tun. das Schicksal drängt uns in die eine oder andere Richtung, aber noch, noch können wir uns auflehnen, uns dagegen stemmen, nur der Tod ist für die Ewigkeit. Wenn wir uns treiben lassen, niemals kämpfen, dann können wir das nicht den Menschen um uns herum vorwerfen.

Ich bin schockiert, von vielen deiner Worte, deiner Taten. Ich kann es nicht fassen. Bist du das? Warum hast du nur zugelassen, dass das Leben so etwas aus dir macht? Ich will meine Augen davor verschließen, ich will dich so nicht sehen, ich will nicht sehen, dass du dich so verändert hast. Aber du drängst mir dein neues Ich geradezu auf, zeigst es mir in allen Facetten und nur manchmal, ganz manchmal bist du der, den ich vor all den Jahren kennengelernt habe.

Ich sollte ihn gar nicht treffen, ich tue damit unrecht, jemanden, einer Frau, die mir nichts getan hat. Aber auch ich bin selbstsüchtiger geworden, ein kleines bisschen Glück hatte ich mir gewünscht, ein kleines bisschen Freude in dieser, meiner, unbeständigen Zeit. „Es ist so schön dich mal wieder wirklich Lachen zu sehen!“ hatte mein Kollege vor kurzer Zeit zu mir gesagt, nachdem B. sich von uns verabschiedet hatte. Der Kollege weiss, dass wir einmal zusammen waren, er schweigt zu all dem, obwohl er sicher mehr weiss, als mir lieb ist.

Ich wollte nur einen Moment des Glücks genießen, mit jemandem der mich einst so glücklich gemacht hat. Aber wieder einmal muss ich schmerzlich erkennen, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann. Nichts bleibt wie es war, niemand bleibt wie er war. Und etwas unrechtes, kann sowieso niemals glücklich machen.

Letzte Nacht rief B. mich an, ich hatte wenige Stunden vorher gesagt, dass ich so nicht weitermachen könne, wegen mir nicht, wegen dem Unrecht, dass wir damit tun nicht. Er rief mich an und war seltsam. Nach wenigen Minuten gestand er mir, dass er getrunken habe. In seinem ganzen Leben hatte er noch niemals Alkohol angerührt, nun war er betrunken und rief mich an. Ich hasse Alkohol, rühre ihn nie an, ich bin da familiär vorbelastet. Ich ertrage es selten, einige Menschen sind erträglich wenn sie getrunken haben, aber nur sehr wenige.

Yaya, er ist erträglich, er ist dann wie ein kleiner Junge, lieb, verletzlich. Ausgerechnet B. ist es nicht, er ist selbstgefällig und hart. Ich ertrage kaum  mit ihm zu sprechen. Aber irgendwie fühle ich mich verpflichtet, warum hat er denn gerade an diesem Tag getrunken? Ich quäle mich durch das Gespräch und spüre wie meine Erinnerungen, diese wundervollen Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit, zu verschwimmen drohen. Wo bist du B.? Wo hast du dich verloren?

Ich muss  mir eingestehen, wir haben uns schon lange verloren. Dieser klägliche Versuch von uns, wiederzubeleben, was lange schon nicht mehr ist, weil wir beide verletzt und einsam sind, ist gescheitert. Führen wir es nun weiter, verlieren wir unsere Erinnerung. Ich will sie nicht verlieren.  Vielleicht wäre es heldenhafter, tugendhafter von mir gewesen, es niemals einzugehen, weil ich das Moralische hochhalte, aber es wäre gelogen. Ich beende es, weil es nicht ist, wie es war, weil es zerstört was war. Und sehe ein, dass etwas Verwerfliches, niemals rein sein kann.

Lebwohl B.

 

Auswandern…

…für einen bestimmten Zeitraum, zwei Jahre vielleicht, ist nicht gleich weglaufen! Doch, widerspricht mir meine alte Bekannte, die sich auf einen Kaffee in meiner „Nachmittagspause“ angekündigt hatte. „Doch, es ist weglaufen, weil du glaubst, wenn du wieder kommst wäre alles anders, das ist es aber nicht, weil es nur anders wird, wenn du es anders anstellst!“  Klingt das nicht herrlich einfach? Ist es sicher auch – für andere Menschen. Für mich nicht! Ich ändere gerne Dinge, ich bin unbeständig, ich lege mich nicht fest! Ich ändere alles, meine Geschmäcker, Zigarettenmarken, Musikgenre´s, Wohnungen, Städte, Jobs – aber ich kann nicht ändern, dass ich es immer ändern will! Denn wenn ich es könnte, dann würde ich es tun! Dann hätte ich schon längst meine Umzugskartons ausgepackt (seit 7 Monaten stehen sie im Hausflur), mich richtig eingerichtet, vielleicht würde ich auch mal streichen oder mir Möbel kaufen die nicht nach spätestens 2 Jahren auseinander fallen (aber kein Problem! jede Wohnung ist anders, da muss eh hin und wieder was Neues her!), vielleicht würde ich mir auch mal ein Auto kaufen anstatt zu leasen?

Wenn ich das ändern könnte, dann würde ich es ändern! Ich kann aber nicht, ich habe keine Ahnung wie das geht! Ich weiss nur, weggehen, umziehen, stetige Wechsel, vertreiben „böse Geister“ – alles ist ein Neuanfang, wer würde nicht gerne mal neu anfangen? Ich tue es ständig! Das einzig Beständige in meinem Leben, sind meine Freundschaften, darauf bin ich stolz, weil ich glaube, dass ist etwas, was viele heute verlernt haben. Das kann ich, Freundschaften erhalten, sie leben und geniessen. Meine Freundinnen, 25, 15, 10 Jahre verbinden uns, wundervolle Jahre und ich bin dankbar für jede von ihnen. Gute Freundschaften bleiben auch, wenn einer immer mal wieder geht – ich gehe, meine Freundschaften leben weiter. Was also hält mich?

Nichts! Und wie immer, wenn etwas in meinem Leben passiert, dass mich emotional sehr berührt, sei es der Tod eines geliebten Menschen, andere Schicksale oder eine unerfüllte Liebe – dann packe ich meine Sachen und gehe. Mal ist es nur ein Wohnungswechsel (wegen der „bösen Geister“), mal ein Städtewechel, mal nur ein anderer Job, irgendwas, dass mich ablenkt, mich “ neu anfangen“ lässt.

Jetzt ist es wieder soweit: Ich will gehen, die Wohnung wechseln wie erst vor 7 Monaten, oder den Job wie vor 8 Monaten, reicht nicht mehr – ich will raus,  meinen Kopf frei bekommen – ich gehe! Ich habe gestern Abend 6 verschiedene Bewerbungen verschickt, in 6 verschiedene Länder, nur eins davon in der EU. Es fühlt sich gut an, der Gedanke gehen zu können, weit weg von hier.

„Ein neuer Job, ein neues Land, ein neues Leben“, schreit mein Kopf und jubiliert (mein Kopf spielt mir bisweilen bösere Streiche als mein Herz)! – „Wenn du gehst, dann ist es vorbei“, schnieft mein Herz leise. -“ Gut so! Das ist es nämlich  sowieso schon“, sagt mein Kopf, „nur du hast es noch nicht verstanden!“

6 Bewerbungen, 3 Kontinente, 4 Sprachregionen – alles gut Ninjaan, einer wird dich übernehmen, dann wird alles gut, wie immer!

P.S.  Yaya دلم برات تنگ میشه