Als der Teufel mir die Geborgenheit nahm

Der Teufel hat mir die Geborgenheit genommen. Vor langer Zeit schon, aber auch nicht so langer Zeit, dass ich mich nicht daran erinnern könnte. Nicht so lange, dass ich nicht wüsste wie es war, bevor er kam und sie mir stahl.

Ich war schon kein Kind mehr. Aber was heisst das schon? Tief in uns, mögen wir uns noch sehr dagegen wehren, da ist doch immer noch dieses Kind. Das Kind das Angst hat vor der Dunkelheit, Monstern unter dem Bett, dem allein sein und dem Teufel. Also war ich eigentlich kein Kind mehr und war es doch.

Ich werde den Anblick des Teufels niemals vergessen, der kalte Blick aus den sonst so warmen, liebevollen Augen, wie ein kantiges Messer, dass dir die Seele zerschneidet, in winzig kleine Stücke. „Warum bist du gekommen?“ habe ich gefragt und erntete nur hämisches Lachen. Und mit jedem Wort und jedem Lachen wurde ich kleiner. Erst stand ich gerade, dann gebeugt und schließlich kniete ich, nicht wie eine Betende, sondern eine Bittende. Gefleht habe ich, er möge verschwinden, uns verschonen. Ich glaubte noch wo Liebe ist, sei kein Platz für ihn.

Ich irrte mich.

Nach einer Ewigkeit des Flehens, Worte umringt von Verzweiflung, und hämisch-grausamer Lache als Antwort, sprach der Teufel zu mir mit gelöster Zunge. Und seine Worte haben die Geborgenheit gestohlen. Ein einziger Schlag nur und alles war dahin.  „Warum nur Gott, habe ich mich gefragt, warum nur hast du die Zunge des Teufels nicht abgeschnürt und ins  Feuer geworfen? Ist seine stumme Anwesenheit nicht schon Qual genug?“ Aber Gottes Zunge ist nicht gelöst, so wie die des Teufels. Und als Antwort erhielt ich nur einen weiteren Schlag, der mir beinah auch die Liebe nahm.

Erst hielt ich es für einen Segen. “ Du hast mir die Geborgenheit genommen, aber nicht die Liebe! Siehst du Teufel? Du hast schon bei Hiob versagt!“ triumphierte ich, in meinem Leichtsinn. Aber heute weiß ich, ohne die Liebe, wäre mir die gestohlene Geborgenheit keine Qual.

Immer und immer wieder aufs neue führt er mir dies vor Augen.

Ich habe ihn unzählige Male gesehen und jedes Mal schneidet er meine Seele in kleine Stücke, entzieht mir die letzten Erinnerungen an die Geborgenheit, aber die Liebe, die nimmt er mir nicht, so sehr ich ihn auch darum bitte. Aber was bitte ich auch, der Teufel erhört das Flehen der Leidenden niemals, er hat nur Spott für sie.

Manchmal, wenn der Teufel nicht bei uns ist, wenn er schläft, oder gerade anderen die Geborgenheit stiehlt, dann will ich dich anschreien und dich schütteln, weil du ihm die Tür geöffnet hast, ihn herein gelassen hast in unseren innersten Kreis. Aber die Liebe hält mich zurück und die Angst, dass du ihn dann wieder herbei rufst, wie du es immer tust, wenn dir etwas zu viel wird.

Und jetzt leben wir mit dem Teufel, Tag ein und Tag aus. Und ich versuche ihn zu riechen, ihn zu hören, ohne das er spricht, damit ich davon laufen kann, aber es gelingt mir nicht. Wenn ich ihn rieche, ist es zu spät und wenn ich ihn höre, liege ich schon am Boden.

Der Teufel hat mit die Geborgenheit genommen, vor langer Zeit, und niemand bringt sie mir  zurück,…

…solange du ihn nicht fort schickst.

Wer hasst wen?

„They say u loose the spark in time, but that´s not true – Because I still get butterflies…“

(Nick Howard „Falling for you“)

Mein Handy klingelte und auf dem Display erscheint sein voller Name inkl. Foto, nicht weil ich seine Nummer noch gespeichert hätte, sondern weil er noch immer in meinen Skype Kontakten ist und SMARTphones alles wissen. Ich ließ es klingeln, kämpfte mit mir und hebe erst in letzter Sekunde (kurz bevor meine Mailbox anspringt) ab.

Wir sagten beide kein Wort. Er atmete hörbar, ich hielt die Luft an.

„Ninjaan?“ – „Jap, if u are calling because u want to yell at me…!“- „No, I want to talk. I will not shout at u!“ – „Ok.“ – „Are u fine Ninjaan (Synonym für:Gehts dir noch ganz gut?)?“ – „Not really, as u can guess. I understand, u are angry now, I am angry too. And I am not sure, if all this…!“ – „Good to know, u are able to talk. Because ur writings make me sick! What did I do?“ – „I dont think we should…“ – „I dont care about what u think right now! I want answers! And I really wish, I could look into ur eyes and talk to u face to face about all this. But U are far and I think u would never do it“  – Ich antwortete nicht.

Es folgt ein 30minütige Gespräch in denen er sicherlich 80% Redeanteil hat. Er ist wütend, verletzt. Er wird nicht laut, er schlägt  nicht unter die Gürtellinie, wie er es mir bereits in seiner letzten SMS versprach. Manches verletzt mich, manches macht mich wütend, aber auch ich bin ruhig. Geduldig fast, weil ich immer wieder ansetze, versuche seine Fragen zu erklären, doch er lässt mich nicht ausreden. Unterbricht mich, redet sich leicht in Rage, um dann wieder zu  schweigen und die Frage erneut zu stellen. Manchmal muss ich lächeln, weil ich schon vorher weiß, was er als nächstes sagen wird, weil unsere gegenseitige „Wut“ Bekundung „U dont know me! – U dont know me either!“, nicht wirklich wahr ist. Einmal spreche ich einen ganzen Satz  synchron mit, er stutzt und ich möchte meinen, dass auch er kurz schmunzeln musste.

30 Minuten lang, bin ich nahezu ruhig, sage wenig, setze nur immer und immer wieder an und versuche das ein oder andere Mal das Gespräch abzuwürgen, weil ich nicht weiß wohin das führen soll. Er weiss es offensichtlich auch nicht, aber er will nicht aufhören, nicht jetzt. Nur einmal, als ich lache, droht er mir damit aufzulegen. Auf meine Frage, ob es ihm lieber wäre,würde ich über all das weinen was gerade geschieht, geht er nicht ein, legt aber eben auch nicht auf.

Er ist so wütend. Wirft mir vor, ich könne nie anders sein als so. Fragt mich, wie ich ihm so etwas an den Kopf hatte werfen können, nach all der Zeit. Fragt mich, was er denn getan habe. Gebetsmühlenartig wiederholt er dieses Sätze. Er nennt mein Verhalten kindisch und überzogen. Gleich zu Beginn schon, nennt er mich wieder „runaway“, weil ich nichts austrage,sondern nur erscheine, jemandem etwas vor die Füße knalle,um dann wieder im Nichts zu verschwinden – wie immer. Runaway like halt.

Dann stellt er mir eine entscheidende Frage, eine Frage auf die ich keine Antwort habe, etwas für das ich keine Erklärung oder Ausrede parat habe.

„What Ninjaan,what would u do, if I wouldnt react on ur words? Its not the first time! What would u do, if it wouldnt be me, calling u or writing u afterwards? WHAT would u do?“

Ich schweige. Was soll ich sagen? Sollte ich sagen, dass mein Verstand immer hofft, er würde nichts mehr sagen, nie wieder. Oder das mein Herz sich wünscht, dass er mich dann anruft, so wie jetzt gerade. Und das ich nicht weiß, was davon überwiegt?

Während ich noch darüber nachdenke, setzt er erneut an. Doch jetzt ist es anders. Plötzlich bricht seine Stimme, klingt nicht mehr klar und bestimmt. Im Gegenteil, sie zittert.

„Why do u hate me, Ninjaan? Why do u hate me so much?“

….

Alltagsrassismus

„Schau mich an! Schau  mich an! Du musst runter kommen! Das ist es nicht wert!“ Mit beiden Händen sein Gesicht umfassend, schaue ich meinem Jugendlichen bei diesen Worte tief in die Augen. „Komm runter! Scheiß drauf, du weisst, das ist es nicht wert, bitte Sergio*!“ Ich sehe Tränen der Wut in seinen Augen aufblitzen, sein Körper ist angespannt, er steht unter Strom und versucht immer wieder seinen Kopf zu drehen, in die Richtung, in der dieser Mann verschwunden ist. (*Name geändert)

Ich habe nicht wirklich mitbekommen was passiert ist. Ich stand gerade mit dem Kazoospieler draussen, wir haben über die anstehende Veranstaltung gesprochen, als plötzlich ein großgewachsener Mann, etwa Ende 40, um die Ecke kam, gefolgt von Sergio. Der Mann drehte sich um und grinste schräg in Sergios Richtung. Dieser widerum schüttelte nur den Kopf und sagte genrvt so etwas wie: „Man, geh einfach weiter!“ Als er uns erblickte blieb er stehen. Noch hatte ich keine Ahnung was vorgefallen war und gerade als ich nachfragen wollte, drehte der Mann sich noch einmal abrupt um und sagte: „Und das muss ich mir von so einem in meinem Land gefallen lassen!“ Wie vom Blitz getroffen sieht Sergio zu dem Mann herüber und beginnt ihn wüst zu beschimpfen, der Mann lacht nur hämisch. Als hätte ich es geahnt springe ich auf Sergio zu und kann ihn gerade noch festhalten, als dieser nun fast blind vor Wut auf den Mann losgehen will.

Es kostete mich eine ganze Menge Kraft ihn zu mir ins Jugendzentrum zu ziehen, um ihn dort zu beruhigen. Nach einer Weile springt er auf und läuft weg, ich werfe ihm nur noch ein: „Mach bitte keinen Scheiß Sergio!“ hinter her. Erst vor 3 Wochen hatt er seinen Job verloren, weil ihn ein Kunde mit den Worten „Mit Ausländern mache ich keine  Geschäfte, sieh zu, dass du raus kommst!“ vor die Tür setzte – auch da konnte er nicht an sich halten – wer kann das schon?

Während ich mit dem Kazoospieler noch über das eben Geschehene spreche, steht plötzlich der kleine Jens neben uns. Warum der Sergio den Mann hauen wollte, fragt er. „Weil der Mann nichts besseres zu tun hatte, als sich als Oberdeutschen aufzuspielen“, antwortete der Kazoospieler grimmig. „Pfff“, Jens macht einen verächtlichen Gesichtsausdruck, “ was soll das denn sein, Oberdeutsch? Ich bin auch reinrassig Deutscher, ist das schlimm?“ Der Kazoospieler sieht ihn entgeistert an. „Das bist du wahrscheinlich eher nicht Jens. Erstens sind Menschen eigentlich keine verschiedenen Rassen und zweitens glaube ich kaum, das  ein Mensch überhaupt so etwas wie dieses „reinrassig“ sein kann, da wir das kaum zurückverfolgen können!“ antworte ich etwas entnervt. „Nein! Vielleicht bist du es nicht, aber ich bin 100% Deutscher und ganz rein!“ mault Jens. „Ne“, antworte ich nicht weniger maulig, „bin ich auch nicht und das ist auch in Ordnung so. Aber vergiß das Wort „rein“ oder „reinrassig“ mal lieber ganz schnell, das benutzen nämlich nur dumme Menschen und ich glaube zu denen willst du nicht gehören!“ Dann drehe ich mich um und lasse Jens beim Kazoospieler, ich habe keine Lust auf Missionarsarbeit  – was lernen die Kinder eigentlich heute in der Schule? Achja, Kurvendiskussionen…

Abends kommt Sergio noch einmal rein und stellt sich hinter mich an die Theke, einen Arm legt er um meine Schulter:“Du weisst Ninjaan, du weisst ich bin gar nicht so einer! Das weisst du doch, oder? Ich habe nicht angefangen? Er hat mich die ganze Zeit beleidigt und ich habe ihn noch gesiezt und…ich konnte einfach nicht mehr. Du darfst nicht denken, dass ich so einer bin!“ Ich lege ebenfalls einen Arm um ihn und versichere ihm, dass ich weiß, dass er so nicht ist und das ich seine Wut so gut verstehen kann. Aber er müsse auch mich verstehen, ich habe eingegriffen, um ihn selbst zu schützen, nicht den Mann. „Ich weiß doch Ninjaan…ich weiß doch.“  Wir sehen uns beide an, wissen was der Andere denkt und umarmen uns ganz fest. Mehr kann ich nicht tun…

Btw:

Sergio ist 20 Jahre alt und hat einen Abi Durchschnitt von 2,4 – nur einen guten Job, den bekommt er nirgendwo so leicht…

 

 

 

Ein Abschiedsbrief (ohne Empfänger)

Vorab möchte ich dir sagen, dass ich gerne eine passende Anrede gefunden hätte, eine Perfekte, nicht schnulzig, aber eine die meinen Gefühlen dir gegenüber gerecht wäre. Doch ich finde sie nicht. Dir auf Deutsch zu schreiben, allein das ist ungewöhnlich. Nie habe ich dir Wichtiges auf Deutsch gesagt, nur in Wut, aus Verletzung und der Hilflosigkeit heraus habe ich zu dir in meiner Muttersprache gesprochen. Doch alles ändert sich und heute schreibe ich dir weder aus Wut, noch aus Verletzung oder Hilflosigkeit. Ich schreibe dir auf Deutsch, weil es die Sprache ist in der ich mich am Besten ausdrücken kann – weil es meine Sprache ist und die Zeiten, in denen es ein kleines „wir“ gab, vorbei sind – es gibt nur noch dich und mich …

Dies hier soll keine Anklage sein, sondern eine Feststellung, etwas, dass ich akzeptieren muss, weil ich nicht das Recht habe auf etwas anderes zu beharren. Ich schreibe dir heute, weil ich dir, mir selbst und der ganzen Welt sagen möchte, dass ich nicht im Zorn gegangen bin, nicht in Wut, dass ich dich nicht hasse und dich nicht für einen schlechten Menschen halte.

Ja, es wäre soviel leichter, würde ich mir das einreden. Dich hassen, dir die Schuld an allem geben. Doch ginge es hier um Schuld, wer trüge sie dann? Du, weil du dich nicht verliebt hast? Ich weil ich mich verliebt habe, obwohl du mir niemals etwas vorgemacht hast? Nein, das führt zu nichts und so betrachtet, muss ich mir eingestehen, trage ich selbst die Schuld. Ich wusste wer du bist, wie du bist, was du denkst, was du dir erträumst und ich habe es kommen sehen, meine Gefühle, doch ich habe sie unterschätzt, mich überschätzt. Und nun stehe ich hier, nach 1 1/2 Jahren und schreibe dir einen Brief, den ich niemals abschicken werde.

Warum ich ihn dir nicht schicke? Weil ich nicht will, dass du antwortest. Du würdest antworten, du würdest es niemals so stehen lassen, das ist nicht deine Art, wider deiner Natur. Dennoch, muss ich dir noch so viel sagen. Du warst immer eine Inspiration für mich. Niemals war ich so fasziniert, niemand hat mich so an meine Grenzen und darüber hinaus gebracht wie du. Ich liebe Herausforderungen, liebte sie immer, du bist die Krone der Herausforderungen.

Ich liebe deine diplomatische Art, wenn du über Politik gesprochen hast, die, dir vielleicht unbemerkte, Weisheit deiner Einschätzungen fand stets meine höchste Anerkennung, selbst wenn ich nicht deiner Meinung war. Deine Texte, deine Stimme, deine Art Musikinstrumente vorsichtig in die Hand zu nehmen, sie zu begutachten und sie nach kürzester Zeit zu beherrschen, als hättest du niemals etwas anderes gespielt – meine Bewunderung dafür kann ich nicht in Worte fassen.

Ich finde dich nicht nur faszinierend, sondern auch schön. Nicht attraktiv, oder anziehend, sondern schön, wie ein Kunstwerk. Schön ist sie, die Sehnsucht in deinen Augen, dein Lachen, dass du so spärlich sääst, als könntest du es abnutzen. Schön ist alles an dir, auch deine grauen Haare auf der Brust, die du so schockiert im letzten Winter entdecktest.

Doch ich würde dich nicht lieben, hätte nicht so klammheimlich aus deinem Leben, deiner Reichweite verschwinden müssen, liebte ich nicht auch deine andere Seite, die, für andere oft schier Unerträgliche. Ich liebte dich auch, wenn du launisch warst und wie ein getretener Hund um dich gebissen hast. Ich liebte dich, wenn du vor Narzismus triefend, nicht gesehen hast, was um dich herum geschieht. Deine Diskussionswut, die mich manchmal an den Rand der Verzweiflung gebracht hat und mir so manch „Pseudo Migräne Attacke“ bescherte. Ich habe dich nie weniger geliebt, wenn du, stur wie ein kleines Kind, in der Ecke gesessen hast um zu schmollen oder mir das Leid, dein Leid dieser Welt, in die Schuhe schieben wolltest.

Nicht weil ich blind bin vor Liebe, aber weil du auch mich akzeptiert hast wie ich bin. Meine Macken, meine Launen hast du ertragen, besser als jeder andere zuvor – manch eine habe ich durch dich überwunden. Deine Geduld, warst du auch selbst ungeduldig, mit mir war grenzenlos.

Darum und weil ich dich liebe, wollte ich deine Freundin sein, deine Vertraute, von mir aus deine Schwester – was auch immer, ich glaubte ich sei  bereit dazu. Und solange du mir das Gefühl gabst, mich zu wollen, mich in deinem Leben zu wollen -bin ich geblieben. Aber wir beide wissen, du sicher schon länger als ich, dass es auch dafür nicht mehr reicht. Neun Monate, 100te von km später, sind wir nicht nur keine „Liebhaber“ mehr, wir sind uns so fern wie  zwei flüchtige Bekannte. Pflichtbewusst antwortet man auf die Fragen und bitten des Anderen – ja wir Fragten und Baten noch, aber warum? Weil wir es 1 1/2 Jahre so getan haben, auch das kann zur Gewohnheit werden.

Gewohnheit verbindet uns, nein, Gewohnheit bindet dich irgendwie noch immer an mich, aber ich wollte so viel mehr, will es doch immer noch.

Und darum bin ich nun gegangen, ohne Abschied, ohne Drama, ohne Diskussion, ohne Vorwürfe. Ich will dir lieber eine schöne Erinnerung sein, als eine lästige Bekannte. Ich hoffe du wirst das verstehen, ohne das ich es dir sage, ohne, dass du jemals diesen Brief hier lesen wirst. Bitte versteh es.

Soviel ich dir auch noch sagen will, so ungelesen diese Worte auch bleiben mögen, ich möchte dir noch danken. Für jeden Moment, den du lebenswerter für mich gemacht hast, jeden Augenblick den ich durch dich intensiver erleben konnte, jedes Lied, jeden Film, jedes Gemälde, alles was ich nicht kannte und durch dich erfahren habe. Und ich wünsche dir, mehr als  für mich selbst, die Erfüllung deiner Träume, die Großen und die Kleinen. Ich wünsche dir Kraft und Mut und Leidenschaft und vorallem Liebe – ich wünsche dir, dass du liebst und ebenfalls geliebt wirst.

Und ich verspreche dir, dass ich von heute an ein bisschen weniger „runaway“ bin und  offener zu meinen Gefühlen stehen werde und das ich mir vom heutigen Tage an, auch ohne deine Hilfe, die Mühe geben werde mehr gute als schlechte Musik zu hören und vor allem die eine von der anderen unterscheiden lerne.

Lebwohl.

Retrospektive Dezember 2011: Das letzte Treffen Teil II

„ Vaghty minevisam azam kam nemishe dard

…..

Vaghty minevisam raavi dardam

Vaghty minevisam fattehe donia ” 

(Wenn ich schreibe, vermag dies nicht meinen Schmerz zu lindern – … – Wenn ich schreibe, dann erzähle ich dir davon – Wenn ich schreibe, bin ich der König dieser Welt) Yaya´s Song

Dein Zug hatte Verspätung und ich somit mehr Zeit mich auf unser Zusammentreffen einzustellen. Noch einmal durchatmen, noch einmal die Mauer höher ziehen. Da kommst du schon…3 -2-1 Lächeln!

Ich öffne dir von innen die Türe, mit einem Satz lässt du dich neben mich fallen und umarmst mich überschwänglich. „Sorry, ninjaan! Vallah Sorry! Can u forgive me Topoli?“  Ein Kuss auf die Wange, der, hätte ich nicht meinen Kopf zur Seite gedreht, ein Kuss auf den Mund geworden wäre. Alles ist gut versichere ich dir und setze das Auto rückwärts aus der Parklücke. Du hebst skeptisch eine Augenbraue. Nichts ist ok, sagst du. Ich widerspreche dir, setze ein falsches Lächeln auf. Du siehst aus dem Fenster:“ Is it so hard, just to say it?” – “I don´t know what u are talking about! Everything is fine, we are going to record tonight. What´s your problem now?” Du schüttelst den Kopf und schweigst, die gesamte Autofahrt, ich rede, und rede, ununterbrochen, je mehr ich rede, desto mehr ich dir vorspiele wie egal es mir ist, dass du meinen Tag vergessen hast, umso verstimmter wirst du.

„U want to keep this show for the rest of the evening?” 

Ich sehe dich verständnislos an und schließe das Studio auf, fahre den Pc hoch und rede weiter über die freien Tage, den Song meiner Jugendlichen, die Software irgendwann dann drehe ich mich doch zu dir um, weil ich deinen stechenden Blick spüre. Du sitzt auf dem Sessel gegenüber von mir und siehst mich an. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken, dein Blick ist so durchdringend, dass ich ihm kaum standhalten kann und automatisch meine imaginäre Wand noch ein wenig höher ziehe.

Ich lächel und frage dich, ob du den ganzen Abend so grummelig rumsitzen willst? Dein Blick verfinstert sich, du schüttelst den Kopf. „Are u happy like this? Does it feel good to keep everything inside? Can´t u just, one time in ur life, stop being a runaway?” Ich spüre die Wut in mir hochkochen, meine Mauer bekommt Risse. Demonstrativ ziehe ich mir einen Stuhl heran und setze mich dir gegenüber. Immer noch betont cool frage ich dich, was du genau von mir möchtest und worüber du reden möchtest und noch viel mehr will ich wissen, warum wir nicht einfach aufnehmen können, wie wir es geplant hatten?

Du wendest deinen Blick von mir ab, schüttelst den Kopf, ich erkenne darin eine Verächtlichkeit, die meine Mauer endgültig einstürzen lässt. Der Gefahr nicht gewahr, fragst du mich noch einmal, warum ich es nicht einfach aussprechen kann und warum ich glaube, er wäre so ignorant nun etwas aufzunehmen? Es explodiert in mir, wütend erhebe ich mich von dem Stuhl und sehe nun, mit einer ähnlichen Verachtung auf dich, im Sessel sitzend, herab.

 „U think u hurt me? U really think u are someone who is able to break my heart? Let me tell u something Yaya: U ARE NOT! I don´t care if u care or not. It was just impolite and wether do I need ur excuses nor ur explanations! I simply don´t care! I give a shit!”

Mit einem Ruck erhebst du dich aus dem Sessel und stehst für den Bruchteil einer Sekunde ganz nah vor mir, dann senkst du den Blick, nimmst dir eine Zigarette und gehst vor die Tür. Ich folge dir, versuche, selbst überrascht von meinem Gefühlsausbruch, der so nicht geplant war, so nun wirklich nicht, einzulenken. Ich bitte dich reinzukommen, mit mir den Song aufzunehmen, nicht zu streiten, weil es sowieso egal wäre, weil alles egal ist und wir uns nichts schulden. Wenige cm stehst du vor mir und siehst mich an, ich kann in deinen Augen nicht lesen was du denkst und so weiche ich deinem Blick aus.  Du schüttelst den Kopf, verziehst dein Gesicht zu einem Grinsen und setzt noch einmal an, diesmal schwingt eine ungeahnte Härte in deinen Worten mit, wie ich sie selten erlebt habe.  Ich würde das immer machen, weglaufen, vor mir selbst, meinen Gefühlen und ich würde denken, es würde niemanden interessieren, aber das Problem seien nicht die Anderen, sondern ich selbst, meine Art, mein Schweigen. Genervt wende ich mich von dir ab, noch während du all diese Worte zu mir sagst.

„I did it on purpose!“

Ein Blitz durchfährt meinen Körper und ich bleibe, mit dem Rücken zu dir in der Tür stehen. „I know Yaya, I knew it before…“  

Schweren Schrittes kehre ich zurück ins Studio und lasse mich auf den Sessel  fallen, weil ich Angst habe, die Beine könnten mir versagen, weil ich Angst habe, ich könnte einfach zusammenbrechen…

Retrospektive Dezember 2011: Das letzte Treffen Teil I

Der Tag beginnt um 00:01 Uhr, dieser eine Tag, mein Tag, der Tag meiner Geburt. Einige Stunden vor dem Beginn dieses Tages haben wir uns bei Skype geschrieben, unser Treffen für den Tag, nach meinem Tag geplant. Der Song ist fast fertig, ich liebe ihn, diesen Song. Deine Stimme ist so weich, so sanft, ich liebe deine Stimme und auch wenn ich nur die Hälfte von dem verstehe was du sagst, ist mir klar, dass du viel mehr in diesen Song gelegt hast, als in den Vorherigen.

An diesem Tag, wenige Stunden vor meinem Tag, sprechen wir über vieles, wir lachen, tauschen uns uns, planen, erinnern uns kurz an unser letztes Treffen zurück – alles ist gut, wir sind gut – zusammen sind wir besser als wir es uns je gedacht haben.

Ich feier nicht rein in meinen Tag, ich halte nicht viel davon, warum sollte ich feiern, dass ich älter werde? Wir alle werden das, es ist keine große Leistung alt zu werden.

Doch wie jedes Jahr gibt es an diesem Tag eine Familienfeier, Plitschi und Jackson sind auch gekommen, sie gehören irgendwie mit zur Familie, mit zu diesem Tag, den ich eigentlich nicht feiern will, der aber irgendwie doch mein Tag ist. Und eben weil es irgendwie doch mein Tag ist, sehe ich von Stunde zu Stunde ungeduldiger auf mein Handy, ich erhalte viele Sms, Anrufe, Glückwünsche, zu etwas für das ich nichts geleistet habe, nette Gesten, die mir eigentlich nichts bedeuten. Nur du, du bleibst stumm.

Um 23:59 Uhr meines Tages sitze ich mit Plitschi, Jackson und meiner Mutter am Küchentisch, die Gäste sind alle gefahren, mein Tag ist ja auch immerhin fast vorbei und der neue Tag rückt unaufhaltsam näher – ein Tag ohne besondere Bedeutung, der aber doch einer unserer Tage werden sollte – und noch immer hast du dich nicht gemeldet. Ein letztes Mal stehe ich auf und öffne Skype – wenn keine Sms und kein Anruf, dann aber doch vielleicht dort eine Nachricht?

Um 00:01 Uhr ist mein Tag vorüber, ein Kloß hat sich in meinem Hals festgesetzt, weil du nichts gesagt hast, nichts zu meinem Tag, der mir eigentlich egal ist, aber eben nur eigentlich. Am Tisch warten sie auf mich, Plitschi, Jackson und Mama, sie sehen mich an, teils mitleidig, teils zornig. Ich solle dir absagen für diesen neuen Tag, der eigentlich unser Tag werden sollte, weil du meinen Tag vergessen hast. Trotzig, wie ein kleines Kind, dass statt eines Fahrrades nur ein Puzzle bekommen hat, nehme ich mein Handy in die Hand und schicke dir eine Nachricht:

„Happy Birthday!“

Da war es 00:10 Uhr, nicht einmal 5 Minuten später bekomme ich eine Antwort, und ich weiss nicht ob ich lachen oder weinen soll oder einfach mein Handy aus dem Fenster werfen soll, weil du doch so schnell antworten kannst:

„Yes I know I am sorry I worked last night and had a bad day today. Im at work again. I guess u forgive me do u want ur gift today?”

Deine Worte bringen mich fast zum überkochen, ja, ich sollte dir absagen, weil ich wütend und verletzt bin, weil du meinen Tag vergessen und weil du so selbstverständlich und arrogant davon ausgehst, dass ich dir dies verzeihe. Aber ich bringe es nicht über´s Herz, weil ich weiss, dass du den gesamten Januar arbeiten wirst und Ende Januar, da wirst du gehen, weit weg, weg von mir. Und ich kann dich nicht aufhalten, dir nicht mal sagen, dass ich wünschte du würdest nicht gehen. Und darum frage ich nur, ob unsere Verabredung noch steht. Deine Antwort lässt keine Reue erkennen, aber die hätte es in diesem Moment sowieso nicht besser gemacht. Du schickst mir noch ein lahmes „Boos“ (Küsschen), dann gehe ich schlafen und schalte mein Handy aus.

Den gesamten nächsten Tag habe ich damit verbracht meine Wut und meine Verletzung zu verarbeiten, aus Selbstschutz entscheide ich mich dafür, dich nicht damit zu konfrontieren. Ich bin schon verletzlich genug, ich werde es dir nicht auch noch auf einem Tablett servieren, wie sehr du mich damit getroffen hast. Und noch klingen mir deine Worte des letzten Treffens im Ohr „ U are such a runaway Ninjaan! Why do u always hide ur feelings?“

Am Abend bin ich gewappnet, ich habe eine hohe Mauer um mich gezogen, darin habe ich meine Wut, meine Verletzlichkeit und meine Enttäuschung versteckt, du wirst keine Chance haben sie einzureissen, da bin ich mir sicher!

Um Punkt 20:53 Uhr am Tag, nach meinem Tag, dem Tag der unserer sein sollte, unser Letzter, stehe ich am Bahnhof und warte auf dich…wie schon so oft zuvor….

Eine Erinnerung

Seit ich 12 Jahre alt bin, lebte meine Großmutter, mütterlicherseits, bei uns mit im Haus. Sie hatte eine eigene kleine Wohnung, direkt unter uns, in die sie alle ihre Möbel aus ihrem großen Haus untergebracht hatte. Als Kind empfand ich es oft erdrückend, dort unten in ihrer Wohnung zu sitzen. Bis zu meinem 12. Lebensjahr, war meine Oma, anders als bei meiner Schwester die teilweise von ihr großgezogen wurde, nur die „Sommeroma“. Jeden Sommer, 4 Wochen lang, fuhren wir zu ihr ins Dorf, für mich, die in einer Siedlung mit etwa 4o gleichaltrigen Kindern aufgewachsen ist, waren das immer 4 furchtbar langweilige Wochen.

Nach zwei Schlaganfällen hatten meine Eltern sich dazu entschieden meine Oma zu uns zu holen. Meine Mutter hatte bereits zwei Großtanten meines Vaters bis zum Tode gepflegt, für uns war das damals völlig selbstverständlich. Eine lange Zeit, viele Jahre lang, ging es meiner Oma relativ gut. Sie konnte noch selbst kochen, sich versorgen, pflegte Freundschaften und ging ihren Hobbys (Stricken, Nähen) nach. Ich zog irgendwann für mein Studium aus, das Verhältnis zu meiner Oma war noch immer nicht wirklich eng, aber im Gegensatz zu dem Rest ihrer Enkel bemühte ich mich irgendwie (meine Oma war keine einfache Frau, sie war oft sehr anstrengend, teilweise auch sehr verbittert).

Im 3. Semester meines Studiums, meiner Oma ging es damals merklich schlechter, entschloß mein Vater sich dazu, meine Mutter zu verlassen. Er räumte das Feld und zog zu seiner jetzigen Lebensgefährten ins Rheinland. Die wenigsten Trennung verlaufen reibungslos, und weil meine Mutter nun alleine mit meiner Oma lebte, traf auch ich eine Entscheidung: Ich zog zurück in meine Heimatstadt, um näher bei ihnen zu sein. Der Weg zur Uni kostete mich nun 1 1/2 Stunden.

Mit der Zeit, nach wenigen Monaten verschlechterte sich der Zustand meiner Oma immer weiter.  1 knappes Jahr nach meiner Rückkehr konnte sie nicht mehr laufen, nicht mehr alleine auf Toilette. Meine Mutter holte sich keine Hilfe, weil sie 1. das Geld dringend benötigte und 2. ihre Mutter einfach nicht in fremde Hände geben wollte. Mein Vater hatte ihr irgendwann nach einem Streit die Zugänge zu den Konten gesperrt (sie sind noch verheiratet, bis heute, also kein Unterhalt). Ich zog zurück in „meine“ Siedlung,  nahm 2 weitere Jobs an und wechselte die Universität, weil die 3 Stunden Fahrt (hin und zurück) mich einfach zuviel Zeit kostete.

Mit den Wochen und Monaten verschlechterte sich ihr Zustand weiterhin, meine Mutter und ich waren vollkommen ausgelaugt. Sie sorgte tagsüber für meine Oma, während ich in der Uni war oder arbeitete und löste sie Spätabends bis zum nächsten Morgen ab. Meine Oma konnte nun nichts mehr allein…

Ich erinnere mich noch genau daran, und habe niemals mit jemand anderem als meiner Mutter darüber gesprochen, als sie sich das erste mal einkotete. Sie saß/lag auf ihrem Krankenbett im Wohnszimmer, mit Tränen in den Augen, ich hatte sie einen Moment zu spät über das Babyphon gehört (sie lebte noch immer unten in ihrer Wohnung). Mit zittrige Stimme versicherte sie mir, sie könne das alles alleine machen. Ich sah die Scham in ihren Augen und auch mir kamen die Tränen. Ich küsste sie sanft auf die Stirn und sagte ihr, das alles gut wäre, dass es mir nichts ausmachen würde, so wie es ihr damals bei mir, als ich klein war, nichts ausgemacht hatte. Die Liebe in ihren Augen, als ich sie saubermachte, ihr dabei aber die ganze Zeit ins Gesicht schaute und nicht einmal eine Miene verzog (Geruch), werde ich niemals vergessen. Von diesem Tag an, herrschte jenes Band zwischen uns beiden, dass wir uns all die Jahre insgeheim gewünscht hatten.

Unser gesamten Privatleben, das meiner Mutter und mir, bestand aus der Pflege meiner Oma und der Koordination des jeweiligen Tages. Wer macht was, wann, wie lange. Zeit für andere Dinge hatten wir kaum, obwohl wir uns immer wieder versuchten gegenseitig Freiräume einzurichten, schwang die Sorge doch immer mit: Schafft die Andere es jetzt? Passiert gerade irgendetwas? Der Kontakt zum Rest der Familie und Freunden hatte sich auf ein Minimum reduziert. Meine Freundinnen sagten nie etwas, besuchten mich zuhause, weil sie wussten, dass ich nie lange weg sein konnte – ich bin ihnen dankbar dafür, mehr konnten sie nicht tun. Die Familie allerdings, die auch die Familie meiner Großmutter war, die tat auch nichts.

Weder meine Mutter noch ich beklagten uns darüber, verteidigten sie sogar noch, wenn meine Oma verletzt und traurig davon sprach, wie alle sie nun im Stich lassen würden. Doch ohne es auszusprechen, war uns klar, dass es nur sie und mich gab und niemand uns helfen würde, egal wie lange sich dieser Zustand noch hinziehen würde, völlig egal wie erschöpft und ausgelaugt wir waren. Wir machten niemandem einen Vorwurf. Meine Mutter schon gar nicht, ich nur still und leise.

Das wäre so geblieben, wenn nicht eines Tages meine Schwester bei mir angerufen hätte und um ein Treffen gebeten hätte. Wir hatten niemals das Beste Verhältnis, unsere Verbindung war nur ein seidener Faden, aber ich hatte Hoffnung. Vielleicht wollte sie helfen? Es ging ihr finanziell mehr als gut, im Gegensatz zu uns, vielleicht wollte sie sich auch einmal kümmern, helfen, wusste nur nicht wie.

Wir trafen uns, an einem angenehmen November Abend, ich holte sie von zuhause ab, in dem Wagen meiner Mutter, weil ich keinen eigenen hatte und fuhr mit ihr zu einem Restaurant in dem ich mir eigentlich nicht mal eine Vorspeise leisten konnte – aber das zu zugeben viel mir zu schwer. Ich hatte soviel Hoffnung an diesem Abend, war so glücklich, weil ich glaubte, dass sie uns endlich helfen würde, dass ich nicht noch über ihre Wahl des Restaurant meckern wollte.

Doch meine Hoffnung wurde jäh zunichte gemacht. Nicht mal bis zum Essen wartete sie, um mir „ihr“ Leid zu klagen, sich zu beschweren. Wir, meine Mutter hätten keine Zeit mehr, meine Mutter würde sich nicht um ihren Enkel kümmern, SIE hätte die Schnauze voll, wir sollten die Oma endlich in ein Heim bringen, die würde es doch nicht merken! Was das alles solle? Geschockt starrte ich meine Schwester an, die sich während ihres Monologs bereits das 4. Glas Wein gönnte. Zuerst überwog der Schock, ich versuchte ihr zu erklären in was für einer Situation wir uns befanden, dass wir nicht mehr ein noch aus wüssten, dass wir finanziell kaum über die Runden kämen, ich 2-3 Jobs neben der Uni hatte, wir Oma doch nicht weggeben können, die Frau, die eben sie, meine Schwester mit großgezogen hätte.

Ich sprach lange, leise, unter Schock stehend und sah sie das erste und letzte Mal in meinem Leben flehend an. Sie aber (beim 6. Glas Wein) saß mir gegenüber mit verhärteten Gesichtszügen. Sagte mir, dass wir das Auto abgeben könnten, wenn es uns so schlecht ginge, wozu brauchten wir das überhaupt? Und das, sollte meine Mutter sich nicht endlich mehr Zeit für sie und ihren Sohn nehmen, sie persönlich zu meiner Mutter gehen würde, um ihr den „Kopf zu waschen“.

In diesem Augenblick brannten mir alle Sicherungen durch, meine Verzweiflung, Erschöpfung wandelte sich in unbändige Wut und entlud sich über meiner, mittlerweile betrunkenen, Schwester. Mit der flachen Hand schlug ich auf den Tisch, stand auf und sah ihr, die immerhin 13 Jahre älter ist als ich, tief in die Augen, hob meine Hand drohend gegen sie und sagte: “ Wenn du auch nur einen Ton zu Mama sagst, nur ein Wort von dem Mist hier, dann schlage ich dich so windelweich, dass du am Ende nicht mehr weisst, wo oben und unten ist. Hast du mich verstanden? Ich prügel dir deine Selbstsucht eigenhändig aus dem Leib! Sag nur ein Wort und ich reisse dich in Stücke!“

Der Kellner kam zu uns an den Tisch, ich zahlte, das gesamte Essen und alle Getränke und fuhr meine betrunkene, nun (um sich selbst) weinende Schwester nach hause. Vor ihrer Tür setzte sie noch einmal an, ich unterbrach sie harsch:“ Was ich eben gesagt habe, war mein Ernst! Wag es nicht und glaub nicht, ich würde meine Drohung nicht wahr machen!“ Schluchzend, vor Selbstmitleid zerfließend, torkelte sie zu ihrer Haustür. Ich fuhr nach Hause, löste meine Mutter an diesem Abend ab, ohne ihr ein Wort zu sagen und legte mich leise zu meiner Oma ins Bett, die nachts vor Angst nicht mehr alleine Schlafen konnte. (Meine Schwester wagte es sich tatsächlich niemals, bis heute nicht, einen Ton zu sagen.)

8 Wochen später starb meine Großmutter, in ihrem Bett, meine Mutter und ich hielten ihre Hand noch lange nachdem ihr Herz aufgehört hatte zu schlagen. Wenige Stunden später war unser Haus voll mit der Familie, auf einmal waren alle da, organisierten die Beerdigung, wuselten herum, weinten, schluchzten, meine Schwester vorne mit dabei. Ich saß noch stundenlang unten bei meiner Oma im Zimmer, neben ihrer leblosen Hülle, und sprach mit ihr. Niemand kam herunter, sie könnten ihren Anblick nicht ertragen, weil sie ja tot sei, dabei konnten sie es schon nicht, als sie noch lebte. Nur die Pflegekraft, die uns die letzten Wochen morgens zur Hand gegangen war, saß bei mir unten, nur bei ihr weinte ich losgelöst.

Warum ich das alles heute aufschreibe? Weil ich es heute, 4 Jahre später, nicht ganz verwunden habe, nicht vergessen kann, vielleicht auch nicht vergeben kann, dass man uns alleine gelassen hatte, sie alleine gelassen hatte. Über unsere Grenzen hinaus hatten wir gekämpft, darum, dass meine Großmutter einen würdigen Lebensabend hat, dass sie nicht alleine ist, sich nicht fürchten muss – niemand hatte uns geholfen, nicht einen Moment, nicht mit einem Cent. Der wahre Charakter von Menschen, zeigt sich in solchen Situationen – und sie waren alle charakterlos.

Der Grund warum ich mich aber heute daran erinnere ist, dass ich gestern, auf anraten von Yaya einen Film gesehen habe: Nader und Simin – eine Trennung von Asghar Farhadi, Oskar Nominierungen und ein Golden Globe. In dem Film geht es um das Ehepaar Nader und Simin, darum, dass sie sich trennen wollen, da die Frau Simin auswandern will, Nader sie aber nicht begleiten will, da sein Vater ein Pflegefall ist. Die Geschichte dreht sich um die Trennung, um Widrigkeiten die durch ihre Trennung entstehen, darum, dass gute Menschen auch böses tun usw. Mich aber berührte die Geschichte in der Geschichte. Die Geschichte von Nader und seinem Vater. Und vor allem Simins Worte, gleich in der Anfangsszene beim Gericht, als sie zu Nader sagte:“ Komm doch mit mir ins Ausland, dann lasse ich mich nicht scheiden, dein Vater hat Alzheimer, er merkt doch eh nichts mehr.“

Der Film ist für mich bezeichnend, für den Umgang mit älteren Menschen. Eine Frau verliert in diesem Film im 5. Monat ihr Kind, der Film beschäftigt sich damit, die Menschen sind geschockt, wütend. Das eben diese Frau, Naders Vater ans Bett fesselte, ihn alleine ließ, obwohl es ihre Aufgabe war sich um ihn zu kümmern, er aus dem Bett fiel, bewusstlos wurde, sich verletzte, ist nur eine Geschichte nebenbei, die niemand anprangert. So etwas passiert eben – sie hatte etwas Wichtiges zu tun.

Dieser Film hat mich völlig aufgewühlt, ich habe an Stellen geweint, die vielleicht augenscheinlich nicht berühren, weil ich mich erinnere, an das Desinteresse, das allein sein. Wenn ich Nader ansah, dann fühlte ich mit ihm, seine unterdrückte Wut, sein Stolz seine Frau nicht zurück zuholen, egal wie sehr die Tochter ihn darum bat, alles für mich verständlich.

Nach dem Film schrieb ich Yaya meine Meinung zu dem Film, ich war traurig, wütend, schrieb ihm meine Gedanken, recht zusammenhangslos. Und ich stieß auf Unverständnis. Warum ich über Simin (die Frau) urteilen würde, man könne nicht urteilen. Jeder in diesem Film tue etwas Gutes und etwas Böses. Er fand Erkärungen für sie, für die Anderen und wunderte sich, was ich die ganze Zeit mit dem Großvater habe, da er keine „wichtige“ Rolle sei.

Genau das ist es, sagte ich ihm, dass er keine wichtige Rolle sein sollte, genau das ist das Problem! Das erste Mal seit ich Yaya kenne, sagte er etwas so, für mich dummes und unverständliches, dass ich nicht mehr mit ihm reden wollte. Ich schrieb einfach nicht mehr, er versteht nicht, kann es nicht, will  es vielleicht nicht. Das es so ist, enttäuscht mich, weil er es ist, der Mann den ich für so klug und faszinierend halte, er sieht es nicht. Das erste mal spüre ich Kälte, Abneigung gegen ihn.

Das ist vielleicht unfair, genauso wie es von mir unfair war und ist, meiner Familie insgeheim nicht zu vergeben, nicht zu vergessen – Menschen sind verschieden, jeder handelt aus einem bestimmten Grund heraus, sagte Yaya mir gestern. Vielleicht, aber das ist etwas, dass ich eben nicht sehen möchte – auch aus einem bestimmten Grund heraus.

Rache ist süß…

…oder bitter, je nachdem aus wessen Perspektive man es betrachtet.

Ich bin eigentlich nicht so die Rächerin, ich halte nicht viel von dem „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ Prinzip. Wenn mich etwas stört explodiere ich, sage meine Meinung und belasse es dann dabei. Ich schmiede keine Pläne um jemandem etwas heimzuzahlen oder jemandem etwas im gleichen Maße zurückzuzahlen, das ist mir zu umständlich, zu falsch und vor allem bin ich einfach zu impulsiv dafür.

Ich bin eigentlich auch nie Opfer einer Rache geworden, wahrscheinlich nehme ich mit meiner impulsiven Art den Leuten die Lust daran oder aber besser, ich zwinge ihnen damit eine direkte Konfrontation auf. Nur einmal, da wollte mir eine, von mir fälschlicherweise als „Freundin“ bezeichnete, Bekannte, etwas heimzahlen (die Ungerechtigkeit fand allerdings nur in ihrem Kopf statt!!) und sie schaffte es meine 1. große Liebe ins Bett zu kriegen, als wir gerade 2 Wochen Funkstille hatten. Ich konfrontierte sie direkt und beließ es dann dabei, ebenso bei dem Mann um den sich alles drehte. Keinem der Beiden wollte ich etwas heimzahlen oder einen auswischen. Das wäre mir damals ein Leichtes gewesen, aber es war, ist einfach nicht meine Art so etwas zu tun – also ließ ich es.

Warum ich auf dieses Thema komme? Nun, B. ist gerade dabei mir mit aller Macht eins auswischen zu wollen – sei es sein Verhalten oder seine Worte, in den letzten Tagen ist er da recht kreativ gewesen, aber heute hat er eindeutig den Vogel abgeschossen und wahrscheinlich sitzt er jetzt zuhause, reibt sich die Hände und lässt sich den süßen Geschmack der Rache auf der Zunge zergehen, während ich hier sitze und versuche den bitteren Nachgeschmack mit Kaffee und Zigaretten los zuwerden.

Wir arbeiten ja nun wie gesagt eine zeitlang zusammen, deswegen sehen wir uns zwangsläufig so ziemlich jeden Tag, da ist es natürlich schwer auf Abstand zu gehen, um mein Vorhaben aber nicht zu vergessen, um ihn zu vergessen und das alles zwischen uns zu beenden, hatte ich ihm eine zeitlang von Yaya vorgeschwärmt, davon wie wundervoll er ist und wie sehr ich in ihn verliebt bin ( das ist nicht gelogen, nur etwas überzogen, aber taktvoll war es nicht – doch der Zweck heiligt schließlich die Mittel, jedenfalls meistens!). Ich tat dies solange, bis B. platzte und meinte, er würde mich nicht mehr wollen und er hätte verstanden – gut, dachte ich.

Gut war´s aber nicht, denn dann begann er seine Spielchen. Ein hin und her entstand, mal suchte er Nähe, so lange bis ich mich kaum noch dagegen sträuben konnte, nur um mich dann wieder von sich zu stossen.

Das geht seit Tagen, fast Wochen so. Ich bleibe ziemlich stark, treffe mich nicht mit ihm, rede ihm ins Gewissen… Aber leicht ist es nicht, wobei es eigentlich doch leichter wird, da er seine Arxxloch Rolle gerade perfektioniert.

Und um der Perfektions Willen, kündigte er mir heute an, dass seine Ex-Ex Freundin (also die vor mir) zu Besuch auf die Arbeit kommen würde, mit Sohn (seinem Sohn). Mir fiel fast die Kinnlade runter. Warum? Nun ja, dazu muss ich sagen, dass sie schon damals ein rotes Tuch für mich war. Sie war 4,5 Jahre seine Freundin, ist die Mutter seines Sohnes und beide waren nicht lange getrennt als wir uns kennenlernten. Es fiel mir immer schwer damit umzugehen, ich kam mir häufig wie die Nr. 2 vor (sollte eigentlich mein 2. Vorname werden…Ninjaan die ewige Nr.2). Und ausgerechnet sie sollte heute kommen…zu mir auf die Arbeit…an einen Ort, den ich nicht verlassen kann und ich ahnte schon, dass mich eine filmreife Show erwarten würde.

Die bekam ich tatsächlich!

Um kurz vor 20 Uhr fragte B. mich plötzlich ob wir noch bis 21 Uhr geöffnet haben würden oder jetzt schon dicht machen (es war ein Fußballspiel in der Stadt und das Jugendzentrum wie leer gefegt). Ich zuckte mit den Schultern und meinte, dass wir eigentlich schließen könnten. Er verschwand kurz mit dem Telefon und kam dann grinsend zurück:“ Das geht leider nicht, SIE kommt jetzt mit meinem Sohn! Sie ist schon unterwegs!“ BITTE? Ich muss also länger auf lassen??? 2 Minuten später betrat sie das Jugendzentrum, würdigte mich erstmal keines Blickes (ich weiss nicht, ob sie weiss wer ich eigentlich bin…aber ich kam mir schon etwas bescheuert vor!) und die Show á la „Eine himmlische Familie“ begann. Ich war dankbar einen Jugendlichen an meiner Seite zu haben, der mich unterhielt und mich davon abhielt die 3 entgeistert und verletzt zu beobachten. 25 Minuten ging das Schauspiel, dann wollten sie alle zu McD. und wie selbstverständlich begann B. das Jugendzentrum zu schließen!!! Neee, ist klar! Er entscheidet jetzt wann wir schließen!!!

Vor der Tür wünschte ich allen ein schönes We, nun wand sie  sich doch an mich, lächelte und wünschte mir ebenfalls eines. Er warf mir einen, wie ich das hasse, MITLEIDIGEN Blick zu und sagte nur: „Schönes WE, ich melde mich dann!“

Mit quietschenden Reifen bin ich davon und ärgerte mich, über ihn, über mich selbst! Ich hatte meine Verletzung deutlich gezeigt! Ich hätte das überspielen müssen, aber ich kam mir so blöd vor. Der Mann ist verheiratet und schleppt nun seine Ex an, damit ich mich noch blöder fühle??? Ja, Ninjaan, du bist nicht mal Nr.2!!! Ich habs verstanden und ja B., du hast es geschafft, du hast mich getroffen, aber so richtig! Ich fühle mich vorgeführt, bescheuert.

Es geht hier nicht um Eifersucht, nicht um zurückgewiesene Liebe, er war mein Freund, mein toller, toller Exfreund, den ich so hochgelobt hatte. Ich war schwach geworden, ja, aber ich wollte nur das Beste für uns alle, als ich es auf eine „fragwürdige“ Weise zu einem Ende brachte – er will nur verletzen.

Wie viel noch? Ich habe den Schatten deiner „Super Exfreundin“ und Mutter deines 1. Sohnes „ertragen“ als wir ein Paar waren, ich habe dich gehen lassen, als du heiraten solltest und dir gezeigt wie viel du mir nach all den Jahren bedeutest, als du zurückgekommen bist – und das kriege ich jetzt dafür?

Ich bin so ungerne die Dumme…aber diesmal, ja diesmal Ninjaan, hast du dir das selbst eingebrockt! Was lasse ich auch solche Spielchen mit mir treiben! Nichts bleibt wie es war und er ist nicht mehr der, der er mal war, ich weiss das und wollte es doch weiter verdrängen und weiter in ihm etwas sehen, was nicht mehr existiert – dumme, dumme Ninjaan!

Aber weil ich keine Rächerin bin, schmeisse ich ihn nicht aus dieser Maßnahme, was ich locker, ohne Angabe von Gründen könnte – das würde ihm eine saftige Geldbuße einbringen – ich lasse ihn weiter machen. Denn etwas schmeckt noch besser als aktive Rache: Der Blick in den Spiegel, mit der Gewißheit, niemandem mit böser Absicht geschadet zu haben!

Eine Aussprache

Nein, (leider?) keine Aussprache mit Yaya, dafür aber mit meinem Kazoospielendem Kollegen.

Ich hatte gehofft die komische Situation wäre über das Wochenende in Vergessenheit geraten, dem war aber leider nicht so. Am Dienstag schneite mein ehemaliger Praktikant rein, der ebenfalls am Freitag auf dem Konzert war, und das erste was er schrie (in Gegenwart von 3 Jugendlichen!) war: “ O…. hat für Ninjaan gerappt! Er hat für SIE gerappt!“  Vor Schreck fiel mir fast die Kaffeetasse aus der Hand, wie taktlos kann man eigentlich sein? 2 Jungs grölten und ihre Augen leuchteten (kein Mensch weiss warum sie sich das so sehr wünschen!?) ein Mädchen sah mich erschrocken an, wahrscheinlich verstand sie als Einzige, was gerade in mir vorging!?

Ich bat den Ex-Praktikanten einfach leise zu sein, aber der plapperte munter weiter: “ Hast du das nicht gesehen? Ich habe das gesehen und du auch! Wie ihr euch angesehen habt! Hast du nicht gehört worüber er gerappt hat? Das war die Stelle, als es um die Frau fürs Leben ging! Ihr beide seid nur zu schüchtern und…“  – „STOP!!“  Die Wut stieg in mir hoch, nur leider, seit der Sache mit Yaya, in Form von verzweifelter Wut. Ich maulte rum, aber ich war zu schwach mich wirklich durch zusetzen, ich schlafe zu wenig, arbeite zuviel und mein Herz trage ich in Scherben mit mir herum….ich habe keine Kraft für so einen Mist!

Es ging noch eine ganze Weile so hin und her, ich musste mich irgendwie zusammenreißen, wir waren umgeben von Jugendlichen, also versuchte ich das ganze ins Lächerliche zu ziehen. Der Praktikant allerdings, anscheinend in der Grundschule hängen geblieben, wollte nicht aufhören und besser noch: er zeichnete mit seinem Handy auf was ich sagte!!  – Wo bin ich da eigentlich gelandet? Alle feuern am Besten!

Kurze Zeit später kam auch mein Kazoo Rapper zur Arbeit, der Praktikant rief ihn schon zu sich, als ich ihm (meine Wut richtete sich jetzt auch gegen ihn, warum musste er Freitag so eine Show abziehen??) noch ein „Danke, das ist deine Schuld! Nur weil du das Freitag machen musstest!“ ins Ohr zischte. Er war verdutzt, hörte sich das Gerede des Praktikanten an, der ihm alles, mit dem Kommentar „So zeigt Ninjaan ihre Gefühle zu dir, sie ist halt nicht so romantisch wie du!“ vorspielte und ging dann, wütend, ins Studio.

Toll, da waren dann alle wütend!

Am nächsten Tag, fasste ich mir ein Herz, es fiel mir tatsächlich schwer, gerade in meiner derzeitigen Verfassung, so ein Gespräch zuführen, aber ich tat es. Nahm den Kazoo Kollegen mit ins Büro und sagte: “ Wir müssen reden, das geht so nicht weiter!“  Er stimmte mir zu und bat mich erst einmal zu erklären was gestern überhaupt los gewesen sei und warum er immer der Böse ist. Ich erzählte ihm von den Sprüchen, denen, die ich mir nun schon seit Monaten anhören muss. Ich berichtete ihm von den Reaktionen die ich am Freitag Abend schon von Kollegen und Jugendlichen bekam. Davon, dass er das nicht machen könne, weil jeder es falsch versteht und es mich wahnsinnig macht, weil ich kaputt bin, überarbeitet und mein Privatleben gerade im Arsch ist und und und. Ich merkte wie mir während des Gesprächs die Tränen in die Augen schossen…sehr autoritär ich weiss…

Aber eigentlich verstehen wir uns gut, das war immer so, wenn nicht diese komische Situation zwischen uns wäre, dieses ganze Gerede, wir könnten ziemlich gute Freunde sein, also schämte ich mich ausnahmsweise mal nicht dafür Schwäche zu zeigen.

Er nickte erst stumm, sagte mir dann, dass dieser ganze Mist unser Verhältnis so beeinflussen würde, dass wir uns kaum noch verstehen könnten und ihn das ebenso nervt, dass er aber nicht wusste, wie sehr ich damit genervt werde. Er sagte, dass er mir Freitag doch nur zeigen wollte, wie sehr er hinter mir steht (?) und das er nicht wollte, dass sich wieder alle das Maul zerreissen. Er entschuldigte sich und versprach mir, mit den Anderen zu reden, von jetzt an, gemeinsam mit mir dieses Gerede zu unterbinden.

Ich nickte dankbar, erklärte mich dann noch einmal, einfach weil ich mir tatsächlich wie „nonor“ vorkam und sagte ihm, dass es Freitag einfach scheisse war, für mich scheisse, erst wäre er gekommen und dann noch dieser andere Typ, der vor den Jugendlichen irgendwas von einer Affaire mit mir erzählt hat – wie würde ich denn nun da stehen? Er nickte verständnisvoll, dann aber fragte er mich tatsächlich: “ Ist das denn wahr? Ich meine, das mit ihm und dir?“ Damit hatte ich nicht gerechnet!  „Nein! Natürlich nicht, man!“  Verlegen sah er weg: „Tschuldige, das geht mich auch gar nichts an…“ – Ne, eigentlich nicht, aber es ist schon blöde so etwas überhaupt zu denken!

Wir standen einen Moment ziemlich ratlos vor einander, dann streckte er den Arm nach mir aus:“ Eigentlich, naja eigentlich würde ich dich jetzt umarmen, aber das ist wohl keine so gute Idee mehr. Die Kids wollen uns einfach zu gerne zusammen sehen, wir sollten denen vielleicht auch nicht ständig so gegenüber treten… Dann nimm wenigstens meine Hand!“ Ich nahm sie und ging dann wieder an die Arbeit.

Nicht mal eine Stunde später hatte er mit dem Praktikanten gesprochen und dieser sich bei mir entschuldigt. Keine Ahnung was er ihm gesagt hat, aber ich war etwas erleichtert. Klar, das ist keine Meisterleistung von mir, ich als Chefin sollte das mehr drauf haben…zur Zeit habe ich es aber einfach nicht und es bringt mich auch nicht weiter, mir stetig darüber Gedanken zu machen, also bin ich einfach erleichtert, dass es nun zwischen uns geklärt ist…irgendwie jedenfalls.

Ninjaan die Heulsuse

Ich bin schlecht, böse, keine gute Freundin – nicht wie seine anderen Freunde, unnormal! Ich glaube in meinem ganzen Leben musste ich mir nicht so einen Mist anhören! Was in ihn gefahren ist? Ich weiss nicht, anscheinend habe ich ihm den perfekten Anlass gegeben, seinen kompletten Frust, seine ganze Wut an mir auszulassen. Im Grunde könnte er also dankbar sein, dass ich mich so bereitwillig angeboten habe.

Das Gespräch am Sonntag war noch katastrophaler als unsere Mails. Ein Wort jagte das andere, irgendwann habe ich aufgegeben, es ist sinnlos mit jemandem zu diskutieren der „von Sinnen“ ist. Das ist er, absolut „out of mind“. Das Gespräch endete nach etwa einer Stunde, geschockt und völlig neben mir starrte ich auf den Laptop. Es ist unfassbar was er gesagt hat, es ist so kalt, so unfair.

Ich habe geweint wie ein kleines Kind, nicht weil ich alles Ernst nehme was er da gesagt hat. Das kann ich gar nicht, dafür war vieles zu lächerlich, aber weil er es schafft so hart mir gegenüber zu sein, weil es alles in Frage stellt, wenn nicht sogar zerstört, was zwischen uns war.

Ich bin ins Studio gefahren, die Tränen liefen mir unaufhörlich die Wangen hinunter, an der Ampel sieht ein älterer Herr erschrocken zu mir rüber und gibt mir irgendein Handzeichen, wahrscheinlich befürchtet er ich würde in den nächsten Minuten einen Unfall bauen. Ich ignoriere es. Im Studio laufe ich auf und ab, fahre den PC hoch, schlage gegen die Wand, gegen die Gesangskabine, die eigentlich mal seine war, Wut und Verzweiflung lösen sich im Minutentakt ab.

Dann setze ich mich vor den Pc, nehme die Kopfhörer und öffne seine Musikprojekte. Die Aufnahmen, die das Programm automatisch speichert. Ich höre sein Räuspern, seine Versuche im Takt zu bleiben, das Fußklopfen, dass ihn dabei unterstützen sollte. Ich höre seine Stimme, sein Lachen, sein „Ninjaaaaaaaaaan, shiiiiiiiiiiit, shiiiiiiiiiiiiiiit! Once again!“ Ich höre mich selbst, Lachen, Husten, 100mal „are u ready“ sagen.  Ich halte den Kopfhörer fest, als würde er mir vom Kopf rutschen können und ich weine und weine.

Ja Yaya, ich bin Nonor! Na und? Ich weine, ich leide, weil ich nicht so kalt bin wie du!

Danach schreibe ich einem Freund, ich will Eis essen bis ich daran ersticke. Innerhalb einer Minute ruft er mich zurück, fragt nicht viel nach und verabredet sich mit mir bei B.K. Wir reden über alles, nur nicht darüber, sobald er versucht nachzufragen schiessen mir die Tränen in die Augen – kein guter Moment, um darüber zu reden. Er nimmt nur stumm mein Handy und löscht Yaya´s Nr. Ich rufe ihn eh nicht an sage ich schwach.

Gestern Abend, schickt er mir dann einen Link, kommentarlos. Verdutzt öffne ich ihn, ein ausländischer Film. Tun wir jetzt so als wäre alles gut? Das ist mein erster Gedanke, aber er erscheint mir zu abwegig, er ist zu wütend, zu kalt, kann er sich jetzt so schnell beruhigt haben? Aus Neugier beginne ich den Film anzusehen, ich bin eigentlich müde und erschöpft, die Qualität ist schlecht, der Ton kaum hörbar und der Untertitel verschwommen, aber ich sehe ihn mir an, knapp 2 Stunden. Das Ergebnis?

Der Film handelt von einem Mann und einer Frau. Er ist ein armer Schlucker, aber so ziemlich der normalste in der gesamten Handlung. Sie ist eine Ausreisserin, die nichts über sich verrät, ständig ausrastet, weint, und davon träumt das Land zu verlassen. Er nimmt sich ihrer an, hält ihre Macken aus, versucht ihr näher zu kommen. – Sie ist die Wahnsinnige, er der Gute!

Na? Das klingt nicht wirklich nach einemFriedensangebot, sondern eher wie eine weitere Anklage!